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Mitsprache der Bürger in der Wissenschaft Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang C. Goede   
Sonntag, 13. März 2011

-uncle_sam_sd08vote-kopie1.jpgAm 28.3. beim Regionaltreffen des Netzwerk Gemeinsinn in München hat das wissenschaftliche Debatten-Format neue Wege aufgezeigt. Wer kontrolliert die Wissenschaft? Wie werden wir als Bürger wieder in der Lage sein zu verstehen und mitzuentscheiden, welche Richtung Wissenschaftsdebatten nehmen? Den Bericht zur Veranstaltung finden Sie unter WIE.

 

WAS

Demokratie besteht nicht nur aus Urnengängen und der Verankerung der berühmten „Checks and Balances" auf den verschiedenen Ebenen der Gesellschaft. Beides, hohe Wahlbeteiligung und Kontrolle der Menschen in Machtpositionen, ist essenziell für eine freiheitliche Gesellschaft, in der die Selbstbestimmung ein hohes Gut ist. Wer aber kontrolliert die Wissenschaft? Die Politik? Weit gefehlt, die nickt meistens nur ab! Der Bürger? Noch weniger, der versteht meist schon gar nicht das Wissenschaftsdeutsch!

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Die „German Science Debate 2009" wurde zum 80. Geburtstag der Journalisten-Vereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik TELI e.V. ausgerufen und begleitete den Bundestagswahlkampf im Herbst 2009. „Deutschland stellt die W-Frage" - das Konzept wurde schnell von den Medien aufgegriffen und verbreitet. Die Debatte wurde online geführt und befragte Experten in Wissenschaft, Politik sowie Zivilgesellschaft über Probleme in der deutschen Forschungslandschaft.

Einige der Ergebnisse: Mit 2,5 Prozent liege der Bundesforschungsetat immer noch unter der EU-Empfehlung, die Energieforschung müsse sich mehr an Nachhaltigkeit orientieren und etwa Erdwärme fördern, Vorsicht bei umstrittenen Forschungsfeldern wie Stammzellen und Nano-Technologie, das Fachchinesisch der Wissenschaft müsse einem dialogisch-partizipativen Format weichen.

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Während des Kanzlerduells erwähnten beide Kontrahenten, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, die Begriffe ‚Forschung' und ‚Bildung' so gut wie gar nicht. Das Ergebnis davon erleben wir derzeit: Wissenschaft, Forschung und Technologie spielen in dieser Legislaturperiode kaum eine Rolle. Deshalb ist eine Wissenschaftsdebatte auf allen Ebenen der Gesellschaft, real und virtuell, nötig - besonders auch wieder zu den Bundestagswahlen 2013!

Grundlage der Debatte, während der Gründung und in Zukunft, ist die „Scientific Citizenship": die wissenschaftliche Bürgerschaft. Im wissenschaftlich-forscherischen Prozess fallen dem Wähler, Steuerzahler und Verbraucher eine Schlüsselrolle zu. Als jemand, der die Forschung finanziert und der mit dessen Ergebnissen leben muss, sollte der Bürger über die Projekte mitentscheiden dürfen. Nur eine enge Partnerschaft zwischen Laien-Experten und Fach-Experten macht die Forschung „sozial robust". Die Brücke zwischen beiden ist die Debatte.

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Nur: Diese muss eine „Start-of-Pipe-", nicht „End-of-Pipe-Debatte" sein. Bei der Letzteren sind die Rohre bereits verlegt. Die Bürger dürfen nur noch Kommentare beisteuern, die Agenda wird sich dadurch aber nicht verändern (so etwa war Stuttgart 21 gepant). Demokratisch ist das Verfahren allerdings nur, wenn die Bürger mitbestimmen dürfen, wie die Rohre verlegt werden und was aus ihnen herauskommt. Nur dieser Ansatz führt zum wissenschaftlichen Alphabetismus der Bevölkerung.

Jedes Land geht damit anders um, die Grundlagen bleiben aber überall die gleichen, ob in Estland, Italien oder in den USA. Des weiteren werden wir nach praktischen Andockmodulen in den Arbeits- und Lebenswelten der TeilnehmerInnen suchen.

Links zur W-Debatte:
http://www.netzwerk-gemeinsinn.net/content/view/526/44/
http://www.teli.de/wissenschaftsdebatte/index.html
http://www.teli.de/wissenschaftsdebatte/pm2009-09.html
http://blogs.pm-magazin.de/openscience/stories/51445/
http://blogs.pm-magazin.de/openscience/stories/41038/

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WER

Zielgruppe

Die Regionaltreffen dienen dem kollegialen fachlichen Austausch unter Methoden-Experten und Interessenten.

Referent

Der Wissenschaftsjournalist, Politologe und Kommunikationswissenschaftler Wolfgang C. Goede stellte das Thema vor. Als TELI-Vorstandsmitglied ist er Mitinitiator dieses Projekts. Der Referent ist Vertreter Deutschlands im Dachverband der europäischen Wissenschaftsjournalisten und Mitbegründer des Weltverbands der Wissenschaftsjournalisten.

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Auf allen internationalen Ebenen wird mit der Wissenschaftsdebatte experimentiert, was dieses Format noch umfassender und facettenreicher macht. Goede hat bereits mehrfach im Netzwerk Gemeinsinn das Thema Community Organizing mitgestaltet und wird es im Spätsommer 2011 um Community Development ergänzen. Beide stärken die Selbstbestimmung des Menschen im politischen Kontext.

Die Wissenschafts-Debatte erweitert dies um den Bereich der Forschung und Technologie. Wie diese zum Allgemeingut wird und der Bürger daran partizipieren kann, darüber hat Goede in seinem Blog „Wissenschaft für alle / Open Science" regelmäßig berichtet.

Gastgeber

09-04-04_mmff_mp_-_085_k.jpgGastgeber ist Netzwerk Gemeinsinn in Person von Dr. Hilmar Sturm, welcher den Abend organisatorisch und moderatorisch gestalten wird. Die Veranstaltung wird unterstützt durch das Ökologische Bildungszentrum als Veranstaltungort:

Englschalkingerstraße 166, 81927 München (10 Minuten zu Fuß von der U4 Arabellapark).

WIE   

Aka-Demokratie oder Aka-Demokratur

dsc06047 (kopie).jpgSo hieß der letzte Montag im Monat März des Netzwerks Gemeinsinn. Es eruierte die Mitsprache der Bürger in der Wissenschaft und stellte das Debatten-Format als einen neuen Weg dar. Der Referent hatte verschiedene Publikationen an die Wand gepinnt, darunter die Titelseite der Bildzeitung vom 28. März: „Grüne strahlen". Tags zuvor hatten die Grünen die Landstagswahlen im konservativen  Baden-Württemberg gewonnen. Der Referent wies darauf hin, dass Naturwissenschaften und wie wir damit umgehen einen zunehmend großen Impakt auf unser Leben haben, der Fortschritt an sich und die wissenschaftlichen Kräfte sowie die Interessen dahinter aber kaum zur Debatte gestellt werden.

Ob der Promotionsskandal  um Guttenberg oder Stuttgart 21, der Atom-Super-Gau in Fukushima, die Revolte in der arabischen Welt (die bis ins europäische Mittelalter der Motor der Wissenschaft war und sich dann unter dem Einfluss des Islam davon verabschiedete, was zum Stillstand führte und heute aufbricht), PISA-Noten  oder Deutschlands Wirtschaftsstandort -- alles hängt von Wissenschaft und Technologie ab. Die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt fordert eine Bürgerpflicht, sich mit Wissenschaft auseinanderzusetzen (nach Marc Dressler in „inspective" www.inspective.de). Dieser ganze Kausal- und Themenkomplex steht hinter der Wissenschaftsdebatte.

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Der Referent erklärte die Pionierrolle US-amerikanischer Wissenschaftsjournalisten bei den US-Wahlen im Jahr 2008 und legte dar, wie die Journalistenvereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik TELI e.V. das Modell für den Bundestagswahlkampf 2009 übernahm. Dafür gewann sie prominente deutsche Forscher, deren Zitate über die Notwendigkeit von Forschung und den Austausch darüber mit den Bürgern auf die Webseite gestellt wurden. Dazu wurden Vertreter der Zivilgesellschaft und der Parteien gewonnen. Parallel dazu kursierte ein Fragebogen bei wichtigen Repräsentanten der Gesellschaft, die diese zu ihrem Verständnis von Forschung befragten. Das zusammen mit den Ergebnissen des TV-Duells zwischen der Bundeskanzerlin und ihrem Herausforderer wurde als Pressemitteilung an die wichtigsten Medien des Landes herausgegeben mit der Überschrift: Wissenschaft kommt in der Politik nicht mehr vor. Das fand ein großes Presseecho und wurde auf einem dem Webauftritt beigeordneten Blog ausführlich diskutiert.

Theoretische Grundlage des Ganzen ist das Galileo-Modell. galileomodel (kopie).jpgTraditionelle Gesellschaft sind pyramidenförmig aufgestellt, darunter auch die Wissenschaft mit dem dafür stehenden Elfenbeinturm. Moderne Gesellschaften und Einrichtungen haben die Form einer flachen Pyramide. In deren Mitte befindet sich, sozusagen als Sonne, der Bürger und die Zivilgesellschaft, die gesellschaftlichen Institutionen kreisen darum wie die Planeten um die Sonne. Auf der ESOF-Konferenz 2010 in Turin wurde das TELI-Debattenmodell vom Verband der europäischen Wissenschaftsjournalisten EUSJA in ganz Europa eingeführt. Die Wissenschaftsdebatte fand bisher in Italien und Estland statt, für die europäischen Wahlen im Jahr 2012 ist eine Initiative in den meisten Ländern Europas geplant. Die EU hat dafür 43 Millionen Euro bereitgestellt.

Die Aussprache über die Wissenschaftsdebatte, moderiert von Hilmar Sturm und angewürzt mit launigen Zitaten (siehe ganz unten), war lebhaft und erkenntnisreich. Einen wichtigen Punkt brachten Helmut Volkmann und Reinhard Schwarz gleich am Anfang ein: Die Sozialwissenschaften sind ein wichtiger Partner der Naturwissenschaften, weil sie das methodische Gerüst für die Auseinandersetzung liefern, auf einen kurzen Satz gebracht: „Die Sozialwissenschaften sind der Schüssel für unsere Zukunft." In dieser Partnerschaft sei auch die richtige Begrifflichkeit wichtig: Debatte klinge zu sehr nach Kampf und Auseinandersetzung, Dialog sei passender, weil der auf Augenhöhe stattfindet, die Distanz verkürzt und mehr den Austausch betont. Nur dadurch entsteht Neues. Helmut Volkmann verlangte außerdem einen respektierlicheren Umgang der Dialogparter miteinander. Die Fernseh-Talkshows seien abstoßend. Es sei ein Zuhörtraining notwendig sowie die gegenseitige Wertschätzung der Beteiligten.

Hilmar Sturm unterstützte das und wies auf die Notwendigkeit solcher Dialoge und Austauschverfahren hin. „Die Wissenschaft ist unsere neue Religion. Der Glaube an deren Wahrheit muss erschüttert werden."

Katharina Zöller berichtete von ihren Erfahrungen im Deutschen Museum. lemomo science debatte 001 (kopie).jpgDort veranstaltete und moderierte sie Veranstaltungen zum Thema Nanotechnologie und Gentechnik. Mit diesen Themen wurden junge Menschen im Alter von 16 bis 25 Lebensjahren angesprochen, von Schülern, Auszubildenden bis Studenten, die sich damit auseinandersetzen und eine Meinung bilden wollten. Nach den Vorträgen von Experten teilten sie sich in Kleingruppen, in denen sie das Gehörte verdauten und gemeinsame Fragen formulierten. Das waren wichtige Impulse, die die Veranstaltung voranbrachten und zum Lernprozess beitrugen. Dies war auch im Sinne von Reinhard Schwarz: „Lernprozesse lassen sich nicht trichtern, sondern müssen gecoacht und moderiert werden."

Helmut Volkmann regte an, dass Veranstalter von Wissenschaftsdebatten wie die TELI für diesen Prozess Verbündete brauchen, etwa die am Global Marshall Plan Beteiligten. Des weiteren sollte ein neues Generalthema gefunden werden, etwa die Agenda 21, die bis zum Jahr 2015 die Armut auf dem Erdball halbieren wollte. Was steckte dahinter, welche Dramen haben sich bei der Umsetzung abgespielt, was wurde wirklich erreicht, welche Rolle spielten die Eliten? Weiterhin sollte mehr mit diesem Format experimentiert werden, etwa eine Großveranstaltung mit mehreren tausend Teilnehmern und hundert Moderatoren. Wie lässt sich die über die Bühne bringen? Was brennt den Menschen wirklich auf den Nägeln? Wichtig: Das Ganze müsse Kreativ-Spaß versprechen, wie ein gemeinsames Fußballspiel!

Eine Erweiterung dazu schlug Katharina Zöller vor. Drei zufallsgewählte BürgerInnen und drei zufallsgewählte WissenschaftlerInnen begleiten für drei Jahre als Paten alle wichtigen politischen Themen, die zuvor in einem großen Laien-Experten-Kongress (natürlich mit zufällig ausgewählten Teilnehmenden) festgelegt wurden, bis zur Gesetzgebung. Eine parlamentarische Arbeitsgruppe kommuniziert laufend mit den BWs und muss Abweichungen bei der parlamentarischen Beschlussfassung in einer Bundespressekonferenz begründen.

Das Schlusswort kam von Bernadette Raschke. Durch dialogische Verfahren und Bürgerbeteiligung sind in München-Rammersdorf kreative Spielplätze entstanden. Workshops dazu bezogen die Anwohner ein und nahmen deren Vorstellungen auf. Das Verfahren funktioniert also im Prinzip, muss nur auf andere Bereiche ausgeweitet und weiterentwickelt werden, letztlich auch Kinder einbeziehen. Das sei aber erst gelungen, schränkte Reinhard Schwarz ein, wenn ein Kind später sagen kann: Siehst du die schiefe Leiter, die stammt von mir. "Nur mit unseren Kindern zusammen gestalten wir die Zukunft", schloss Helmut Volkmann den LeMoMo des Netzwerks Gemeinsinn im März 2011.

Ausblick

Am 18. November 2011 wird das Thema Wissenschaft am Ökologischen Bildungszentrum ÖBZ zu München, Veranstaltungsort der Veranstaltungen von Netzwerk Gemeinsinn, in Zusammenarbeit mit demselben fortgesetzt. Dr. Ruth Sander, Theaterwissenschaftlerin, veranstaltet eine Aufstellung zum Thema Leben 2.0, Synthetische Biologie, Hype oder Hybris?

http://www.politik-im-raum.de/index.php?id_seite=1186569455

Zitate von Dr. Hilmar Sturm

Es ist in der Tat viel mehr zugunsten der physischen Gewalt des Volkes zu sagen als zugunsten seiner Meinung. Die erstere kann gut und schön sein. Die letzere muß töricht sein. Man hat oft gesagt, mit Gewalt lasse sich nichts beweisen. Das hängt jedoch ganz davon ab, was man beweisen will. Viele der wichtigsten Probleme der paar letzten Jahrhunderte, wie die Frage der Fortdauer des persönlichen Regiments in England oder des Feudalismus in Frankreich, sind ganz und gar vermittels der physischen Gewalt gelöst worden. Gerade die Gewalttätigkeit einer Revolution ist es, die das Volk einen Moment lang großartig und glänzend erscheinen läßt. Es war ein verhängnisvoller Tag, als das Volk entdeckte, daß die Feder mächtiger als der Pflasterstein ist. Nun suchten und fanden sie gleichen den Journalisten, bildeten ihn aus und machten ihn zu ihrem eifrigen und gut bezahlten Diener. Es ist für beide Teile sehr zu bedauern. Hinter der Barrikade kann viel Edles und Heroisches stehen. Aber was steht hinter dem Leitartikel als Vorurteil, Dummheit, Heuchelei und Geschwätz? Und wenn diese vier zusammentreffen, machen sie eine fürchterliche Macht aus und bilden die neue autoritäre Gewalt.

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In früheren Zeiten hatten die Menschen die Folter. Jetzt haben sie die Presse. Gewiß, das ist ein Fortschritt. Aber es ist doch noch sehr schlimm und demoralisierend. [Jemand - war es Burke? - hat den Journalismus den vierten Stand genannt. Das war seinerzeit ohne Frage wahr. Aber in unserer Zeit ist es tatsächlich der einzige Stand. Er hat die andern drei aufgefressen. Der weltliche Adel sagt nichts, die Bischöfe haben nichts zu sagen, und das Haus der Gemeinen hat nichts zu sagen und sagt es. Der Journalismus beherrscht uns. In Amerika ist der Präsident vier Jahre am Regiment, und der Journalismus herrscht für immer und ewig. Zum Glück hat in Amerika der Journalismus seine Herrschaft bis zur äußersten Roheit und Brutalität getrieben. Als natürliche Folge hat er angefangen, einen Geist der Auflehnung hervorzurufen. Man lacht über ihn oder wendet sich mit Ekel ab, je nach dem Temperament. Aber er ist nicht mehr die tatsächliche Macht, die er war. Man nimmt ihn nicht ernst. Bei uns spielt der Journalismus, da er, von einigen bekannten Fällen abgesehen, nicht solche Exzesse der Gemeinheit begangen hat, noch eine große Rolle und ist eine tatsächlich bedeutende Macht. Die Tyrannei, die er über das Privatleben der Menschen ausüben möchte, scheint mir ganz außerordentlich zu sein.] Sie kommt daher, daß das Publikum eine unersättliche Neugier hat, alles zu wissen, es sei denn das Wissenswerte."

Oscar Wilde: Der Sozialismus und die Seele des Menschen. Ein Essay. Deutsch von Gustav Landauer und Hedwig Lachmann. Zürich (Diogenes) 1982, S. 46 - 49 (detebe Klassiker 2003).

Eine freie Gesellschaft ist eine Versammlung reifer Menschen und nicht eine Herde von Schafen, geleitet von einer kleinen Gruppe von Besserwissern. Reife liegt nicht auf den Straßen herum, man muß sie lernen. Man lernt sie nicht in der Schule, zumindest nicht im heutigen Schulbetrieb, wo der Schüler gefälschte Kopien der am wenigsten relevanten Elemente vergangener Entscheidungen kennenlernt, sondern durch aktive Teilnahme an Entscheidungen, die noch ausstehen. Reife ist wichtiger als Spezialwissen und man muß versuchen, sie zu verwirklichen, selbst wenn der Versuch die delikaten Scharaden der Wissenschaftler (der Politiker und anderer Fachleute) stören sollte. Schließlich muß ja entschieden werden, wie spezielle Wissensformen anzuwenden sind, wie weit man ihnen vertrauen kann, wie sie sich zur Gesamtheit der menschlichen Existenz verhalten. [Natürlich glauben die Wissenschaftler, daß es nichts besseres gibt, als die Wissenschaften. Aber die Bürger einer freien Gesellschaft können sich mit einem solchen frommen Glauben nicht zufrieden geben. Teilnahme von Laien an grundlegenden Entscheidungen ist daher geboten, selbst wenn eine solche Teilnahme die Erfolgsrate der Entscheidungen vermindern sollte. ... Außerdem ist es ja gar nicht ausgemacht, daß die Übergabe grundlegender Entscheidungen an Laien die Erfolgsrate der Entscheidungen vermindern wird.]"

Paul Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen. Veränderte Ausgabe. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1980, S. 168/169 (edition suhrkamp 1011, Neue Folge Band 11)

Aus diesem Buch (allerdings vermutlich aus der ersten Ausgabe, denn das Zitat fand ich nur zitiert, nicht im Buch) stammt das schon fast geflügelte Wort:

Es ist kurzsichtig anzunehmen, dass man ‚Lösungen‘ für Menschen hat, an deren Leben man nicht teilnimmt und deren Probleme man nicht kennt."

Feyerabend bezeichnet die Wissenschaft oft als die neue Religion.

Alles in [eckigen Klammern] habe ich nicht vorgelesen. Was habe ich noch in der Einleitung gesagt?

Dass man nicht genau sagen kann, was Wissenschaft ist und was nicht; dass es viele Wissenschaften gibt; dass seit Jahren mit dem Wirtschaftswachstum die Lebensqualität nicht mehr mitwächst (vielleicht sogar sinkt), und dass Ähnliches für den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt gelten könnte. Und dass die eigentliche Frage lautet: „Wie wollen wir in Zukunft leben?", und dass sich daraus dann ergibt, welche Forschung und Wissenschaft wir dafür brauchen.

Als Wirtschaftswissenschaftler würde ich das auch ganz einfach mit dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen begründen.

Weitere wichtige Links:

http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/die-wahrheit-ist-ungefaehrlich/ http://www.sueddeutsche.de/politik/stuttgart-nach-der-wahl-moegliche-exit-strategien-bevor-alles-zu-spaet-ist-1.1078149

Weitere Debatten-Literatur: 
next big bang (kopie).jpgPat Mooney: Next Bang! Wie das riskante Spiel mit Megatechnologien unsere Existenz bedroht. Oekom 2010
  
unheimliche zukunft (kopie).jpgDaniel Cattin: Unheimliche Zukunft. Wie die nächsten 40 Jahre unsere Welt verändern. BOD Norderstedt 2011

  

  

  

  

Kontakt

Inhaltlicher Ansprechpartner:

Wolfgang C. Goede
w.goede@gmx.net

Dr. Hilmar Sturm
sturm@buergergutachten.com

Tags: Partizipation, Teilnahme, Selbstbestimmung, Wissenschaft, Technologie, Scientific Citizenship, Debatte, Wissenschaftsdebatte

 
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