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Was: Hier blättern wir eine neue Methode des Sich-Vernetzens und des Bewältigens sozialer Probleme auf, die auch in Deutschland die Partizipation beflügeln und Verelendungsprozesse stoppen könnte. Damit retten sich Stadtteile in Chicago und anderen US-Metropolen vor Ghetto- und Slum-Bildung.
Wer: Sie - und alle, die mit anderen zusammen die Zukunft des eigenen Stadtteils gestalten wollen.
Wie: Der systematische Ausbau sozialer Beziehungen erschließt brach liegende Ressourcen und schafft eine neue Sozialarchitektur, die Menschen zusammenbringt, neue Ideen für eine optimale kommunale Struktur zu entwickeln und umzusetzen. Die Rezeptur dafür: Klare, einfache Prozessschritte und vor allem: echter Beziehungsaufbau mit der Qualität eines „dates" für die Ermächtigung der Bürger.
Es ist 22.15 Uhr an Münchens belebtem Stiglmeierplatz. Plötzlich rumpelt's. Ein beiger Ford Fiesta mit Esslinger Nummernschild hat sich die Trambahnschienen verirrt und ist dort in den Schwellen stecken geblieben. Große Aufregung. Der Fahrer einer entgegenkommenden Straßenbahn telefoniert hektisch, Passanten formen sich zu Gruppen, „Polizei" tönt es, „Abschleppwagen", während zwei junge Damen verängstigt aus dem Auto schauen.
Da steigen zwei Männer aus der Tram, der Sprache nach offensichtlich US-Amerikaner, zwei handfeste Bayern gesellen sich dazu, die Vier krempeln die Ärmel hoch, stellen sich an die Kotflügel und heben den Fiesta leicht an, über die Schwellen hinweg, bis die Pilotin von alleine nach hinten stoßen kann und sich vorsichtig wieder in den Verkehr einfädelt. Nach der einminütigen Aktion ist das Problem beseitigt.
Europa-Premiere des Comprehensive Community Development
Amerika, du hast es besser, ahnte schon Dichterfürst Goethe. Dem Pragmatismus und Gemeinsinn seiner Bürger setzte der französische Diplomat Alexis de Tocqueville ein Denkmal. Dieses Talent hat sich anscheinend bis heute erhalten, wie die Begebenheit an der Straßenbahn zeigt - und auch der Community Developer Jim Capraro demonstrierte es: Der Mann aus Chicago kam auf Einladung des Netzwerks Gemeinsinn e.V. Anfang September 2011 in die bayerische Landeshauptstadt zur Europa-Premiere des Comprehensive Community Development (CCD).
Das ist eine von ihm maßgeblich mitgestaltete Methode der Partizipation von Bürgern in ihrem Stadtteil zu deren Ermächtigung, neudeutsch: Empowerment. Die Veranstaltung im Ökologischen Bildungszentrum (ÖBZ) bestand aus einem öffentlichen Informationsabend sowie einem zweittägigen Training für Sozial- und Gemeinwesenarbeiter, Methodenentwickler sowie Freiwillige und bürgerschaftlich Engagierte in der Zivilgesellschaft. Möglich wurde sie durch die Förderung des Sozialreferats der Stadt München.
Partizipation & Ermächtigung: "America at its best!"
Der Neun-Schritte-Prozess der Ermächtigung von bis dahin kaum integrierten Menschen - Afro-Amerikanern, Migranten aus Mexiko, muslimischen Familien aus dem Nahen Osten - kam beim Publikum prima an. So etwa kommentierte der Naturwissenschaftler Dr. Gerolf Bender, der Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zu Teams zusammenschmiedet: „America at its best, wie ich es liebe: lebendig, plastisch, praktisch, wesentliche Punkte mit eindrücklichen Geschichten illustriert, die man kaum vergessen kann, persönlich und eigene Lernprozesse nachzeichnend, in exzellentem Kontakt mit dem Auditorium und auf dessen Bedürfnisse und Bewegungen eingehend, locker, und ganz wesentlich: The job is going to be fun!"
Die Absicht des Seminars, unterstützt vom Sozialreferat der Landeshauptstadt München, war: einen eindeutig von unten nach oben wirkenden Ermächtigungs-Prozess darzustellen, der interkulturell wirkt sowie einfach zu übernehmende Anleitungen bietet, bekannte Ansätze dieser Art auf einer Metaebene vereinigt. Wichtig war den Planern auch, nach Abschluss des Seminars die Teilnehmer weiterzubegleiten, sie bei der Umsetzung des Gelernten zu unterstützen und eventuell ein eigenes Trainer-Netzwerk zu bilden, das mit dem in US-Amerika im Austausch steht.
Infoabend: Neue Impulse und Visionen für die Stadtteilarbeit
Die Basis dafür steht. Die Info-Veranstaltung am Mittwochabend wurde von knapp 50 Bürgern besucht, viele davon in gemeinnützigen Vereinen, Selbsthilfegruppen und anderen Initiativen oder der Kommunalpolitik engagiert. Am Donnerstag und Freitag waren 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei. Die Gesamtmoderation versah die Dialog- und Prozess-Expertin Maren Schüpphaus, die auch die Vorsitzende des Netzwerks Gemeinsinns ist. Die Simultanübersetzung, wo notwendig, übernahm Wolfgang Fänderl, Gründer des Netzwerks.
Jim Capraro: "Daten" für den sozialen Aufbruch
Den Infoabend leitete Jim Capraro ein, der seine Methode vorstellte. Er blickt auf eine 40-jährige Erfahrung in der Bürgerarbeit zurück. Der Partizipations-Veteran ist leitender Mitarbeiter des Instituts for Comprehensive Community Development http://www.instituteccd.org in Chicago. Als Trainer bereist er regelmäßig Dutzende Städte zwischen Atlantik und Pazifik. Der Referent zeigte einen Film, der in Südwest-Chicago entstanden war und die wichtigsten Elemente der Partizipations-Methode vorstellt. Dazu gehört u.a. das initiale Eins-zu-Eins-Interview mit den Bewohnern, welches er schmunzelnd auch "Daten" nannte. Das ermöglichte den Zugang zu Bevölkerungsschichten, die bis dahin öffentlich noch nie aufgetaucht waren.
Das Video zeigte, wie sich die so aktivierten Alt- wie auch Neu-Bürger zu Arbeitsgruppen zusammenfanden, die über Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken (SWOT) ihrer Nachbarschaft diskutierten und Visionen entwickelten, wie sie sich diese in zehn Jahren wünschten. Dabei kam alles auf den Prüfstand, von der Qualität der Kindertagesstätten, über das Angebot an Arbeitsplätzen und die kommerzielle Entwicklung bis zu Bildungs- und Freizeitangeboten. Daraus entstand ein so genannter Lebensqualitätsplan, der nach etwa einjähriger Vorarbeit zum "Roll-out" kam, dem Partizipations-Höhepunkt.
"Yes we can!" - Schlachtruf der Ermächtigten
Dieser Veranstaltung wohnten 700 Anwohner Südwest-Chicagos bei, ein großer Teil davon Einwanderer aus dem Süden, die kaum Englisch sprachen und für die ins Spanische übersetzt werden musste. Viele der Anwohner standen auf der Bühne und legten persönlich Zeugnis davon ab, mit welchen Problemen sie konfrontiert waren und welche Lösungen sie dafür mit ihren Nachbarn erarbeitet hatten. Unten im Auditorium saßen die Politiker der Stadt und Leiter kommunaler Planungsdezernate und hörten zu. Das Ganze endete mit beeindruckenden Sprechchören "Sí se puede!" und "Yes we can!".
Dies ereignete sich übrigens noch während der Amtszeit von US Präsident George W. Bush. Sein Herausforderer Barack Obama, damals Senator aus Chicago, entdeckte bald nach der Veranstaltung diesen Schlachtruf und machte ihn zur Losung seines erfolgreichen Wahlkampfes und den Einzug ins Weiße Haus im Jahr 2008. Dadurch wurden die Worte weltberühmt.
Partizipation ist in Südwest-Chicago nichts Neues. Es blickt auf eine 35-jährige Tradition im Community Development zurück. Das bescherte ihm Investitionen in Höhe von 500 Millionen Dollar, schuf mehrere tausend Arbeitsplätze und eine leistungsfähige Infrastruktur im öffentlichen Nahverkehr.
Deutsche Blickpunkte: Partizipation auch der Randgruppen!
Der Politikwissenschaftler und Partizipations-Fachmann Dr. Franz Kohout, Professor an der Universität der Bundeswehr München, beschrieb in seinem Impulsreferat, dass in den letzten 35 Jahren in Deutschland eine Vielzahl von Bürgerinitiativen und Beteiligungsverfahren entstanden seien. Soziale Randgruppen seien bisher allerdings kaum Teil davon und nähmen auch nicht an Abstimmungsverfahren teil. Kohout äußerte die Hoffnung, dass das in diesen kritischen Bevölkerungsgruppen gut florierende Comprehensive Community Development neue Wege aufzeigen möge, wie sich auch in Deutschland damit Angehörige der unteren Schichten sowie Migranten mobilisieren ließen, um mehr in den Stadtteilen, deren Ausgestaltung und Politik mitzuwirken.
Eva Bruns vom Büro für Soziale Stadtentwicklung aus München zeigte den State of the Art der Stadtentwicklung mit ihren vielfältigen Methoden. Projektbeispiele aus ihrer Erfahrung in Ramersdorf/Berg am Laim verdeutlichten, wie man anfangs wenig Vertrauen in die eigenen Gestaltungsmacht überwinden und Identifikation, Engagement und Gemeinsinn sowie Nachhaltigkeit schaffen kann. Am Ende, fanden die Teilnehmer, liegen München und Chicago methodisch gar nicht so weit auseinander.
Teil zwei des Comprehensive Community Development-Info-Abends war ein interaktives Planspiel mit dem Titel: "Neue Impulse und Visionen für meinen Stadtteil", angeleitet durch den Theaterpädagogen Fritz Letsch. Das Plenum fand sich zu willkürlich zusammengesetzten Arbeitsgruppen mit je fünf Teilnehmern zusammen. Diese wagten den Blick in die Zukunft, wie ihr Ortsteil in zehn Jahren aussehen könnte. Dazu schlüpfte jeder in eine Rolle, deren Elemente er wie eine Spielkarte zog und aus denen sich seine Person zusammenfügte: Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Beruf, kultureller Hintergrund. Jede Gruppe verdichtete ihre Vision und präsentierte eine dreiminütige Szene. Über Partizipation nicht nur reden und "hirnen", sondern sie auch ausleben: Das brachte Leben in den Abend.
Hürden der Partizipation: Nein-Sager & Zweifler
Die 50-jährige Monika zum Beispiel spielte einen Türken im Münchner Stadtteil Neuperlach. Er und seine Mitstreiter entwickelten das Konzept eines Stadtteilzentrums, in dem sie zusammen kochten und miteinander speisten. Dem Türken eröffnete sich darin eine neue Zukunft als Döner-Chef, ein vormals Arbeitsloser wurde Manager des Zentrums. Es fing viele Menschen ohne Lebensperspektive auf und stellte sie auf die Füße.
Partizipation ist kein bequemer Sonntagsspaziergang, sondern hat viele Hürden zu überwinden. Die Neuperlacher mussten sich mit Pessimisten, Nein-Sagern, Zweiflern herumschlagen. Die durchkreuzten die Planung laufend, sodass die Visionäre gute Argumente finden mussten, um ihr Ziel durchzusetzen. Am Ende dieses kleinen Sketches stand die Botschaft: Habt Mut, eure Träume zu realisieren, gemeinsam geht was, gegen alle Widerstände; so schaffen wir eine Gemeinschaft, die mehr als die Summe ihrer Einzelpersonen ist.
Soziogramm strukturiert Comprehensive Community Development
"Das Planspiel funktionierte wunderbar als Eisbrecher", freute sich Regisseur Fritz Letsch. Auffällig für ihn und alle Zuschauer war, dass die meisten Präsentationen um das gleiche Thema kreisten: gemeinsames Essen und Trinken. Das zeige zwar als Grundtendenz die Sehnsucht nach mehr Gemeinschaft, sagte Letsch, "ist aber vielleicht doch ein wenig zu idealistisch und positiv gedacht". Sicherlich beeinflusste auch der nach der Gruppenarbeit angekündigte Imbiss die Szenenwahl. Insgesamt aber griffen die Planspiele die vorhergehenden Impulse, den Film und die Erklärungen dazu gut auf und rundeten sie ab, fand Letsch; ein passender Brückenschlag von der Theorie in die Praxis der Partizipation, ergänzte eine Teilnehmerin.
Auf die Abschlussfrage, welche Impulse und Visionen die Stadtteilarbeit mehr bzw. weniger braucht, äußerten die Teilnehmer vor allem den Wunsch nach mehr Begegnung und Orten des Dialogs und Miteinanders - ob zwischen den Generationen oder zur Austragung von Konflikten. Auch mehr Werte, Gemeinschaft, Vernetzung mit Partnern und Übernahme von Zeit und Verantwortung wurden gewünscht. Verzichtbar hingegen seien die Ich-Bezogenheit, der Eintritt ins Karriere-Hamsterrad in der dritten Grundschulklasse und sozialpädagogische Bevormundung.
Wie lernen 30 Fremde einander kennen, ohne dass die Vorstellungsrunde den halben Vormittag auffrisst? Das war die erste Herausforderung am nächsten Morgen zum Auftakt des Comprehensive Community Development Trainings. Die Moderatorin Maren Schüpphaus löste das Dilemma spielerisch, was wie schon das Planspiel am Vorabend zeigte, dass deutsche und US-amerikanische Methoden einander bestens ergänzen. Bei einer soziometrischen Aufstellung brachen die Teilnehmer das Eis, beschnupperten sich und gaben wichtige Eigenschaften über sich kund. Je nach Himmelsrichtung und Entfernung, aus der sie nach München angereist waren, verteilten sich die Gäste im Raum. Dazu mussten sie aber erst einmal ins Gespräch gekommen sein und ihre "Grundkoordinaten" ausgetauscht haben.
Partizipations-Workshop für bürgerschaftlich Engagierte & Banker
Darüber hinaus stellte die Moderatorin Öffentlichkeit her, indem sie sich einzelne Teilnehmer herausgriff, besonders die an extremen Positionen, und mit ein paar launigen Fragen interviewte. Das war nicht nur unterhaltsam und informativ, sondern machte jedem mit einem Blick klar: Ein Großteil der Teilnehmer war für dieses Partizipations-Workshop von weit her, allen Teilen Deutschlands, sogar Österreichs angereist, mit hohen Erwartungen an den Innovationswert. Das Aufstellen, im Fachjargon "Clustern" nach der beruflichen Tätigkeit ließ erkennen: Viele waren in der Gemeinwesenarbeit, im Quartiersmanagement, bei Freiwilligenagenturen tätig, einige entwickelten neue Wohnmodelle, eine Großbank hatte ihren Spezialisten für "Corporate Social Responsibility (CSR)" entsandt.
Das Soziogramm, das sich nach vielen weiteren Eigenschaften erstellen lässt, bringt nicht nur in Minutenschnelle ein Gruppengefühl hervor, sondern zeigt Moderatoren und Referenten auch, wie vertraut oder unvertraut die Gruppe mit dem Thema ist und was ihre Erwartung ist. Das sind wichtige Hinweise für den weiteren Verlauf und dass möglicherweise die Tagesordnung beizeiten nachjustiert werden muss. Wohltuend für die gedeihliche Entwicklung und die Einbindung aller war auch, dass sich das Planungsteam den Teilnehmern vorstellte und zu deren Orientierung kurz den Planungsverlauf, die Hintergründe und Absichten aufblitzen ließ.
Ermächtigung durch Beziehung statt Geld
Dann endlich: Vorhang auf für den Gast aus Chicago. Der breitete in allen Details das beim Info-Abend vorgestellte Comprehensive Community Development-Modell aus, nicht in der Theorie und reinen Methodik, sondern in der Partizipations-Praxis und in Gestalt vieler, vieler Geschichten. Von den Vorgängen in den letzten Winkeln des Kosmos bis zur Nachbarschaft, Familie sowie Einzelmenschen: Alles hänge miteinander zusammen, sei durch Quanten verbunden und stände miteinander in Beziehung. "Deshalb", so Capraro, "sind Beziehungen viel wichtiger als Geld." In einem Merksatz: Beziehungsmacht macht reicher als Geldmacht!
Rücktransfer der Partizipations-Technik nach Deutschland
So hingen auch die Geschichte SW-Chicagos und die Deutschlands eng miteinander zusammen, erklärte er und zog eine Verbindungslinie über mehrere tausend Meilen quer über den Atlantik. Das Herzstück dieses Stadtteils, Chicago Lawn, 1880 noch ein Vorort, wurde damals von deutschen Immigranten besiedelt. Sie waren zum großen Teil Handwerker aus dem Druckgewerbe und brachten die Druckindustrie und das Pressewesen in der wirtschaftlich boomenden Metropole des Mittleren Westens auf Trab. Heute dürfe er, Capraro, quasi als Rück-Transfer, über die in diesem Stadtteil entwickelten Partizipations-Techniken der sozialen Vernetzung berichten und damit den sozialen Wandel in München und Deutschland voranbringen.
Die damals entstandene, ethnisch weiße, europäisch geprägte Lebenskultur und Sozialstruktur hatte 80 Jahre lang Bestand, dann geriet sie immer mehr unter Druck: zum einen durch hinzuziehende Afro-Amerikaner, später Mexikaner und Araber, zum anderen auch durch wirtschaftliche Globalisierungseffekte. Eingesessene Wirtschaftsunternehmen wanderten ab, die vertrauten Muster verschwanden, die alte Kohäsion wurde brüchig, es entstand ein Zustand der Labilität, der auch Rassismus der alteingesessenen Weißen gegen die Zuzügler hevorbrachte, was wiederum wirtschaftlich und politisch ausgenutzt wurde und die soziale Auflösung in gefährlicher Weise beschleunigte.
Quantensprünge durch Comprehensive Community Development
Dieser Entwicklung begegnete Capraro Mitte der 1970-er Jahre mit der Gründung der Greater Southwest Development Corporation. Diese folgte der traditionellen Community Development Strategie. Die Verantwortung oblag einem kleinen Führungskreis, der sich hauptsächlich dem Bau neuer Wohnhäuser widmete. Diese "Ein-Mann-Show" war aber auf Dauer zu anstrengend, sozial wenig nachhaltig. Was fehlte war ein Orchester, zu dem viele Einzelne beitrugen und welches das Leben in diesen Wohnhäusern zum Pulsieren brachte, miteinander verknüpfte und auf eine höhere Ebene trug - um im Bild der Physik zu bleiben: zum Quantensprung verhalf.
"Letztlich", so Capraro, "ging es nicht um das Verbauen von Ziegelsteinen oder Betoneinheiten, sondern um das Aufbauen von Beziehungen." Auf dieser Einsicht basierend entstand das "Comprehensive Community Development", eine Partizipations-Methode, die sich mit systemisch-integrativ, ganzheitlich-holistisch oder schlicht und einfach: nachhaltig-robustes Community-Design beschreiben lässt.
Mit "Daten" auf Talentsuche
Daraus wurde der Neun-Schritte-Prozess geboren, den der 19-minütige Film "Quality of Life Plan" lebendig und eindrucksvoll nachstellt. Darüber hinaus hatten die Teilnehmer des Seminars das Partizipations-Modell an einer Grafik auf Stellwänden im Raum in allen Details jederzeit vor Augen. Die Interviews oder das Daten, erklärte der Referent, sind hauptsächlich eine Talentsuche "to engage new leaders", um Schlüsselpersonen der Nachbarschaft in das keimende Netzwerk hineinzuziehen und deren Ressourcen für das große Ganze zu aktivieren.
Durch Weiterempfehlung der Interviewer an den Bekanntenkreis der Interviewten sowie deren Einbeziehung in die Interviews potenzierte sich der Prozess, mit erstaunlichen Ergebnissen: Durch die Mobilisierung muslimischer Medizinerinnen und deren Zeitspenden wurde eine Klinik im Stadtteil eröffnet, die Bedürftigen und Mittellosen Gesundheitsleistungen zum Nulltarif anbieten konnte. Mexikanische Frauen einer Betgemeinschaft halfen als Hilfslehrerinnen notleidenden Schulen bei der Aufrechterhaltung des Schulbetriebs und gaben ihm wichtige, neue Anstöße.
Stationen des Partizipations-Prozesses
Comprehensive Community Development durchläuft folgende Phasen:
- Der Startschuss, heute in vielen US-Städten ausgelöst durch eine Gruppe von drei Initiatoren, die wichtige Interessengruppen im Stadtteil vertreten: Kirchen, Entwicklungsorganisationen, Nachbarschaftsvereine, ...
- Identifizieren, Suche und Auffinden von Schüsselpersonen, vor allem solcher, die eine Gefolgschaft haben;
- "Interview-Dates", d.h. einstündige Befragung zu den "SWOT"s - den Stärken, Schwächen sowie Chancen und Risiken für den Stadtteil - sowie eigene Motivationen und Interessen
- Sammeln und Verdichten des Gehörten, Aufbereitung der Daten, Clustern nach Themen
- Einberufung der Interviewten zu einer Versammlung mit der Auswertung der Interviews
- Weiterspinnen der SWOT-Punkte bei einem Visions-Workshop, bei dem daraus Projektionen für die Zukunft des Stadtteils werden. Ein Lebens-Qualitäts-Plan entsteht.
- Gründung eines Steuerungskomitees und kleiner Planungseinheiten, die sich mit jeweils einem Thema befassen, Recherchen durchführen und Lösungsvorschläge erarbeiten unter dem Schirm der Steuerungsgruppe, die koordinierend tätig wird
- Veröffentlichung des "Masterplans" bei einem Roll-out gegenüber institutionellen Vertretern der Kommune bis zur lokalen Wirtschaft: Bei dem Vorgehen schwoll die Zahl der Beteiligten und Mitmacher in SW-Chicago von ein, zwei Initiatoren am Anfang auf 700 Menschen an
- UMSETZEN, UMSETZEN, UMSETZEN!
Eine übersichtliche Zusammenfassung der Schritte (siehe auch Bildreihe ganz unten!) zum Nachlesen und Studieren bietet das LISC PLANNING HANDBOOK mit einer Road Map: http://www.newcommunities.org/cmadocs/NCPPlanningHandbook.pdf
Neun Schritte der Partizipation & Ermächtigung
Bei der Diskussion des Partizipations- und Ermächtigungs-Konzepts entdeckten die Teilnehmer eine Vielzahl nützlicher Elemente für die eigene Arbeit, etwa: die überzeugende und in sich geschlossene Logik des Neun-Schritte-Prozesses; die Tragfähigkeit dieses Fundaments für die Konstruktion einer neuen materiellen und sozialen Architektur im Stadtteil; die Erneuerung des Demokratie-Prinzips mit dem Bürger oben und der Verwaltung/Politik hierarchisch darunter.
Problematisch für die Umsetzung dieser Art von Partizipation erschienen: das Fokussieren auseinanderlaufender Interessen in der Gruppe; wie man die Menschen für Comprehensive Community Development so begeistern kann, dass die Fluktuation im Prozess möglichst niedrig bleibt und sie über längere Zeit dabei bleiben. Nicht ganz klar war Einigen, wer genau den Auftrag zur Prozess-Initiierung gibt, woher die Gelder kommen und ob sich das alles in der Freizeit erledigen lässt, des Weiteren, so eine gepostete Karte: "Wie erreicht man, dass die Verwaltung Macht abgibt?"
Aktives Zuhören beim Daten
Capraros Antworten fielen pragmatisch aus. Das alles sei nur ein Gerüst, jeder Anwender müsse die Partizipations-Werkzeuge auf seine spezifische Situation anwenden und entsprechend zu(zu)schneiden. "Alles ist offen, wir spielen immer mit allen Möglichkeiten", unterstrich der Referent. Begeisterung entstehe durch das Abenteuer, mit den Menschen zusammen in eine neue Chemie von Beziehungen und des Umgangs miteinander einzutreten. Das Erzählen von Geschichen, Story Telling, spiele dabei eine ganz große Rolle, so auch bei den Interviews: Jemand erzählt, wenn man so will, seinen Blick auf den Stadtteil. Wie der Interviewer das aufzeichnet, handschriftlich oder mit dem Computer, ob er den Gesprächspartner mit den Augen fixiert oder nicht, dafür gebe es keine Regeln, so Capraro, Hauptsache sei: "Der Interviewte muss das Gefühl haben, dass ihm zugehört wird", wie ja auch im Übrigen bei jedem Date zwischen Frau und Mann. Und noch eine Parallele betonte Capraro: Ziel eines erfolgreichen „dates" sei es ja „to get a second date" - und für weitere Treffen und verbindlicheres Engagement macht Capraro attraktive Angebote im weiteren Prozessverlauf.
Auch für das Fundraising gibt es keine Regeln, wichtig sind Kreativität und Erfindungsreichtum. Auch wenn eine Anschubfinanzierung für den Coach und Organizer besteht, anschließend müssen häufig lokale Finanzressourcen der Initiatoren angezapft werden, etwa Kirchengemeinden, Geschäfte, Unternehmen, Nachbarschaftsorganisationen. Einige von diesen formulieren in den meisten aller Fälle auch die Einladung eines Initiators für den Comprehensive Community Development-Prozess. Daraus ergeben sich sofort Kontakte für die Interviews.
Konflike & Konfrontation kein Dogma für Comprehensive Community Development
Zur Machtfrage äußerte sich Capraro differenziert. Der Roll-out sei in sich eine "Leistungsschau und Macht-Demo, nach innen wie nach außen". Eine Veranstaltung mit 700 Teilnehmern hat einen hohen Kohäsions- und Partizipations-Faktor, der die Bürger verklammert, inspiriert und neue Energie gibt. Den Politikern und der Verwaltung signalisieren sie: Wir sind durchsetzungsfähig und haben unsere Hausaufgaben gemacht, hier sind unsere Vorstellungen von unserer Zukunft, nun seid ihr dran!
Capraro ging ausführlich auf Fragen nach den Unterschieden zwischen Comprehensive Community Development und Community Organizing ein. Er war selber mehrere Jahre lang Community Organizer, u.a. bei einer Chicago-weiten Koalition, der Metropolitan Area Housing Alliance MAHA, die erfolgreich die diskriminierenden Praktiken der Banken gegenüber Minderheiten anprangerte. Doch auf Dauer sei ihm das zu eindimensional gewesen. "Konfrontation wurde wie ein Dogma behandelt", bedauerte er, "dabei ist sie nur eine von vielen Taktiken in einer Strategie, mehr Einfluss und Macht zu gewinnen."
Von der Partizipations-Theorie zur Ermächtigungs-Praxis
Es gebe viele Möglichkeiten, das Machtpotenzial, den Reichtum an Menschen, taktisch klug einzusetzen. Nur eine davon ist das Roll-out. Eine gute Strategie müsse immer darauf achten, die beste Taktik auszuwählen. Dabei sei mitunter auch der offene Konflikt und der Showdown notwendig, weshalb er immer eng mit Community Organisationen zusammengearbeitet habe. Letztlich ergänzten sich beide Ermächtigungs-Techniken, wie er in seinem Aufsatz "Community Organizing + Community Development = Community Transformation" im renommierten "Journal of Urban Affairs" schrieb.
Nach so viel Partizipations-Theorie bekamen die Teilnehmer am Ende des ersten Trainingstages noch eine praktische Übungseinheit serviert. Angelehnt an das Planspiel des Vortages entwickelten sie in Kleingruppen Zukunftsvisionen für Stadtteile, sozusagen das Comprehensive Community Development-Visions-Workshop simulierend. Damit die Aufgabe so konkret wie möglich erledigt wurde, mussten sie bei der Beschreibung und Präsentation auf die journalistischen W's fokussieren, also: was, wer, wann, wo, wie, warum. Hier das Ergebnis für den Münchner Stadtteil Pasing.
Sensoren beim Daten: Ohren, Augen & Nase
Im "Wunder von Pasing" wird das trostlose Einkaufszentrum "Pasinger Arkaden" in "Seitenwechsel Pasing" verwandelt, was hauptsächlich dem beherzten Einsatz von Frauen geschuldet ist. Bis zum Jahr 2015 entsteht hier ein rund um die Uhr geöffnetes Familienzentrum, ein "soziales Kreativlabor", wie die Planer betonten. Hier finden alle Religionen ein gemeinsames Dach, Jung und Alt arbeiten und leben zusammen, große Teile der Nachbarschaft bleiben verkehrsfrei. "Seitenwechsel" legt sogar den Raubtierkapitalismus an die Leine. Jugendliche entwickeln ein Therapieprogramm für Hedgefonds-Manager. Das alles macht den Stadtteil so attraktiv, dass selbst Joschka Fischer seinen Wohnsitz dorthin verlegt. Jim Capraro, der mit seinem Partizipations-Engagement in SW-Chicago den Anstoß zu diesem Nachbarschaftswunder gab, wird zum Ehrenbürger ernannt. "Es macht so viel Spaß, das scheinbar Unmögliche zu denken", sagte jemand zum Abschluss dieses ersten Trainingstages in seinem Tages-Feedback.
Der zweite Tag war zum großen Teil der Partizipations-Praxis gewidmet, die in kleinen Arbeitsgruppen oder "Breakout Groups" im Freien bei angenehmen 20 Grad Celsius stattfanden. Zunächst ging es um die Dates, die Interviews zur Aufnahme und Analyse der Schlüsselpersonen im Stadtteil. Für diese legte Jim Capraro den Teilnehmern noch mal ans Herz: "Silence is your friend!" Die Werkzeuge seien die Neugier und Sinne: Augen, Ohren, Nase - nicht ausfragen, sondern wahrnehmen.
Comprehensive Community Development: Relationale Macht vs. strukturelle Macht
Im Anschluss an die wechselseitigen Interviews hielten die Trainingsteilnehmer ihre Erkenntnisse auch mit Hilfe eines Strichmännchens fest. In den Kopf schrieben sie den Namen des Interviewten, darüber sein Wissen und kognitive Fähigkeiten, dort wo das Herz sitzt seine Leidenschaft und sein Feuer, am Ende des einen Arms den Beruf und seine Arbeit, am Ende des anderen Hobbys und Interessen, am Ende der Füße die ethische und soziale Verankerung mit der Frage nach Erziehung, Bildung, Werten. Eine einfache Methode, um wichtige Informationen über die Interviewten festzuhalten, die eine spätere gezielte Ansprache und Vernetzung ermöglichen.
Und, nie vergessen, erinnerte Capraro, die Grund- und gleichzeitig Meta-Frage für den Ermächtigungs-Prozess bleibt: "Wer ist der oder die andere, wie ticken er oder sie?" - das ist der Rohstoff für den Aufbau der Beziehungsmacht, sozio-politologisch formuliert: Relationale Macht wird zum Mitspieler und Akteur im Konzert der strukturellen Macht von Politik und Wirtschaft, Big Money.
"Gut Check": Sonnengeflecht redet bei Partizipation mit
Das alles hört sich leichter an, als es getan ist, war wohl der häufigste Kommentar beim Daten. Vor allem das Erzählen-Lassen, Sich-Zurückhalten mit eigenen Bewertungen. Capraro bremste bei der Feedback-Runde zu perfektionistische Ansprüche und appellierte an den häufig von ihm in diesen zwei Tagen zitierten "gut check", auf sein Eingeweide zu hören, das Sonnengeflecht sprechen zu lassen. "You know what's right", riet er, und: "You survive your mistakes!" Du weißt selber, was richtig ist, und deine Fehler werden dich nicht umbringen. (Das alles erinnert, nebenbei, auch an das Vermächtnis des verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs, der während seiner Krebserkrankung empfahl: "Folgt eurem Herzen und eurer Intuition, sie wissen bereits, was ihr wirklich werden wollt. Eure Zeit ist begrenzt, vergeudet sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lasst euch nicht von Dogmen einengen, dem Resultat des Denkens anderer. Bleibt hungrig, bleibt tollkühn!")
ErMAECHTigung durch MACHEN!
Die Botschaft dahinter, sehr amerikanisch im Gegensatz zum eher theoretisch und bisweilen zweiflerisch vorgehenden Deutschen: Loslegen, einfach MACHEN (leitet sich Macht doch genau von diesem Verb ab), keine Angst vor Fehlern, authentisch sein, der Weg ist das Ziel, also: Learning by doing - auch und besonders beim Anwenden des Comprehensive Community Development!
Das Daten erfuhr eine Vertiefung und Verlängerung durch ein strukturiertes Kollegen-Coaching, das Dr. Reinhard Schwarz anleitete, Soziologe und ehemals Berater bei Siemens. Das Plenum teilte sich wieder in Breakout-Gruppen von je vier Teilnehmern auf. Ein vorbereitetes Arbeitsblatt forderte jeden dazu auf, seine "Visionen, Werte, Ziele, Aktionen als Community Developer" zu formulieren.
Kollegen-Coaching rundet Comprehensive Community Development ab
Dann erfolgte der Austausch darüber in der Gruppe, pro Person fünfzehn Minuten lang. Jeder Einzelne trug seine Antworten vor, woraufhin die Gruppe zunächst Verständnisfragen stellte und dann ein Gespräch über die Person führte sowie das Bild, welches sie vermittelte. Diese versuchte ihr Fremdbild im Spiegel der Anderen zu verstehen und teilte der Gruppe anschließend mit, welche Schlüsse sie aus dem Gehörten zöge. Wichtig dabei, wie der Anleiter betonte und beim Besuch der einzelnen Gruppen nicht müde wurde zu wiederholen: keine Bewertungen und Ratschläge geben!
Diese Übung verfolgte mehrere Ziele. Die Teilnehmer gegen Ende des letzten Trainingstages sich Gedanken darüber machen zu lassen, wie sie das Gelernte in ihre Arbeit einbauen könnten, nicht nur in Details, sondern ganzheitlich. Diese Reflexion fand nicht im stillen Kämmerchen statt, sondern in einer Teilöffentlichkeit, der man sich erklärte, was die Genauigkeit und Ehrlichkeit sich selber gegenüber erhöhte. Durch die Rückkoppelung mit dem Rest der Gruppe erhielt der Sprecher sofort einen Spiegel vorgehalten, der ihm erlaubte, das eigene Bild von sich selbst und seinen Absichten mit dem zu vergleichen, was die anderen wahrgenommen hatten. In seinem Schluss-Statement konnte er darauf noch mal eingehen und versuchen, die Bilder zusammenzubringen, wenn sie weit voneinander streuten.
Geld aus Stiftungen für Partizipation
Diese Technik ist für die Umsetzung der Erkenntnisse aus dem Seminar wichtig und zündet, wenn man so will, eine kleine, weitere Antriebsstufe, das Gelernte im Alltag konkret, nachhaltig und im Sinne der Gemeinschaft umzusetzen. Insofern wurde hierin Capraros neunter Schritt im Comprehensive Community Development-Prozess "Umsetzen, umsetzen, umsetzen!" bereits aufgegriffen. Letztlich betonte die Übung noch einmal das zentrale Element der Partizipations- und Ermächtigungs-Methode, die Tugenden beim Interview sowie den demokratischen Grundwert dahinter: Anderen zuhören, Demut üben, nicht das Eigene hochspielen. Die "volonté générale" ergibt sich nicht aus meinem Willen, sondern dem Aller!
Was bleibt zurück? Der Ansatz sei "nachvollziehbar und universal anwendbar" urteilten die Teilnehmer abschließend, eine Comprehensive Community Development-Initiativgruppe ließe sich gründen, um damit die deutsche Sozial- und Gemeinwesenarbeit, die Zivilgesellschaft und die Methodenforschung zu bereichern. Zwar sprudelten die Quellen in der deutschen Stiftungslandschaft noch nicht so kräftig wie die in den USA. Aber immerhin hat sich die Anzahl der Stiftungen in zehn Jahren von 10 000 auf 18 000 fast verdoppelt. Sie lassen jährlich 30 Milliarden Euro in die Budgets und Projekte gemeinnütziger Organisationen fließen und machen neue Partizipations-Projekte möglich.
Comprehensive Community Development-Trainer fordert: "Umsetzen!"
Jim Capraro erinnert sich, zurück in Chicago, sehr gerne an das Training und hat kaum je vor Menschen gestanden, "die den Comprehensive Community Development Prozess so aufgesaugt haben", sagt er am Telefon. Beispielhaft wie gut die Teilnehmer zugehört und mitgemacht hätten. Jetzt fehle das "Umsetzen", sagt er auf Deutsch und findet es richtig spannend, was sich daraus entwickeln wird.
Es ist ein Naturgesetz, sagt er, dass "die Menschen schon immer in ihrer Historie und überall auf der Welt sich versammelten, um gemeinsam ihre Lebensumstände und die Verhältnisse in ihrem Wohnort zu verbessern". Deshalb sei Comprehensive Community Development auch für Menschen in Deutschland, Europa, überall auf der Welt ein hilfreiches Werkzeug. "Eine Partnerschaft mit den Deutschen wäre für uns hochinteressant", setzt Capraro fort, "weil deren Arbeit für uns wie ein Spiegel wäre", ähnlich wie beim Kollegen-Coaching, und möglicherweise neue Wege der Weiterentwicklung der Partizipations-Methode öffnet. Auch das ein wichtiges Merkmal des Comprehensive Community Development: Es ist evolutionär offen.
Deutscher Parteienstaat bremst Partizipation
Das alles sieht Franz-Peter Mau aus Bremen grundsätzlich auch so. Er ist Amerikanist, hat in den USA als Community Organizer gearbeitet und begleitete den Info-Abend als einfühlsamer Dolmetscher und intimer Kenner beider Welten. Mau ist der Geschäftsführer eines Vereins, der sich für die Umwelt einsetzt. Er kann sich gut vorstellen, Comprehensive Community Development in seiner Organisation bekannt zu machen, um Umweltthemen damit anzusprechen, mehr Mitglieder zu gewinnen und die Bekanntheit zu steigern. Er sieht aber auch die Verwerfungen und Unstimmigkeiten an der Nahtstelle der deutschen und US-amerikanischen Kultur.
Die USA sind sehr religiös und die Kirchengemeinden stellen Heerscharen vieler partizipationswilliger Menschen bereit, sagt er. In Deutschland dagegen seien die Kirchen leer. "Außerdem sind wir ein Parteienstaat", gibt er zu bedenken. "Klopf doch mal mit einem Umweltthema an die Tür deines Nachbarn, der fragt dich doch gleich, warum du damit nicht zu den Grünen gehst." Außerdem, ein die Bürger mobilisierendes Programm, welches nicht von Professor Schnitzelhuber abgesegnet worden sei und auch nicht von einer Behörde unterstützt werde, habe für viele nicht die notwendige Autorität, ergänzt er.
Ermächtigung durch "Start-of-Pipe"-Debatten
Das ist der Punkt. In Deutschland aktiviert der Staat, er hat die Programme Soziale Stadt und Quartiersmanagement erfunden und stellt Geld dafür parat. Das steckt ganz tief in den Köpfen der Menschen, weshalb echte Partizipation sich auch so schwer tut, bei staatlichen und kommunalen Leitstellen wie bei den Bürgern. Aus diesem Grunde sind "End of Pipe"-Debatten so verbreitet, beklagt der Wissenschaftsjournalist Hanns-J. Neubert: Eine von der Bürokratie vorbereitete Entscheidung wird von den Bürgern abgenickt; für eine wahrhaftige Demokratie und Partizipation sei aber die "Start of Pipe"-Debatte erforderlich: Alles ist von Anfang an offen und der Bürger hat ein direktes Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht.
Das ist in den USA anders, wo die Bürger, in der Tradition der Pilgerväter, die in Europa erfahrene Bevormundung durch den Staat nicht wieder neu aufleben lassen wollen. Deshalb hat der US-Amerikaner ein tiefes Misstrauen gegenüber allem Staatlichen und hilft sich lieber selber, wie Tocqueville bei seiner Studienreise durch die USA anno 1831 bekundete. Und das ist bis heute so geblieben.
"Politik ist bankrott": Comprehensive Community Development zeigt Auswege
Aber vielleicht ist ja auch das alles schon graue Theorie, Schnee von gestern - die Globalisierung ebnet die Gegensätze ein, auch bei der Partizipation. Darauf jedenfalls lassen Aussagen der Teilnehmer des Partizipations-Trainings schließen. Eine Teilnehmerin gründete vor 30 Jahren eine Selbsthilfegruppe, die derzeit ein wenig lahmt. Bereits beim ersten Mittagessen berichtete sie, dass sie mit dem Wissen des Vormittags sich sofort an die Umsetzung machen und ihrer Arbeit damit neuen Schwung geben könnte. Der eingangs vorgestellte Gerolf Bender beschreibt seinen Wissensgewinn so:
"Ich nehme wahr, dass wir Menschen - Bürger - in Zukunft immer mehr gemeinschaftlich in die Hand nehmen müssen; unser politisches System und der Auswahlmodus der Verantwortungsträger ist weitgehend bankrott. Dazu erhoffte ich mir Anregungen und Erfahrungen, auch erprobte Prozesse und Strukturen. Das habe ich bekommen."
Reporteur: Wolfgang C. Goede, Mitinitiator der Veranstaltung
Fotos: Florian Huber / Netzwerk Gemeinsinn e.V.
Links zu Comprehensive Community Development in Deutschland und den USA:
"Frische Impulse und Visionen für die Stadtteilarbeit"
"Aufruhr in der Stadt: Einführung in das Comprehensive Community Development - eine Europa-Premiere"
Jim Capraro: Neue Lebensqualität für unsere Staedte mit Comprehensive Community Development / Interview
Comprehensive Community Development - Neue Wege zur Integration & Transformation / Hintergrund, Philosophie & Methodik
Institute for Comprehensive Community Development: http://www.instituteccd.org
Best Practice
http://www.instituteccd.org/case-studies/2465
Training Material
http://www.instituteccd.org/library/category/230
Organizer's Workbook / GreatIndyNeighborhoods
http://www.inrc.org/Assets/docs/workbook/inrc_book_web.pdf
How To Create A Great Indy Neighborhood
http://neighborpowerindy.org/uploads/qol/gini_planning_handbook.pdf
Die Veranstaltung in den Medien:
"Umsetzen, umsetzen, umsetzen" - the American perspective
http://www.instituteccd.org/news/3164
Implement, implement, implement! - the German perspective
http://www.instituteccd.org/news/3273
An international cultural exchange 'at eye level'
http://www.instituteccd.org/news/3283
Speed-Daten Sie doch mal Ihren Nachbarn!
Der Dorfbote, Olympiadorf München, Nr. 89, Oktober 2011
http://www.eig-olympiadorf.de/html/dorfbote.html
"Der ASF-Freiwilligendienst hat viele von uns nachhaltig geprägt"
Zeichen / Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Nr. 4 Winter 2011
https://www.asf-ev.de/de/meta/publikationen-webshop/zeitschrift-zeichen.html
Literatur:
Roth, Roland: Bürgermacht. Eine Streitschrift für mehr Partizipation. edition Körber Stiftung, Hamburg 2011
Das aktuelle Buch, Wasser auf die Mühlen des Comprehensive Community Development und der Partizipation: Mehr denn je engagieren sich Bürgerinnen und Bürger in Initiativen und Projekten, stellt der Sozialwissenschaftler Roland Roth fest. Damit ist viel gewonnen, aber lange nicht genug. Das Prinzip der repräsentativen Demokratie stößt an seine Grenzen, nötig ist eine strukturelle Aufwertung der Partizipation. Die Bürger müssen selbstbewusst neue Wege der Mitgestaltung einfordern.
Herriger, Norbert: Empowerment in der sozialen Arbeit. Kohlhammer, Stuttgart 2002
Dieses Buch ist das deutsche Äquivalent zu Saul Alinsky's "Rules for radicals", nur undogmatischer, umfassender, anders. Es ist der deutsche Klassiker in Sachen "Ermächtigung". Herrigers Appell, sich zum "Regisseur seiner eigenen Biografie" zu machen, ist eindringlich, zeitlos, unerreicht.
Westgate, Michael: Gale Force. The Battles For Disclosure and Community Reinvestment. Harvard Bookstore, Cambridge, Mass. 2011
Auch dies ein aktuelles Buch, noch druckwarm: Es stellt Gale Cincotta vor, eine verstorbene US-amerikanische Bürgeraktivistin, die erfolgreich gegen die Banken vorging. Sie und ihr Mitstreiter, Shel Trapp, zwangen die Geldinstitute durch US-weites Community Organizing, einen Teil ihrer Gewinne in Nicht-Mittelklasse-Stadtteile zu investieren und sie vor dem Niedergang zu bewahren. Das Thema ist angesichts der Bankenkrise und den "Occupy (Wall Street)"-Demonstrationen in New York und Frankfurt/Bankfurt brandaktuell (taz: "Ein Hauch von Tahrir-Platz ..."). Jim Capraro arbeitete mit Cincotta und Trapp, bevor er ins Community Development ging. Das viele Zeitzeugen befragende Buch verdeutlicht, wie Community Organizing funktioniert und macht den Unterschied zum Comprehensive Community Development klar.
Gannett, Robert T., Jr: Tocqueville Unveiled. The University of Chicago Press, Chicago 2003
Der Autor hat lange Zeit als Community Organizer in Chicago gearbeitet und sich dann einen akademischen Traum erfüllt: eine Dissertation über Alexis de Tocqueville, dessen Amerikabild uns bis heute prägt. Der bezog seine Kraft aus der Französischen Revolution, die Wiege der modernen Demokratie und Mutter aller Formen der PARTIZIPATION!
Der CCD-Prozess in fünf abschließenden Bildern:
Initiierung
Verdichtung
Visionierung
Fein-Tuning
Rollout
und in allen Phasen stets:
Umsetzen, Umsetzen, Umsetzen!
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