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Mär 13 2005
Johan Galtung und die weltweite Konfliktlösung mit der Transcend-Methode Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Fänderl   
Sonntag, 13. März 2005

Johan_Galtung_auf_Kundgebung_02_09_14.JPGBei einem Vortrag mit anschließendem Workshop am 10.03.2005 im Forum des Goethe-Instituts in München stellt der 74jährige Preisträger des alternativen Nobelpreises seine Ansätze bei der Lösung gesellschaftlicher wie privater Konflikte vor.


WAS?

Was die Gemeinsinn-Werkstatt für den konstruktiven Aufbau von Beteiligungsprozessen zu gemeinsamen Anliegen, ist die Transcend-Methode für den konstruktiven Abbau von Konflikten und die Aufbereitung eines gemeinsamen Bodens für zukunftsfähige Lösungen.

Konflikt_Transformation_Transcend.JPG

Der Transcend-Konfliktverlauf

Johan Galtung preisgekrönter und weltweit erfolgreicher norwegischer Konfliktforscher stellte in einem Vortrag mit anschließendem Workshop am 10.03.05 im Münchner Goethe-Institut (vgl. „Die Alternative“: http://www.goethe.de) seine Theorie und Praxis bei weltweiter Konfliktlösung vor.

Er unterscheidet dabei zunächst zwei sich gegenüberstehende Diskurse mit weltweiter Brisanz: den von westlichen Politikern geführten Sicherheitsdiskurs und den Konflikt-Friedens-Diskurs.

Die Sicherheitsdebatte geht – stark vereinfacht - davon aus, dass es das Böse per se gibt, es ohne Zweck Gewalt ausübt, ihm nur mit Stärke begegnet werden kann und von Verbündeten des Guten ein gemeinsames Programm umgesetzt werden muss um Sicherheit zu verbreiten. Diese Haltung wird seit vier Jahren von der Bush-Administration vertreten und umgesetzt und wird in den kommenden Jahren seiner Regierungszeit verstärkt werden.

Der Konflikt-Friedens-Diskurs geht davon aus, dass es (schwerwiegende) Konflikte gibt, aus denen durch Ungeduld und Machtstreben Gewalt entsteht. Es gibt jedoch Methodenansätze, die diese Konflikte gewaltfrei und kosteneffektiv auflösen können und letztlich zu Frieden zwischen gleichberechtigten Partnern führen. Diesen Ansatz vertritt Johan Galtung, der mit Erfolg seit Ende der fünfziger Jahren weltweit Friedensforschungsinstitute aufbaut und jährlich ca. 250 Konfliktvermittler ausbildet.

In seinem Vortrag schildert er an den Beispielen Afghanistan, Palästinas und Irak konkrete Herangehensweisen auf politischer Ebene. Im Workshop lässt er an dem Konflikt eines italienischen Ehepaars sowie an der Situation eines jungen Liebespaares aus unterschiedlichen Religionen konkrete Lösungsvorschläge erarbeiten. Seine Empfehlungen sind fast kategorisch, untermauert mit Theorie und Best-Practice-Erzählungen. Interessant auch der interkulturelle Vergleich, wie in unterschiedlichen Ländern Lösungsvorschläge lauten. Für die Presse wiederum stellt er einen Wertekanon und ein simples Fragengerüst auf, mit dem Journalisten Politikern gegenübertreten sollten, um nicht zur Verlautbarungsmaschinerie degradiert zu werden.

WER?

Johannes_Galtung.jpgJohan Galtung ist mit seinen 74 Jahren, weißem Haar und zierlichem Körperbau, nicht nur Großvater sondern auch Quirl der Friedensforschung und Konfliktvermittlung. Er spricht eine Vielzahl von Sprachen, drückt sich aber absolut verständliche und deutliche aus, wenn er von „Diplomaten als Dilettanten“, dem Schimpfwort des „Experten“ oder dem Krieg der USA als „Instrument eines weltfaschistischen Staates mit einigen demokratischen Zügen“ spricht (Süddeutsche Zeitung 12./13.03.2005).

Galtung ist aber auch ein Mensch, der mit Geschichten und viel Humor (wenn auch häufig in ironischem Mantel) die Ernsthaftigkeit der Konflikte entschärfen hilft und nach Lösungen auf höherer Ebene sucht, die nicht nur Konsens sondern volle Zufriedenheit auf beiden Seiten ermöglichen.

Die Materialien auf den Webseiten seines Friedensnetzwerks „Transcend“ sind diesbezüglich sehr informativ und freizügig: http://www.transcend.org

WIE?

Hier ein paar methodische Anregungen bei der Lösung von komplexen Konflikten:

Bei Konflikten braucht es

(1)   Verstehen der Positionen und Erstellung von Konfliktkarten, auf denen die Parteien, deren Zielsetzungen und Unvereinbarkeiten eingetragen sind. Wird eine Position nicht ernsthaft einbezogen werden wir von ihr spätestens in terroristischen Akten hören.

(2)   Klärung der Legitimität von Forderungen, damit essenzielle Menschenrechte nicht oberflächlichen Bedürfnissen gegenüber gestellt werden.

(3)   Überbrückung legitimer Zielsetzungen durch eine kreative Erforschung der Zwischenpositionen und die Schaffung einer Lösung, die beide Seiten als positiv (nicht nur als Kompromiss bewerten)

Es helfen keine Schuldzuschreibungen sondern nur die Aufforderung, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Bei besonders schwerer Schuld hat die Integration Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg gezeigt, dass es zur Versöhnung kommen kann, wenn der „Barbar“ als Teil der Familie behandelt und integriert wird. Erst die Gleichbehandlung nach dem Kategorischen Imperativ (Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andren zu) führt aus der Spirale der Gewalt und Gegengewalt heraus. Nicht die Debatte oder Diskussion führt zur Lösung, es ist der Dialog (‚durch das Wort’), der den anderen anerkennt und zu verstehen versucht.

Johan Galtung hat als studierter Mathematiker und Soziologe den Begriff der „strukturellen Gewalt“ geprägt, der seit langem zum Kanon der Sozialwissenschaften gehört. Auch bei der Konfliktlösung sieht er die Systeme die eine Situation unterstützen und z.B. bei interkulturellen und interreligiösen Streitigkeiten berücksichtigt werden müssen. Wenn ein islamisch erzogenes Mädchen einen christlich erzogenen Jungen heiraten will, und die islamischen Brüder des Mädchens schon mit dem Mordauftrag im Flugzeug sitzen, empfiehlt er einen liberalen Imam zum Flughafen zu schicken und parallel einen liberalen Pfarrer zu den Eltern des Jungen, um aus religiöser Sicht die Absurdität eines religiös begründeten Mordes oder einer Enterbung deutlich zu machen. Die Systeme hinter den Konflikten sind teilweise nicht mit persönlichen Strategien zu lösen sondern brauchen einen breiteren Fokus.

Die ernsthaften Lösungsempfehlungen aus unterschiedlichen Ländern lauteten dann in aller Kürze wie folgt:

  • Italien: es braucht ein oder zwei Feste um die Konfliktenergie zu verwandeln
  • Norddeutschland: um die Eigenständigkeit des jungen Paares zu bewahren müssen sie wegfliegen (z.B. in eine Höhle im Südpazifik)
  • England: zuerst mal Personenschutz auf der Polizeiwache, dann eine gerichtliche Lösung
  • USA: die Brüder haben sicher einen Preis, mit dem sie bestochen werden können, ansonsten eine Gegendrohung entwickeln
  • Afghanistan: den Jungen bekehren und seine Mutter zum Seelsorger schicken, da die Ehe der Elterngeneration gehört
  • Japan: Selbstmord des jungen Paares mit anschließender Feier ihrer Tat

Als Konfliktberater empfiehlt Galtung den Glaubenssatz: „ Es gibt immer eine Lösung. Haben wir sie nicht gefunden, dann haben wir noch nicht lange genug mit dem Herzen nachgedacht.“

Das Dilemma der Medien beschreibt er in einem gesonderten Workshopteil über den Friedensjournalismus: Wann immer über Gewalt berichtet wird, belohnt sie die Gewalttäter. Galtung erzählt das Beispiel eines Mörders der stolz die Titelseite einer Zeitung mit sich führte die seine Straftat darstellte. Gewalt und Frieden gehören balanciert behandelt und die Friedensberichterstattung muss personenbezogener, anschaulicher und dramatischer dargestellt werden.

Junge Frauen hätten das Rüstzeug dazu (Mitgefühl, offener gegenüber unkonventionellen Lösungsansätzen) während die älteren Männer große Mankos aufweisen (Prinzipientreue, vorgefertigte Strukturen). Auch für die Konflikte dieser Welt sind sie die Hoffnungsträgerinnen: Artikel von jungen Frauen werden vom Redakteur gestrichen, sie schließen sich zu Journalistinnen-Verbänden zusammen, veröffentlichen in unbedeutenderen Publikationen, werden als Gegenposition zu Vorträgen und Podiumsdiskussionen eingeladen und erlangen dadurch Bekanntheit.

Wenn ein Journalist über einen Brand berichtet, so recherchiert er nicht nur Rauch und Feuer sondern auch die möglichen Brandursachen. In der Politik beschreibt man hingegen gerne das Gewaltsymptom und möglicher Weise noch den dahinterstehenden Konflikt. Die Ursachen des Konflikts werden jedoch häufig ausgeblendet. In den USA kommt hinzu, dass die Erklärung einer Konfliktposition schon als dessen Legitimierung gilt und deshalb die Kriegsberichterstattung sehr oberflächlich bleibt.

Journalisten sollten aus ihrer Möglichkeit Fragen zu stellen nutzen ziehen. Dabei sollten sie versuchen Konflikte besser zu verstehen und immer wieder nach Lösungen fragen:

  • Worin besteht der Konflikt?

  • Worin besteht die Lösung?

Abgedroschene und inkompetente Antworten würden dadurch nach kurzer Zeit sich selbst entlarven.

Während die Machthaber ihre Konflikte zelebrieren, gibt es auf der Alltagsebene bereits Versöhnung. Darüber müsste viel mehr berichtet werden. Doch auch die Medien haben ihre Filter und diese orientieren sich nach Eliten, Eliteregionen und negativen Sachverhalten. Internet und Radio haben es leichter aus dem Schema auszubrechen als Fernsehen und überregionale Printmedien.

The_Transcend_Manual.jpgAußerdem gibt es drei Phasen der Gewalt (vor, während und nach; vgl. Skizze der Tanscend-Konfliktphasen), die gleichermaßen gewissenhaft von den Medien aufgegriffen und dargestellt werden müssen, damit sie zum einen rechtzeitig verhindert werden und zum anderen nachhaltig bearbeitet und versöhnt werden können. Galtung prognostiziert dabei als Beispiel einen grausamen Feldzug der Armen in Afrika gegenüber den neuen Eliten im Lande.

Diese und andere Ansätze lassen sich in PDF-Publikationen auf den Seiten von Transcend herunterladen. Darüber hinaus gibt es darauf weltweit Ansprechpartner, Ausbildungsangebote etc.

Autor:

ImageWolfgang Fänderl
Akademie Führung & Kompetenz
Centrum für angewandte Politikforschung
Maria-Theresia-Str. 21
81675 München

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