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Max Schupbach, geborener Schweizer und Wahlamerikaner beschreibt aus seiner integrativen Sicht als Prozessmoderator seine Erfahrungen mit dem Ossis-Wessis-Phänomen in Deutschland, während eines Seminars 2004.
Gerade passend zum 20. Jahrestags des Mauerfalls 1989. Zum Schluss noch ein Hinweis zu aktuellen Vorhaben 2009.
WAS
Einführung: Hintergrund und persönliche Geschichte
Im November 1989 gab ich ein öffentliches Prozeßarbeits-Seminar in Berlin. Ich hatte mich
aus vielen Gründen darauf gefreut. Zum einen hatte ich immer schon eine enge Beziehung
zu Berlin. Ich bin nach dem zweiten Weltkrieg geboren, am 17. Juni 1946. Ich erinnere mich,
daß meine Eltern an meinem 7. Geburtstag aufgeregt waren, nachdem sie Radio gehört
hatten, und sich kaum auf meinen Geburtstag konzentrieren konnten. Sie erzählten mir, es
habe in Berlin einen Aufstand gegeben0, und sie seien nervös wegen der Konsequenzen.
O: Am
17. Juni gab es einen gewaltsamen Aufstand in Ostdeutschland, den die Alliierten und
politischen Beobachter nicht vorausgesehen hatten und der schließlich brutal
niedergeschlagen wurde.
Da mein Vater sich schon immer sehr für Politik interessierte, gab
es bei uns am Mittagstisch oft politische Gespräche. Dies war jedoch das erste Mal, daß ein
politisches Ereignis direkt in mein persönliches Leben einbrach. Vielleicht entstand schon
damals in mir eine besondere Beziehung zu Berlin und ein seither andauerndes Interesse an
europäischer Politik.
Berlin galt schon zu jener Zeit, 1946, als Brennpunkt nicht nur
europäischer Politik, sondern der Weltpolitik überhaupt - 10 Jahre bevor John F. Kennedy
den berühmt gewordenen Ausspruch tat: „Ich bin ein Berliner“, und 150 Jahre nachdem der
deutsche Schriftsteller Jean Paul schrieb: „Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt“. Berlin
war der Ort, wo der Eiserne Vorhang zu einer dünnen Aluminiumfolie geworden war, wo die
Menschen auf beiden Seiten sich so nahe waren, daß sie einander beinahe berühren konnten
– und explodieren.
In jenem November 1989, während ich mit einer Gruppe Menschen aus einem Studio in
Kreuzberg arbeitete, war ich nicht nur aufgeregt und begeistert, in Berlin zu sein, ich war
auch besonders aufgeregt über die jüngsten Entwicklungen in bezug auf Glasnost1. Was
würde dies in der Beziehung zwischen Ost und Westdeutschland für Veränderungen bringen?
Würde die Berliner Mauer jemals fallen?
1: Glasnost […] bezeichnet als Schlagwort die nach seinem Amtsantritt (März 1985) von Generalsekretär Michail
Gorbatschow in der Sowjetunion eingeleitete Politik einer größeren Transparenz und Offenheit der Staatsführung
gegenüber der Bevölkerung. […] Im Westen wurde, vermutlich aufgrund des im Deutschen und Englischen
bekannten Glas, der Begriff häufig als Transparenz interpretiert. Tatsächlich stammt Glasnost vom
kirchenslawischen Wort glas (russisch golos) ab, was "Stimme" bedeutet und „die offene und umfassende
Information über gesellschaftlich bedeutsame Aktivitäten und die Möglichkeit ihrer freien und eingehenden
Erörterung“[2] bezeichnet. Es beinhaltet somit auch das demokratische Prinzip der Meinungsfreiheit. (Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Glasnost)
Dann, am zweiten Tag des Seminars, dem 9.
November, hörten wir, daß die Mauer gefallen war. Wir waren alle verrückt vor Freude! Dies
war das wichtigste Ereignis der deutschen Geschichte seit dem Ende des zweiten
Weltkrieges.
Am 5. Seminartag jedoch begannen einige der SeminarteilnehmerInnen (alles Westdeutsche)
noch andere Gefühle zu äußern. „Jetzt kommen die alle hier rüber – ich konnte in meinem
Laden an der Ecke die und die Sachen nicht bekommen. Wie wird das noch alles enden?“
Das waren einige der aufgeworfenen Fragen. Viele benahmen sich zunächst, als freuten sie
sich, die „armen Verwandten“ zu sehen, die durch die Mauer von ihnen ferngehalten worden
waren. Doch nachdem diese drei Tage zu Besuch gewesen waren, fragten sich die
Gastgeber, wer wohl für all diese Veränderungen würde bezahlen müssen, wie sich ihr
eigenes Leben dadurch verändern würde und wann die neuen „Gäste“ wohl wieder dahin
zurückkehren würden, woher sie gekommen waren.
Es war der Gruppenprozess, der den
Anfang einer langen kollektiven Reise zwischen Ost- und Westdeutschland markierte, einer
Reise, die bis heute weitergeht. Obwohl Regierungen, Firmen, Sozialaktivisten und die
nationale und internationale Politik in dieser Reise eine große Rolle spielten, wurde der
überwiegende Teil der Anstrengungen doch von den einzelnen Menschen und Familien auf
beiden Seiten der ehemaligen Grenze geleistet.
In den Jahren, die auf den Mauerfall folgten, habe ich kontinuierlich in Deutschland
gearbeitet (mindestens einmal im Jahr, oft auch häufiger) – in Berlin, Frankfurt, Hamburg,
München, Kassel und anderen Städten. Ich fühle mich in Deutschland zuhause, einige meiner
besten Freunde leben dort. Meiner Meinung nach haben die Deutschen seit Kriegsende viele
Schwierigkeiten durchlitten und den Hauptanteil dieser Schwierigkeiten dazu benutzt, ihr
Bewußtsein in bezug auf Diversitätsthemen, Machtverteilung und Demokratie zu stärken.
Das
Zusammenwachsen der beiden deutschen Städte, Ostberlin und Westberlin, war eine epische
Reise, die ich das Glück und das Privileg hatte mitzuerleben, und zwar teilweise nicht nur als
Tourist und politisch wie historisch interessierter Beobachter, sondern auch als Facilitator
zahlloser Gruppen, in denen Deutsche als authentische Personen an der Wiedergutmachung
und der Wiedervereinigung nach der Wende arbeiteten.
Worldwork-Gruppenprozeß: Ossis und Wessis
Von den vielen Gruppenprozessen, die ich miterlebt habe, in denen Menschen zusammen
geweint, gekämpft, gelacht, geliebt und gehaßt haben, ist derjenige vom Herbst 2004, den
ich im folgenden beschreibe, für mich besonders bewegend.
Vor dem Hintergrund des Irak-Krieges, der die Probleme mit Drohungen und Machtausübung, mit denen wir uns alle
konfrontiert sehen, noch einmal verstärkt in den Blickpunkt rückte, fühlte ich mich inspiriert
wie selten zuvor, das Schicksal des Menschen zu betrachten und herauszufinden, wie man
sich mit diesen Themen auseinandersetzen und dabei immer noch einen gewissen
Optimismus bewahren kann.
Ich bin den großartigen Menschen und TeilnehmerInnen
dankbar, die dies als Ergebnis des Prozesses in einer Gruppe von über 40 Menschen möglich
gemacht haben. Der im folgenden beschriebene Prozeß fand statt in einem vom Milton
Erickson-Institut Berlin organisierten Seminar mit dem Titel „Tiefe Demokratie in
Organisationen und im öffentlichen Raum.“ Einige TeilnehmerInnen kamen aus der Welt der
Organisationsentwicklung und Bürger-Ermächtigung2, andere hatten einen Hintergrund in
Psychologie. Das Seminar dauerte drei Tage. Am zweiten Tag entschied die Gruppe, sich auf
den Ost-West-Konflikt zu fokussieren.
2: Im Original: citizen empowerment. „Im Umfeld politischer Bildung und demokratischer Erziehung
wird Empowerment als Instrument betrachtet, die Mündigkeit des Bürgers/der Bürgerin zu erhöhen.
Empowerment ist auch ein Schlüsselbegriff in der Diskussion um die Förderung des bürgerschaftlichen
Engagements.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Empowerment)
WIE
Über das Thema verhandeln
Die Entscheidung, auf dieses Thema zu fokussieren, fiel der Gruppe nicht leicht. Im selben
Moment, da das Thema vorgeschlagen wurde, stand ein Teilnehmer auf und sagte, er halte
das Ost-West-Thema in Deutschland nicht mehr für präsent. Bei dem Ost-West-Thema, so
argumentierte er, gehe es um gesellschaftliche Klassen und andere Themen. Die gleichen
Themen seien auch in anderen Ländern präsent, doch die deutsche Geschichte verleihe eben
einem ansonsten langweiligen Thema mehr Würze; sowohl die nationale als auch die
internationale Presse könnten die Ost-West-Thematik groß aufbauschen. „Warum sollen wir
daran arbeiten und diese Verschwörung auch noch unterstützen?“ fragte er herausfordernd.
Eine weitere Teilnehmerin unterstützte ihn. „Das Problem mit uns Deutschen ist unsere
nationale Identität“, behauptete sie. „Andere haben ein Land, auf das sie stolz sein können,
wir dagegen schämen uns, Deutsche zu sein. Wenn man in die USA kommt, ist das
vorherrschende Gefühl: ‚Die USA sind großartig, kommt und seid Amerikaner mit uns, teilt
mit uns diese wunderbare amerikanische Erfahrung.’ Kommt man hingegen nach
Deutschland, dann ist das Gefühl eher so etwas wie: ‚Oh, tut uns leid, daß wir Deutsche sind.
Wenn Sie darüber hinwegsehen können, könnten Sie sich hier durchaus ein wenig
amüsieren.“ Wir müssen daran arbeiten, stolzer auf unsere Identität zu sein.“3
3: Dieses Thema haben wir auch später in öffentlichen Foren in Deutschland aufgegriffen, z.B. 2008 in einem offenen Forum in Berlin mit dem Thema „Nationalstolz in Deutschland – verboten oder erwünscht?“
In der Gruppe gab es verschiedene Strömungen. Andere waren der Meinung, dieses Thema
sei sehr aktuell, und man wolle sich auf dieses Thema fokussieren. Schließlich wurde
beschlossen, zwischen dem Ost-West-Thema und der deutschen Identität eine Münze zu
werfen. Der Wurf entschied zugunsten des Ost-West-Themas.
Die Eröffnung des Prozesses: Vergangene Leistungen loben
Gleich zu Beginn des Gruppenprozesses fingen einige TeilnehmerInnen an, das zu loben, was
in bezug auf dieses Thema bereits erreicht worden war. Eine Frau sagte, sie habe es
genossen, am gestrigen Tag während der Mittagspause unter dem Brandenburger Tor
durchzugehen. Die Frau sprach sehr authentisch über die Erleichterung, die sie beim Fall der
Mauer darüber verspürte, daß sie nun die Freiheit hatte, durch das Tor zu gehen und zu
gehen, wohin auch immer sie wollte. Sie sagte, daß sie es 15 Jahre danach immer noch liebe
und die Erfahrung jedesmal zu schätzen wisse, wenn sie die Möglichkeit habe, dort
entlangzugehen. Sie fügte hinzu, sie höre zwar aus den Gesprächen mit TaxifahrerInnen,
daß es Spannungen und Groll zwischen Ost und West gebe, doch sie wolle besonders
hervorheben, wie viel in dieser Richtung bereits erreicht worden sei.
Andere TeilnehmerInnen stimmten dem zu und äußerten ebenfalls ihre Gefühle darüber, wie
wunderbar es sei, jetzt miteinander kommunizieren zu können. Ein Mann sprach darüber,
wie es für ihn gewesen sei, an der ostdeutschen Grenze aufzuwachsen, und über das
vorherrschende Gefühl während seiner gesamten Jugendzeit, daß es niemals möglich sein
würde, die Grenze zu überschreiten oder die Verwandten auf der anderen Seite zu besuchen.
Er war sehr bewegt davon, daß dies jetzt möglich ist.
Eine andere Frau brachte dasselbe Gefühl zum Ausdruck; sie anerkannte die Leistung und
die Arbeit und Mühe, die die Veränderung bewirkt hatten. Sie sagte, es gebe keinen Grund
zur Klage. „Seht uns doch an. Wir sind hier an einem schönen Ort in diesem wunderbaren
Hotel und erfreuen uns so vieler Privilegien - wir sollten dankbar sein und aufhören zu
jammern.“
Ein Konflikt entsteht
Diese Feststellung schuf einen Gegensatz und katalysierte eine Reaktion von der anderen
Seite. „Das ist nur deshalb so, weil du ein reicher Wessi bist“, warf jemand ein, „sonst
könntest du es dir gar nicht leisten, an diesem Seminar teilzunehmen.“ „Ja“, stimmte jemand
anders ein, „ihr seid gekommen und habt uns benutzt. Ihr kommt in den Osten und gründet
Firmen und kauft Land. Billiglohnkräfte und Jobs mit niedrigem Status, dafür sind wir gut
genug, aber die besseren Jobs – die Manager- und Führungspositionen – gehen an Wessis,
die ihr rüberholt. Wir hatten gehofft, wir könnten uns gemeinsam entwickeln, aber statt
dessen werden wir ausgebeutet, und euch geht es sogar noch besser davon.“
„Uns geht es davon besser!!!“ schrie ein Westdeutscher auf der anderen Seite. „Uns geht es
davon besser, ja??? Wenn mein Nachbar in Westdeutschland sein Haus umbaut, beauftragt
er ostdeutsche Baufirmen, die alle unsere Baufirmen gnadenlos unterbieten. Wir sind
gezwungen, unsere eigenen Leute ohne Jobs zu sehen, während ihr eure Billigkräfte
hereinbringt und auf unsere Kosten ein gutes Leben führt.“
Von der Gegenseite erwiderte jemand anders erbost: „Offenbar hast du keine Ahnung, was
wirklich los ist, sonst wüßtest du, daß wir in vielen Gegenden 80% Arbeitslosigkeit haben. Ihr
habt uns nicht nur die Jobs weggenommen, sondern auch unseren Stolz und unsere
Identität.“
„Und die Heimat“, fügte wieder jemand anders hinzu. „Wo ich groß geworden bin, gab es
einen Duft von Heimat. Inmitten aller Probleme hatten wir doch ein
Zusammengehörigkeitsgefühl, und das ist jetzt verschwunden.“
„Oh nein“, antwortete jemand von der anderen Seite. „Ihr habt uns gerufen, und wir sind
gekommen. Am Anfang war ich offen und liberal und wollte eure Integration. Ich wohne in
Berlin, und eure blöde ostdeutsche bürokratische Einstellung hat in meinem Bezirk die
Schulen ruiniert. Es sind die Ossis mit ihren Einstellungen, die Deutschland wirtschaftlich in
die jetzige Krise gebracht haben.“
In einem Ton wilden Sarkasmus’ erwiderte jemand anders: „Ach ja, klar - das ist genau wie
das Gerücht, daß die Juden die globalen Finanzmärkte übernehmen wollen. Ihr Typen seid
ein Haufen Faschisten, weiter gar nichts.“
„Ich war früher progressiver Sozialist“, ließ sich jemand anders vernehmen, „aber nach all
dem, was jetzt passiert ist … stimmt schon, da stelle ich schon manchmal fest, daß ich den
Faschisten zustimme, die die Ossis begrenzen wollen.“
Bis dahin waren die Argumente hin und her geflogen. Jede/r versuchte, seine oder ihre
Meinung zu Gehör zu bringen. Die Temperatur war beträchtlich gestiegen, und einige Leute
schienen inzwischen sehr erregt zu sein. Die gelöste, logische, lineare Atmosphäre, die bei
der Frage „gibt es ein Thema, gibt es kein Thema“ im Raum gewesen war, hatte das
Fundament für eine dramatische Umkehr gelegt im Sinne von: „Okay, ihr wolltet ja darüber
reden - dann erzähl ich euch jetzt mal, wie es wirklich ist.“
Ein Wendepunkt
Eine Frau trat jetzt vor. Obwohl sie scheinbar eine Rolle spielte, die sie im Feld spürte,
brachte die Dringlichkeit, mit der sie sprach, das Hin und Her der Meinungen zum Stillstand.
Sie sagte: „Wir haben uns solche Mühe gegeben. Wir haben alles getan, um die
Vergangenheit zu verdrängen. Am Potsdamer Platz gab es früher nur die Mauer und den
Stacheldraht. Jetzt gibt es dort eine Eislaufbahn und ein Kino. Wir haben uns solche Mühe
gegeben, die Vergangenheit vergessen zu machen, alles hübsch herzurichten.
Wenn diese
Art von Gespräch aufkommt, dann will ich es ignorieren und wegdrängen. Ich war am
Anfang bei denen, die gesagt haben: Laßt uns nicht über das Ost-West-Thema reden, es
existiert nicht mehr wirklich – denn wenn wir darauf fokussieren, dann würdigen wir nicht all
die Mühe, die es gekostet hat, das alles zu verdrängen. Aber da wir jetzt schon darüber
reden, laßt uns langsamer und tiefer damit umgehen.“
Viele von uns waren von der Art
ihres Vortrags bewegt, und wir
begannen den Fokus darauf zu
richten, was die eine Seite zu
sagen hatte:
„Obwohl ich die
Vergangenheit verdrängen
möchte, stelle ich gleichzeitig auch
fest, daß ich trotz all meiner
Bemühungen auf seltsame Weise
die Vergangenheit vermisse.
Vorher hatten wir keinen Luxus,
und wir waren unterdrückt, aber
wir hatten alle einander. Ich hatte
einen Universitätsabschluß, aber da es ein ostdeutscher Abschluß
ist, ist er jetzt auf einmal nicht
mehr soviel wert. Ich hatte vorher
ein ziemlich ordentliches und
vorhersagbares Leben und eine
seltsame Art von Sicherheitsgefühl
– das ist jetzt weg. Wir, die wir im
Osten groß geworden sind, haben
alles verloren und haben für euch
da drüben immer und immer
wieder bezahlt.
Potsdamer Platz heute 2009 und 1965
Erst haben wir
eure moralischen Schulden der
Vergangenheit bezahlt, da wir
jahrelang mit den Russen gelebt
haben.4 Jetzt kommt ihr an und sagt, ihr würdet dafür bezahlen, daß wir wieder integriert
werden. Wir haben im Land Brandenburg über 300.000 Arbeitslose. Ihr redet über
Facilitation und systemisches Denken. Wir wissen nur, daß wir schwere Zeiten durchmachen.
Wir zahlen den Preis für eure Wiedervereinigung, und dann werden wir auch noch als doofe
Ossis beschimpft.“
4: Diese Bemerkung bezieht sich auf die Nachkriegszeit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war
Deutschland von den vier Siegermächten besetzt. Die ersten Unterschiede zwischen den Alliierten
zeigten sich jedoch schon anläßlich der ersten und zugleich letzten freien Wahlen zum Gesamtberliner
Magistrat nach Kriegsende, die am 20. Oktober 1946 stattfanden. Das Wahlergebnis, bei dem die SED
lediglich 20% der Gesamtstimmenzahl erzielte, bestätigte nicht die hohen Erwartungen, daß die Partei
in der „Ostzone“ die Spitzenposition einnehmen würde. Nach der Vereinigung der West-Sektoren
Berlins in ein „Trizone“ genanntes Wirtschafts- und Verwaltungsbündnis verließ die UdSSR den
alliierten Kontrollrat. Dieses Ereignis markierte den Beginn des Kalten Krieges in Berlin. Nach Meinung
des Sprechers (der Sprecherin?) mußten die Ostdeutschen die Unterdrückung durch die Russen als
Bezahlung für die Kriegsverbrechen ganz Deutschlands erdulden. Anders als die Westdeutschen, die
vom amerikanischen „Marshallplan“ profitierten und wirtschaftliche und demokratische Unabhängigkeit
erlangten, mußten ihre ostdeutschen Vettern die „Strafe“ absitzen.
Auf der anderen Seite erwiderte einige Leute wütend: „Ihr habt das doch gewollt! Habt ihr
schon vergessen, daß wir euch ja praktisch einsperren mußten, um zu verhindern, daß ihr
alle hier rüberkommt? Ihr konntet es doch gar nicht erwarten, euer Paradies zu verlassen
und zu uns rüberzukommen und Konsumgüter zu haben. Ihr habt keine Solidarität mit euren
eigenen Leuten gezeigt, sondern habt euch sofort auf die ganzen Westprodukte gestürzt. Ihr
habt uns gerufen, und wir sind gekommen, und jetzt beschwert ihr euch.“
Erste vorübergehende Auflösung: Nach Hause finden
Nun entstand inmitten der hitzigen Diskussion ein Moment des Schweigens. Die Gegenseite
wurde ruhig. Der Facilitator bemerkte diese Veränderung im Ton und bat diese Seite, über
das Schweigen zu sprechen, anstatt gleich nach einer weiteren Erwiderung zu suchen.
Aus diesem peinlichen Schweigen sprach einer der ostdeutschen Teilnehmer leise: „Ja, wir
haben es gewollt, aber wir wußten nicht, welchen Preis wir dafür würden zahlen müssen. Wir
haben alles aufgegeben, haben gespuckt auf das was wir hatten. Erst als wir es verloren
hatten, haben wir gemerkt, was gut daran gewesen war. Wir wußten nicht, wie schwer es
sein würde, miteinander in Beziehung zu treten.“
Jetzt hatten auf der westdeutschen Seite einige Leute Tränen in den Augen. „Ich auch“,
antwortete eine andere leise Stimme. „Ich hatte keine Ahnung, wie schwer es sein würde,
und ich hoffte teilweise, daß ihr ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Nationalstolz
mitbringen würdet. Wir hatten Luxus, aber wir waren zersplittert und hatten keine nationale
Identität. Wir haben gehofft, wir könnten unsere gemeinsamen deutschen Wurzeln finden
und damit eine Identität, auf die wir endlich stolz sein könnten. Doch dann passierte alles so
schnell, daß wir es gar nicht mitbekamen. Wir hätten von euch lernen sollen, daß
Gemeinschaft manchmal wichtiger sein kann als Profit und daß soziales Denken wichtig ist.
Wir hätten von euch lernen sollen.“
„Naja“, erwiderten darauf die Ossis. „Eure Sachen sind besser, euer Lebensstil macht mehr
Spaß, und wer will schon von Verlierern lernen? Wir waren offensichtlich die Verlierer, und
deshalb sollten wir von euch lernen.“
Mit dieser klaren Feststellung des Rangunterschiedes entstand ein unheilvolles Schweigen.
Aus diesem Schweigen kam die leise Stimme einer anderen Frau: „Meine Familie kam kurz
vor dem Mauerfall herüber. Sie hatten alles zurückgelassen und versuchten sich eine neue
Existenz aufzubauen. Sie schafften es nie. Wir zogen von einem Ort zum anderen wie
Nomaden, immer unterwegs, und immer auf der Suche nach einem Ort, wo wir uns
niederlassen konnten. Ich wuchs auf ohne Zuhause im Westen und ohne Zuhause im Osten.
Ich hätte alles dafür gegeben, irgendwo hinzugehören, ein Zuhause zu haben.“
Andere
Stimmen teilten dieselben Gefühle: an beide Seiten gebunden zu sein und die Notwendigkeit
zu fühlen, sich nun auf beiden Seiten ein Zuhause zu erschaffen. Eine echte Einheit entstand
in der Sehnsucht nach einem Zuhause und einem Dazugehören, das auf beiden Seiten
fehlte.Die Rolle des Suchenden nach Einheit hatte die erste temporäre Auflösung der
Polarisierung gebracht.
Ein weiterer Aufruhr: Wo sind die Täter?
Alle waren still und berührt. Jeder konnte mit dem Gefühl etwas anfangen, irgendwo
hinzugehören, stolz auf seine Ursprünge zu sein und eine Identität zu besitzen, die einen
Platz auf dem Planeten garantiert. In jenem Augenblick waren wir vereint in dem Wissen,
daß wir alle verschiedene Dinge aufgegeben hatten in der Hoffnung, einen hohen Traum zu
verwirklichen. In der Erkenntnis unseres kollektiven Bedürfnisses, mit anderen eins zu sein,
waren wir für den Augenblick vereint.
Es war ein besonderer Moment, in dem viele sich
einander nahe fühlten, als es aus einem Mann herausbrach:
„Moment mal – das wird mir hier zu friedlich. Ich hab da ein wichtiges Problem, das noch
nicht aufgelöst ist. Wo sind die ganzen Täter hin? Wo sind die Leute hin, die die
Republikflüchtlinge an der Mauer erschossen haben?5 Mein Onkel ist geflohen, aber sie haben eins seiner Kinder im letzten Moment zurückgehalten. Wo ist jetzt derjenige, der das
Kind an der Flucht gehindert hat? Auf einmal seid ihr alle Opfer der Unterdrückung, aber wo
sind denn die Täter?“
5:
Zwischen dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, und dem 9. November 1989 starben an
der Berliner Mauer 255 Republikflüchtlinge.
Jemand rief von hinten: „Und du, wie hast du denn damals dein Geld verdient? Hast du
immer brav die Gesetze befolgt und nie etwas falsch gemacht?“ „Keineswegs“, antwortete der erste Sprecher, „aber davon rede ich gar nicht. Sagt mir, wer
von euch war bei den Tätern?“
Auf der Ostseite sagte jemand: „Verlangt nicht diese Art von Geständnissen von uns. Wir
werden anfangen, über unsere Beteiligung an den Dingen zu sprechen, wenn von euch
welche hervortreten und zugeben, daß eure Verwandten am Holocaust beteiligt waren.“
Der Mann rief wütend zurück: „Kommt mir nicht mit diesem Scheiß! Jetzt tut ihr so, als
wären wir die Nazis und ihr die Antifas. Von eurer Seite waren genauso viele an den
Naziverbrechen beteiligt wie von uns. Damit müssen wir uns gemeinsam auseinandersetzen.“
Schließlich kam von der Westseite eine andere Stimme: „Wir würden gerne zugeben, wo wir
uns geirrt haben, aber wir wissen nicht wie. Kann auf eurer Seite jemand anfangen?“
Der Weg zu einer zeitweiligen Lösung: Die Entdeckung des Eins-Seins
Inmitten dieser Pattsituation trat eine erstaunliche Frau vor. Mit zitternder Stimme sagte sie:
„Ich bin im Osten aufgewachsen. Ich war Täter und Opfer. Ich schwankte zwischen beidem
hin und her, und selbst heute noch bin ich zerrissen zwischen diesen beiden Rollen. Ich
lernte als Kind, daß es Spaß macht, andere herumzukommandieren und herumzuschubsen.
Als Jugendliche war ich in einer Machtposition, die das System mir gab.
Einerseits fand ich
das moralisch in Ordnung, da ich an das System glaubte und es liebte. Doch manchmal
fragte ich mich insgeheim, ob das bedeutete, daß ich zur Hitlerjugend gehört hätte, wäre ich
in Nazideutschland groß geworden. Ich wagte aber nie, diese Frage laut zu stellen“, sagte
sie, jetzt weinend. „Es machte mir Spaß, mächtig zu sein.“
Eine Frau von der westdeutschen Seite antwortete. „Das kann ich verstehen. Wir hatten
einen Großvater, der als Familientyrann galt, und wir durften nicht widersprechen oder
unsere Wut offen zeigen. Gleichzeitig stellte ich fest, daß ich meinen Sportverein völlig
dominierte und alle in der Gegend herumschubste. Ich liebte es, endlich mal auf der anderen
Seite zu sein.“
Nun herrschte tiefes Schweigen im Raum. Daß die beiden Frauen so offen und direkt über
ihre Liebe zur Macht sprachen, ebenso wie über ihren Selbsthaß dafür, daß sie sie liebten,
und ihren Groll darüber, daß Macht über sie selbst ausgeübt wurde, verwandelte alle
Gesichter. Überall waren Tränen zu sehen. Es gab nicht einen Menschen in dem Raum, der
in diesem Prozeß nicht sich selbst wiedererkannte. Jemand stellte fest, daß das Verlangen
nach Macht und die Schwierigkeit, damit umzugehen, eine Erfahrung ist, die uns alle
verbindet.
Es gab für den Moment nichts mehr zu sagen. An diesem Punkt waren die
Trennlinien verschwunden. Es gab keine Ost- und Westdeutschen mehr, keine Opfer und
keine Unterdrücker – nur Menschen, vereint in ihrem Bemühen, mit ihrem historischen
Schicksal und ihrem persönlichen Leiden ins Reine zu kommen.
Spontan ergriff jemand die Hand seines Nachbarn, und spontan taten andere es ihm gleich.
Schweigend standen wir im Kreis, für den Augenblick, als Eins.
Nachbereitungs-Übung
Nach der Pause gab das Facilitatorenteam den TeilnehmerInnen die folgende Übung:
a) Erinnere dich an eine Zeit, als du etwas oder jemandem Mächtigem ausgesetzt warst.
Bemerke die damit verbundene Energie und mache eine Handbewegung, die diese
Energie zum Ausdruck bringt.
b) Gibt es eine Gangart, die die Energie dieser Handbewegung zum Ausdruck bringt?
c) Gehe ein paar Schritte in einer Weise, die diese Macht, deren Opfer du warst,
darstellt, und denke an einen Bereich in deinem Leben, in dem du diese Macht
kreativ anwenden kannst.
WER
Max Schupbach lebt in Oregon / Portland / U.S.A und arbeitet weltweit als Moderator, Berater und Coach mit einer Vielzahl unterschiedlichster Organisationen und Kollektive. Seine Arbeit gründet sich auf Worldwork, Prozessarbeit und Moderationsmodelle, die von Dr. Amy und Arnold Mindell entwickelt wurden. In einem Artikel auf diesem Webportal beschreibt er den Hintergrund von Worldwork.
Hinweis (Rundbrief vom 02.05.09)
Dear friends,
Hallo und Gruesse aus Oregon, wo wir einen wunderbaren Fruehling geniessen. Ellen und ich freuen uns darauf bald in Europa zu sein. Hier ein Hinweis auf unser Seminarprogram.
Diesen Sommer sind wir zuerst von 15.-19.Juni in Berlin mit dem Seminar „Zusammen Arbeiten“, wo wir zeigen und ueben, wie Konflikte and Teamarbeitsprozesse mit der Essenz einer Organisation zusammenhaengen. Diese Essenz ist eine direkt wahrnehmbare Richtung, die die zeitlosen Werte einer Organisation oder eines Individuums beinhaltet, und ungeachtet des Auf und Ab der äusseren Bedingungen und unserer Ängste und Hoffnungen eine Quelle von Inspiration und Kraft ist. Wir brauchen, zeigen und ueben Innere Arbeit, – oder wäre es besser zu sagen – Inneres Spiel, Beziehungsarbeit und Gruppenprozesse . www.worldwork-leadership.de
Im Juli sind wir zuerst in Rostov-on-Don, Russland, wo wir Kunst, Wissenschaft und spirituelle Uebung von Prozessarbeit unterrichten
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, danach in Venedig am Metaforum http://www.metaforum.com/deutsch, zuerst am Zukunftskongress „Pathway of Change“ und dann in der Woche danach mit einem Wochenseminar vom 3.-8. Juli mit dem Titel Die Wissenschaft, Kunst und spirituelle Praxis von Worldwork. Wir freuen uns auf die Begegnungen mit den KollegenInnen aus den verschiedenen Interessengebieten und Methodik-Schulen.
Dazwischen sind wir in der Ukraine und in Palaestina, im Auftrag des Deep Democracy Instituts, das nun auch eine neue Webseite hat (www.deepdemocracyinstitute.org) und einen neuen Blog. Da gibt es einiges Interessantes zu berichten, aber dafuer erhalten Sie bei Gelegenheit einen separaten Newsletter vom DDI.
Mit lieben Gruessen und einen guten Sommeranfang
Max und Ellen Schupbach
Kontakt
Dr. Max Schupbach
2049 NW Hoyt Ste. 3
97209 Portland, OR
United States
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http://www.maxfxx.net
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Kontroverse erlaubt -
Geschrieben von: arthur digby sellers () am 30-06-2009 09:46