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Politische Bildung muss die Menschen endlich erreichen und sich
verändern, um politisches Engagement nachhaltig zu fördern, so Dr.
Karsten Rudolf und Alexander Wicker vom "Büdinger Kreis e.V." .
Basierend auf dem "Bericht politische Bildung 2002" hinterfragen sie
kritisch die Ausrichtung politischer Bildungsangebote in der
Bundesrepublik und legen dar, wie der Misere der geringen
Nutzungsbereitschaft unter der Bevölkerung begegnet werden könnte.
Inhalte / Ziele: In der sich entwickelnden
Bürgergesellschaft wird den Bürgerinnen und Bürgern immer mehr
Eigenverantwortung abverlangt, sie erhalten aber auch die Chance zu
mehr Mitbestimmung (z.B. Volksentscheide). Die Bürger auf diesem Weg zu
begleiten und ihnen, die sie als Souverän die Demokratie tragen und
weiterentwickeln sollen, Engagementmöglichkeiten aufzuzeigen bzw.
dieses notwendige Engagement zu fördern, ist ein wesentlicher Zweck
politischer Bildung. Aus dem Berichtssystem Weiterbildung
(einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung zum
Weiterbildungsverhalten) und der eher weniger aussagekräftig geführten
Teilnehmerstatistik der Träger (man zählt Teilnahmefälle und keine
Köpfe, was die Datenlage verschleiert) wissen wir, dass im einen Fall
gerade einmal 1% und im anderen rund 5% der Erwachsenen (es fallen
2.400.000 Teilnahmefälle an) politische Bildungsangebote wahrnimmt.
Politische Bildung geht also an den Menschen vorbei. Die niedrige
Engagementquote in Deutschland, insbesondere im politischen Bereich,
sowie das in Bevölkerungsbefragungen immer wieder ermittelte verzerrte
Verständnis bzw. Unwissen über politische Abläufe zeigen die
Konsequenzen dieser geringen Reichweite in erschreckender Deutlichkeit
auf.
Zielgruppen / Verwendungsbereiche:
Wie
ist die geringe Nutzungsbereitschaft gegenüber politischer Bildung zu
erklären? Manche Anbieter politischer Bildung - wie die
Volkshochschulen - resignieren, weil die Bevölkerung an ihren
traditionellen Veranstaltungs- und Kursangeboten nicht interessiert
ist. Sie wenden sich eher lukrativen beruflichen, sprachlichen oder
gesundheitlichen Bildungsangeboten zu. Andere wiederum erzielen
mit Nischenangeboten wie Studienfahrten in bestimmten Zielgruppen für
ihre Organisation durchaus zufriedenstellende Reichweiten, was an der
Gesamtlage aber nichts ändert. Die Masse der Anbieter bilden
jedoch die an Interessengruppen (politische Parteien, Gewerkschaften,
Arbeitgeber, Kirche) ausgerichteten Träger. Diese agieren in und für
ihre politischen und konfessionellen Lager. Diese milieuorientierte
Bildungsarbeit und Ausbildung von Funktionseliten hat eine lange
Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht und ist für eine
lebendige Demokratie unerlässlich. Man muss allerdings zur
Kenntnis nehmen, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur diese
Funktionseliten bzw. enge gesellschaftliche Zielgruppen durch bisherige
politische Bildungsangebote erreicht werden. Der Blick auf die Masse
der Bevölkerung ist dabei schon lange verloren gegangen, wenn er denn
je beabsichtigt war. Heute darf zumindest daran gezweifelt
werden, dass organisierte politische Bildungsarbeit in den
traditionellen und großen Trägerorganisationen die Bevölkerung wirklich
erreichen will. Denn erst nach über fünf Jahrzehnten politischer
Bildungsarbeit in Deutschland liegt nun mit dem Bericht politische
Bildung 2002 eine Studie vor, die der Frage nachgeht, was denn
eigentlich die Bürger an politischer Bildung interessiert, wie sie
inhaltlich und mit Blick auf die Arbeitsweise ausgerichtet sein müsste,
um einen größeren Teil der Bevölkerung anzusprechen. Dabei stellt sich
heraus, dass all diese Vorstellungen der Bürger so gar nicht mit der
üblichen politischen Bildungspraxis zusammenpassen, was auf Grund der
geringen Reichweite auch nicht verwunderlich ist. Jugendparlament- eine Möglichkeit?
Die Befunde
sprechen für eine deutliche Akzentverschiebung in der Arbeitsweise und
dafür, dass außerschulische politische Bildung ein wesentlich größeres
Potenzial hätte (kurzfristig 10% und mittelfristig zusätzlich bis zu
38%), wenn sie sich öffnet. Dabei gilt es allerdings (arbeitsteilig) zu
trennen in eine Elitenbildung auf der einen Seite, die weiterhin im
jetzigen Stil und von den interessengruppenorientierten Trägern
gestaltet werden sollte und eine Breitenbildung auf der anderen Seite,
die sich mit eher kompakten Bildungs- und Informationsangeboten endlich
auch an die Masse der Bevölkerung wendet. Dabei gilt es vor
allem das konkret Nutzbare im Auge zu behalten und der Bürgerschaft
eine Dienstleistung im politischen Alltag zu bieten. Man muss dazu vor
Ort sein, dort wo die Menschen leben, und das nicht nur punktuell, mal
hier, mal dort in der Region, sondern regelmäßig am gleichen Ort,
flächendeckend in allen Landkreisen. Politische Bildung muss
hier zum Partner des Bürgers in Sachen politisches und
gesellschaftliches Engagement werden. Dies kann und soll dann auch mal
daraus bestehen, zu den Menschen auf die Straße zu gehen und ihnen vor
Wahlen die Standpunkte der Parteien, ein neues Wahlrecht oder den Sinn
eines anstehenden Volksentscheids zu erklären. Die Angebote im
Bereich der Breitenbildung müssen aber auch leicht auffindbar sein, die
Träger bekannt, vor allem aber überparteilich und unabhängig sein.
Mission ist out, auch eine (pädagogisch motivierte) Mission, die meint,
besser zu wissen, was das richtige Bildungsformat und der richtige
Inhalt für die Menschen ist. Themen, die an runden Tischen,
fernab der Lebenssituation der Menschen und nur nach der
Interessenslage der Träger oder Bildner festgelegt werden, weisen in
die falsche Richtung. Die Menschen werden hier weiter mit den Füßen
abstimmen, wenn die Bildungsplanung nicht bürgerorientierter vorgeht. Wer
all das ablehnt und hierin nicht seine Aufgabe erkennt, wird den Menschen und
ihren Lebenssituationen nicht gerecht, lässt sie mit ihren Fragen
alleine. Politische Bildung gerät dann zurecht unter Druck, läuft
Gefahr, abgeschafft zu werden. Denn sie liefert keinen Beitrag zur
Entwicklung der auf breiten Schultern stehenden Demokratie und
Bürgergesellschaft, weckt keine Begehrlichkeiten seitens der Politik,
die selbst Rezepte sucht, endlich wieder mit den Menschen ins Gespräch
zu kommen und verharrt eben in einer Art Eigenwelt, die niemanden
tangiert.
Entstehungsrahmen:
Wie
politisches Engagement konkret entstehen kann, hat der Büdinger Kreis
e.V. in verschiedenen Modellprojekten aufgezeigt. Dabei versucht er,
ernst zu machen mit den Diagnosen, die die Sozialwissenschaftler über
die Erwartungen der Menschen an politisches Engagement aufgestellt
haben. Politische Bildung kann hierbei eine entscheidende Rolle
spielen, wenn sie zur Veränderung ihrer Arbeitsweise bereit ist und
selbst auch Engagementräume schafft. Zu letztgenanntem gehören
z.B. von den Bürgern selbst organisierte Demokratiewerkstätten, die
Engagement für die Demokratie und die Auseinandersetzung mit Politik in
einem Bildungsarrangement ermöglichen und engagierte Bürger in die
Rolle politischer Bildner schlüpfen lassen. Aus dem Bericht
politische Bildung 2002 wissen wir, dass nur wenige Menschen
unmittelbar an Bildungsangeboten interessiert sind, die ihnen
aufzeigen, wie man sich gesellschaftlich oder speziell politisch
engagieren kann. 7,3% äußern hier einen Bedarf, und gerade einmal 0,8%
wären dazu bereit, ein Angebot dann auch "sehr wahrscheinlich" zu
nutzen. Es liegt also auf der Hand, dass hier andere Rezepte gefragt
sind. Rezepte, die auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen, die
Situationen schaffen und nutzen, in denen sie bereit wären, sich dieser
Frage zu öffnen. Eine solche nutzbare Situation war der 11.
September 2001. Unmittelbar nach diesem Tag waren 62% der Menschen dazu
bereit, u.a. Bildungs- und Informationsangebote dazu wahrzunehmen, wie
man sich in solchen Situationen politisch engagieren kann, um einen
Krieg zu verhindern oder einfach den Opfern ihre Solidarität zu zeigen.
Das Zeitfenster zur Nutzung dieser Offenheit ist schmal: Nach zwei
Monaten war diese große Bereitschaft schon wieder auf ein Normalmaß
abgesunken. Andere aktuelle Situationen wären sicherlich die BSE-Krise
oder die Hochwasserkatastrophe, Situationen also, die den Einzelnen
(zumindest scheinbar) unmittelbar betreffen, den Medienalltag
wesentlich bestimmen und Menschen auch in den nicht unmittelbar
betroffenen Regionen zum Nachdenken über ihre eigene Lage anregen. Aber
hierauf schnell mit Angeboten zu reagieren, darauf ist politische
Bildung bisher nur ungenügend eingestellt. Die Strukturen sind zu starr
und zu wenig flexibel. Wenn das Fach reagiert, dann eher, wenn es zu
spät ist, es läuft - von wenigen Ausnahmen natürlich abgesehen - den
Ereignisse meist hinterher und zeigt kein Problembewusstsein bzw. nur
wenig Bereitschaft zur Bewegung.
Mancher sieht
eine schnell reagierende politische Bildungsarbeit gar nicht als seine
Aufgabe an und überlässt die Menschen in solchen Situationen den
Interessengruppen, der selbstgesteuerten Informationsverarbeitung durch
die Rezeption der Medienangebote oder den Demagogen, denen diese
Situationen der Orientierungslosigkeit nur recht sein können.
Ganz
abgesehen davon, dass man hier endlich mal Menschen erreichen könnte,
die sich sonst nicht in politischen Bildungsveranstaltungen einfinden.
Aber vielleicht will man die in der "alten" politischen Bildung auch
gar nicht. Politische Bildung muss sich darüber klar werden, ob sie die
Masse der Menschen endlich erreichen will und so auch zu einem
wichtigeren Akteur auf dem Gebiet der Engagementförderung werden will.
Zeiten und Anforderungen wandeln sich, hier muss auch politische
Bildung Schritt halten, sonst ergeht es ihr wie einst den Dinosauriern.
Höhepunkte:
Durch
den Bericht politische Bildung 2002 scheint nun eine Debatte in Gang
geraten zu sein, in der all die Träger, die zur Veränderung bereit sind
und selbst lange nach Antworten auf die geringe Reichweite gesucht
haben, sich auf die Befunde einlassen und Gedanken entwickeln, wie man
die Strukturen verändern kann. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck
auf Grund der großen Nachfrage nach dem vor einem halben Jahr
erschienen Bericht und der Diskussionen in den bisherigen 15
Fachtagungen und Vorträgen rund um die Studie. Den Prozess zu
begleiten, am Leben zu halten und zu fördern ist eine wesentliche
Aufgabe der Zentralen für politische Bildung. Auch
die abwehrenden und kritischen Reaktionen der Träger (insbesondere der
Parteistiftungen), die ihre Arbeitsweise zurecht durch die Ergebnisse
hinterfragt sehen und - übrigens zu unrecht - eine Gefahr darin sehen,
dass eine Debatte ausgelöst wird, die zu einer Beschneidung ihrer
Förderung führt, zeigen, dass hier etwas in Bewegung gerät. Gut ist,
dass endlich wieder grundsätzlich über politische Bildung gesprochen
wird und eine Diskussion über das Selbstverständnis sowie die
Transparenz des Fachs eingesetzt hat. Dies kann nur zu dessen
Weiterentwicklung führen. Der Büdinger Kreis e.V. wird sich
auch weiterhin an der Diskussion beteiligen und versuchen, sie durch
weitere Forschungen auf eine rationale Basis zu stellen, um so dazu
beizutragen, dass das Fach einen stärkeren Beitrag zur Förderung eines
breiten politischen Engagements leistet.
Kontakte / weitere Informationen:
Mehr zu diesem Thema und zur Neuorientierung politischer Bildung finden Sie unter dieser URL der Bundeszentrale in einem
Artikel von Karsten Rudolf
in "Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. B-45/02" und auf den Internetseiten des
Institut Junge Bürgergesellschaft (IJBG)
und des
Büdinger Kreis e.V.
Personalien Anbieterin / Anbieter:
Dr. Karsten Rudolf,
von
der Justus-Liebig-Universität Gießen, hat dort einen Lehrauftrag und
ist Vorstandsvorsitzender des Büdinger Kreis e.V. (BK), zu dem das
Institut Junge Bürgergesellschaft (IJBG) gehört, mit dem sich der
Verein gezielt der Entwicklung der und dem Nachwuchs für die
(politische) Bürgergesellschaft mittels politischer Bildungsarbeit
widmet. Alexander Wicker
studiert Politik und
Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität,
arbeitet bei der Hessischen Stiftung für Friedens und Konfliktforschung
und ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Büdinger Kreis e.V.
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