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Mär 04 2005
Raus aus der Krise der politischen Bildung Drucken E-Mail
Geschrieben von Max Schimmel   
Freitag, 4. März 2005

Partizipation braucht Qualifikation! Politische Bildung befindet sich in der Krise- eine bittere Wahrheit, die jüngst in einem Artikel von Karsten Rudolf bestätigt wurde. Die Bildungslandschaft in Deutschland ist gefordert, nicht nur neue Marketingmöglichkeiten zu entwickeln, sondern neue Lernformen in der politischen Bildung zu entwerfen. Ein möglicher Weg wird hier aufgezeigt: Politische Bildung als Qualifikation zu aktivem Bürgerengagement!

Grundgedanke:

B_rger.JPGDas Idealbild vom politisch mündigen, interessierten und aktiven „Citoyen“ ist das Ziel politischer Bildung in Deutschland. Obwohl, wie die 14. Shell-Studie zeigte, der Freiwilligensektor durchaus boomt und gerade Jugendliche sich vielfach in Netzwerken und Projekten meist zeitbefristet engagieren bleibt die Tatsache, dass die Demokratie hierzulande massiv gefährdet ist: Sinkende Wahlbeteiligung, der Rückzug aus dem Engagement in traditionellen politischen Institutionen sowie schwindendes Interesse an politische Bildung zeigen, dass das Engagement für die Demokratie abnimmt.               

Doch die Demokratie ist ein fragiles Gebildes: Ohne das Interesse und v.a. der aktiven dezidiert politischen Betätigung ihrer Bürger ist sie zum Scheitern verurteilt. Politische Bildung ist hier gefordert, mit neuen Konzepten bereits im Kindesalter anzusetzen. Amerikanische Partizipationsforscher wie Benjamin Barber oder der hierzulande immer noch unterschätzte John Dewey zeigen: Die beste Form politischer Bildung ist aktives Engagement und Partizipation in demokratischen Institutionen. Doch Engagement macht nur dann wirklich Spaß, wenn Erfolge und Wirkung zu verzeichnen sind. Um allerdings wirklich erfolgreich und professionell Partizipation zu organisieren müssen junge Bürger gezielt und professionell qualifiziert werden. Zwei mögliche Wege, Qualifikation von Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen und darüber einen neuen Beitrag zur Erneuerung der politischen Bildung in Deutschland zu leisten werden bereits in Deutschland praktiziert: Die Technology of Participation (ToP®) und das Konzept der Jugendbanken.

Inhalte / Ziele:

In seinem Artikel „Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?“ bezieht sich Karsten Rudolf auf die 14. Shell Studie und schreibt: „Auch die nachwachsende Generation zeigt sich zwar der Demokratie verpflichtet, ist leistungsbereit und bringt sich (auch gesellschaftlich und politisch) ein, sieht Politik aber nicht als etwas Verpflichtendes und Notwendiges, sondern eher als etwas Nebensächliches an.“ Damit ist ein Phänomen beschrieben dass Benjamin Barber als allgemeine Krise der liberalen Demokratie wahrgenommen hat.

John_Dewey.jpg
Demokratietheoretiker John Dewey

Demnach entwickelt sich eine Eigenschaft der liberalen Demokratie, das Repräsentationsprinzip, gerade zur größten Gefahr der Demokratie selbst: Bürger verlagern ihre Aktivität ins Private, zeigen keine Betroffenheit mehr von öffentlichen Angelegenheiten und delegieren mit ihrer Wahlstimme auch die eigene Verantwortung und politische Mündigkeit auf die Entscheidungsträger in der Berufspolitik. Dabei gerät aus dem Blickfeld was eine Demokratie wirklich ausmacht: „Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung.“ (Dewey)

Eigene Interessen und Bedürfnisse als öffentlich-politische wahrzunehmen, sie durch die Herstellung von Gemeinschaften zu öffentlichen Gütern zu machen und schließlich aktiv auf ihre Umsetzung hinzuwirken- das ist das Wesen wirklicher Partizipation.

2002_GW_Berlin_001.jpgIm Bereich selbstorganisierter Projekte schließlich setzt der Bedarf der politischen Bildung an, denn wirklich erfolgreiche Bildung erfolgt nicht im Seminarsaal, nicht im Vortrag, Infostand oder ähnlichem sondern in der aktiven Betätigung; im Organisieren, Verhandeln, Diskutieren und- Handeln. Wer selbst eine Gruppe leiten und organisieren kann, wer selbst bereits eine Schülerzeitung, eine Kampagne für das Jugendzentrum oder eine Protest- und Widerstandsaktion gegen Abschiebehaft durchgeführt hat- und dies erfolgreich; wer schließlich selbst die Herausforderung bewältigt hat, divergierende Interessen in der Gruppe zu bündeln und in einen Aktionsplan umzusetzen, für den ist Demokratie und Politik keine nebensächliche Sache mehr sondern zentrales Ordnungsprinzip des Alltags. Demokratie und Pluralismus können dann nicht mehr nur als Begriffe für die Bezeichnung unseres politischen Systems angesehen werden sondern, mit Dewey, als Lebensform.

Inhalte / Ziele:

Doch wie kann man möglichst gut individuelle Interessen zusammenführen und daraus einen voluntèe generale entwickeln? Wie kann die Umsetzung dieses gemeinsamen Willens möglichst effektiv geplant und der Erfolg kontrolliert werden? Hier setzt die Forderung nach „Qualifikation zur Partizipation“ an. Bereits Kinder und Jugendliche sollten das Angebot bekommen in Sachen Gesprächsmoderation, Gruppenleitung, und Projektmanagement qualifiziert zu werden, um in ihrem Bereich aktiv zu werden.

Das Projekt Gemeinsinn hat seit Juni 2002 zwei Ansätze implementiert, die einen Neuanfang in der Partizipationspraxis und politische Bildung setzen können.

Die Technology of Participation (ToP®), eine Moderationsmethode aus den USA, wird seit Januar 2003 in Deutschland angewendet und wurde im Januar 2004 in einem Handbuch aufbereitet. Anschließend wurde die Methode an Jugendliche ab 12 Jahren vermittelt, um diese zu befähigen, Beteiligung und Engagement in ihrem Lebensbereich professionell zu moderieren.

Die ToP® beruht auf drei Methodentools. Die "Austauschmethode" als zentraler Baustein soll demokratische und offene Gesprächs- und Kommunikationskultur in einer Gruppe verwirklichen und über die Formulierung gemeinsamer Anliegen zur Handlung aktivieren. Mit Hilfe der beiden anderen Tools, dem "Konsens-Workshop" und der "Aktionsplanung" wird die entstandene Bereitschaft zum Engagement in konkrete Handlungsplanung umgesetzt. Die Methode kann auf eine erfolgreiche Geschichte zurückblicken, da sie in bereits in 50 Ländern die Organisation von selbstverantwortlichen Beteiligungsprojekten ermöglicht hat.

Ein anderer Ansatz sind die sog. Jugendbanken (Youthbank), die in England seit mehreren Jahren erfolgreich praktiziert werden. Ein Bankgremium von ausschließlich Jugendlichen erhält eine gewisse Geldsumme zur völlig freien Verfügung. Andere Jugendliche erhalten dann die Möglichkeit, bei der Jugendbank Anträge zur Finanzierung ihrer eignen Projekte zu stellen. Die Jugendbank stellt somit einerseits die Möglichkeit dar, unbürokratisch und schnell die Anschubfinanzierung von Jugendprojekten zu initiieren.

Auf das anderen Seite bietet dieser Ansatz Jugendlichen eine enorme politische Lernerfahrung im oben beschrieben Sinne: Die Erfahrung, als eigenverantwortliche Banker Anträge zu begutachten, über Finanzierungen zu entscheiden, mit Projektträgern zu verhandeln und anschubfinanzierte Projekte als Geldgeber zu beraten.

Zielgruppen / Verwendungsbereiche:

Die ToP® kann an Kinder und Jugendliche sowie an deren Multiplikatoren im schulischen und außerschulischen Bereich vermittelt werden. Die Jugendbank sind hingegen vor allem für Jugendliche und Bürgerinitiativen unter Beteiligung von Jugendlichen geeignet, die Wert auf eine partizipative Verteilung von Fördergeldern legen.

Entstehungsrahmen:

Der vorliegende Text entstand im Rahmen der Arbeiten an dem ToP-Benutzerhandbuch mit dem Titel „ToP®-fit für Beteiligung! Methoden für junge Moderatorinnen und Moderatoren.“ Es wird im Rahmen von ToP®-Vermittlungsseminaren ab Januar 2004 als Arbeitsgrundlage verteilt und ist auch über die Bertelsmann-Stiftung zu bestellen.

Höhepunkte:

Genauso wie die von Karsten Rudolf vorgeschlagenen Demokratiewerkstätten für Bürger sollen auch die Jugendbank und die ToP® erste Anstöße sein, über die dringend notwendige Erneuerung politischer Bildung zu debattieren. Es ist an der Zeit!

Anbieter:

Wer Interesse an mehr Informationen über die ToP oder die Jugendbanken hat wendet sich an:
C-A-PMax Schimmel
c/o Akademie Führung & Kompetenz
Centrum für angewandte Politikforschung
Maria-Theresia-Str. 21
81675 München
Tel.: +49 (0)89 / 2180-1321
Fax: +49 (0)89 / 2180-5850
E-Mail: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Web: http://www.gemeinsinn-werkstatt.de

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