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Seit 25 Jahren wird der alternative Nobelpreis an herausragende Visionäre weltweit verliehen, die auch in der Praxis Lösungen für die Probleme der Welt entwickeln konnten. Jakob von Uexküll, der deutsch-schwedische Stifter des Preises, stellte zusammen mit 13 Preisträgern bei dem Jubiläum im Münchner Goethe-Institut (8. bis 12.03.2005) das Konzept eines Weltzukunftsrates vor.
WAS?In Zeiten der Globalisierung und der zunehmenden Komplexität von Problemen stellt sich die Frage nach vertrauenswürdigen Orientierungspunkten, die, wie Leuchttürme durch die Strudel der (Ge-)Zeiten, durch politische, ökologische und soziale Krisen führen helfen. Der „Right Livelihood Award“ (RLA) wurde erstmals 1980 vom deutsch-schwedischen Publizisten, Philatelisten und ehemaligen Europa-Abgeordneten Jakob v. Uexküll als eine Alternative zum stark westlich orientierten Nobelpreis verliehen. Die bisherigen Preisträger – die zur überwiegenden Mehrzahl aus Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ kommen - eint die Vision von einer humanitären Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung, das Bestreben, die Vielfalt und die Ressourcen unseres Planeten zu bewahren, sowie einer Ethik der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Nach einem Viertel Jahrhundert fragt sich nun der Stifter, ob es in Zeiten zunehmender Machtkonzentration auf Seiten globaler Machthaber in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft ein ethisches Gegengewicht braucht, das durch seine Glaubwürdigkeit und Unbestechlichkeit überzeugt. Wie können wir unseren Kindern eine Welt hinterlassen, die lebenswert ist? Welche Werte braucht unsere Weltgemeinschaft, damit sich auch folgende Generationen vertreten fühlen? Und wie wird erreicht, dass sich auch einflussreiche Menschen daran orientieren?
Die großen Herausforderungen der Zukunft wurden bei der Veranstaltung zum 25jährigen Jubiläum des RLA im Münchner Goethe-Institut durch Vorträge und Workshops, Podiumsdiskussionen und eine Vielzahl von informellen Gesprächen in den Kaffeepausen fachkompetent untermalt (vgl. http://www.goethe.de). Ca. 500 Menschen nahmen während der 5 Tage daran teil und 300 mussten aus Platzmangel abgewiesen werden. Die bundesdeutsche Presse reagierte mit seitenlangen Artikeln und die internationale Besetzung durch die Preisträger führte auch in deren Ländern zur Aufmerksamkeit. Am Ende einer bewegenden Odyssee durch Themen wie Biodiversität & Ökologie, Nachhaltigkeit & Zivilgesellschaft, Friedenspolitik & Menschenrechte, alternative Lebensgemeinschafen, Spiritualität, Ethik & holistischem Weltbild, kam es zur Proklamation eines Weltzukunftsrates, der noch in diesem Jahr eingerichtet werden soll. Uexküll zitiert dabei unter anderem Machiavelli (ohne Vertrauen führt die Zukunft ins Verderben) oder den Historiker Tornby: „Der auslösende Moment für den Untergang großer Kulturen war der Verlust an Glaubwürdigkeit der Eliten!“ Er fragt außerdem, welche Werte und Eigenschaften in unserer Gesellschaft honoriert und bestätigt werden, und was daraus für die Zukunft abzuleiten ist? Der Wunsch nach Konsumerfüllung, die „Geiz-ist-geil-Mentalität, die Trivialisierung unserer Reformdebatten auf Wirtschaftsbedürfnisse und damit gepaart eine permanente Unzufriedenheit zeigt die gesellschaftliche Unreife in der sich westliche Demokratien noch befinden.
Uexkülls Idee: Ein weltweit aus unabhängigen, ethisch respektierten Vordenkern und Praktikern zusammengesetzter Welt-Zukunftsrat in Kombination mit regionalen und nationalen Zukunftsräten schafft Orientierung für Regierungen, Wissenschaft und Wirtschaft und bekommt Unterstützung durch das breite Netzwerk der Zivilgesellschaft. Eine dauerhafte Stimme die sich durch die Qualität ihrer Arbeit qualifiziert, durch junge Führungskräfte von Morgen ergänzt und durch das Internet und Medien (E-Parlament, Ausstrahlung von Sitzungen im Schweizer Fernsehen) unterstützt wird. Jeder muss sich aktiv entscheiden können, ob er Teil des Problems oder Teil der Lösung sein möchte. Das Umsetzungsdefizit muss überwunden werden und neben den vielfachen Anstrengungen im Regionalen und Überregionalen braucht es einen weltweiten Zukunftsrat, wo zentrale Themen zusammenlaufen, diskutiert werden, bestehende und zukünftige Best-Practice erarbeitet wird und der als „Stimme der Zukunft“ die Gegenwart bereichert. Weitere Informationen: www.worldfuturecouncil.org WER?Initiatoren und Förderer: Als Veranstalter waren neben Jakob von Uexküll, dem Gründer der Right Livelihood Stiftung, vor allem das Goethe-Institut und das Global Challenge Network sehr aktiv. Unterstützt von der Stadt München, der Bürgerstiftung, Agenda 21, Stiftung Interkultur, Lufthansa, BMW, MVG u.v.a. wurde die Veranstaltung zu einem günstigen Preis angeboten. Die Tagung wurde durch ein Veranstaltungsteam ein halbes Jahr vorbereitet und letztlich durch Dr. Peter Erlenwein (Kurator am Goethe-Institut) und den Buchautor von „Die Alternative“, Dr. Gesko von Lüpke, sehr kompetent moderiert. v.l.n.r.: Nicanor Perlas, P.K. Raveendran, Peter Erlenwein, Ibrahim Abouleish, Michael Succow, Jakob v. Uexküll, Irina Sherbakova
Zielgruppe: Es war ein bunt gemischtes Völkchen, das sich auf der Tagung tummelte. Zwischen den Preisträgern, der Presse, den Honoratioren der Ökologie- und Friedensbewegung tummelten sich die Aktivisten von morgen. Das Verhältnis hätte zu Gunsten der Jüngeren etwas besser ausfallen können, aber daran wollen die Veranstalter arbeiten (1/3 junge Führungskräfte sind im Weltzukunftsrat angedacht). WIE?Veranstaltungsaufbau: Der Fokus des Gemeinsinn-Werkstatt-Ansatzes ist ein methodischer und diesbezüglich war die Tagung eher klassisch aufgebaut, mit Frontal-Vorträge am Vormittag, sogenannten Workshops am Nachmittag (auch meist frontal) und Events am Abend. Durch das hohe Interesse an den Preisträgern und die Vielzahl an Beteiligten waren die sogenannten Workshops mit den Preisträgern eher weitere Referate, an die Frage-Antworten-Runden angeschlossen wurden. Ein echtes Highlight war die musikalische Unterstützung beim Ausklang der Plenarsitzungen durch die Schweizer Gesangsvirtuosin Manda Seiler Bilten. Durchgängig wurde das visuelle Medium sträflich vernachlässigt und lediglich eine spontane Performance gab Hinweis darauf, dass auch Tagungen etwas ganzheitlicher ablaufen könnten. Die Essens- und Kaffeepausen, der Rathausempfang am Freitag Abend und der Infomarkt am Mittwoch Abend gaben dann auch Möglichkeiten sich unter den Beteiligten auszutauschen und eigene Projekte vorzustellen. Letztlich muss diese Veranstaltung in einer Reihe mit den weltweit stattfindenden anderen RLA-Veranstaltungen gesehen werden, die wie „Netzwerktreffen“ das Thema einer „(ge-)rechten Lebensweltgestaltung“ verbreiten helfen und Chancen zum Aufbau von Kontakten geben. Insbesondere im Anschluss an hochkarätige Redner mit Beiträgen, die viel Handlungsenergie freisetzten, wünschte man sich Zeit zum Verarbeiten, zum Vernetzen und zum Umsetzen. Doch diese Energie musste dann individuell verarbeitet werden und es blieb das Gefühl bei etwas Großem dabei gewesen zu sein, aber nicht wirklich Anteil zu haben. | Hans-Peter Dürr verliest die Resolution zur Order |
Beispiel war die Abstimmung einer Proklamation gegen eine gesetzliche Verordnung der amerikanischen Besatzungsregierung im Irak (Order 81). Eine Woche zuvor, sollen von den scheidenden Besatzern irreversible Gesetze verabschiedet worden sein, u.a. dass irakische Bauern ihr Saatgut vollständig verbrennen müssen und genetisch manipuliertes Saatgut kaufen müssen. Die Verordnung war dabei noch nicht einmal im Wortlaut bekannt, lediglich von einem der Preisträger als Nachricht eingebracht und von einer anderen anerkannten Preisträgerin prinzipiell durch den Text einer Proklamation unterstützt worden… schon wurden alle Preisträger und das Publikum (aufgeheizt durch eine Vielzahl fachlich fundierter Informationen) ‚genötigt’ dieser Proklamation per Akklamation zuzustimmen … Zaghafte Versuche genauere Quellenangaben zu erhalten und die Formulierung noch stärker zu fundieren und zu konkretisieren wurden fast schon als Affront gegenüber der Aktionsgruppe und der unterstützenden Preisträgerin gewertet, aber dann dennoch in Erwägung gezogen. Ein Weltzukunftsrat wird sich also auf allen Seiten unabhängig machen müssen: gegenüber den Machthabern eines Wirtschaftsimperialismus ebenso wie gegenüber den Claqueuren der Gegenbewegungen; und das wird keine einfache Aufgabe sein. Im Gespräch mit dem ostdeutschen Preisträger Prof. Michael Succow wurde deutlich, dass die Staatssicherheit der ehemaligen DDR keine Möglichkeit ausließ, die Störenfriede im Lande auszuforschen, unter Druck zu setzen, zu korrumpieren und zu diskreditieren. Einzig und allein eine persönliche Integrität und Authentizität des eigenen Wirkens schaffte es diesen offiziellen und subtilen Angriffen zu widerstehen. Wieviel schwerer wird es ein Weltzukunftsrat haben, gegen die modernen psychologischen und paramilitärischen Mittel der Machthaber standhaft und erfolgreich zu bleiben. Das Anliegen des Weltzukunftsrates ist jedoch nicht nur sinnvoll, extrem dringend, sondern auch unterstützenswert. Es wird nur durch starke gemeinsame und gemeinsinnige Ziele gelingen, nur wenn ethisch-moralisches Durchstehvermögen, prozesshaft vernetztes Vorgehen und qualitativ hochwertige Reflexionsbereitschaft Hand in Hand gehen. Evtl. könnten in einigen Zusammenhängen auch Gemeinsinn-Werkstätten hier hilfreich eingesetzt werden. Viel Erfolg dabei! Autor: Wolfgang Fänderl Akademie Führung & Kompetenz Centrum für angewandte Politikforschung Maria-Theresia-Str. 21 81675 München
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