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Equilibrismus heißt „Gleichgewicht“ und bezieht sich vor allem auf die Balance zwischen Ökonomie und Ökologie, zwischen Kultur und Natur. Eric Bihl und Volker Freystedt suchen in dem gleichnamigen Buch nach Wegen zu diesem Gleichgewicht und unterstreichen in ihrem 330-Seiten-Werk damit einen Satz von Albert Einstein „Wir können die Probleme nicht mit den Denkmustern lösen, die zu Ihnen geführt haben."
WAS?
Die gängigen Erklärungen von Politikern und Experten über die Ursachen unserer vielfältigen ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Krisen werden in diesem Buch ad absurdum geführt. Die Hauptursache sehen die Autoren darin, dass wir uns als Menschen von der Natur losgelöst haben und ihr überlegen wähnen. Bisherige "Reformen" scheitern, weil sie sich nur mit der Fassade und nicht mit dem Fundament beschäftigen.
| “Ein Politiker ist ein Mensch, der nie das Übel an seiner Wurzel
packt, sondern immer nur dessen Folgen, aber niemals die Ursachen
bekämpft.” (Abraham Lincoln) |
Die Autoren geben sich also bei ihrer Analyse nicht mit dem Zurechtschneide(r)n von ein paar Auswüchsen zufrieden, sondern empfehlen einen radikalen Baumschnitt, damit die Früchte für kommende Generationen wieder wachsen können. Dabei wird alles Lebenserhaltende unter einer Vielzahl von scheinbar wichtigen Verästelungen herausgearbeitet und mit Übersichtlichkeit, Detailwissen und Weitblick ein zukunftsweisendes Szenario entwickelt: der gut vernetzte und fruchtbare Organismus Mensch in einem ausbalancierten System von Natur und Kosmos.Nicht "Zurück zur Natur", aber eine Orientierung an den Regeln der Natur, vor allem an ihren Kreislaufsystemen, ist hier der Kerngedanke. Ob Wirtschaft, Politik, Ökologie, Kultur oder Sozialwesen, dem Equilibrismus ist die Gesamtschau wichtig, die Folgen unserer Aktivitäten berücksichtigt.
| „Alle so genannten ‚Reformen’ nehmen sich in Kenntnis der Dynamik
der kapitalistischen Kernspaltung aus, wie der Versuch, sich vor einem
Kernkraftwerks-Gau mit dem Anlegen von Wassergräben und Hecken zu
schützen“ (S. 86) |
Der Equilibrismus strebt eine Umbewertung an: belohnt werden soll die gezielte Vermehrung biologischen Reichtums und nicht mehr seine Zerstörung durch ein zwanghaftes Wirtschaftswachstum und den damit verbundenen steigenden Ressourcenverbrauch. Es beginnt im Kleinen und wächst von unten nach oben.
Dabei zeigen die Autoren zunächst den Widerspruch zwischen unseren guten Intentionen und den teilweise deprimierenden Ergebnissen unserer Bemühungen auf. In erster Linie geht es ihnen jedoch um die Präsentation bereits heute existierender Alternativen. Ziel ist eine Welt, in der jeder Mensch seinen Anteil hat, der ihm ein selbstbestimmtes Leben in Frieden ermöglicht; eine Welt, in der auch Platz für alles andere Lebendige ist.
Da nicht nur Reformen sondern neue Konzepte gefordert werden, versucht das Buch einen Spagat zwischen allgemeingültigem Weitblick und detailgenauer Konkretisierung. Unzählige Beispiele werden in die Analysen mit eingeflochten und vermitteln dadurch kein Gefühl der Resignation sondern den Wunsch beim Umbau dabei zu sein, die vielen Tipps zur Verbesserung aufzugreifen. Darüber hinaus bekommt der Leser den Auftrag als Multiplikator mit gutem Beispiel voran zu gehen.
Hier ein paar Lösungsansätze in Stichpunkten:
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Einfache Fragen stellen (z.B. Warum soll ich, je satter ich werde, umso mehr essen? S. 33) und das Wissen über die Zusammenhänge zwischen den komplexen Einzelbereichen fördern (S. 126)
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zwischen „Needs“ und „Wants“, zwischen lebenswichtigen und Luxusgütern unterscheiden und Prioritäten setzen lernen, und über das ICH als Bürger, Unternehmer, Minister hinaus denken (S. 45, 126)
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Orientierungshilfen und gesetzliche Grundlagen schaffen, die Haftung auf alle Folgen wirtschaftlicher Betätigung ausdehnt (also auch auf Gesundheits-, Umwelt- und soziale Schäden; S. 96, 162)
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Privatisierung im wahrsten Sinn des lateinischen Wortes als Beraubung („privare“) der Gesellschaft erkennen (S. 39), die Formen und die Dimensionen des Missbrauchs sehen (S. 67) und den betrügerischen Gebrauch des WIR unter Strafe stellen (S. 48)
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Die zentrale Bedeutung der Natur für alle anderen Bereiche des Lebens (u.a. für die Ökonomie) deutlich machen (S. 60) und einen echt ökonomischen Umgang damit entwickeln (Ressourcen nicht nur verbrauchen sondern mehren; S. 100, 165)
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Pragmatische Ansätze verfolgen, die dem Zusammenspiel von Mensch und Natur wieder in ein Gleichgewicht verhelfen (z.B. Anbau des Wüstenstrauchs Purgiernuss und die sog. DeMeo-Methode des Cloudbustings um Wüsten zurückzudrängen; S. 95, 112)
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Erforschung, Förderung und Einsatz kombinierter regenerativer Energiequellen um nachhaltige unabhängigere Energieversorgung zu ermöglichen (z.B. Pflanzenöl getriebene Elsbett-Motoren, Blockheizkraftwerke statt Kernenergie, kosteneffektiv umsetzbare Solartechnologie für südliche Regionen, Railcabs auf einem verbesserten Schienennetz, Effizienzklassen wie bei Kühlschränken auch für andere Geräte, S. 98ff)
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Nachwachsende Rohstoffe in der Produktion bevorzugen und den Nutzen sogenannten Unkrauts erkennen, um die regionale Infrastruktur zu stärken, Energieverhältnisse zu optimieren, naturnahes Heilwissen zu erhalten und Autarkie zu verbessern (z.B. Anbau von Hanf, Elefantengras, Wasserhyazinthe und Mais, Müllvermeidung, Verwendung biologisch abbaubarer Stoffe, effektiveres Recycling durch automatische Sortieranlagen, S. 132ff)
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Die Formen zyklischen Wachstums (vom Quantitativen zum Qualitativen) auch auf die Wirtschaft anwenden und damit krebsartigem Wachstum ohne Rückbindung an den Wirtsorganismus entgegenwirken. (S. 77, 155, 161)
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Unabhängigere wissenschaftliche Expertisen (im Konsens) ermöglichen, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. (S. 40, 85, 160)
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Die Bedeutung von Entscheidern in Politik und Wirtschaft nicht unterschätzen und darauf konstruktiv Einfluss nehmen (S. 166)
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Völlig neue Bürgerbeteiligungsmodelle einführen, die durch die führenden Parteien unterstützt werden (S. 15)
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Das Geldsystem, seinen enormen Einfluss und seine stillschweigenden Gesetze bewusster wahrnehmen, die Verlierer und Profiteure klarer benennen und gegensteuern (z.B. Bemessungsgrundlage von Steuern bei Verbrauch ansetzen, Versicherung mit Gewinn für Schadensfreiheit einführen, das Rentensystem nach dem Dreigenerationenmodell S.171ff ; Kapital in Kombination mit Übernahme von Verantwortung für Mensch und Natur S. 237 ; Einführung von Regionalwährungen S. 272)
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Die Eigentumsordnung neu schreiben: Gemeinnutz vor Eigennutz (z.B. Rückführung von Wertsteigerung an die Allgemeinheit und zum Gunsten nachwachsender Generationen, Vorkaufsrecht von Kommunen S. 196f)
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Einhaltung der Menschenrechte im Alltag und Einrichtung von Institutionen und Verbindlichkeiten die dazu führen (z.B. kritische Sicht der UNO, Auflösung von Freund-Feind-Schemata, Freiheit durch möglichst breit anerkannte Rechtsordnung, klare Ablehnung von Blockierern aus Eigennutz und hegemonialen Machtbestrebungen, Einführung von Weltstrafgericht und internationalen Polizeiaktionen, die Zeit als wertvolles Gut erkennen S. 202ff)
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Die Koalition der Vernünftigen eingehen (z.B. transparente Zuständigkeiten zum Schutz von Weltfrieden und zur Förderung von Eigenständigkeit) mit verteilten Zuständigkeiten (S. 234ff, 237)
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Die Demokratie, als 'Herrschaft des Volkes durch das Volk und für das Volk' (Abraham Lincoln) in ausgereiftere Form mit einem Fernziel bringen (z.B. Dienst an den Basisbedürfnissen aller Menschen gegen Partialinteressen zur Sicherung von Lebensgrundlagen; Abkehr vom Einheitsparlament und Einrichtung eines viergliedrigen Parlaments: Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerte, zirkuläre Rückkopplung und transparente bzw. rein staatlich getragene Parteienfinazierung, aktive nicht reaktive Politiker mit höherem Beteiliungsgrad informierter und politisch aktiver Bürger: zum Wahlrecht zur Wahlbefähigung; Unabhängigkeit der Presse und der Informationsmedien z.B. auch durch Einrichtung öffentlich rechtlicher Medien ohne wirtschaftliche und politische Einflussnahme,S. 240ff.)
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Regionalisierung und Dezentralisierung durch das Subsidiaritätsprinzip und Vertrauensaufbau (z.B. Erschwerung des globalen Wettbewerbs, der Vereinheitlichung, Anonymisierung und Kommerzialisierung, Förderung von Regionalismus ohne Seperatismus, des Lebensweltbezugs der Entscheider und der kulturellen, ökologischen, sozialen, religiösen und ökonomischen Vielfalt; Verhinderung von Patenten auf Biodiversität, Abgrenzung gegenüber Ansprüchen der neuen Rechten, Einsatz von Regional- und Komplementärwährungen um soziale Versorgung zu gewährleisten; Einführung von acht Ebenen der Beteiligung: Straße, Wohnviertel, Stadtteil, Stadt, Region, Nation, Kontinent, Globus, S. 259ff )
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Verbesserung des Bildungssystems (z.B. Gleichgewicht von Fordern und Fördern, Integrations des Lernstoffs in den Alltag, Ausrichtung an zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen, Training sozialer Fähigkeiten, finanzielle Unterstützung der Förderung ‚unserer Zukunft’, Schaffung angstfreier Räume in der individuelle Entwicklungen gefördert werden können, S. 281)
Am Ende dieser Ausführungen wird nochmal die Besonderheit des Equilibrismus zusammengefasst. Die Zusammenführung komplexer Einzelbestrebungen läßt sich am „Maßstab eines Lebens in Würde, Gesundheit, Frieden und Zufriedenheit für alle“ ausrichten, am Gleichgewichtsprinzip bei dem von der Natur gelernt werden kann. (S. 289ff)
Die Autoren beschreiben die Grundbedingungen eines Modellversuchs, die Spielregeln, die praktischen Schritte und die nachhaltige Wirtschaftsordnung, die sich letztlich auch auf die anderen Regionen und Nationen bis hin zur UN-Reform nach freiwilligem Prinzip übertragen ließe.
In der Real-Utopie wird eine ‚Internationale Treuhand’ eingesetzt, um nach einem sozioökologischen Wirtschaftssystem eine Umverteilung zu Gunsten aller zu gewährleisten.
| „Jeder Baum, jeder Organismus verlangsamt sein Wachstum beim
Erreichen der angemessenen Größe, und das Verhältnis von Krone, Stamm
und Wurzeln beziehungsweise der einzelnen Organe des Körpers zueinander
folgt einem vorgegebenen, ‚gesunden’ Muster.“ (S. 299) |
Gegen Ende wird an den Gemeinsinn appelliert, für die „Weiterwohnlichkeit der Welt“ (Hans Jonas) zu sorgen und empfohlen spätestens heute zu beginnen, positive und konstruktive Projekte auf den Weg zu bringen (S. 325)!
Nach einem Aufruf an Visionäre und Unterstützer, beschreibt auch Sir Peter Ustinov seine Erfahrung mit dem ‚Gleichgewichtssinn’ der sich erst im Laufe der Jahre entwickeln konnte: „Ich habe immer instiktiv gefühlt, dass die Wahrheit im Allgemeinen eher in der Mitte liegt als in extremen Positionen“ (S. 330) und er empfiehlt die Anregungen des Buches als Alternativen zum Bestehenden in Erwägung zu ziehen.
WER?
Die Vorworte stammen vom Ex-VW-Manager Daniel Goeudevert und dem verstorbenen Schauspieler und UNO-Beauftragten Sir Peter Ustinov. Anregungen wurden vom Wirtschaftsanalytiker Helmut Creutz, dem Ökologen und Ökonomen Professor Ernst Schrimpff und von Sozialphilosoph Johannes Heinrichs übernommen.
Die Autoren Volker Freystedt und Eric Bihl (s. Foto) gründeten 1998, aus 20jähriger Beschäftigung mit globalen Umweltproblemen und internationalen Erfahrungen, den Equilibrismus e.V., eine Nichtregierungs-Organisation (NGO), die sich mit anderen NGOs in der Staatengemeinschaft Gehör verschaffen will.
WIE?
Equilibrismus – Neue Konzepte statt Reformen für eine Welt im Gleichgewicht“ ist 2005 im Signum-Verlag erschienen. Für die vielfältigen Bereiche, mit denen sich das Buch beschäftigt (Energie,Ressourcen, Geld- und Bodenordnung, Demokratie- und UN-Reform etc.), ist es mit 330 Seiten noch recht übersichtlich.
Das Buch ist für Bürger geschrieben, eine „Expertise für Nicht-Fachleute“ mit der Vorstellung, dass der mündige Bürger nur dann mitdenken und mitreden kann, wenn er in die Lage versetzt wird, schwierige Zusammenhänge in seiner Alltagssprache zu erfassen. Dabei wird durch sachliche Argumente wie auch verblüffende Beispiele das Ausmaß des Veränderungsbedarfs deutlich gemacht.
Weitere Hinweise, Buch- und Veranstaltungstipps gibt es in sechs Sprachen auf der vereinseigenen Homepage www.equilibrismus.de.
Rezension
Wolfgang Fänderl
Akademie Führung & Kompetenz
Centrum für angewandte Politikforschung
Maria-Theresia-Str. 21
81675 München
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Naturentfremdung? Geschrieben von saviansn am 2008-04-21 08:59:29 "Die Hauptursache sehen die Autoren darin, dass wir uns als Menschen von der Natur losgelöst haben und ihr überlegen wähnen. " Was ist den DIE NATUR? Sind denn die NaturGESETZE, die wir Menschen formulieren nicht von Menschen gemacht? Ncht Wissenschaft (früher waren es die Priester, die Gottes Gesetze verkündeten ...?)? Habgier, Ignoranz, u.ä. sind ja auch Natur. Also wovon haben wir uns entfernt? Vom Gleichgewicht. Aber ist mit dem Kriterium "von der Natur entfernt" das Fundament oder die Fassade des Problems benannt? MfgS
| naturentfremdet II Geschrieben von saviansn am 2008-04-21 09:04:22 Entschuldigung, ich lese gerade weiter "Orientierung an den Regeln der Natur" ... wenn wir die Regeln durch Wissenschaft (Physik, Chemie, Bio...) erlangen, die Wissenschaft aber auch von der Absicht und dem Interesse der WIssenschaftler geleitet wird. Wer erlaubt dann die Unterscheidung zwischen "richtiger" und "falscher Natur? (bis gleich? ;o) S |
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