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Apr 25 2005
Vision-Quest – die Übergangszeremonie Drucken E-Mail
Geschrieben von Stefan Wolff, Wolfgang Fänderl, Dieter Skiba   
Montag, 25. April 2005

02_05_06_Ortsbesichtigung_Dangio_03.JPGDas indianische Initiationsritual des Vision-Quest – Übergangszeit vom Jugendlichen zum Erwachsenen – stand bei LeMoMo München am 30.05.2005 im Zentrum des Interesses. Stefan Wolff, Initiatischer Therapeut und Vision-Quest-Begleiter seit 8 Jahren, stellte einen ganzheitlichen Methodenansatz vor, der auch für andere Lebensübergänge genutzt werden kann und letztlich auch Gemeinsinn fördern hilft.

WAS?

„Was für die Raupe das Ende der Welt ist,
nennt der Meister einen Schmetterling.“
(Richard Bach)

Unter „Vision Quest“ versteht man eine begleitete Grenzerfahrung in der Natur. Mit Hilfe von Riten wird dabei in traditionellen Gesellschaften der Übergang von der Adoleszenz ins Erwachsenendasein gestaltet und gibt den Jugendlichen das Rüstzeug, ein mündiger und damit tragender Teil unserer Gesellschaft zu werden.

Eine Visionssuche beginnt in der Gemeinschaft mit dem Herausarbeiten der eigenen Lebensfragen, die dann in der Auseinandersetzung mit sich und der möglichst unberührten Natur zu Antworten führt. Diese essenziellen Erfahrungen können bei jungen wie älteren Menschen zu einer Fundierung der eigenen Lebensziele und persönlichen Visionen führen und stärken letztlich auch den bewussteren Umgang mit der Gemeinschaft.

Vision-Quest s_1.JPG
Empfang der Teilnehmenden nach 2 bis 3 Tagen reiner Naturerfahrung

Viele Erwachsene befinden sich durch bestimmte Lebenssituationen (Schwangerschaft, Krankheit, Berufswechsel etc.) ebenfalls in Übergangsphasen und es gibt eine Vielzahl von Erfahrungen und Beispielen, die den heilsamen Effekt von Vision-Quest belegen.

Magnus (28 Jahre): „Vorher war mein Leben ein Schwarzweiß-Film, durch die Vision Quest wurde es farbig.“


WER?

Zielgruppe: Eingeladen waren MultiplikatorInnen und Begleitende aus Jugendarbeit, Sozialbereich und Beratung, die persönlichkeitsfördernde Methoden näher kennen lernen wollen.
 
Referent: Stefan Wolff ist Dipl. Sozialpädagoge und Initiatischer Therapeut (Holotropes Atmen, Systemisches Familienstellen, Integrale Leibarbeit) mit eigener Praxis in München.

Gastgeber: Die Regionaltreffen am letzten Montag im Monat (LeMoMo) veranstaltet der Netzwerk Gemeinsinn e.V. in Kooperation mit dem Ökologischen Bildungszentrum München. Als Gastgeber stellen sie Räume und Basis-Catering auf Spendenbasis zur Verfügung. Wolfgang Fänderl von der Akademie Führung & Kompetenz begleitete als Gastgeber durch den Abend.


WIE?

Bericht (von Dieter Skiba):

Wie verläuft eine Visionssuche?

Nach dem tollen gemeinsamen Abendessen in der Gruppe im ÖBZ und einer kurzen Begrüßung von einigen Neuen hat Stefan Wolff sich selbst kurz vorgestellt, von seinem Werdegang als Sozialpädagoge und dann als Initiatischer Therapeut erzählt, sowie aus seiner 20-jährigen Arbeit mit Jugendlichen.

Die Visionssuche beginnt einige Monate zuvor mit der Vorbereitung in der Gruppe und einer persönlichen Vorbereitung, wobei jeder sein zentrales Herzensanliegen ins Zentrum des Prozesses stellt. Danach folgen 2 Tage in der Natur nur mit Wasser, einer Isomatte, einer Zeltplane und einem Schlafsack - jeder ist dadurch intensiv mit seinem Thema konfrontiert.

Im Laufe des Abends haben wir uns mit 3 Themen beschäftigt:

A. Jugendzeit

B. Rituale im sozialen Kontext

C. Initiationszeremonie

A. Jugendzeit

Wir lesen immer wieder Schlagzeilen über Mord und Gewalttaten, bei denen Jugendliche involviert sind und trotz ihrer Intelligenz scheitern. Gerade im Jugendalter besteht ein starkes Bedürfnis des Herzens, ernstgenommen und angenommen zu werden. Die Umwelt (Eltern, Schule, Arbeit) spricht aber in erster Linie den Schul- und Leistungsaspekt an, ein starke Übergewichtung des Kopfes.

Die Jugendzeit fordert dabei die ganze Gesellschaft zur Wahrhaftigkeit heraus. Die Jugendlichen wollen ihre Grenzen erproben, sie legen den Finger in die Wunde - während die Gesellschaft vor allem will, daß die Jugendlichen "gut funktionieren".

Dabei sind vor allem 4 Grundbedürfnisse wichtig:

1. die Orientierung - Was ist mein Platz in der Welt?

2. das Bedürfnis, Grenzen zu erfahren und zu überschreiten

3. das Bedürfnis nach echter Gemeinschaft

4. das Bedürfnis nach Sinn.

1. Es ist eine große Herausforderung, aus der Fülle an Möglichkeiten das herausfinden, was Meines ist. Dabei gibt es jedoch nur selten hilfreiche Unterstützung.

Beispiel: Ein Heilpraktiker erfährt in verschiedenen Gruppensituationen immer wieder, daß er nicht willkommen ist. Ein Jahr nach dem Vision Quest ist er glücklich verheiratet mit seiner Frau und einem Kind und auch noch erfolgreich im Beruf. Auslöser für seine Isolation war aus systemischer Sicht sein Großvater, bei dem er aufgewachsen ist und der ihn deutlich spüren ließ, daß er nicht willkommen ist.

2. Grenzen erfahren und überschreiten ist eine wichtige Erfahrung im Leben junger Menschen. Doch viele Jugendliche sterben dabei, weil sie in völliger Selbstüberschätzung zu gefährliche Dinge ausprobieren.

Drogen z.B. versprechen, in andere Welten eindringen zu können, bergen aber große gesundheitliche Risiken und die Gefahr, abhängig zu werden.

Es ist eine echte Herausforderung für uns Erwachsene, (Frei)Räume für Jugendliche zu schaffen, in denen sie sich selbst erfahren und spüren können.

3. Es bedarf echter Gemeinschaft - mit Gleichaltrigen und Erwachsenen - die auch als Vorbild eigener Lebensform dienen kann. Bei der Visionssuche entsteht eine echte Gemeinschaft mit anderen Teilnehmern ganz von allein. Es gibt keinen Generationenkonflikt, Jugendliche und Erwachsene spüren, daß sie in einem Boot sitzen.

Ein Mädchen erzählt in der Runde eines Vision Quest von ihrem Schmerz wegen einer Abtreibung. Sie macht eine Puppe aus Gräsern, beerdigt sie und läßt dabei die Gefühle von Schmerz und Trauer auch in der Gruppe zu und alle erfahren dabei ein hohes Maß an Lebendigkeit und Öffnung.

Durch dieses gegenseitige sich in der Runde (mit)teilen werden andere für uns zu echten Vorbildern aufgrund ihrer Persönlichkeit und Größe. Das ist letztendlich echte Drogen- und Gewaltprävention.

4. Im Zentrum steht die Sinnfrage - "Warum bin ich überhaupt hier?" Alle Visionssucher kommen in den 2 bis 4 Tagen und Nächten in einer unberührten Naturlandschaft ihren eigenen Ängsten und Gedanken näher.

Zuerst begegne ich der Sinnlosigkeit, erlebe dabei vielleicht auch mein Drama, meine Geschichte noch einmal. Aber durch die Sinnlosigkeit hindurch begegne ich dann dem verborgenen Sinn, der mir letztlich offenbart wird.

B. Rituale

Stefan liest sein Gedicht "Trost" auf bayrisch vor:

"Ganz unten - am tiefsten Punkt, draht si was um ...
wenn i des net vergeß, werd's für mi imma an Weg geb'n".

Rituale schaffen einen klaren Anfang und ein Ende - aber sie müssen mit Inhalten gefüllt werden, das erlaubt uns dann, unsere eigene Kraft, unseren Mut und unsere Lebendigkeit - innerlich neu auszurichten.

Es geht darum, Ordnung in der Tiefe zu schaffen - innerhalb der Gruppe, in mir selbst. Die Auseinandersetzung hilft mir Gefühle zu strukturieren - Wut, Trauer, Schmerz, Sinnlosigkeit.

Ein Teilnehmer schlägt aus lauter Wut auf einen großen Tonklumpen ein, bis die Wut nachläßt - und dann formt er aus dem Ton ein großes Herz. Diese Rituale halfen ihm, Mut, Kraft, Tatendrang und viel Liebe zu sich und zum Leben zu entwickeln.

Ein gewalttätiger Jugendlicher, dessen Eltern beide Alkoholiker sind und der jedes Jahr einmal im Krankhaus war, landet wieder in seiner tiefsten Wunde - er, der vorher andere mit einem Baseballschläger geschlagen und verletzt hat, wird in der Natur von einem herabfallenden Ast schwer verletzt und landet im Krankenhaus. Dort wird er aber diesmal von einer Schwester verwöhnt, die zufälligerweise genauso heißt wie seine Mutter. Die Situation, so schrecklich sie zunächst erschien, hat es ihm endlich ermöglicht, einen echten Sinn in seinem Leben zu finden und mit seinen ständigen Gewaltattacken aufzuhören.

C. Initiationsrituale

Rituale dienen auch dazu, Übergänge zu strukturieren.

  • Geburt, der Übergang von der voll behüteten Existenz und Geborgenheit im Mutterleib zur "feindlichen, anderen" Welt da draußen.
  • Jugendzeit, der allmähliche Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen
  • als Erwachsener - Heirat, Scheidung, Jobwechsel, "neue Lebensabschnitte"
  • letztlich aber auch der Tot, als Abschied von der Welt.

Mit Ritualen können freiwerdende Kräfte gebündelt werden.

Ein Mädchen, das schon 10 Schulen besucht und viele Therapien abgebrochen hatte, wollte unbedingt auch aus dieser Visionssuche "aussteigen" - später war sie zu einer Therapie bereit.

Stefan liest sein Gedicht Totentanz vor - das Grab der Vorstellungen, Konzepte, Urteile, Vorstellungen - sich verabschieden von dem was sich überlebt hat, was nicht mehr nötig ist. Dabei werden Lebenswahrheiten erschüttert, es kommt zu elementarer Unsicherheit, einem "Seinsschlag", der unmittelbaren Konfrontation mit dem eigenen Lebensmotto, und dadurch dann auch zur Bereitschaft zum Wandel.

Der vierte Schritt ist die Integration, die Geburt - Ich mach mich auf den Weg, ich weiß aber noch nicht, wohin er mich genau führt. Da tauchen in uns viele innere Widerstände auf - ich kann nicht mehr, ich schaff es nicht, wieso dies alles?, es hat eh keinen Sinn,.. viele existenzielle Krisen.

Ein drogenabhängiger Jugendlicher, der sich öfter selbst umbringen wollte, landet in einem Dornbusch mit langen Dornen - dadurch entdeckt er seinen Lebenswillen, befreit sich selbst aus den Dornen und sagt später überzeugt "Gott sei Dank ist mir das passiert, dann vergeß ich's wenigstens nicht".

Der Drogenkonsum hatte dazu geführt, daß er sich selbst nicht mehr spürte, aber die Dornen haben ihn schmerzhaft in dieses "sich selbest spüren" zurückgebracht.

Bei einer Visionssuche werden unsere Lebenswahrheiten erschüttert, wir begeben uns in ein unbekanntes "Niemandsland". Die Welt um uns herum ist normal so voll von Ablenkungen und Reizen, aber in der Einsamkeit geht ein großer Raum auf, der uns mit uns selbst konfrontiert.

Die Initiationsrituale haben in vielen Kulturen eine große Bedeutung. Als "reifer" Erwachsener in der Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden, diese Integration in der Gemeinschaft nach bestandener Prüfung - das ganze Dorf kommt zusammen, um den Jugendlichen zu feiern, der diese Initiation bestanden hat - und die Jugendlichen fühlen sich dabei völlig angenommen. Bei uns dagegen fühlen sich viele Jugendliche alleingelassen, völlig unverstanden von ihrer Umgebung, oft auch einfach ignoriert.

Nach dem ersten "Vision Quest" für Jugendliche haben die Erzieher der Jugendlichen eine Party für die Jugendlichen gemacht, die aus der Natur zurückgekehrt sind. Der offene Austausch und die Authentizität im Anschluss waren tiefgreifend.

Bei den meisten Gruppen sind Erwachsene und Jugendliche zusammen - jeder, der bereit ist, auf das Wesentliche zu schauen, hat seinen Platz - durch die Erzählungen über die eigenen Erfahrungen und Gefühle in der Gruppe spürt jeder das Leid des anderen, er ist (mit)betroffen, fühlt mit.

Ausblick

Abschließend haben wir noch eine Runde mit "Talking Sticks" (Ast, Muschel etc.) gemacht. Die Muschel z.B. wurde im Ältestenrat der Indianer verwendet - und symbolisiert "Ich spreche vom Herzen her, ich spreche Wesentliches".

Zum Schluss der sehr tiefgreifenden Erzählungen gab es auch vielerlei persönliche Fragen nach Vision Quests für eigene Belange. Doch auch die Wirkung auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt hatte ihren Platz: "Was haben wir in unserer Gesellschaft für Rituale?"

Es gäbe sicher noch viel mehr von diesem spannenden Abend zu sagen - aber ich denke, jeder muß sich selbst auf seine eigene "Visionssuche" machen - Programme und Infos gibt's bei Stefan und seiner "Assistentin", die demnächst einen "Vision Quest" speziell für Frauen und Mädchen anbieten will.

Ich bin seit dem Abend wohl selbst mitten in meinem "Vision Quest". In tiefster Verbundenheit mit euch allen, Dieter Skiba.

Weitere Informationen

Über den Gastgeber der Veranstaltung Wolfgang Fänderl  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können  oder über Stefan Wolff Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können .

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