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Florian Wenzel von der Akademie Führung & Kompetenz
schreibt in diesem Beitrag von der notwendigen Auseinandersetzung
über Begrifflichkeiten politischer Bildung.
Einführung
Demokratie, Toleranz und Interkulturalität werden
fast reflexartig als vermeintlich kleinster gemeinsamer Nenner
unterschiedlicher Bemühungen im antirassistischen und politischen
Bildungsfeld genannt. Es wird im Fachdiskurs sogleich kontrovers diskutiert, wie diese
als normative Werte verstandenen Begriffe möglichst breit
gesellschaftlich durch Bildungsprogramme sowohl innerhalb von Schule
als auch in der außerschulischen politischen Bildung verankert werden
könnten.
Aus dem Blickfeld gerät dabei die Betrachtung der Begriffe selber,
ihre eigentliche Bedeutung und ein angemessenes kritisches Verständnis,
das als Leitlinie für pädagogische Praxis dienen könnte. Dies deutet
auf eine Abkoppelung des Fachdiskurses von entsprechenden
Bezugsdisziplinen hin: Bildungscurricula und -projekte gehen weitgehend
pragmatisch vor, während in universitären Disziplinen ein abstrakter
Diskurs geführt wird, der keine Relevanz für die Bildungspraxis zu
haben scheint[1].
Erst
in jüngster Zeit zeichnet sich durch die Forderung nach umfassenden,
systematisierten und wissenschaftlichen Evaluationen im Bereich der
politischen Bildung hier eine Wende ab[2]:
in Evaluationen werden verschiedene Wertvorstellungen, Welt- und
Menschenbilder hinsichtlich politischer Bildung explizit zum Thema
gemacht und dadurch wird auch neu und oft kontrovers über grundlegende
Begriffe und ihr Verständnis diskutiert.
Die Betrachtung der Begriffe Demokratie, Toleranz und Interkulturalität
stellt sich als komplex dar: Sie beinhalten keine vorgefertigten
Erziehungsziele, keine Wertpakete, die durch geeignete Inhalte oder
Methoden geradlinig für die Bildungsarbeit umgesetzt werden können.
Der
folgende kurze Abriss möchte anhand der drei Begriffe Demokratie,
Toleranz und Interkulturalität thesenartig darstellen, welche Paradoxien und Widersprüche
diese beinhalten und dazu ermutigen, sich innerhalb des Netzwerkes
politische Bildung in Schwaben mit diesen und anderen grundlegenden
Begriffen politischer Bildung intensiv zu befassen und sie als
Fundament von reflektierter Praxis zu nützen.
Demokratie
Demokratie
wird in einem Projektbericht des Europarates folgendermaßen
charakterisiert: „Es ist evident, dass Demokratie ein immer zu
verbesserndes System ist und seine eigenen internen Widersprüche hat.
Sie gibt nicht vor, eine perfekte Form des Regierens zu sein”[3].
Zu
den inhärenten Widersprüchen zählen Integration vs. Abgrenzung,
Gemeinschaft vs. Individualität, Universalität vs. Lokalität. Diese
Widersprüche befinden sich in einem nie endenden Prozess der
Aushandlung. Himmelmann[4]
charakterisiert Demokratie neben einer Herrschafts- und
Gesellschaftsform deshalb auch als eine Lebensform, die in
individuellem und persönlichem Handeln und Aushandeln von Konflikten
beginnt und nicht auf Strukturen oder eine Gesellschaftsordnung zu
beschränken ist.
Demokratie bleibt in diesem Sinne immer ein
Projekt, das nicht technisch reduzierbar ist auf eine Formel, die
universell gilt und erfüllt werden kann. Neben einem politischen System
mit bestimmten Verfahren und Mechanismen ist Demokratie der immer neue
Versuch, die Stimme des „Anderen“ wahrzunehmen und zu integrieren. Der
Widerspruch, die Erfahrung des Konflikts, die reflektiert werden, sind
Grundvoraussetzungen, damit ein solches sich selbst balancierendes und
steuerndes System lebendig bleibt.
Demokratie ist der Name dieses Systems, das sich nicht in Hinblick auf Sicherheiten, sondern mit Hilfe des „Nein“ stabilisiert[5]:
„Jeder behält das unendliche Recht des Hinterfragens, der Kritik, der
Dekonstruktion (was prinzipiell garantierte Rechte jeder Demokratie
sind: keine Dekonstruktion ohne Demokratie, keine Demokratie ohne
Dekonstruktion (...) Dies ist eine Begrenzung im Sinne des dringenden
Vorranges eines hier und jetzt“[6]
Dieses Nein ist es, das es schwierig macht, Demokratie als normative
Zielbestimmung anzugeben, den Begriff innerhalb von Bildungsprozessen
greifbar zu machen.
Um dieser Dialektik gerecht zu werden, muss
der Machbarkeitsanspruch demokratischer Bildung aufgegeben werden. Im
Mittelpunkt müssen Prozesse stehen, die immer wieder einzigartig sind,
nie vollständig planbar oder bis ins Letzte generalisierbar. Die
“ideale Demokratie” ist nie vollendet, sie ist ein Zukunftsprojekt,
wenn sie lebendig und der Verschiedenheit gerecht werden möchte.
Demokratie-Lernen heißt deshalb als Konsequenz der Begriffsanalyse:
immer neu mit Prozessen umgehen und sich immer neu vom Anderen (der
Meinung, der Kultur, des Standpunktes) überraschen lassen können und
anerkennen, dass sich Demokratie einfacher normativer Vermittlung
entzieht.
Toleranz
Toleranz erscheint als Begriff, der
Respekt vor dem Anderen als zentral ansieht und so einen Grundwert für
Demokratie darstellt. Doch die Palette der Toleranz zugeschriebenen
Bedeutungen und vor allem Bewertungen reicht von „moralischer
Wertschätzung bzw. demokratischer Tugend bis zu ihrer Verurteilung als
repressive Praxis oder permissive Selbstaufgabe“[7]. Es ergeben sich Paradoxien, wenn Toleranz im Extrem betrachtet wird:
Erstens
reduziert die Logik der absoluten Toleranz jeglicher Andersheit diese
Andersheit als solche ebenso wie der rechtsextreme Skinhead, der den
Anderen physisch zerstören möchte. Auch an der Tatsache, dass das
Anders-Sein des Skinheads (seine Erziehung, Sozialisation,
Lebenssituation) nicht toleriert wird, zeigt sich die Unmöglichkeit von
Toleranz als einer universellen Formel[8].
Zweitens
ist der normative Anspruch von Toleranz beliebig instrumentalisierbar
für unterschiedlichste strategisch-politische Ziele, für den Erhalt
einer bestimmten (Minderheiten)Kultur ebenso wie für die Öffnung und
Veränderung dieser Kultur. Toleranz wird gegenüber der Einzigartigkeit
der je eigenen Forderung eingeklagt, die den scheinbar beliebigen
Ansprüchen der anderen Seite gegenüber gestellt wird, welche
relativierbar sind und somit nicht toleriert werden müssen[9]. Toleranz ist zu einem „frei flottierenden Signifikanten“[10] geworden, der nicht klar definierbar ist.
Welche
Konsequenzen hat diese Definitions- und Deutungsvielfalt für
gesellschaftliche Debatten und pädagogische Programmatiken? Lässt sich
mit dem Begriff überhaupt sinnvoll arbeiten, wenn er eine solche
Deutungsvielfalt transportiert?
Wilhelm Heitmeyer beantwortet
diese Frage negativ und argumentiert, dass „Toleranz in seinen
öffentlich dominierenden Interpretationen und Verhaltensaufforderungen
nicht die Lösung von schwierigen interethnischen oder interreligiösen
Beziehungen darstellt, sondern Teil des Problems ist“[11]
. Er spricht von „riskanter Toleranz“, die „moralgesättigt“ und
„gefährlich attraktiv“ daherkomme und als „catch-all-term“
sozialstrukturelle Probleme einer globalisierten Welt – wie etwa
Desintegration - auf den Umgang mit kultureller Differenz verkürze.
Zentral für einen produktiven Umgang mit Toleranz ist die Vermeidung
von Moralismen sowie von Gleich-Gültigkeit, die im Relativismus endet.
In
Deutschland gewinnt der Begriff der Toleranz dennoch zunehmend an
Bedeutung, nicht zuletzt durch das "Bündnis für Toleranz" der
Bundesregierung und zahlreiche ähnliche Netzwerke auf Länder- und
Kommunalebene (z.B. "Tolerantes Brandenburg", "Münchner Bündnis für
Toleranz"). Eine Vielzahl von Stiftungen und Vereinen halten Symposien
und Konferenzen ab, veranstalten Lesungen und vergeben Toleranzpreise.
Zu
beobachten ist eine Tendenz, der Problematik von Fremdenfeindlichkeit
und Rassismus jenseits von Repression und pädagogischer Ausgrenzung auf
konstruktive Art und Weise beizukommen und sich zum positiven Wert von
Toleranz zu bekennen. Dabei wird der Versuch unternommen, den Begriff
der Toleranz theoretisch neu zu besetzen und für die Bildungspraxis zu
operationalisieren.
Das Centrum für angewandte Politikforschung
arbeitet in einem breit angelegten Bildungsprojekt mit Toleranz als
Grundbegriff. Dieser soll Orientierung für verantwortungsbewusstes
Handeln im Konfliktfall ermöglichen: "Toleranz definiert als Maxime, in
Anerkennung des gleichen Rechts auf freie Entfaltung einen Konflikt
auszuhalten oder einer friedlichen Regelung zuzuführen, wird diesem
Anspruch gerecht."[12]
Toleranz wird nicht als statischer Wert oder eine zu lernende
Grundhaltung verstanden, sondern als das immer neue Bemühen um ein
verantwortungsbewusstes und selbstreflexives Vorgehen in
Konfliktsituationen.
Durch die Fokussierung auf den Konflikt
als Bedingung für tolerantes Handeln, welches die Interaktion aller
Beteiligten integriert, verliert der Toleranzbegriff seinen moralischen
Anstrich.[13]Dennoch
bleibt auch hier das Paradox bestehen, dass Toleranz keine umfassende
Lösung für gesellschaftliche Probleme darstellt, sondern immer dann
thematisiert werden muss, wenn sie abgelehnt wird.
Interkulturalität
Der
Begriff der Kultur hat in Deutschland entscheidende Wendungen erfahren,
die immer neu versuchten, ihn greifbar zu machen. Nach dem
Zusammenbrechen des klassischen Verständnisses der „hohen Kultur“, die
einen klar definierten und begrenzten Bereich vertrat und sich an
bürgerlichen Werten und Normen orientierte, erfuhr der Begriff in den
1960er Jahren eine Öffnung, die versuchte, ihn zu entgrenzen und bisher
unterdrückte sozialisatorische Erfahrungen wie die der Arbeiter, Frauen
sowie Kunstformen von Pop bis Comic auf den gleichen Level des „Wahren,
Guten und Schönen“ zu stellen und damit Ansprüche zu nivellieren.
Damit
liegt ein Kulturbegriff vor, der allgemeine Gültigkeit hat. So versteht
Webber Kultur als "die Gesamtheit charakteristischer Denkmuster,
Verhaltens- und Ausdrucksweisen, durch die einzelne Mitglieder einer
nationalen, sprachlichen oder ethnischen Gruppe auf ihre
grundsätzlichen menschlichen Bedürfnisse reagieren, diese für sich
verständlich machen und versuchen, sie zu befriedigen[14].
Diese
Entwicklung wiederum wurde als relativistisch verurteilt und etwa im
Zusammenhang mit der Vermittlung der deutschen Kultur im Ausland
kritisiert: "Ein 'erweiterter Kulturbegriff', der seine Grenzen nicht
kennt und keinerlei Korrektiv gegen Beliebigkeit enthält, ist als
Grundlage der auswärtigen Kulturpolitik nicht geeignet. An seine Stelle
sollte ein 'offener Kulturbegriff' treten, der ethisch verantwortet,
historisch begründet und ästhetisch akzentuiert ist"[15].
Damit wurde erneut eine Eingrenzung des Begriffs vorgenommen, um ihn zu
profilieren und dem Dilemma der Entscheidung zu entgehen, was von der
eigenen Kultur als relevant und bedeutsam vermittelt werden sollte.
Für
politische Bildung wird der Begriff der Interkulturalität relevant, der
das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und deren Umgang
miteinander beschreiben möchte und ebenfalls zwischen Relativität und
Identitätssuche bis hin zu gegenseitiger Stereotypisierung geprägt ist.
Besonders Projekte politischer Bildung, die als Zielgruppe
Migranten haben, sehen sich vor der Herausforderung, die
interkulturelle Komponente in ihren Seminaren zu berücksichtigen, ohne
ein Herabsetzen der Ursprungskultur der Teilnehmenden zu implizieren
und so Interkulturalität mit Assimilation zu verwechseln.
Als
Ausweg wird oftmals „Landeskunde“ gewählt und deshalb besteht die Art
der Auseinandersetzung mit kulturellem Bewusstsein “auch heute noch
weitgehend und fast ausschließlich in der Übermittlung kultureller
Informationen in Bezug auf Themen, wie Dienstleistungen, Transport,
Essen und Trinken, touristische Attraktionen, Geographie, Erziehung,
Politik, Wirtschaft, usw.
Lerner mit den 'Do's and don'ts' in
der fremdkulturellen Umgebung vertraut zu machen, soll dazu beitragen,
dass sie, wenn sie eine 'near-native' Kommunikationsfähigkeit in der
fremden Sprachen erworben haben, auch kulturell nicht als Ausländer
erkannt werden“[16].
Derartige
Ansätze haben die Tendenz, das Nachdenken über die eigenen kulturellen
Voraussetzungen und Unterschiede beim Vergleich mit der Zielkultur
sowie Fragen von Macht, Konflikt und Status zu unterdrücken.
Aktuell zeichnet sich ab, die Menschenrechte als unhintergehbare normative Grundlage für Interkulturalität zu begreifen.
Vor
dem Hintergrund der Bemühungen der Vereinten Nationen und der erst sehr
langsam beginnenden Aufarbeitung der Relevanz der Menschenrechte für
die deutsche Gesellschaft ergeben sich hier Potentiale,
Interkulturalität neu zu verstehen. Menschenrechte werden als
unverzichtbarer, kritischer Maßstab für den Umgang mit Konflikten,
Macht und Status innerhalb der Einwanderungsgesellschaft betrachtet[17].
Interkulturalität erfährt somit eine klare anti-rassistische Grundlage,
die sowohl Relativismus als auch Stereotypisierung vermeiden möchte.
Fazit
Die kurze Darstellung verdeutlicht zweierlei:
Erstens
muss ein Qualitätskriterium von politischer Bildung eine umfassende
Beschäftigung mit den eigenen Begrifflichkeiten und deren theoretischer
Verortung sein, zunächst um in der Praxis Paradoxien und Widersprüchen
gewahr zu sein und diese benennen zu können und zum anderen, um die oft
wohlmeinenden, aber nebulösen Diskurse im Gegenstandsfeld zuzuspitzen
und zu profilieren.
Zweitens können sich
aufgrund der begrifflichen Analyse "Demokratie lernen" und
"interkulturelle Erziehung" nicht in Informations- und
Wissensvermittlung erschöpfen, sondern müssen prozesshaft und
systemisch organisiert sein und sich mit Teilnehmenden jeweils neu
darauf einlassen, Begrifflichkeiten für sich selbst zu
operationalisieren.
Somit sollte von einer
vorgegebenen klaren Definition relevanter Begrifflichkeiten abgesehen
werden. Statt dessen sollten ihre Ambiguitäten in den Vordergrund
gerückt werden, die Perspektivwechsel ermöglichen und Dilemmata
verdeutlichen, die sich in der Praxis wiederspiegeln.
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Fußnoten
[1]
So hat praktisch keines der zahlreich existierenden Bündnisse für
Toleranz in der Bundesrepublik Deutschland eine entsprechende
umfangreich ausgearbeitete Definition seines Kernbegriffes vorzueisen.
Andererseits wird der Begriff in jüngster Zeit sehr wohl theoretisch
bearbeitet, aktuell und umfassend siehe Forst 2003. Der Begriff der
Demokratie wird mit der Qualifizierung Demokratie-Lernen auf
entsprechenden Fachtagungen diskutiert. Doch auch innerhalb dieses
Diskurses und entsprechender Publikationen wird weiter eine
Grundunterscheidung zwischen Praktikern und Theoretikern gemacht, ohne
dass Verbindungen gesucht werden. Siehe dazu Breit / Schiele 2002
[2]zur
Relevanz und Kontextuierung von Evaluation für die politische Bildung
siehe Ulrich / Wenzel 2003 und Uhl / Ulrich / Wenzel (Hrsg.) 2004
[3] Council for Cultural Cooperation 2000, S. 11 (eigene Übersetzung)
[6] Derrida, 1997, S. 105, (eigene Übersetzung)
[9] Siehe anhand aktueller Beispiele Forst 2003, S. 675 ff
[11] Heitmeyer 2003, S. 32
[13] Weitergehend zu diesem Konzept vgl. Feldmann / Henschel / Ulrich 2000
[14]Webber 1990, S. 132 (eigene Übersetzung)
[15]Beirat Deutsch als Fremdsprache 1992, S. 112
[16]Sercu 2002.o.S.
[17]Scherr / Wolff-Jontofsohn 2003
Autor:
Florian Marinus Wenzel
Akademie Führung & Kompetenz
Centrum für angewandte Politikforschung
Maria-Theresia-Str. 21
81675 München
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