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Mär 04 2005
Politische Bildung muss die Menschen endlich erreichen Drucken E-Mail
Geschrieben von Max Schimmel   
Freitag, 4. März 2005

Politische Bildung muss die Menschen endlich erreichen und sich verändern, um politisches Engagement nachhaltig zu fördern, so Dr. Karsten Rudolf und Alexander Wicker vom "Büdinger Kreis e.V." . Basierend auf dem "Bericht politische Bildung 2002" hinterfragen sie kritisch die Ausrichtung politischer Bildungsangebote in der Bundesrepublik und legen dar, wie der Misere der geringen Nutzungsbereitschaft unter der Bevölkerung begegnet werden könnte.

Inhalte / Ziele:

In der sich entwickelnden Bürgergesellschaft wird den Bürgerinnen und Bürgern immer mehr Eigenverantwortung abverlangt, sie erhalten aber auch die Chance zu mehr Mitbestimmung (z.B. Volksentscheide). Die Bürger auf diesem Weg zu begleiten und ihnen, die sie als Souverän die Demokratie tragen und weiterentwickeln sollen, Engagementmöglichkeiten aufzuzeigen bzw. dieses notwendige Engagement zu fördern, ist ein wesentlicher Zweck politischer Bildung.

icon_buch.jpgAus dem Berichtssystem Weiterbildung (einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung zum Weiterbildungsverhalten) und der eher weniger aussagekräftig geführten Teilnehmerstatistik der Träger (man zählt Teilnahmefälle und keine Köpfe, was die Datenlage verschleiert) wissen wir, dass im einen Fall gerade einmal 1% und im anderen rund 5% der Erwachsenen (es fallen 2.400.000 Teilnahmefälle an) politische Bildungsangebote wahrnimmt. Politische Bildung geht also an den Menschen vorbei. Die niedrige Engagementquote in Deutschland, insbesondere im politischen Bereich, sowie das in Bevölkerungsbefragungen immer wieder ermittelte verzerrte Verständnis bzw. Unwissen über politische Abläufe zeigen die Konsequenzen dieser geringen Reichweite in erschreckender Deutlichkeit auf.

Zielgruppen / Verwendungsbereiche:

Wie ist die geringe Nutzungsbereitschaft gegenüber politischer Bildung zu erklären? Manche Anbieter politischer Bildung - wie die Volkshochschulen - resignieren, weil die Bevölkerung an ihren traditionellen Veranstaltungs- und Kursangeboten nicht interessiert ist. Sie wenden sich eher lukrativen beruflichen, sprachlichen oder gesundheitlichen Bildungsangeboten zu.

Andere wiederum erzielen mit Nischenangeboten wie Studienfahrten in bestimmten Zielgruppen für ihre Organisation durchaus zufriedenstellende Reichweiten, was an der Gesamtlage aber nichts ändert.

Die Masse der Anbieter bilden jedoch die an Interessengruppen (politische Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeber, Kirche) ausgerichteten Träger. Diese agieren in und für ihre politischen und konfessionellen Lager. Diese milieuorientierte Bildungsarbeit und Ausbildung von Funktionseliten hat eine lange Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht und ist für eine lebendige Demokratie unerlässlich.

Man muss allerdings zur Kenntnis nehmen, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur diese Funktionseliten bzw. enge gesellschaftliche Zielgruppen durch bisherige politische Bildungsangebote erreicht werden. Der Blick auf die Masse der Bevölkerung ist dabei schon lange verloren gegangen, wenn er denn je beabsichtigt war.

Heute darf zumindest daran gezweifelt werden, dass organisierte politische Bildungsarbeit in den traditionellen und großen Trägerorganisationen die Bevölkerung wirklich erreichen will. Denn erst nach über fünf Jahrzehnten politischer Bildungsarbeit in Deutschland liegt nun mit dem Bericht politische Bildung 2002 eine Studie vor, die der Frage nachgeht, was denn eigentlich die Bürger an politischer Bildung interessiert, wie sie inhaltlich und mit Blick auf die Arbeitsweise ausgerichtet sein müsste, um einen größeren Teil der Bevölkerung anzusprechen. Dabei stellt sich heraus, dass all diese Vorstellungen der Bürger so gar nicht mit der üblichen politischen Bildungspraxis zusammenpassen, was auf Grund der geringen Reichweite auch nicht verwunderlich ist.

 2003_juparl001.jpgJugendparlament- eine Möglichkeit?

Die Befunde sprechen für eine deutliche Akzentverschiebung in der Arbeitsweise und dafür, dass außerschulische politische Bildung ein wesentlich größeres Potenzial hätte (kurzfristig 10% und mittelfristig zusätzlich bis zu 38%), wenn sie sich öffnet. Dabei gilt es allerdings (arbeitsteilig) zu trennen in eine Elitenbildung auf der einen Seite, die weiterhin im jetzigen Stil und von den interessengruppenorientierten Trägern gestaltet werden sollte und eine Breitenbildung auf der anderen Seite, die sich mit eher kompakten Bildungs- und Informationsangeboten endlich auch an die Masse der Bevölkerung wendet.

Dabei gilt es vor allem das konkret Nutzbare im Auge zu behalten und der Bürgerschaft eine Dienstleistung im politischen Alltag zu bieten. Man muss dazu vor Ort sein, dort wo die Menschen leben, und das nicht nur punktuell, mal hier, mal dort in der Region, sondern regelmäßig am gleichen Ort, flächendeckend in allen Landkreisen.

Politische Bildung muss hier zum Partner des Bürgers in Sachen politisches und gesellschaftliches Engagement werden. Dies kann und soll dann auch mal daraus bestehen, zu den Menschen auf die Straße zu gehen und ihnen vor Wahlen die Standpunkte der Parteien, ein neues Wahlrecht oder den Sinn eines anstehenden Volksentscheids zu erklären.

Die Angebote im Bereich der Breitenbildung müssen aber auch leicht auffindbar sein, die Träger bekannt, vor allem aber überparteilich und unabhängig sein. Mission ist out, auch eine (pädagogisch motivierte) Mission, die meint, besser zu wissen, was das richtige Bildungsformat und der richtige Inhalt für die Menschen ist.

Themen, die an runden Tischen, fernab der Lebenssituation der Menschen und nur nach der Interessenslage der Träger oder Bildner festgelegt werden, weisen in die falsche Richtung. Die Menschen werden hier weiter mit den Füßen abstimmen, wenn die Bildungsplanung nicht bürgerorientierter vorgeht.

Karrikatur.jpgWer all das ablehnt und hierin nicht seine Aufgabe  erkennt, wird den Menschen und ihren Lebenssituationen nicht gerecht, lässt sie mit ihren Fragen alleine. Politische Bildung gerät dann zurecht unter Druck, läuft Gefahr, abgeschafft zu werden. Denn sie liefert keinen Beitrag zur Entwicklung der auf breiten Schultern stehenden Demokratie und Bürgergesellschaft, weckt keine Begehrlichkeiten seitens der Politik, die selbst Rezepte sucht, endlich wieder mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und verharrt eben in einer Art Eigenwelt, die niemanden tangiert.

Entstehungsrahmen:

 Wie politisches Engagement konkret entstehen kann, hat der Büdinger Kreis e.V. in verschiedenen Modellprojekten aufgezeigt. Dabei versucht er, ernst zu machen mit den Diagnosen, die die Sozialwissenschaftler über die Erwartungen der Menschen an politisches Engagement aufgestellt haben. Politische Bildung kann hierbei eine entscheidende Rolle spielen, wenn sie zur Veränderung ihrer Arbeitsweise bereit ist und selbst auch Engagementräume schafft.

Zu letztgenanntem gehören z.B. von den Bürgern selbst organisierte Demokratiewerkstätten, die Engagement für die Demokratie und die Auseinandersetzung mit Politik in einem Bildungsarrangement ermöglichen und engagierte Bürger in die Rolle politischer Bildner schlüpfen lassen.

Aus dem Bericht politische Bildung 2002 wissen wir, dass nur wenige Menschen unmittelbar an Bildungsangeboten interessiert sind, die ihnen aufzeigen, wie man sich gesellschaftlich oder speziell politisch engagieren kann. 7,3% äußern hier einen Bedarf, und gerade einmal 0,8% wären dazu bereit, ein Angebot dann auch "sehr wahrscheinlich" zu nutzen. Es liegt also auf der Hand, dass hier andere Rezepte gefragt sind. Rezepte, die auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen, die Situationen schaffen und nutzen, in denen sie bereit wären, sich dieser Frage zu öffnen.

Eine solche nutzbare Situation war der 11. September 2001. Unmittelbar nach diesem Tag waren 62% der Menschen dazu bereit, u.a. Bildungs- und Informationsangebote dazu wahrzunehmen, wie man sich in solchen Situationen politisch engagieren kann, um einen Krieg zu verhindern oder einfach den Opfern ihre Solidarität zu zeigen. Das Zeitfenster zur Nutzung dieser Offenheit ist schmal: Nach zwei Monaten war diese große Bereitschaft schon wieder auf ein Normalmaß abgesunken. Andere aktuelle Situationen wären sicherlich die BSE-Krise oder die Hochwasserkatastrophe, Situationen also, die den Einzelnen (zumindest scheinbar) unmittelbar betreffen, den Medienalltag wesentlich bestimmen und Menschen auch in den nicht unmittelbar betroffenen Regionen zum Nachdenken über ihre eigene Lage anregen.

Aber hierauf schnell mit Angeboten zu reagieren, darauf ist politische Bildung bisher nur ungenügend eingestellt. Die Strukturen sind zu starr und zu wenig flexibel. Wenn das Fach reagiert, dann eher, wenn es zu spät ist, es läuft - von wenigen Ausnahmen natürlich abgesehen - den Ereignisse meist hinterher und zeigt kein Problembewusstsein bzw. nur wenig Bereitschaft zur Bewegung.

Mancher sieht eine schnell reagierende politische Bildungsarbeit gar nicht als seine Aufgabe an und überlässt die Menschen in solchen Situationen den Interessengruppen, der selbstgesteuerten Informationsverarbeitung durch die Rezeption der Medienangebote oder den Demagogen, denen diese Situationen der Orientierungslosigkeit nur recht sein können.

2003_badboll_kleingruppe1.jpgGanz abgesehen davon, dass man hier endlich mal Menschen erreichen könnte, die sich sonst nicht in politischen Bildungsveranstaltungen einfinden. Aber vielleicht will man die in der "alten" politischen Bildung auch gar nicht. Politische Bildung muss sich darüber klar werden, ob sie die Masse der Menschen endlich erreichen will und so auch zu einem wichtigeren Akteur auf dem Gebiet der Engagementförderung werden will. Zeiten und Anforderungen wandeln sich, hier muss auch politische Bildung Schritt halten, sonst ergeht es ihr wie einst den Dinosauriern.

Höhepunkte:

Durch den Bericht politische Bildung 2002 scheint nun eine Debatte in Gang geraten zu sein, in der all die Träger, die zur Veränderung bereit sind und selbst lange nach Antworten auf die geringe Reichweite gesucht haben, sich auf die Befunde einlassen und Gedanken entwickeln, wie man die Strukturen verändern kann. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck auf Grund der großen Nachfrage nach dem vor einem halben Jahr erschienen Bericht und der Diskussionen in den bisherigen 15 Fachtagungen und Vorträgen rund um die Studie. Den Prozess zu begleiten, am Leben zu halten und zu fördern ist eine wesentliche Aufgabe der Zentralen für politische Bildung.

Auch die abwehrenden und kritischen Reaktionen der Träger (insbesondere der Parteistiftungen), die ihre Arbeitsweise zurecht durch die Ergebnisse hinterfragt sehen und - übrigens zu unrecht - eine Gefahr darin sehen, dass eine Debatte ausgelöst wird, die zu einer Beschneidung ihrer Förderung führt, zeigen, dass hier etwas in Bewegung gerät. Gut ist, dass endlich wieder grundsätzlich über politische Bildung gesprochen wird und eine Diskussion über das Selbstverständnis sowie die Transparenz des Fachs eingesetzt hat. Dies kann nur zu dessen Weiterentwicklung führen.

Der Büdinger Kreis e.V. wird sich auch weiterhin an der Diskussion beteiligen und versuchen, sie durch weitere Forschungen auf eine rationale Basis zu stellen, um so dazu beizutragen, dass das Fach einen stärkeren Beitrag zur Förderung eines breiten politischen Engagements leistet.

Kontakte / weitere Informationen:

Mehr zu diesem Thema und zur Neuorientierung politischer Bildung finden Sie unter dieser URL der Bundeszentrale in einem
Artikel von Karsten Rudolf
in "Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. B-45/02" und auf den Internetseiten des
Institut Junge Bürgergesellschaft (IJBG)
und des
Büdinger Kreis e.V.

Personalien Anbieterin / Anbieter:

Dr. Karsten Rudolf,
von der Justus-Liebig-Universität Gießen, hat dort einen Lehrauftrag und ist Vorstandsvorsitzender des Büdinger Kreis e.V. (BK), zu dem das Institut Junge Bürgergesellschaft (IJBG) gehört, mit dem sich der Verein gezielt der Entwicklung der und dem Nachwuchs für die (politische) Bürgergesellschaft mittels politischer Bildungsarbeit widmet.

Alexander Wicker
studiert Politik und Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, arbeitet bei der Hessischen Stiftung für Friedens und Konfliktforschung und ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Büdinger Kreis e.V.

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