Geschrieben von Dr. Walter Häcker und Doris Knaier
Samstag, 26. September 2009
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Ein Gutachten für das Bayerische Sozialministerium im Juni 2008 kommt zu eindeutigen Aussagen, welcher Mehrwert durch Bürgerschaftliches Engagement zu erwarten ist: jeder eingesetzte Euro bringt 6 bis 7 € Wertschöpfung. Darüber hinaus wird in einer Nutzwertanalyse ermittelt, welche qualitativen Verbesserungen von Rahmenbedingungen Bürgerschaftliches Engagement sowohl sozial wirksamer wie auch für Engagierte attraktiver machen. Hier ein Kurzfassung der Ergebnisse von zwei Gutachtern.
WAS
Bürgerengagement schafft Mehrwert
Bürgerschaftliches Engagement
schafft selbstverständlich auch Geldwert, doch begründen Menschen den Wert
ihrer freiwilligen Arbeit, ihres Engagements ganz anders: Sie wollen
gesellschaftliche Werte nach ihren Vorstellungen fördern. Sie engagieren sich
besonders gerne, wenn sie damit etwas für andere oder die Allgemeinheit
schaffen können - etwas, das es ohne ihre Mitarbeit so nicht gäbe.
Den Blick gleichermaßen auf den ökonomischen Nutzen wie auch die sozialen
Wirkungen zu richten, war der Auftrag des Gutachtens. Die Ergebnisse zeigen
gute Gründe und Möglichkeiten auf, Bürgerschaftliches Engagement noch attraktiver
zu gestalten.
Die Bereitschaft zur Mitarbeit steigt, wenn die Engagierten der Überzeugung
sind, dass ihr Einsatz den Nutznießer (Menschen, Kultur, Natur...) wirklich nützt
und auch, wenn der besondere Charakter des freiwilligen Engagements gewahrt
bleibt. Sie wollen ihre Fähigkeiten einsetzen können und selbst beim Engagement
Kompetenzen und Bedeutung gewinnen.
Sie legen Wert darauf, dass das Engagement
gut mit ihrem Leben zu verbinden ist und, dass diese Arbeit von einer
Institution oder der Kommune unterstützt und anerkannt wird. In den von uns
untersuchten Bereichen achten die Engagierten genau darauf, ob die „nötigen
Mittel" von den zuständigen öffentlichen Händen bereit gestellt werden. Diese
hingegen können sich darauf verlassen, dass jeder Euro der dafür eingesetzten
Mittel eine Wertschöpfung von sechs bis sieben Euro erbringt.
Der Untersuchungsauftrag
Ende 2007 beauftragte das
Bayerische Sozialministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen
die Katholische Stiftungsfachhochschule München damit, ein „Gutachten zum Wert
des Bürgerschaftliche Engagements in Bayern" anzufertigen. Projektleiter war
Professor Dr. Gerhard Kral vom Institut für Fort- und Weiterbildung, Forschung
und Entwicklung der KSFH.
Um die soziale und ökonomische Bedeutung
des Bürgerschaftlichen Engagements zu belegen und auf kommunaler Ebene effektiver fördern zu können,
war es dem Ministerium wichtig, ein aussagekräftiges Bild darüber zu gewinnen,
welche Werte - ökonomische und soziale - durch
die freiwillig engagierten Bürgerinnen und Bürger geschaffen werden.
Die ausgewählten Untersuchungsgebiete unterscheiden sich stark: der ehemals
sehr ländliche, grenznahe, derzeit wirtschaftlich aufstrebende Landkreis
Cham/Oberpfalz und die Universitätsstadt Würzburg. Cham, wie auch Würzburg, haben
eine vergleichsweise gut entwickelte, kommunale Unterstützungsstruktur
Bürgerschaftlichen Engagements.
Die zu
untersuchenden Bereiche des Engagements waren
Andere ebenso wichtige Felder von Engagement wie z.B. die
Kirchen oder der Sport waren nur insofern einbezogen, als doppelt Engagierte
Erfahrungen aus diesen Bereichen mit einbrachten. Den ausgewählten sieben
Feldern ist gemeinsam, dass sie nahe an kommunalen Pflichtaufgaben liegen.
WIE
Die Kosten-Nutzen-Analyse
Die Zahlen zur Ermittlung der Kosten und des Nutzens wurden
mittels Fragebogen erhoben. Der Rücklauf lag, je nach Bereich, zwischen 36 und
70 %. Für den Nutzen wurden die in einem Jahr durch bürgerschaftlich Engagierte
in einer Einrichtung durchschnittlich geleisteten Stunden, multipliziert mit
dem Stundenlohn, der für einen hauptamtlichen Mitarbeiter in diesem Bereich bezahlt
würde.
Sofern nicht tarifrechtlich ermittelbar, wurden (wie in anderen
vergleichbaren Studien) acht € pro Stunde angesetzt. Bei Einsatz hauptamtlicher
Kräfte wäre in aller Regel ein höherer Stundensatz zu bezahlen. Um nicht zu
hoch zu rechnen, wurde in der Vergleichsrechnung dennoch dieser niedrige, nur
knapp oberhalb des in der aktuellen Mindestlohndebatte liegende Satz,
verwendet. In der Konsequenz liegt also die unmittelbare monetäre Wertschöpfung
eher höher, als hier angegeben. Um die Wertschöpfung zu erhalten, wurden von
dem ermittelten Wert die Kosten für Aufwendungen (Personal- und Sachkosten für
Koordination, Räume, Verpflegung usw.) abgezogen.
Das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen im Landkreis Cham
und in der Stadt Würzburg ist insgesamt vergleichbar. In einigen Untersuchungsbereichen
- beispielsweise Mütter- und Familienzentren, Selbsthilfe, Migration oder auch
Jugendhilfe - zeigen sich jedoch auffällige Unterschiede. Weitere Untersuchungen
z.B. in Gebieten mit wenig entwickelter Unterstützungsstruktur, mit Bezug auf Bevölkerungs-
und Bedarfszahlen oder unter Berücksichtigung aller Felder des Engagements,
würden sicherlich noch wichtige Einblicke in gegebene Strukturen erlauben.
In einem
zweiten Teil des Fragebogens wurde nach den Folgen des Wegfalls des Engagements
für die Einrichtung, die Zielgruppe, die Stadt/den Landkreis und die
Engagierten selbst gefragt. Ziel war im Umkehrschluss die Bedeutung des
Engagements zu ermessen. Das Ergebnis zeichnet ein düsteres Bild:
Kosten explodieren, weil manche Tätigkeiten von
Hauptamtlichen übernommen werden müssten oder ihr Wegfall erhöhte Aufwendungen
z.B. im Gesundheitsbereich erfordern.
Engagierte integrieren Menschen und setzen sich
öffentlich für Menschen ein, die für sich selbst keine Lobby bilden können.
Ohne Engagement verschwinden diese Menschen aus dem Blickfeld und das soziale
Klima wird kalt und rau.
Die soziale Landschaft verändert sich komplett.
Ohne Engagement fallen Bereiche z.B. die Selbsthilfe oder Teile der sozialen
und pflegerischen Altenarbeit weg.
Die Nutzwertanalyse
Die Methode „Nutzwertanalyse" wird eingesetzt bei vorrangig
qualitativ zu bewertenden Entscheidungsproblemen in der Industrie oder bei
ökologischen Vorhaben. Sie ergänzt die quantitative Evaluation durch
qualitative Kriterien. Die
Nutzwertanalyse ist eine formative Evaluation, bei der die wichtigste Rolle den
Projekt-Teilnehmenden zufällt. Da die Beteiligten die Kriteriengewichtung und
-bewertung im Dialog herbeiführen, erfolgt die Bewertung intersubjektiv. (s.
Abb. 3)
Der konsens-orientierte Dialog liefert hierfür wesentliche Erkenntnisse
und Belege. Unsere Workshops in Cham und Würzburg verbanden die Erstellung
des Gutachtens für die Beteiligten mit einem Lernprozess. So stellte sich neben
den Ergebnissen ein weiterer Nutzen ein: die in der Zusammenarbeit gewonnenen
Erkenntnisse stießen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sofort Verbesserungen
an im Engagement und in der Kooperation.
Die Nutzwertanalyse gewichtet im Konsens aller Beteiligten
Kriterien des Bürgerschaftliches Engagements (Gewichtung) und wie gut diese
erfüllt sind (Bewertung der Zielerreichung). Die Ziffer für die Wichtigkeit
wird multipliziert mit der Ziffer für die Bewertung. Dies ergibt dann den
Nutzwert, der als Maß für die relative Bedeutung des Kriteriums verstanden werden
kann.
Die Nutzwertanalysen wurden in zwei je zweitägigen, moderierten Konferenzen
mit 32 Teilnehmenden in Cham und 48 Teilnehmenden in Würzburg erstellt.
Mitgemacht haben Engagierte und Nutznießer aus den genannten Feldern, Vertreter
von Institutionen, Verwaltung und Politik. Untersucht wurde in beiden
Konferenzen nach den beteiligten Gruppen als Hauptkriterien
Die
Engagierten
Die Nutznießer: Menschen/ Natur/ Kultur
Die Institutionen,
in deren Rahmen das Bürgerschaftliche Engagement angeboten wird
Stadt,
Gemeinde, Landkreis, der Staat
Den konkret ausformulierten Katalog von Haupt-
und Unterkriterien wie auch der Erläuterungen und Beispiele sind unter Internet
(URL s. Anmerkung 1) zugänglich.
Ergebnis der Nutzwertanalyse in Würzburg
Die Grafik zeigt die Ergebnisse in Würzburg:
Die Ergebnisse in Cham weichen nicht grundsätzlich von dien
Ergebnisse aus Würzburg ab. Auch sie können im Internet (s. Anmerkung 1)
eingesehen werden.
Die Grafik zeigt, mit welchem Gewicht im Konsens der
Konferenz die einzelnen Haupt- und Unterkriterien gesehen und wie ihre
Verwirklichung (auf einer Skala von 1-10) bewertet wurden. So war z.B. das
Unterkriterium 2.1 im Hauptkriterium Nutznießer „2.1 Die Nutznießer bekommen im
Ergebnis etwas Gutes" das wichtigste, es ist mit einer Bewertung von 8 (von 10)
noch ausbaufähig im Grad der Zielerreichung. Die Flächendarstellung macht die
einzelnen Nutzwertziffern und ihre Relationen zueinander anschaulich.
Schlussfolgerungen
Warum ist es sinnvoll, in Politik, Verwaltung und
Institutionen Bürgerschaftliches Engagement zu fördern? Welche Maßnahmen
stärken das Engagement tatsächlich?
Mit am wichtigsten (Nutzwert 60,0; s. Hauptkriterium 2 in Abb. 3) waren den
Beteiligten die Fragen nach dem tatsächlichen Ergebnis des Engagements („etwas
Gutes") und der Beziehung zwischen Engagiertem und Nutznießer. Hier liegt der
Kern der Motivation. In den Workshops herrschte die Überzeugung „Wir tun
Gutes", aber auch die Frage „Ist das, was wir gut meinen auch wirklich gut?"
Fortbildungen, Supervision, Unterstützung durch Hauptamtlichen bis hin zur
Krisenintervention sichern, dass gutem Willen auch für die Nutznießer gute
Taten folgen. Die Beziehung zwischen Engagierten und Nutznießern darf nicht zur
Fessel werden, gerade weil die Bereitschaft, mehr zu tun als geplant vorhanden
ist. Engagierte suchen sich gerne ihr Tätigkeitsfeld selbst. Sie lassen sich
sozusagen von der Aufgabe finden. Gesehen wird aber auch die Gefahr der „Quasi-Professionalisierung
ohne Entlohnung". Mit der Bewertung 8 ist die Zielerreichung hoch, doch noch
ausbaufähig.
Fast gleich
gewichtet (Nutzwert 56,3; Hauptkriterium 1) wurde der Nutzen, den die
Engagierten selbst haben wollen: sinnvolle Arbeit machen, die eigenen
Fähigkeiten einsetzen und Kompetenzen gewinnen. Der Wunsch nach persönlichem
Wachstum ist ein wichtiges Motiv zum Engagement. Fortbildungen erweitern die
Kompetenzen, Aufwandsentschädigungen ermöglichen jungen Menschen und materiell
schlecht gestellten Bürgerinnen und Bürgern das Engagement. Die bayerische
Ehrenamtsversicherung wurde in diesem Zusammenhang als ein wichtiger Schritt
gesehen. Die Anrechnung auf die Rente wird gewünscht, steuerliche
Anrechnungsmöglichkeiten sind zu wenig bekannt. Engagement soll sich auch
beruflich lohnen z.B. durch einen Nachweis bei Bewerbungen.
Die Institutionen (Nutzwert 29,5; Hauptkriterium 3) sollen
das Engagement fördern, indem sie es öffentlich darstellen, Vernetzung und
Erfahrungsaustausch im jeweiligen Feld und feldübergreifend im Stadtteil
ermöglichen. Engagierte wollen neben dem zeitlichen Einsatz nicht auch noch
eigene finanzielle Mittel einsetzen müssen. Internetunterstützung, Räume und
Material fördern das Engagement. Hierzu benötigen die Institutionen, in deren
Rahmen das Bürgerschaftliche Engagement angeboten wird, ihrerseits auch
ausreichende öffentliche Förderung wie auch bessere Vertretung nach außen und
in der Öffentlichkeit. Dies alles sind noch sehr ausbaufähig (Bewertung 5 und 4
von 10).
Die unterstützende Rolle der öffentlichen Hände ist (Nutzwert
29,4; Hauptkriterium 4) erfuhr mit die niedrigsten Bewertungen im Grad der
Zielerreichung. Will man eine deutliche Verbesserung des Bürgerschaftlichen
Engagements erreichen hat die Bereitstellung der nötigen Mittel durch die
öffentlichen Hände Priorität. Die Beteiligten forderten wirkliche
Teilhabe, statt nur allgemeine Beteiligung, an politischen Entscheidungen, die
für die Durchführung des Engagements relevant sind.
Ein Ergebnis des Gutachtens ist: effizient organisiertes und
persönlich befriedigendes Engagement zeichnet sich durch sieben Merkmale aus,
die auch in der Arbeitspsychologie als „Kriterien für Gute Arbeit" (s.
Anmerkung 2) genannt werden: Ganzheitlichkeit - Variabilität - Autonomie/Handlungsspielraum
- Soziale Interaktion und Unterstützung - Lern- und Entwicklungspotentiale -
Zeitelastizität und stressfreie Regulierbarkeit - Sinnhaftigkeit.
WER
Walter Häcker ist promovierter
Diplomphysiker, war 15 Jahre lang Leiter der Volkshochschule Schorndorf und ist
seit 20 Jahren freiberuflich als Organisationsentwickler und Moderator im
Bereich des Bürgerschaftliche Engagements tätig. Als 2. Vorsitzender von foco
e.V. vertritt er die Verbreitung des Community Organizing in Deutschland. Er
engagiert sich aktuell international bei der Gründung des ECON (European
Community Organizing Network) und lokal in der Region Stuttgartim
„myself e.V. zur gegenseitigen Förderung am Arbeitsmarkt", der „Stiftung +
Arbeit" und der Zeitarbeitsgenossenschaft „ArbeitZuerst".
E-Mail:
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Doris Knaierist, Master of Social Work
(MSW), Supervisorin (DGSV) und Diplom-Sozialpädagogin (FH). Sie arbeitet seit
10 Jahren freiberuflich als (Lehr-)Supervisorin, Lehrbeauftragte und
Sozialwissenschaftlerin. Sie ist Projektleiterin der InfoTage „Neues Wohnen,
nachbarschaftlich leben" in bayerischen Mittelstädten (2008/2009) und arbeitete
konzeptionell und redaktionell mit am bayerischen Wohnprojekt-Atlas 1. und 2.
Auflage. (2005/2008). Sie arbeitet wissenschaftlich im Bereich Sozialplanung,
gemeinschaftsorientiertes Wohnen/Wohnprojekte und Partizipation - letzeres auch
im Kontext des Vereins Urbanes Wohnen e.V., Forum gemeinschaftlich Wohnen -
Bundesvereinigung e.V. und Kompetenznetzwerk Wohnen.
E-mail siehe http://www.dorisknaier.de
Anmerkungen
1.Die Kurzfassung
(20 Seiten; fertig gestellt Anfang Juni 2008) ist zu finden
unter http://www.stmas.bayern.de/sozialpolitik/ehrenamt/wertgutachten.htm,
die Langfassung (166 S)
bei http://www.wir-fuer-uns.de/landesnetzwerk/gutachten_gkwh.pdf. Weitere, im Text nicht genannte, wissenschaftliche Mitarbeitende am Gutachten
waren als Mit-Projektleiter Prof. Dr. Egon Endres, Christine Ginger, zuständig
für die Kosten-Nutzen-Analyse und Erdenetungalag Byambajav, welche
vergleichende Analysen der untersuchten Gebietskörperschaften beisteuerte.
2.Vergleiche z.B. Ulich, Eberhard: Arbeitspsychologie,
Schäffer-Poeschel 2005