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Mai 03 2009
Ost- und Westdeutsche in Berlin nach dem Mauerfall Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Max Schupbach   
Sonntag, 3. Mai 2009
 

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07-06-25_group_south_africa.jpgMax Schupbach, geborener Schweizer und Wahlamerikaner beschreibt aus seiner integrativen Sicht als Prozessmoderator seine Erfahrungen mit dem Ossis-Wessis-Phänomen in Deutschland, während eines Seminars 2004. Gerade passend zum 20. Jahrestags des Mauerfalls 1989. Zum Schluss noch ein Hinweis zu aktuellen Vorhaben 2009.

WAS

Einführung: Hintergrund und persönliche Geschichte

Im November 1989 gab ich ein öffentliches Prozeßarbeits-Seminar in Berlin. Ich hatte mich aus vielen Gründen darauf gefreut. Zum einen hatte ich immer schon eine enge Beziehung zu Berlin. Ich bin nach dem zweiten Weltkrieg geboren, am 17. Juni 1946. Ich erinnere mich, daß meine Eltern an meinem 7. Geburtstag aufgeregt waren, nachdem sie Radio gehört hatten, und sich kaum auf meinen Geburtstag konzentrieren konnten. Sie erzählten mir, es habe in Berlin einen Aufstand gegeben0, und sie seien nervös wegen der Konsequenzen.

O: Am 17. Juni gab es einen gewaltsamen Aufstand in Ostdeutschland, den die Alliierten und politischen Beobachter nicht vorausgesehen hatten und der schließlich brutal niedergeschlagen wurde.

Da mein Vater sich schon immer sehr für Politik interessierte, gab es bei uns am Mittagstisch oft politische Gespräche. Dies war jedoch das erste Mal, daß ein politisches Ereignis direkt in mein persönliches Leben einbrach. Vielleicht entstand schon damals in mir eine besondere Beziehung zu Berlin und ein seither andauerndes Interesse an europäischer Politik.

Berlin galt schon zu jener Zeit, 1946, als Brennpunkt nicht nur europäischer Politik, sondern der Weltpolitik überhaupt - 10 Jahre bevor John F. Kennedy den berühmt gewordenen Ausspruch tat: „Ich bin ein Berliner“, und 150 Jahre nachdem der deutsche Schriftsteller Jean Paul schrieb: „Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt“. Berlin war der Ort, wo der Eiserne Vorhang zu einer dünnen Aluminiumfolie geworden war, wo die Menschen auf beiden Seiten sich so nahe waren, daß sie einander beinahe berühren konnten – und explodieren.

In jenem November 1989, während ich mit einer Gruppe Menschen aus einem Studio in Kreuzberg arbeitete, war ich nicht nur aufgeregt und begeistert, in Berlin zu sein, ich war auch besonders aufgeregt über die jüngsten Entwicklungen in bezug auf Glasnost1. Was würde dies in der Beziehung zwischen Ost und Westdeutschland für Veränderungen bringen? Würde die Berliner Mauer jemals fallen?

1: Glasnost […] bezeichnet als Schlagwort die nach seinem Amtsantritt (März 1985) von Generalsekretär Michail Gorbatschow in der Sowjetunion eingeleitete Politik einer größeren Transparenz und Offenheit der Staatsführung gegenüber der Bevölkerung. […] Im Westen wurde, vermutlich aufgrund des im Deutschen und Englischen bekannten Glas, der Begriff häufig als Transparenz interpretiert. Tatsächlich stammt Glasnost vom kirchenslawischen Wort glas (russisch golos) ab, was "Stimme" bedeutet und „die offene und umfassende Information über gesellschaftlich bedeutsame Aktivitäten und die Möglichkeit ihrer freien und eingehenden Erörterung“[2] bezeichnet. Es beinhaltet somit auch das demokratische Prinzip der Meinungsfreiheit. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Glasnost) 

Dann, am zweiten Tag des Seminars, dem 9. November, hörten wir, daß die Mauer gefallen war. Wir waren alle verrückt vor Freude! Dies war das wichtigste Ereignis der deutschen Geschichte seit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Am 5. Seminartag jedoch begannen einige der SeminarteilnehmerInnen (alles Westdeutsche) noch andere Gefühle zu äußern. „Jetzt kommen die alle hier rüber – ich konnte in meinem Laden an der Ecke die und die Sachen nicht bekommen. Wie wird das noch alles enden?“ Das waren einige der aufgeworfenen Fragen. Viele benahmen sich zunächst, als freuten sie sich, die „armen Verwandten“ zu sehen, die durch die Mauer von ihnen ferngehalten worden waren. Doch nachdem diese drei Tage zu Besuch gewesen waren, fragten sich die Gastgeber, wer wohl für all diese Veränderungen würde bezahlen müssen, wie sich ihr eigenes Leben dadurch verändern würde und wann die neuen „Gäste“ wohl wieder dahin zurückkehren würden, woher sie gekommen waren.

Es war der Gruppenprozess, der den Anfang einer langen kollektiven Reise zwischen Ost- und Westdeutschland markierte, einer Reise, die bis heute weitergeht. Obwohl Regierungen, Firmen, Sozialaktivisten und die nationale und internationale Politik in dieser Reise eine große Rolle spielten, wurde der überwiegende Teil der Anstrengungen doch von den einzelnen Menschen und Familien auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze geleistet.

In den Jahren, die auf den Mauerfall folgten, habe ich kontinuierlich in Deutschland gearbeitet (mindestens einmal im Jahr, oft auch häufiger) – in Berlin, Frankfurt, Hamburg, München, Kassel und anderen Städten. Ich fühle mich in Deutschland zuhause, einige meiner besten Freunde leben dort. Meiner Meinung nach haben die Deutschen seit Kriegsende viele Schwierigkeiten durchlitten und den Hauptanteil dieser Schwierigkeiten dazu benutzt, ihr Bewußtsein in bezug auf Diversitätsthemen, Machtverteilung und Demokratie zu stärken.

Das Zusammenwachsen der beiden deutschen Städte, Ostberlin und Westberlin, war eine epische Reise, die ich das Glück und das Privileg hatte mitzuerleben, und zwar teilweise nicht nur als Tourist und politisch wie historisch interessierter Beobachter, sondern auch als Facilitator zahlloser Gruppen, in denen Deutsche als authentische Personen an der Wiedergutmachung und der Wiedervereinigung nach der Wende arbeiteten.

Worldwork-Gruppenprozeß: Ossis und Wessis

Von den vielen Gruppenprozessen, die ich miterlebt habe, in denen Menschen zusammen geweint, gekämpft, gelacht, geliebt und gehaßt haben, ist derjenige vom Herbst 2004, den ich im folgenden beschreibe, für mich besonders bewegend.

Vor dem Hintergrund des Irak-Krieges, der die Probleme mit Drohungen und Machtausübung, mit denen wir uns alle konfrontiert sehen, noch einmal verstärkt in den Blickpunkt rückte, fühlte ich mich inspiriert wie selten zuvor, das Schicksal des Menschen zu betrachten und herauszufinden, wie man sich mit diesen Themen auseinandersetzen und dabei immer noch einen gewissen Optimismus bewahren kann.

Ich bin den großartigen Menschen und TeilnehmerInnen dankbar, die dies als Ergebnis des Prozesses in einer Gruppe von über 40 Menschen möglich gemacht haben. Der im folgenden beschriebene Prozeß fand statt in einem vom Milton Erickson-Institut Berlin organisierten Seminar mit dem Titel „Tiefe Demokratie in Organisationen und im öffentlichen Raum.“ Einige TeilnehmerInnen kamen aus der Welt der Organisationsentwicklung und Bürger-Ermächtigung2, andere hatten einen Hintergrund in Psychologie. Das Seminar dauerte drei Tage. Am zweiten Tag entschied die Gruppe, sich auf den Ost-West-Konflikt zu fokussieren.

2: Im Original: citizen empowerment. „Im Umfeld politischer Bildung und demokratischer Erziehung wird Empowerment als Instrument betrachtet, die Mündigkeit des Bürgers/der Bürgerin zu erhöhen. Empowerment ist auch ein Schlüsselbegriff in der Diskussion um die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Empowerment)


WIE

Über das Thema verhandeln

Die Entscheidung, auf dieses Thema zu fokussieren, fiel der Gruppe nicht leicht. Im selben Moment, da das Thema vorgeschlagen wurde, stand ein Teilnehmer auf und sagte, er halte das Ost-West-Thema in Deutschland nicht mehr für präsent. Bei dem Ost-West-Thema, so argumentierte er, gehe es um gesellschaftliche Klassen und andere Themen. Die gleichen Themen seien auch in anderen Ländern präsent, doch die deutsche Geschichte verleihe eben einem ansonsten langweiligen Thema mehr Würze; sowohl die nationale als auch die internationale Presse könnten die Ost-West-Thematik groß aufbauschen. „Warum sollen wir daran arbeiten und diese Verschwörung auch noch unterstützen?“ fragte er herausfordernd.

Eine weitere Teilnehmerin unterstützte ihn. „Das Problem mit uns Deutschen ist unsere nationale Identität“, behauptete sie. „Andere haben ein Land, auf das sie stolz sein können, wir dagegen schämen uns, Deutsche zu sein. Wenn man in die USA kommt, ist das vorherrschende Gefühl: ‚Die USA sind großartig, kommt und seid Amerikaner mit uns, teilt mit uns diese wunderbare amerikanische Erfahrung.’ Kommt man hingegen nach Deutschland, dann ist das Gefühl eher so etwas wie: ‚Oh, tut uns leid, daß wir Deutsche sind. Wenn Sie darüber hinwegsehen können, könnten Sie sich hier durchaus ein wenig amüsieren.“ Wir müssen daran arbeiten, stolzer auf unsere Identität zu sein.“3

3: Dieses Thema haben wir auch später in öffentlichen Foren in Deutschland aufgegriffen, z.B. 2008 in einem offenen Forum in Berlin mit dem Thema „Nationalstolz in Deutschland – verboten oder erwünscht?“

In der Gruppe gab es verschiedene Strömungen. Andere waren der Meinung, dieses Thema sei sehr aktuell, und man wolle sich auf dieses Thema fokussieren. Schließlich wurde beschlossen, zwischen dem Ost-West-Thema und der deutschen Identität eine Münze zu werfen. Der Wurf entschied zugunsten des Ost-West-Themas.

Die Eröffnung des Prozesses: Vergangene Leistungen loben

Gleich zu Beginn des Gruppenprozesses fingen einige TeilnehmerInnen an, das zu loben, was in bezug auf dieses Thema bereits erreicht worden war. Eine Frau sagte, sie habe es genossen, am gestrigen Tag während der Mittagspause unter dem Brandenburger Tor durchzugehen. Die Frau sprach sehr authentisch über die Erleichterung, die sie beim Fall der Mauer darüber verspürte, daß sie nun die Freiheit hatte, durch das Tor zu gehen und zu gehen, wohin auch immer sie wollte. Sie sagte, daß sie es 15 Jahre danach immer noch liebe und die Erfahrung jedesmal zu schätzen wisse, wenn sie die Möglichkeit habe, dort entlangzugehen. Sie fügte hinzu, sie höre zwar aus den Gesprächen mit TaxifahrerInnen, daß es Spannungen und Groll zwischen Ost und West gebe, doch sie wolle besonders hervorheben, wie viel in dieser Richtung bereits erreicht worden sei.

Andere TeilnehmerInnen stimmten dem zu und äußerten ebenfalls ihre Gefühle darüber, wie wunderbar es sei, jetzt miteinander kommunizieren zu können. Ein Mann sprach darüber, wie es für ihn gewesen sei, an der ostdeutschen Grenze aufzuwachsen, und über das vorherrschende Gefühl während seiner gesamten Jugendzeit, daß es niemals möglich sein würde, die Grenze zu überschreiten oder die Verwandten auf der anderen Seite zu besuchen. Er war sehr bewegt davon, daß dies jetzt möglich ist.

Eine andere Frau brachte dasselbe Gefühl zum Ausdruck; sie anerkannte die Leistung und die Arbeit und Mühe, die die Veränderung bewirkt hatten. Sie sagte, es gebe keinen Grund zur Klage. „Seht uns doch an. Wir sind hier an einem schönen Ort in diesem wunderbaren Hotel und erfreuen uns so vieler Privilegien - wir sollten dankbar sein und aufhören zu jammern.“

Ein Konflikt entsteht

Diese Feststellung schuf einen Gegensatz und katalysierte eine Reaktion von der anderen Seite. „Das ist nur deshalb so, weil du ein reicher Wessi bist“, warf jemand ein, „sonst könntest du es dir gar nicht leisten, an diesem Seminar teilzunehmen.“ „Ja“, stimmte jemand anders ein, „ihr seid gekommen und habt uns benutzt. Ihr kommt in den Osten und gründet Firmen und kauft Land. Billiglohnkräfte und Jobs mit niedrigem Status, dafür sind wir gut genug, aber die besseren Jobs – die Manager- und Führungspositionen – gehen an Wessis, die ihr rüberholt. Wir hatten gehofft, wir könnten uns gemeinsam entwickeln, aber statt dessen werden wir ausgebeutet, und euch geht es sogar noch besser davon.“

„Uns geht es davon besser!!!“ schrie ein Westdeutscher auf der anderen Seite. „Uns geht es davon besser, ja??? Wenn mein Nachbar in Westdeutschland sein Haus umbaut, beauftragt er ostdeutsche Baufirmen, die alle unsere Baufirmen gnadenlos unterbieten. Wir sind gezwungen, unsere eigenen Leute ohne Jobs zu sehen, während ihr eure Billigkräfte hereinbringt und auf unsere Kosten ein gutes Leben führt.“

Von der Gegenseite erwiderte jemand anders erbost: „Offenbar hast du keine Ahnung, was wirklich los ist, sonst wüßtest du, daß wir in vielen Gegenden 80% Arbeitslosigkeit haben. Ihr habt uns nicht nur die Jobs weggenommen, sondern auch unseren Stolz und unsere Identität.“

„Und die Heimat“, fügte wieder jemand anders hinzu. „Wo ich groß geworden bin, gab es einen Duft von Heimat. Inmitten aller Probleme hatten wir doch ein Zusammengehörigkeitsgefühl, und das ist jetzt verschwunden.“

„Oh nein“, antwortete jemand von der anderen Seite. „Ihr habt uns gerufen, und wir sind gekommen. Am Anfang war ich offen und liberal und wollte eure Integration. Ich wohne in Berlin, und eure blöde ostdeutsche bürokratische Einstellung hat in meinem Bezirk die Schulen ruiniert. Es sind die Ossis mit ihren Einstellungen, die Deutschland wirtschaftlich in die jetzige Krise gebracht haben.“

In einem Ton wilden Sarkasmus’ erwiderte jemand anders: „Ach ja, klar - das ist genau wie das Gerücht, daß die Juden die globalen Finanzmärkte übernehmen wollen. Ihr Typen seid ein Haufen Faschisten, weiter gar nichts.“

„Ich war früher progressiver Sozialist“, ließ sich jemand anders vernehmen, „aber nach all dem, was jetzt passiert ist … stimmt schon, da stelle ich schon manchmal fest, daß ich den Faschisten zustimme, die die Ossis begrenzen wollen.“

Bis dahin waren die Argumente hin und her geflogen. Jede/r versuchte, seine oder ihre Meinung zu Gehör zu bringen. Die Temperatur war beträchtlich gestiegen, und einige Leute schienen inzwischen sehr erregt zu sein. Die gelöste, logische, lineare Atmosphäre, die bei der Frage „gibt es ein Thema, gibt es kein Thema“ im Raum gewesen war, hatte das Fundament für eine dramatische Umkehr gelegt im Sinne von: „Okay, ihr wolltet ja darüber reden - dann erzähl ich euch jetzt mal, wie es wirklich ist.“

Ein Wendepunkt

Eine Frau trat jetzt vor. Obwohl sie scheinbar eine Rolle spielte, die sie im Feld spürte, brachte die Dringlichkeit, mit der sie sprach, das Hin und Her der Meinungen zum Stillstand. Sie sagte: „Wir haben uns solche Mühe gegeben. Wir haben alles getan, um die Vergangenheit zu verdrängen. Am Potsdamer Platz gab es früher nur die Mauer und den Stacheldraht. Jetzt gibt es dort eine Eislaufbahn und ein Kino. Wir haben uns solche Mühe gegeben, die Vergangenheit vergessen zu machen, alles hübsch herzurichten.

Wenn diese Art von Gespräch aufkommt, dann will ich es ignorieren und wegdrängen. Ich war am Anfang bei denen, die gesagt haben: Laßt uns nicht über das Ost-West-Thema reden, es existiert nicht mehr wirklich – denn wenn wir darauf fokussieren, dann würdigen wir nicht all die Mühe, die es gekostet hat, das alles zu verdrängen. Aber da wir jetzt schon darüber reden, laßt uns langsamer und tiefer damit umgehen.“  

Viele von uns waren von der Art ihres Vortrags bewegt, und wir begannen den Fokus darauf zu richten, was die eine Seite zu sagen hatte:

„Obwohl ich die Vergangenheit verdrängen möchte, stelle ich gleichzeitig auch fest, daß ich trotz all meiner Bemühungen auf seltsame Weise die Vergangenheit vermisse. Vorher hatten wir keinen Luxus, und wir waren unterdrückt, aber wir hatten alle einander. Ich hatte einen Universitätsabschluß, aber da es ein ostdeutscher Abschluß ist, ist er jetzt auf einmal nicht mehr soviel wert. Ich hatte vorher ein ziemlich ordentliches und vorhersagbares Leben und eine seltsame Art von Sicherheitsgefühl – das ist jetzt weg. Wir, die wir im Osten groß geworden sind, haben alles verloren und haben für euch da drüben immer und immer wieder bezahlt.

 potsdamer_platz

Potsdamer Platz heute 2009 und 1965

Erst haben wir eure moralischen Schulden der Vergangenheit bezahlt, da wir jahrelang mit den Russen gelebt haben.4 Jetzt kommt ihr an und sagt, ihr würdet dafür bezahlen, daß wir wieder integriert werden. Wir haben im Land Brandenburg über 300.000 Arbeitslose. Ihr redet über Facilitation und systemisches Denken. Wir wissen nur, daß wir schwere Zeiten durchmachen. Wir zahlen den Preis für eure Wiedervereinigung, und dann werden wir auch noch als doofe Ossis beschimpft.“

4: Diese Bemerkung bezieht sich auf die Nachkriegszeit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war Deutschland von den vier Siegermächten besetzt. Die ersten Unterschiede zwischen den Alliierten zeigten sich jedoch schon anläßlich der ersten und zugleich letzten freien Wahlen zum Gesamtberliner Magistrat nach Kriegsende, die am 20. Oktober 1946 stattfanden. Das Wahlergebnis, bei dem die SED lediglich 20% der Gesamtstimmenzahl erzielte, bestätigte nicht die hohen Erwartungen, daß die Partei in der „Ostzone“ die Spitzenposition einnehmen würde. Nach der Vereinigung der West-Sektoren Berlins in ein „Trizone“ genanntes Wirtschafts- und Verwaltungsbündnis verließ die UdSSR den alliierten Kontrollrat. Dieses Ereignis markierte den Beginn des Kalten Krieges in Berlin. Nach Meinung des Sprechers (der Sprecherin?) mußten die Ostdeutschen die Unterdrückung durch die Russen als Bezahlung für die Kriegsverbrechen ganz Deutschlands erdulden. Anders als die Westdeutschen, die vom amerikanischen „Marshallplan“ profitierten und wirtschaftliche und demokratische Unabhängigkeit erlangten, mußten ihre ostdeutschen Vettern die „Strafe“ absitzen.

Auf der anderen Seite erwiderte einige Leute wütend: „Ihr habt das doch gewollt! Habt ihr schon vergessen, daß wir euch ja praktisch einsperren mußten, um zu verhindern, daß ihr alle hier rüberkommt? Ihr konntet es doch gar nicht erwarten, euer Paradies zu verlassen und zu uns rüberzukommen und Konsumgüter zu haben. Ihr habt keine Solidarität mit euren eigenen Leuten gezeigt, sondern habt euch sofort auf die ganzen Westprodukte gestürzt. Ihr habt uns gerufen, und wir sind gekommen, und jetzt beschwert ihr euch.“

Erste vorübergehende Auflösung: Nach Hause finden

Nun entstand inmitten der hitzigen Diskussion ein Moment des Schweigens. Die Gegenseite wurde ruhig. Der Facilitator bemerkte diese Veränderung im Ton und bat diese Seite, über das Schweigen zu sprechen, anstatt gleich nach einer weiteren Erwiderung zu suchen.

Aus diesem peinlichen Schweigen sprach einer der ostdeutschen Teilnehmer leise: „Ja, wir haben es gewollt, aber wir wußten nicht, welchen Preis wir dafür würden zahlen müssen. Wir haben alles aufgegeben, haben gespuckt auf das was wir hatten. Erst als wir es verloren hatten, haben wir gemerkt, was gut daran gewesen war. Wir wußten nicht, wie schwer es sein würde, miteinander in Beziehung zu treten.“

Jetzt hatten auf der westdeutschen Seite einige Leute Tränen in den Augen. „Ich auch“, antwortete eine andere leise Stimme. „Ich hatte keine Ahnung, wie schwer es sein würde, und ich hoffte teilweise, daß ihr ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Nationalstolz mitbringen würdet. Wir hatten Luxus, aber wir waren zersplittert und hatten keine nationale Identität. Wir haben gehofft, wir könnten unsere gemeinsamen deutschen Wurzeln finden und damit eine Identität, auf die wir endlich stolz sein könnten. Doch dann passierte alles so schnell, daß wir es gar nicht mitbekamen. Wir hätten von euch lernen sollen, daß Gemeinschaft manchmal wichtiger sein kann als Profit und daß soziales Denken wichtig ist. Wir hätten von euch lernen sollen.“

„Naja“, erwiderten darauf die Ossis. „Eure Sachen sind besser, euer Lebensstil macht mehr Spaß, und wer will schon von Verlierern lernen? Wir waren offensichtlich die Verlierer, und deshalb sollten wir von euch lernen.“

Mit dieser klaren Feststellung des Rangunterschiedes entstand ein unheilvolles Schweigen. Aus diesem Schweigen kam die leise Stimme einer anderen Frau: „Meine Familie kam kurz vor dem Mauerfall herüber. Sie hatten alles zurückgelassen und versuchten sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie schafften es nie. Wir zogen von einem Ort zum anderen wie Nomaden, immer unterwegs, und immer auf der Suche nach einem Ort, wo wir uns niederlassen konnten. Ich wuchs auf ohne Zuhause im Westen und ohne Zuhause im Osten. Ich hätte alles dafür gegeben, irgendwo hinzugehören, ein Zuhause zu haben.“

Andere Stimmen teilten dieselben Gefühle: an beide Seiten gebunden zu sein und die Notwendigkeit zu fühlen, sich nun auf beiden Seiten ein Zuhause zu erschaffen. Eine echte Einheit entstand in der Sehnsucht nach einem Zuhause und einem Dazugehören, das auf beiden Seiten fehlte.Die Rolle des Suchenden nach Einheit hatte die erste temporäre Auflösung der Polarisierung gebracht.

Ein weiterer Aufruhr: Wo sind die Täter?

Alle waren still und berührt. Jeder konnte mit dem Gefühl etwas anfangen, irgendwo hinzugehören, stolz auf seine Ursprünge zu sein und eine Identität zu besitzen, die einen Platz auf dem Planeten garantiert. In jenem Augenblick waren wir vereint in dem Wissen, daß wir alle verschiedene Dinge aufgegeben hatten in der Hoffnung, einen hohen Traum zu verwirklichen. In der Erkenntnis unseres kollektiven Bedürfnisses, mit anderen eins zu sein, waren wir für den Augenblick vereint.

Es war ein besonderer Moment, in dem viele sich einander nahe fühlten, als es aus einem Mann herausbrach: „Moment mal – das wird mir hier zu friedlich. Ich hab da ein wichtiges Problem, das noch nicht aufgelöst ist. Wo sind die ganzen Täter hin? Wo sind die Leute hin, die die Republikflüchtlinge an der Mauer erschossen haben?5 Mein Onkel ist geflohen, aber sie haben eins seiner Kinder im letzten Moment zurückgehalten. Wo ist jetzt derjenige, der das Kind an der Flucht gehindert hat? Auf einmal seid ihr alle Opfer der Unterdrückung, aber wo sind denn die Täter?“

5: Zwischen dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, und dem 9. November 1989 starben an der Berliner Mauer 255 Republikflüchtlinge.

Jemand rief von hinten: „Und du, wie hast du denn damals dein Geld verdient? Hast du immer brav die Gesetze befolgt und nie etwas falsch gemacht?“ „Keineswegs“, antwortete der erste Sprecher, „aber davon rede ich gar nicht. Sagt mir, wer von euch war bei den Tätern?“

Auf der Ostseite sagte jemand: „Verlangt nicht diese Art von Geständnissen von uns. Wir werden anfangen, über unsere Beteiligung an den Dingen zu sprechen, wenn von euch welche hervortreten und zugeben, daß eure Verwandten am Holocaust beteiligt waren.“

Der Mann rief wütend zurück: „Kommt mir nicht mit diesem Scheiß! Jetzt tut ihr so, als wären wir die Nazis und ihr die Antifas. Von eurer Seite waren genauso viele an den Naziverbrechen beteiligt wie von uns. Damit müssen wir uns gemeinsam auseinandersetzen.“

Schließlich kam von der Westseite eine andere Stimme: „Wir würden gerne zugeben, wo wir uns geirrt haben, aber wir wissen nicht wie. Kann auf eurer Seite jemand anfangen?“

Der Weg zu einer zeitweiligen Lösung: Die Entdeckung des Eins-Seins

Inmitten dieser Pattsituation trat eine erstaunliche Frau vor. Mit zitternder Stimme sagte sie: „Ich bin im Osten aufgewachsen. Ich war Täter und Opfer. Ich schwankte zwischen beidem hin und her, und selbst heute noch bin ich zerrissen zwischen diesen beiden Rollen. Ich lernte als Kind, daß es Spaß macht, andere herumzukommandieren und herumzuschubsen. Als Jugendliche war ich in einer Machtposition, die das System mir gab.

Einerseits fand ich das moralisch in Ordnung, da ich an das System glaubte und es liebte. Doch manchmal fragte ich mich insgeheim, ob das bedeutete, daß ich zur Hitlerjugend gehört hätte, wäre ich in Nazideutschland groß geworden. Ich wagte aber nie, diese Frage laut zu stellen“, sagte sie, jetzt weinend. „Es machte mir Spaß, mächtig zu sein.“

Eine Frau von der westdeutschen Seite antwortete. „Das kann ich verstehen. Wir hatten einen Großvater, der als Familientyrann galt, und wir durften nicht widersprechen oder unsere Wut offen zeigen. Gleichzeitig stellte ich fest, daß ich meinen Sportverein völlig dominierte und alle in der Gegend herumschubste. Ich liebte es, endlich mal auf der anderen Seite zu sein.“

Nun herrschte tiefes Schweigen im Raum. Daß die beiden Frauen so offen und direkt über ihre Liebe zur Macht sprachen, ebenso wie über ihren Selbsthaß dafür, daß sie sie liebten, und ihren Groll darüber, daß Macht über sie selbst ausgeübt wurde, verwandelte alle Gesichter. Überall waren Tränen zu sehen. Es gab nicht einen Menschen in dem Raum, der in diesem Prozeß nicht sich selbst wiedererkannte. Jemand stellte fest, daß das Verlangen nach Macht und die Schwierigkeit, damit umzugehen, eine Erfahrung ist, die uns alle verbindet.

Es gab für den Moment nichts mehr zu sagen. An diesem Punkt waren die Trennlinien verschwunden. Es gab keine Ost- und Westdeutschen mehr, keine Opfer und keine Unterdrücker – nur Menschen, vereint in ihrem Bemühen, mit ihrem historischen Schicksal und ihrem persönlichen Leiden ins Reine zu kommen. Spontan ergriff jemand die Hand seines Nachbarn, und spontan taten andere es ihm gleich. Schweigend standen wir im Kreis, für den Augenblick, als Eins.

Nachbereitungs-Übung

Nach der Pause gab das Facilitatorenteam den TeilnehmerInnen die folgende Übung:

a) Erinnere dich an eine Zeit, als du etwas oder jemandem Mächtigem ausgesetzt warst. Bemerke die damit verbundene Energie und mache eine Handbewegung, die diese Energie zum Ausdruck bringt.

b) Gibt es eine Gangart, die die Energie dieser Handbewegung zum Ausdruck bringt?

c) Gehe ein paar Schritte in einer Weise, die diese Macht, deren Opfer du warst, darstellt, und denke an einen Bereich in deinem Leben, in dem du diese Macht kreativ anwenden kannst.  

WER

07-06-25_max_schupbach.jpgMax Schupbach lebt in Oregon / Portland / U.S.A und arbeitet weltweit als Moderator, Berater und Coach mit einer Vielzahl unterschiedlichster Organisationen und Kollektive. Seine Arbeit gründet sich auf Worldwork, Prozessarbeit und Moderationsmodelle, die von Dr. Amy und Arnold Mindell entwickelt wurden. In einem Artikel auf diesem Webportal beschreibt er den Hintergrund von Worldwork.

Hinweis (Rundbrief vom 02.05.09)

Dear friends,

Hallo und Gruesse aus Oregon, wo wir einen wunderbaren Fruehling geniessen. Ellen und ich freuen uns darauf bald in Europa zu sein. Hier ein Hinweis auf unser Seminarprogram.

Diesen Sommer sind wir zuerst von 15.-19.Juni in Berlin mit dem Seminar „Zusammen Arbeiten“, wo wir zeigen und ueben, wie Konflikte and Teamarbeitsprozesse mit der Essenz einer Organisation zusammenhaengen. Diese Essenz ist eine direkt wahrnehmbare Richtung, die die zeitlosen Werte einer Organisation oder eines Individuums beinhaltet, und ungeachtet des Auf und Ab der äusseren Bedingungen und unserer Ängste und Hoffnungen eine Quelle von Inspiration und Kraft ist. Wir brauchen, zeigen und ueben Innere Arbeit, – oder wäre es besser zu sagen – Inneres Spiel, Beziehungsarbeit und Gruppenprozesse . www.worldwork-leadership.de

Im Juli sind wir zuerst in Rostov-on-Don, Russland, wo wir Kunst, Wissenschaft und spirituelle Uebung von Prozessarbeit unterrichten Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können , danach in Venedig am Metaforum http://www.metaforum.com/deutsch, zuerst am Zukunftskongress „Pathway of Change“ und dann in der Woche danach mit einem Wochenseminar vom 3.-8. Juli mit dem Titel Die Wissenschaft, Kunst und spirituelle Praxis von Worldwork. Wir freuen uns auf die Begegnungen mit den KollegenInnen aus den verschiedenen Interessengebieten und Methodik-Schulen.

Dazwischen sind wir in der Ukraine und in Palaestina, im Auftrag des Deep Democracy Instituts, das nun auch eine neue Webseite hat (www.deepdemocracyinstitute.org) und einen neuen Blog. Da gibt es einiges Interessantes zu berichten, aber dafuer erhalten Sie bei Gelegenheit einen separaten Newsletter vom DDI.

Mit lieben Gruessen und einen guten Sommeranfang

Max und Ellen Schupbach

Kontakt

Dr. Max Schupbach
2049 NW Hoyt Ste. 3
97209 Portland, OR
United States
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
http://www.maxfxx.net

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Kontroverse erlaubt -

Geschrieben von: arthur digby sellers () am 30-06-2009 09:46

Kontroverse erlaubt -

Geschrieben von: arthur digby sellers am 30-06-2009 09:46

Was mir an der Vorgehensweise von Max Schupbach sehr gefällt, ist die Tatsache, dass er die Kontroverse zulässt (sucht?). Mir ist bei vielen Methodenseminaren aufgefallen, dass die Kontroverse als unangenehmen empfunden wird und deswegen die Themen schon so angelegt und ausgelegt werden, dass die Kontroverse nicht entsteht. Man kann aus dem Text oben richtig herauslesen, wie der Raum gedampft hat. Übrigens auch die Protokollierung ist sehr wertvoll und detaillgenau. Sehr gut! 
 
Unter dem Strich plädiere ich dafür, dass bei Methoden mehr Kontroverse zugelassen oder proviziert wird.

 

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