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Am 19. und 20. Juni findet die interPM 2009 - Konferenz zur Zukunft im Projektmanagement (Leitthema: "Projekte als Kulturerlebnis") - statt. Philippe Fortuné und Dr. Helmut Volkmann werden dort unser Projektverfahren vorstellen und beiliegender Artikel wird in der Konferenzpublikation veröffentlicht werden.
Abstract
Mit welchen methodischen Ansätzen kann freiwilliges Engagement gefördert werden? Mit dieser Frage startete 2000 ein Forschungsprojekt des Centrums für angewandte Politikforschung (C⋅A⋅P) an der Universität München im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Heraus kam ein Beteiligungskonzept mit Projektverfahren und Begleitnetzwerk: die Gemeinsinn-Werkstatt.
Das Gemeinsinnkonzept dient als theoretische Grundlage, um die Dynamik freiwilligen Engagements zu erkennen und zu fördern. Wertschätzung und Selbstorganisation spielen dabei eine entscheidende Rolle. In den entsprechend entwickelten Projektrahmen kann je nach Hintergrund des Beraters, Moderators oder Evaluators eigenes methodisches Know-how einfließen. Ein Begleitnetzwerk unterstützt die Forschung, Qualifizierung und Verbreitung des inzwischen international anerkannten Ansatzes. Gute Anregungen also für die eigene Projektarbeit und Projektberatung.
1 Die Gemeinsinn-Werkstatt
Die Gemeinsinn-Werkstatt (GW) als Projektrahmen für komplexe Kooperations- und Beteiligungsprozesse ist das Ergebnis des gleichnamigen Forschungs- und Entwick-lungsprojektes von 2000 bis 2004, das seither mit Hilfe eines gemeinnützigen Trägers (Netzwerk Gemeinsinn e.V.) und einem Begleitnetzwerk fortgeschrieben wird.
Wie kann freiwillige Beteiligung und Zusammenarbeit gefördert werden? Wie können Menschen motiviert werden sich zu beteiligen? Wie können aus brennenden Anliegen Projekte entstehen, die nachhaltig umgesetzt werden?
Der vorliegende Text verdeutlicht, dass mit Gemeinsinn, weder ein selbstloser Altruismus, noch eine Art „common sense" gemeint ist. Vielmehr steckt dahinter das Bewusstsein, dass bestimmte Ziele gemeinsam besser und nachhaltiger erreicht werden können und dabei jeder der Beteiligten gewinnen kann. Die am Verfahren Beteiligten bestimmen selbst, wie sie die Zusammenarbeit im Projekt ausgestalten möchten, was sie dazu beitragen können und wen sie darüber hinaus noch beteiligen wollen.
Die Darstellung der Gemeinsinn-Werkstatt und ihren Impulsen zur „Förderung von mehr Motivation in der Zusammenarbeit" erfolgt in 3 Schritten, die den 3 Dimensionen der Gemeinsinn-Werkstatt entsprechen. Zunächst wird das Projektverfahren (vgl. 1.1) mit seinen Merkmalen, den 3 Phasen und 9 Schritten vorgestellt. Dann folgt das Gemeinsinn-Konzept (vgl. 1.2) mit seinen Alleinstellungsmerkmalen in Bezug auf freiwilliges Engagement. Anschließend ist es notwendig das Begleitnetzwerk (vgl. 1.3) aus erfahrenen Beratern, Moderatoren und Evaluatoren vorzustellen, die bei diesen Prozessen begleiten, weitere Aspekte erforschen und Fortbildungen anbieten. Zu guter Letzt werden noch die Einsatzmöglichkeiten und zu erwartenden Ergebnisse des Projektverfahrens dargestellt (vgl. 1.4).
1.1 Die Gemeinsinn-Werkstatt als Projektverfahren
Wesentliche Erkenntnis unserer Erforschung von freiwilligem Engagement war die Bedeutung von überschaubaren Prozessen. Die Projektform erfährt in unserer Zeit, durch ihre klare Definition von Anfang und Ende und eine weitgehend selbstbestimmte Wahl von Kompetenz- und Aufgabenbereichen, gerade bei der freiwilligen Zusammenarbeit Hochkonjunktur.
Beteiligungsprozesse sind häufigen Veränderungen unterworfen und müssen immer wieder aktualisiert werden. Insbesondere wenn schrittweise neue Interessenten und Partner eingebunden werden wollen, braucht es nicht nur überschaubare Zeiträume für Aktivierung, Realisierung und Integration der Aufgaben, sondern auch eine flexible Fortschreibung der gemeinsamen Ziele, möglicher Maßnahmen und gewünschter Ergebnisse. Dadurch werden Identifikation mit dem Projekt und mitverantwortliche Selbstorganisation und Lastenverteilung erst ermöglicht.
Ein gemeinsamer, tragfähiger Konsens der Initiatoren zu Beginn eines Projektes ist jedoch als Orientierungsrahmen unerlässlich und wirkt über die gesamte Laufzeit des Projektes wie ein roter Faden.
Im Folgenden werden wir unseren Fragentetraeder vorstellen, der die Beteiligten dabei unterstützt, sich über den Sinn des Vorhabens, gemeinsame Visionen, die Bereitschaft zu eigenem Engagement und die zur Zielerreichung nötigen Kompetenzen, Rahmenbedingungen und Ressourcen bewusster zu werden. Die Motivation der eigenen Person oder Institution wird dabei abgeglichen mit den Motivationen der anderen Beteiligten. Die unterschiedlichen Phasen und die Projektstruktur helfen den Beteiligten eine gute Balance zwischen Eigen- und Mitverantwortung zu finden. Zusammenfassend werden dann die neun Beteiligungsschritte der Gemeinsinn-Werkstatt vorgestellt. Zunächst zu zwei Voraussetzungen für freiwillige Projektverfahren: die Komplexitätsaffinität sowie die Orientierung an den individuellen Lebensrhythmen.
Komplexitätsaffinität
Damit Komplexität - wie bei Gemeinsinn-Werkstätten üblich - angemessen bewältigt werden kann und Beteiligung nicht eindimensional geschieht, müssen wir komplexe Herausforderungen lieben lernen (komplexitätsaffin sein)! Im Projektmanagement lautet eine der Regeln, Komplexiät nicht einfach nur zu reduzieren, sondern mit entsprechend komplexen Mitteln damit umzugehen. Wir nutzen deshalb bei der Gemeinsinn-Werkstatt gerne den sogenannten „Komplexitätsbogen". Die schrittweise Ausweitung und Bündelung von Komplexität hilft sowohl bei Gesprächen, Veranstaltungen wie im gesamten Projektverlauf die Zusammenarbeit zu aktivieren, zu realisieren und zu integrieren.

Abbildung 1: Projektverfahren Gemeinsinn-Werkstatt
Im Rahmen der Gemeinsinn-Werkstatt werden entsprechende Moderationsverfahren eingesetzt, die die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Beteiligten zu Beginn deutlich werden lassen und damit die Komplexität steigern und die Kreativität der Beteiligten stimulieren helfen. In dieser Phase fühlen sie sich gesehen und ernst genommen, und nehmen auch selbst besser wahr, was um sie herum an Kompetenzen und unterschiedlichen Motivationen vorhanden ist. Diese Phase ist für die Orientierung und Identifikation mit dem weiteren Prozess entscheidend.
Am Ende des Prozesses bündeln die Beteiligten die Vielfalt auf umsetzbare Lösungs- und Entwicklungsvorschläge, präsentieren Ergebnisse und kündigen die nächsten Schritte an. Diese Konkretisierung am Ende ist unerlässlich für die gemeinsame Ausrichtung, die Ankerung von Erfolgserlebnissen und die Bereitschaft zur weiteren Zusammenarbeit. Dies lässt ahnen, welch wichtige Rolle die Beratung und Moderation bei solchen Prozessen spielt.
Orientierung an Lebensrhythmen
Wir wissen es aus der eigenen Projektarbeit, dass die Motivation ganz persönliche Höhen und Tiefen kennt. Diese hängen zum einen mit den Rahmenbedingungen eines Projektes zusammen, andererseits mit privaten Gründen. Gemeinsinn-Werkstätten versuchen diesen Motivationsschwankungen und unterschiedlichen Lebensrhythmen der Beteiligten durch entsprechende Beteiligungskonzepte und -strukturen entgegenzukommen und dadurch rechtzeitig zu entlasten bevor es zum kompletten Ausstieg oder zum mühsamen Engagement aus Pflichterfüllung kommt.
Zunächst gibt es verschiedene Verantwortungsniveaus (Initiativkreis, Projektkreis, Veranstaltungskreise, Aktionskreise), die mehr oder weniger langfristig angelegt sind (vgl. Abbildung 1). Außerdem ist in jeder Phase des Projektverfahrens ein Wechsel vom Interessent zum Mitwirkenden zum Koordinierenden möglich und umgekehrt! Dadurch kann sich ein Beteiligter vorübergehend zurücknehmen.
Abbildung 2: Beteiligungskreise
Wozu? Was? Wer? Wie?
Prozessbegleitende sind gut beraten, mehr zu fragen als zu antworten. Allgemeine wie gezielte Fragestellungen geben den Beteiligten die Möglichkeit, sich selbst zu positionieren, eigene Kompetenzen einzubringen und Prozesse eigenständig zu entwickeln. Das gilt für Inhalte und organisatorische Fragen ebenso wie für methodische Ansätze!
Wozu? - Die Frage nach dem Sinn eines Projektes für sich und andere ist der motivationale Dreh- und Angelpunkt des weiteren Vorgehens und die Richtschnur für freiwillige Zusammenarbeit.
Was? - Die Frage nach den eigenen Visionen und gemeinsamen Perspektiven fördert das soziale Bewusstsein für gruppenübergreifende und zukunftsfähige Projektvorhaben.
Wer? - Die Frage nach den zu Beteiligenden hilft eigene, wie gemeinschaftliche soziale Fähigkeiten und Ressourcen zu reflektieren und den Mehrwert von Zusammenarbeit zu erkennen.
Wie? - Die Frage nach den persönlichen Bedürfnissen und jeweiligen Anliegen zeigt das Potenzial an sozialem Engagement und dem dazu nötigen Einsatz von Umgangsformen und Methoden.
Abbildung 3: Fragentetraeder
Phasenverlauf
Das Projektverfahren hat seine Besonderheit in der schrittweisen Beteiligung während der Aktivierungsphase, einer Verselbstständigung von Projektsträngen während der Realisierungsphase und der Integration von Ergebnissen während der Integrations-phase (vgl. Abbildung 1).
In der Aktivierungsphase werden nach und nach die relevanten Schlüsselpersonen, wichtige Kooperationspartner und Vertreter der zentral Betroffenen miteinbezogen. In einigen wenigen Treffen entsteht ein Bewusstsein über die jeweiligen Bedürfnisse, gemeinsamen Perspektiven und vorhandenen Kompetenzen, die vorhanden und vonnöten sind, um das Thema der jeweiligen Gemeinsinn-Werkstatt erfolgreich umzusetzen. Dabei werden die Beteiligten von einem Berater unterstützt, um u.a. das passende Verfahren auszuwählen. Wird sich für eine Gemeinsinn-Werkstatt entschie-den, arbeitet man im Rahmen des Projekt- und Veranstaltungskreises einen Projektverlauf aus, der zwei Großveranstaltungen als Höhepunkte besitzt. Die erste Großveranstaltung, das sogenannten Aktivierungsforum, ermöglicht das gegenseitige Kennenlernen, die Fokussierung von Schwerpunktinteressen und die Aufteilen in Einzelaktionen.
In der Realisierungsphase wird das Geplante in den jeweiligen Aktionskreisen umgesetzt. Die Phase ist in anderen Projektformen häufig unterbewertet und gerade hier zeigt sich, ob ausreichend Unterstützung angeboten und Koordinierungstreffen verabredet wurden, damit die einzelnen Akteure regelmäßig auftanken können.
Die Integrationsphase steht wie eine Ernte am Ende eines arbeitsreichen Jahres und betont die Nachhaltigkeit eines Projekts. Hier bietet sich die Gelegenheit das Erreichte zu reflektieren, für die Zukunft Schlüsse zu ziehen und gemeinsam zu feiern.
Zusammenfassend sind deshalb bei einer Gemeinsinn-Werkstatt neun Beteiligungsschritte angedacht (vgl. Abbildung 1):
- Ausgangspunkt: Ein brennendes Anliegen für viele?
- Klärungsgespräche Initiativkreis: Einige leiten den Prozess ein.
- Planungsrunden Projektkreis: Neue Interessierte gestalten den Projektverlauf des Gesamtprozesses mit.
- Aktivierungsforum Veranstaltungskreis: Die Großgruppe entwickelt Aktionen.
- Realisierungsphase Aktionskreise: Die Beteiligten setzen in Einzelaktionen das Geplante um und halten Kontakt mit den anderen Aktionen.
- Integrationsforum Veranstaltungskreis: Die Großgruppe reflektiert, präsentiert und feiert die Ergebnisse.
- Auswertungsrunden Projektkreis: Das Projektteam sichert die Ergebnisse des Gesamtprozesses und leitet sie weiter.
- Abschlussgespräch Initiativkreis: Die Initiatoren ziehen ihr Fazit.
- Ergebnis ist ein gewachsenes Netzwerk, das nachhaltige Lösungen entwickeln konnte!
1.2 Das Gemeinsinn-Konzept
Worin liegt nun die Motivation bei der Zusammenarbeit? Unser Forschungsprojekt hat nicht nur methodische Fragestellungen beantwortet, sondern auch grundsätzlich nach Beweggründen für freiwilliges Engagement gefragt.
Gemeinsinnige Projekte haben den Vorteil, dass sie nicht nur einen individuellen Nutzen versprechen, sondern auch für die beteiligten Gruppen und Institutionen bis hin zur Gesellschaft bzw. nachkommenden Generationen Mehrwert generieren helfen. Wir sprechen bei der Bündelung von Potenzialen deshalb vom Triple-Win (für mich, für uns, für alle) und haben diese Synergie an Hand einer einfachen Formel veranschaulicht:
11 + 11 + 11 < (1+1+1)1+1+1
Motivation oder Gemeinsinn sind ja nicht immer von Beginn an gegeben. Zunächst teilen die Beteiligten ein „brennendes Anliegen", haben dabei aber unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen und streben auf teilweise sehr unterschiedlichen Wegen danach ihr Ziel zu erreichen. Das dem Begriff des Gemeinsinns zugrunde liegende Verständnis strebt nach einer Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft und sieht Eigensinn und Gemeinsinn als zwei Seiten einer Medaille.
Dabei kann sich zunächst der Einzelne mit Hilfe der oben erwähnten Fragestellungen über sein Können, Wollen und Mögen klar werden. Der Gemeinsinn entsteht jedoch in der Begegnung mit den anderen, während des Aushandlungsprozesses. Erst hier werden aus individuellen Ressourcen und Fähigkeiten eine geteilte Eigen- und Mitverantwortung, aus persönlichen Perspektiven und Visionen gemeinsame Ziele und Nachhaltigkeit, und aus eigenen Bedürfnissen und Anliegen gegenseitiges Verständnis und Vertrauen.
Abbildung 4: Motivationsmodell
Für das Gemeinsinn-Konzept, welches das Grundverständnis für das Projektverfahren bildet, sind deshalb Wertschätzung, Freiwilligkeit und Selbstorganisation von zentraler Bedeutung. Eine aus deutschen Hilfsverben entwickelte Motivationsformel dient als Orientierungshilfe.
Wertschätzung
Wertschätzung ist in der Gemeinsinn-Werkstatt eine grundlegende Haltung, um die Unterschiedlichkeit der Partner konstruktiv einzubinden. Wer sich selbst schätzt und andere achtet kann sowohl selbstbewusst zu- oder absagen, wie auch die Zu- oder Absage anderer respektieren. Wir gehen im Gemeinsinn-Konzept von einem grundsätzlich um soziale Anerkennung bestrebten, konstruktiv handlungsorientierten, eigen- und mitverantwortlichen Individuum aus.
Freiwilligkeit
Gründe für freiwilliges Engagement gibt es viele. So kann es durch die positive Vorstellung zukünftiger Ergebnisse, den Wunsch zur Verbesserung der gegenwärtigen Situation bzw. durch Erinnerungen an Erfolge bisheriger Taten entstehen. Häufig sind es aber auch Dankbarkeit, die Freude am Zusammensein oder die Gelegenheit selbst etwas dazu zu lernen bzw. weiterzugeben - kurz die Beziehung zu anderen - welche freiwilliges Engagement befördern.
Der Anlass und die Rahmenbedingungen, welche die Zusammenarbeit unterstützen, können dabei stärker intrinsisch oder extrinsisch geprägt sein. Freiwilligkeit drückt sich dadurch aus, dass ein Beteiligter pro-aktiv gestaltet bzw. die Lücken füllt, die ein anderer, der sich aufgrund seiner aktuellen Lebenssituation etwas zurücknehmen muss, hinterlässt. Gemeinsinn-Werkstätten sind also nicht willkürlich oder zufällig, sondern fördern durch ihre Planung die positiven Perspektiven und eine gewisse Zuverlässigkeit und Verantwortlichkeit, welche zur Freiwilligkeit dazu gehört.
Das Motto der Gemeinsinn-Werkstatt lautet deshalb auch:
Voneinander lernen, miteinander gestalten und sich füreinander einsetzen!
Motivationsmodell
Ganz zu Beginn des Forschungsprojekts wurden die 6 deutschen Hilfsverben zur Orientierungshilfe für Gemeinsinn. Während Können, Wollen und Mögen Zeichen für von Innen kommende, selbstbestimmte und sinnorientierte Motivation sind, signalisieren Müssen, Sollen und Dürfen eine von außen kommende, fremdbestimmte und zweckorientierte Motivation. Mit der Motivationsformel gehen wir dabei nicht von reinen Motivationsformen aus, sondern von Gemengelagen, die durch den Quotienten größer oder kleiner 1 gut abgebildet werden:
Können + Mögen + Wollen
Müssen + Dürfen + Sollen
> 1: von innen motiviert, selbstbestimmt, sinnorientiert
< 1: von außen motiviert, fremdbestimmt, zweckorientiert
Dahinter steckt die Grunderfahrung, dass alles, was jemand will, möchte und kann (intrinsische Motivation), sich positiver auf seine Handlungsmotivation, sein Selbstbewusstsein und seine Verantwortungsbereitschaft auswirkt, als wenn andere bestimmen, was er soll, darf oder muss (extrinsische Motivation).
Selbstorganisation
Von der zunehmenden Komplexität von Projekten war bereits die Rede. Damit komplexe Prozesse in Großgruppen noch steuerbar bleiben, gibt es zwei Optionen.
Zum einen kann man den Prozess in mehrere Teilprozesse untergliedern, was häufig zu Problemen an den Schnittstellen führt. Die Alternative ist, Verantwortung und Entscheidungsbefugnisse zu delegieren und Machtverteilung zu dezentralisieren. Voraussetzung ist Vertrauen in die Kompetenzen und Fähigkeiten der jeweils Verantwortlichen bzw. Verantwortung übernehmenden, wobei zu diesen Fähigkeiten auch gehört, sich wenn nötig Hilfe zu holen. Unterstützung kann hierbei aus dem Kreis der Beteiligten als auch dem Begleitnetzwerk der Gemeinsinn-Werkstatt kommen.
1.3 Das Begleitnetzwerk
Bedeutung des Begleitnetzwerks
Bei einer Methodenanalyse 2004 wurde bestätigt, dass es bei solch komplexen Prozessen zumindest in einigen Projektphasen, der Unterstützung durch Berater, Moderatoren und Evaluatoren bedarf, die einerseits ihr Methodenwissen vermitteln, andererseits kritische Situationen kompetent begleiten können.
Das Begleitnetzwerk hilft dabei, fehlende Kompetenzen im Bereich der Steuerung, methodischen Gestaltung oder effektiven Reflexion des Prozesses auszugleichen. Zwar werden auch ohne Begleitnetzwerk brennende Anliegen erkannt und angegangen. Vielfach laufen diese Bemühungen, andere adäquat zu beteiligen und passende Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, ins Leere und so entste-hen Frustration, Reibungsverlust und mehr oder weniger große Kollateralschäden. Ob in Wirtschaft oder Politik, Sozial- oder Bildungsbereich, „Beteiligung" hat nicht immer einen guten Ruf und das ist solchen missglückten Prozessen zu verdanken, die häufig nicht einmal ins Handeln kommen.
Gemeinsinn-Werkstätten sind so angelegt, dass das Beteiligungs-Know-how innerhalb des Prozesses sukzessive mitvermittelt wird: Learning by Doing. Dieses Erfahrungslernen ist der bei weitem wichtigste Effekt einer guten Gemeinsinn-Werkstatt, da sie bewusst wie unbewußt auf weitere Prozesse übertragen und an andere weitervermittelt werden kann.
Was das Begleitnetzwerk bietet
Das Begleitnetzwerk der Gemeinsinn-Werkstatt ist über einen gemeinnützigen Verein koordiniert, hat ein interaktives Webportal und zentrale wie regionale Ansprechpartner sowie Treffen, Workshops und Veranstaltungen mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. Bekannt ist Netzwerk Gemeinsinn durch
- die Recherche, Entwicklung und Veröffentlichung international einsetzbarer Methoden
- den interdisziplinären Austausch unter hochmotivierten Beratern, Wissen-schaftlern und Bildungsexperten
- die Kombination und Entwicklung effektiver und innovativer Konzeptionen und Methodenansätze im Kontext von Beteiligung, Vernetzung und freiwil-ligem Engagement
- ein kontinuierlich wachsendes Netzwerk ausgebildeter Berater, Moderatoren, und Multiplikatoren im deutschsprachigen Raum
- Qualitätsicherung durch Konzepte, Fortbildungen und kollegialen Austausch der empfohlenen Begleitpersonen.
Eines der Besonderheiten des Netzwerks ist die Entwicklung eines Methodenbaukastens, der open-source jedem zur Verfügung steht und durch diverse Artikel auf einer Webplattform kontinuierlich ergänzt wird. Seine Gliederung entspricht den drei Dimensionen des Gemeinsinn-Werkstatt-Ansatzen: Projektverfahren, Gemeinsinn-Konzept und Begleitnetzwerk.
Abbildung 5: Gliederung Gemeinsinn-Werkstatt-Baukastens
1.4 Voraussetzungen und Ergebnisse
Bevor auf mögliche Ergebnisse einer Gemeinsinn-Werkstatt verwiesen wird, hier die günstigen Voraussetzungen für solch ein Projektverfahren:
- Ein „brennendes Anliegen vieler Menschen
- ein komplexes Thema ohne Patentlösung
- Wunsch, miteinander etwas zu erreichen, voneinander zu lernen, miteinander zu arbeiten und sich füreinander einzusetzen
- erste Vorstellungen von Rahmenbedingungen und Visionen
- ergebnisoffene Haltung der Initiatoren
- kompetente Begleitung durch einen Berater, der auf das Gemeinsinn-Begleitnetzwerk zurückgreifen kann
Gemeinsinn-Werkstätten führen zu nachhaltigen Ergebnissen. Durch Evaluation der Praxis konnte bei allen Beteiligten eine Zunahme von Kontaktaufbau, Informationsfluss und intensivierter Zusammenarbeit festgestellt werden. Darüber hinaus wurde „Beteiligung übers Reden hinaus" mit Mehrwert für Beteiligte, Projektgemeinschaft und Gesellschaft (vgl. Triple-Win-Effekt) so erfolgreich umgesetzt, dass wir auch das gemeinsam erarbeitete Methoden-Handbuch (Fänderl 20062) entsprechend benannt haben. Gemeinsinn-Werkstätten sind eine der Projektformen, welche sich im Bereich Bürgerschaftlichen Engagements bewährt haben und auch bei innerorganisatorischen wie zwischenorganisationen Kooperationen der Politik, Wirtschaft und Bildung wertvolle Orientierungshilfen geben können.
Literatur
[Fänderl 2006] Fänderl, Wolfgang (Hrsg.): Beteiligung über das Reden hinaus. Gemeinsinn-Werkstatt: Materialien zur Entwicklung von Netzwerken. (2. Aufl.) Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung, 2006.
[Holman 2007] Holman, Peggy, Tom Devane, Steven Cady: The Change Handbook. The Definitive Resource on Today's Best Methods for Engaging Whole Systems. (2. Aufl.) San Francisco: Berrett-Koehler Publishers, 2007.
[Ley 2003] Ley, Astrid, Ludwig Weitz (Hrsg.): Praxis Bürgerbeteiligung. Ein Methodenhandbuch. Bonn: Verlag Stiftung Mitarbeit, 2003.
Zentrale Links
www.netzwerk-gemeinsinn.net (Webportal von Nezwerk Gemeinsinn mit Methodenbaukasten und aktuel-len Artikeln, Fortbildungangeboten, Grundlagen-Informationen etc.)
www.vernetzungsberatung.de (Webseite von Wolfgang Fänderl Vernetzungsberatung für Fragestellungen zum Kooperations- und Beteiligungsmanagement)
Kontakt
Philippe Fortuné
Wendenstr. 27
85283 Wolnzach
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