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Bernd Weber ist erfolgreicher Berater in der Entwicklungshilfe und bemüht sich nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti um Aufklärung und gezielte Unterstützung. Wie kann bei einer landesweiten Not von außen am effektivsten geholfen werden? Hier seine Einschätzungen und Informationen zur eigenen Haiti-Notfallhilfe-Aktion.
WAS & WIE
Ich kann so kurzfristig natürlich keinen fundierten Artikel über die Effektivität von Katastrophenhilfe schreiben. Aber wenn ich anfange, mich in eine Aktion zu verwickeln und damit auch in einer Aktion zu entwickeln entstehen relevante Überlegungen, die ich auf Anregung der Chefredaktion, gerne öffentlich mitteile.
Was mich als Entwicklungshelfer momentan am meisten bewegt ist die Frage, aus welchen der bisherigen Erfahrungen und Fehlern wir für zukünftige Katastrophenhilfen lernen können, ohne Fehlschläge selbst nochmal durchleben zu müssen?
Nach dem Erdbeben in Haiti habe ich versucht, gemeinsam mit meiner Familie, meinen
Freunden, (ehemaligen) Arbeitskollegen, meiner Firma und meinen
Netzwerken ein effektives Hilfssystem von außen auf die Füße zu stellen. Hier sind meine 8 Lehren aus bisherigen Hilfeaktionen sowie die Konsequenzen die ich im Fall Haiti daraus gezogen habe.
8 Lehren aus Katastrophenhilfen der Vergangenheit
1. In den ersten Tagen nach der Katastrophe ist auch in Haiti das Spenden von Geld am wichtigsten. Jene, die schon vor Ort sind und dort unmittelbar etwas machen, können das Geld gezielter einsetzen, als viele Organisationen, die die Lage und die Menschen nicht kennen. Sie können zwar allgemein helfen, aber was die Menschen wirklich brauchen, das können nur Insider beurteilen. Viele Katastrophenhilfen sind sich dieser Voraussetzung bewusst, haben aber nicht immer erfahrene und verantwortungsvolle Ansprechpartner vor Ort, die wirklich im Sinne der Bevölkerung denken und handeln.
2. Es ist wichtig, dass Spenden möglichst persönlich ablaufen, also die Geber und Nehmer sich dabei nicht vollkommen anonym sind und zuviele Zwischenprozesse dazwischen liegen. Wird von den Personen vor Ort Kenntnis genommen, können Nothilfe-Spende auch eine moralische Unterstützung sein. Die "dort" spüren, dass sie in Ihren verzweifelten Bemühungen nicht alleine gelassen werden, angesichts der häufig überforderten eigenen Regierung und lokalen Behörden. Sie spüren, dass "dort draussen" konkrete Menschen von ihrer Situation wissen und sich zusammentun, um sie bei diesen Bemühungen zu unterstützen.
3. Spendenaktionen nach Katastrophen werden oft voller Herzensgüte gegeben, lösen aber manchmal unbeabsichtige Sekundärdisaster aus. Soweit noch Selbstbewusstsein und eigene wirtschaftliche Strukturen vorhanden waren, ist oft nach den großen Hilfslieferungen von außen die Mentalität und der Stolz etwas aus eigener Kraft geschafft zu haben am Boden. Hilfe zur Selbsthilfe ist also auch bei massivem Hilfebedarf immer noch die zentrale Devise.
4. Es macht Sinn, Spenden und Hilfslieferungen keinen neugegründeten Wohltätigkeitsorganisationen zu geben, sondern solchen die schon länger in Haiti arbeiten. Vielleicht wurden die neuen gegründet, um an Geld 'für die eigene Tasche' zu kommen, und wer weiss, wie sie in der Praxis funktionieren. Die Hilfsbereitschaft sollte also auf erfahrene Helfer stoßen, die sich vor Ort bewährt haben und wissen, was sie tun.
5. Es wäre ideal dialogisch vorzugehen. Zum einen anfragen, wofür genau Mittel gebraucht werden und dann selbst zu entscheiden, wofür die eigene Spende gewidmet ist. In einem zweiten Schritt sollte man nachfragen können, welche Wirkung die Spende gehabt hat. Aber es braucht Geduld, denn Wirkungsaufbau braucht Zeit.
6. Besser keine Materiallieferungen direkt veranlassen. Die Charity vor Ort weiß genau, was benötigt wird, und wie es dort hinkommt, wo es benötigt wird. Manche Hilfslieferungen gehen sonst ins Leere, werden nicht weitertransportiert etc. Auch selbst vor Ort zu kommen, ohne eine entsprechende Ausbildung, ist nicht ratsam.
7. Auch bei email-Spenden Aktionen, selbst wenn scheinbar namhafte Organisationen dahinter stehen, wird manchmal betrügerisch vorgegangen. Am Besten ist es, wenn man die Organisation bzw. die Organisatoren kennt, bzw. eigene Kontakte für ihre Zuverlässigkeit bürgen. Spenden hat viel mit Vertrauen zu tun.
8. Wenn keine direkteren Kontakte bestehen und man dennoch sprenden möchte, informiert man sich am besten über das Internet und die entsprechenden Webseiten. Dort wird mehr oder weniger klar, wie gut die Einrichtung aufgebaut ist, wieviel Erfahrung und Kontakte vor Ort vorhanden sind und mit welchem System Spenden weitergegeben werden.
Unser Beispiel in Haiti
Wie setzen wir diese Lehren in unserer Nothilfeaktion für Haiti nun um?
Zu 1: Ich als Einzelperson bin schon Jahrzehnte weltweit in der Entwicklungshilfe-Szene unterwegs und kenne viele Kollegen, von denen einer, John Engle (vgl. Bilder) die NGO Change-for-Haiti-Partners aufgebaut hat und mit dieser eine ganze Reihe von Grundschulen als "Partnerschulen" unterstützt. Um den Ball ins Rollen zu bringen, begann ich mit einem Spendenaufruf in meiner unmittelbaren sozialen Umgebung (ich rief mich selber auf, dann meine Frau, dann meine Familie, Arbeitskollegen etc.) in konzentrischen Kreisen. Ich habe dabei immer versucht, über meine Kontakte an solide Informationen heranzukommen, die passende Spendenorganisation zu finden und diese Informationen dann zu verbreiten.
Anfangs waren es gute Spenden-Vermittlungsorganisationen (z.B. Avaaz), um den Leuten die ich ansprach eine Wahl zu geben. Aber je klarer unser Projekt wurde, desto mehr bewerbe ich nur mehr den Nothilfefond von partners-for-change. Das von mir aktivierte konzentrische Netzwerk von Familie, Freunden, Arbeitkollegen, Egroup, CFAN etc. ist inzwischen die sich aufbauende Spenden-Aufruforganisation. Ich habe dafür Informationen und Weblinks der Mittler vor Ort verbreitet, sodaß sich die Leute ihre Inforamtionen übers Netz selbst anschauen können.
Zu 2: Der Einsatz von Medien und Internetplattformen wie YouTube machen es möglich, auch potenziellen SpenderInnen die Situation vor Ort und die Menschen, welche als Helfer bzw. Mittler der Spende auftreten, persönlich nahezubringen. Im vorliegenden Fall gab es zwar Infrastruktur-Probleme (Suche nach funktionierender Internetverbindung) aber es gab täglich zahlreiche authentische Videos, in denen man sehen konnte, was abläuft und wofür was gebraucht wird.
Zu 3 + 4: Durch meine Kontakte unterstützen wir eine Organisation die schon jahrelang in Haiti arbeitet. In der Zusammenarbeit mit Partnerschulen hat sie die Grundbildung vor Ort verbessert und durch die Verbreitung von "Circles of Reflection" bei LehrerInnen- und ModeratorInnen-Ausbildungen auch wichtige Impulse zur Demokratisierung gesetzt.
Hier ist Vertrauen in die erfahrene Kompetenz, die Kontakte zur Bevölkerung und die Zuverlässigkeit (zum Wohle der Bevölkerung zu arbeiten) gewachsen.
Zu 5: Die Spenden die von mir, meiner Familie, Freunden und Kollegen eingehen, sind drei genau definierten Zielen gewidmet:
- kurzfristig für die Verteilung von Essen und Wasser
- mittelfristig für die Schaffung von geschützen Lernräumen, damit die Kinder inmitten des Chaos nicht mit dem Lernen aufhören müssen, und eine Form des sozialen Zusammenhalts aufrecht erhalten wird (einige davon sind Waisen geworden)
- langfristig für die Rekonstruktion von erdbebensicheren Schulgebäuden
Hierzu erwarten wir in zumutbarer Zeit Berichte über die Verwendung zu bekommen und werden auch darauf drängen und weitere Mittel davon abhängig machen.
Zu 6.: Wir rufen zu Geldspenden auf und nicht zu Materialspenden.
Zu 7: Wir verwenden E-mails und andere Netzmedien zum Spendenaufruf, aber nur bei Leuten, die uns schon kennen.
Zu 8: Wir liefern zu unseren Spendenaufrufen und aktuellen Berichten immer auch Links zu Webseiten und Web-Videos, die es den SpenderInnen erlauben, sich näher zu informieren.
Die 8 Leitsätze orientieren sich übrigens vorwiegend an dem aktuellen Text "Responding to Disasters - Haiti Earthquake January 2010 - A Resource Sheet for Emergency Managers in Higher Education" der auch weiterführende Ressourcen enthält. Ich danke der Disaster Risk Reduction Spezialistin Marla Petal für die Zusendung des Textes und schicke ihn Interessierten gerne weiter.
Weitere Artikel zur "Entwidklungszusammenarbeit" auf diesem Webportal:
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Wir und unser Haiti Nothilfeprojekt
Die drei Säulen Learning-Earning-Serving - also miteinander lernen, Geld verdienen und dienen, unterstützen bzw. Gutes tun - das verbindet uns in unserem Netzwerk CFAN Change Facilitation Associates Network und in unserer globalen Beratungsfirma CF Change Facilitation s.r.o.
Das Haiti Nothilfeprojekt ist Ausdruck unserer dritten Säule. Kurzfristig unterstützen wir in Haiti die "Change-for-Haiti-Partners". Mittelfristig geht es darüber hinaus um die Zusammenarbeit mit Global Facilitators, einem Netzwerk, das Mentoring, Methoden und Materialien für Gemeinschaften zur Verfügung stellt, um ihre Widerstandskraft in Zeiten von Krisen und Veränderungen zu erhöhen. Die Globalfacilitators haben gegenwärtig auch Personal in der Dominikanischen Republik, wo mit haitianischen Studenten gearbeitet wird. Ein Einsatz in Haiti nach Abklingen der Notsituation und des gegenwärtigen Chaos wird vorbereitet und das Material ins Kreolische übersetzt.
Zu dem Zeitpunkt, wo Sie diesen Text lesen ist die kurzfristige Nothilfe durch Change-for-Haiti-Partners möglicherweise schon geleistet, aber sie benötigen weiterhin dringend Spenden. Auf Ihrer Webseite gibt es die Möglichkeit für den Earthquake Response Fund direkt zu spenden.
Bernd Weber
Vom Beruf ursprünglich Lehrer, bin ich inzwischen Trainer, Organisationsentwickler und Change Facilitator aus Österreich. Ich arbeite seit langem vor allem in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, habe 15 Jahre als Lang- und Kurzzeitexperte in Afrika verbracht und arbeite seit 3 Jahren vorwiegend in Sri Lanka.
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Bildnachweis:
1. Menschen mit ihren Habseligkeiten in Port-au-Prince Keystone (CH-Tagblatt 17.01.2010)
2 bis 4: Ausschnitte aus Dokumentarvideos auf YouTube bei "www.youtube.com/user/englejohnny" 18.01.2010
Redaktionelle Unterstützung:
Wolfgang Fänderl
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Der Opfer gedenken und helfen
Geschrieben von: Christian Merten () am 21-01-2010 10:57