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Web 2.0, Vernetzung, Social Media
– das Soziale erobert die Welt von IT und Internet. Im Interview
des Microsoft Executive Circle 01-2010 spricht Sozialwissenschaftler Wolfgang Fänderl über die Motivation gegenseitiger Vernetzung, ihren Mehrwert für
Menschen und Institutionen und gibt griffige Tipps zu ihrer Einschätzung und
Förderung.
Executive Circle: Alle reden vom "Networking". Was zeichnet eigentlich das Vernetzen untereinander aus?
Fänderl: Während Networking nach Arbeit klingt, spreche ich als Vernetzungsberater
lieber von NetLiving, da Vernetzung zum Leben ganz selbstverständlich dazu
gehört. Zum einen sind wir Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen, Interessen
und Eigenschaften. Zum anderen übernehmen wir Rollen in Familien, Unternehmen,
Vereinen etc. Und nicht zuletzt sind wir Teile von Gemeinschaften in der realen
wie virtuellen Welt.
Dieses vielschichtige, sich ständig verändernde Beziehungsgefüge zu
verstehen, in Balance zu bringen und für eigene Belange zu nutzen, ist nicht
nur Ziel jedes Menschen, sondern auch jeder Institution und Gesellschaft. Bei
der Optimierung von Vernetzungsprozessen geht es um Wertschätzung,
Wertentwicklung und Wertschöpfung. Es geht um Mehrwert auf allen
Vernetzungsebenen - persönlich, institutionell wie gesellschaftlich. Wir
sprechen in der Wissenschaft auch vom „Triple-Win-Effekt“, wenn die Potenziale
dieser Vernetzungsebenen synergetisch zusammengebracht werden. „Das Ganze ist
mehr als die Summe seiner Teile“ – meinte schon Aristoteles, und mathematisch
ausgedrückt entsteht die folgende Formel:
11 + 11 + 11 < (1 + 1 + 1) 1+1+1
Executive Circle: Wenn wir im beruflichen Kontext bleiben, was motiviert Menschen zum
Networking und was hält sie davon ab?
Fänderl: Je nach Umfeld und Entwicklungsstand haben wir persönliche Prioritäten:
Existenzsicherung, Anerkennung, Weiterentwicklung, Einflussnahme,
Selbstverwirklichung … Letztlich ist Zusammenarbeit ein soziales Grundbedürfnis
und Arbeitsteilung im Rahmen von Organisationen und freier Marktwirtschaft ein
herausragender Entwicklungsmotor der Menschheit. Je freiwilliger und lustvoller
wir unsere Schaffenskraft, Fähigkeiten und Beziehungsqualitäten einbringen
können, desto besser für uns und andere. Werden wir durch zu enge
Aufgabenbeschreibungen, zu hohe Zielvorgaben oder unsinnige
Controlling-Mechanismen davon abgehalten, kommt es zu Reibungsverlusten – bis
hin zur inneren Kündigung und bewussten Schädigung der eigenen Organisation
bzw. des Marktes an sich. Bei der Zusammenarbeit von Teams oder Firmen gibt es
ganz ähnliche Phänomene, die wir dann häufig als Kooperationsbereitschaft
umschreiben.
Executive Circle: Können Sie dieses Phänomen ebenfalls auf eine einfache Formel bringen?
Fänderl: In einem Forschungsprojekt der Universität München zur methodischen
Förderung von Beteiligung, Vernetzung und freiwilligem Engagement haben wir zur
Veranschaulichung eine Formel mit den sechs deutschen Modalverben entwickelt.
Wir unterscheiden dabei Hilfsverben die von innen motiviert, selbstbestimmt und
sinnorientiert sind und stellen ihnen jene gegenüber, die von außen motiviert,
fremdbestimmt und zweckorientiert sind. Eine Motivationsformel macht daraus
einen Quotienten mit Können + Mögen + Wollen im Zähler und Müssen + Dürfen +
Sollen im Nenner.
Sprechen wir von freiwilliger Zusammenarbeit, Kooperationsbereitschaft
oder Gemeinsinn, zeigt diese „Motivationsformel“, dass das Einbringen von
Fähigkeiten, Bedürfnissen und Perspektiven mehr zählt als das Einfordern von
Regeln, Zugeständnissen und Vorgaben.
Executive Circle: Sie haben sich in Ihrer Forschung intensiv mit Gemeinsinn auseinandergesetzt.
Was ist Gemeinsinn und was hat er mit der Vernetzung von Menschen zu tun?
Fänderl: Zunächst ist wichtig zu wissen, dass Gemeinsinn und Eigensinn zusammengehören
wie zwei Seiten einer Medaille. Egoismus und Altruismus sind psychologisch
gesehen Extremformen, welche letztlich weder dem Einzelnen noch der
Gemeinschaft Mehrwert verschaffen. Gemeinsinn ist in unserer global vernetzten
Welt letztlich auch der ultimative Gradmesser für eine gut gelaufene
Vernetzung: Wurde durch eine Kooperation mehr Schaden oder mehr Nutzen für die
Gemeinschaft und ihre Zukunft erzielt?
Mehrwert bei freiwilliger Kooperation entsteht, wenn die Partner
voneinander lernen können, miteinander gestalten mögen und sich füreinander
einsetzen wollen.
Nehmen wir das Beispiel einer Seilschaft in den Bergen: Alle
Beteiligten wollen im Laufe eines Tages die Bergspitze erreichen und gesund
wieder im Tal ankommen. In der Gruppe gibt es genügend Ausdauer, Know-how und
Geräte, um den Weg gehen zu können. Und schließlich ist jeder bereit, sich für
die anderen in der Seilschaft einzusetzen, wenn sie etwas aus eigener Kraft
nicht schaffen. Der Unterschied einer gemeinsinnigen zu einer eigennützigen Seilschaft
besteht darin, dass sie bereit ist, auch anderen Seilschaften zur Seite zu
stehen, wenn Hilfe benötigt wird. Dadurch entsteht langfristig eine Kultur des
„gegenseitigen Helfens unter Seilschaften“.
Soziales Bewusstsein, soziale Kompetenzen und soziales Engagement sind
bei nachhaltiger gruppenübergreifender Vernetzung Voraussetzung beziehungsweise
auf dem Weg zu entwickeln. Vernetzungsberatung kann dabei tatkräftig zur Seite
stehen, so wie ein Bergführer.
Executive Circle: Haben Sie ein Beispiel für Vernetzungsarbeit, die etwas bewegt hat?
Fänderl: Paradebeispiel des Jahres 2008 ist der Wahlkampf, den Barack Obama in
den USA geführt hat. Vom unbekannten Hinterbänkler ist er mit seiner authentischen
Haltung, viel Ausdauer, hoher Kooperationsbereitschaft und effektiven Vernetzungsmethoden
zum US-Präsidenten gewählt worden. Vieles davon war der allgmeinen Sehnsucht
nach Veränderung zu verdanken, die in seinem optimistischen Schlachtruf
gipfelte: „Change – yes we can“.
Doch Obama ist auch methodisch erfahrender Community Organizer gewesen
und hat sich mit innovativen Kampagnen-Managern zusammengetan. Während seines
Wahlkampfs ist er aktiv auf Menschen zugegangen, hat ihnen zugehört, Visionen
geschaffen, Selbstorganisation gefördert und mit einfachen Mitteln – u.a. neuen
Kommunikationsplattformen - die Kräfte wieder gebündelt und damit Identifikation
mit seinen politischen Positionen geschaffen. Nun muss sich sein Talent in den
realen Strukturen der Regierungsarbeit bewähren, was kooperative Verhandlungsstrategien
und Vernetzungsmethoden fordert, die er mit seiner Regierungsmannschaft – z.T.
ehemalige Konkurrenten - derzeit nutzt und weiterentwickelt.
Bewegende Vernetzungserfolge lassen sich aber auch im
Unternehmensbereich finden, insb. wenn Organisationen über den Tellerrand
hinausschauen und mit gleichen oder unterschiedlichen Partnern zusammenarbeiten.
Cross-Marketing, Netzwerk-Cluster oder Public-Private-Partnership-Projekte mit
komplexen Herausforderungen, sind Beispiele dafür, dass es mehr braucht als
klassisches Projektmanagement und Faktor Zufall. Hier muss tatsächlich
rechtzeitig und nachhaltig mit systemischem Blick beraten und begleitet werden.
Executive Circle: Wie lässt sich Vernetzungs-Know-how für Projekte und Projektteams
nutzen?
Fänderl: Die Erkenntnisse aus unserem Forschungs- und Entwicklungsprojekt sind
in ein gruppenübergreifendes Projektverfahren eingeflossen, das sich „Gemeinsinn-Werkstatt“
nennt und auch international anerkannt ist. Freiwillige Beteiligung, Vernetzung
und Kooperation wurden bei diesem Verfahren konzeptionell fundiert. Spezifische
Projektmanagement-Tools wurden in einem Online-Baukasten open-source zusammengestellt.
Und auch für meine Arbeit als Vernetzungsberater lassen sich viele der
Grundregeln und Hinweise für gesellschaftliche Zusammenarbeit, wie die Triple-Win-
oder Motivationsformel, auf das interne und externe Networking übertragen. Ich
unterstütze mit einem Begleitnetzwerk solche Prozesse durch Beratungen, Fortbildungen
und Veröffentlichungen. Außerdem helfe ich bei Konzeption und Durchführung interaktiver
Veranstaltungen. Dabei erleben Beteiligte ganz praktisch voneinander zu lernen,
miteinander zu gestalten und sich füreinander einzusetzen.
Weiterführende Informationen
Vernetzungsberatung Wolfgang Fänderl
http://www.vernetzungsberatung.de
Baukasten Gemeinsinn-Werkstatt
http://baukasten.gemeinsinn-werkstatt.de
Der Artikel erschien unter:
http://www.microsoft.com/germany
Kontakt
Christian Merten
Freier Redakteur
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