|
So lautete der Titel des ersten Inputs beim 2. Münchner Methoden-Fachforum "Ja, wir tun's! Bürgerbeteiligung der Zukunft" im Ökologischen Bildungszentrum. Die Formulierung spielte auf den „Schlachtruf" der Obama-Kampagne an, seine erfolgreiche Umsetzung in Strategie, Aktion und die Wahl des Kandidaten zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Ich selber war einst wie Obama Community Organizer in den USA und begleitete die letzten zehn Tag seines Wahlkampfs als Wahlhelfer in Seattle (vgl. Reportage und Analyse). Aus diesen Erfahrungen heraus gestaltete ich ein Poster, dessen Legende von der untersten zur obersten Ebene voranschreitet:
Community Organizing (CO) und Obama betrachten die Bürger als Graswurzeln. Sie sind das grundlegende Geflecht einer jeden Demokratie. CO ist eine Methode, Menschen besonders effektiv miteinander zu vernetzen, sodass aus ihnen - um in der bildlichen Sprache der Chemie zu sprechen - ein dichtes (humanes) Kristallgitter von diamantenähnlicher Härte entsteht.
Das erfolgt durch die Technik von „one on ones", bilateralen Gesprächen zwischen zwei Personen. Durch die Einbeziehung von immer mehr Menschen, die ihrerseits solche Gespräche führen, wächst die Anzahl der Gespräche auf mehrere tausend an. Aus diesem Menschenpool entstehen Community Organizations, die pro-aktiv und vorausschauend die Probleme in einem Stadtteil bekämpfen - nicht zu verwechseln mit deutschen Bürgerinitiativen, die re-aktiv auf einen Notstand entstehen und nach nach dem Löschen des Brandes sich oft wieder auflösen.
Zwei wichtige CO-Elemente: die Aktivierung von Betroffenen, Freiwilligen und Mitarbeitern durch „Telephone Banks" und „Canvassing". Ersteres ist das Besetzen einer ganzer Batterie von Telefonen und das systematische Anrufen von potenziellen Unterstützern, um sie zu interviewen, sie um finanzielle Spenden zu bitten oder sie für eine Kampagne oder Aktion zu mobilisieren. Letzteres lässt sich am besten mit „Klinkenputzen" übersetzen, in einem Wohnviertel von Tür zu Tür zu gehen („door knocking"), die Bewohner nach Missständen zu befragen und sie in das organisatorische Netz einzubeziehen.
Telephone Banks und Canvassing waren die beiden Hauptsäulen der Obama-Kampagne, um die Wähler zu aktivieren und mobilisieren. Als weiteres Element kamen die „Haus Partys" hinzu. Obama-Unterstützer luden ihre Nachbarn zum Kaffee oder zum Grillen ein, um in entspannter Atmosphäre mit ihnen über die Wahlen und die Kandidaten zu sprechen und um potenziellen Obama-Wählern die Entscheidung zu erleichtern.
Alle drei Elemente resultierten im Rekrutieren von einer Million Freiwilligen.
Die Basis der Obama-Kampagne war also die Nutzung und Vernetzung der Graswurzeln, was im Wesentlichen über persönliche Kontakte, also offline erfolgte. Darüber spannte sich als weitere Ebene das Internet mit der MyBO-Plattform und Youtube-Videos. Der Online-Kanal wurde hervorragend bedient, sodass 10 Millionen Email-Nutzer regelmäßig erreicht wurden. Dies generierte einen Spendenregen von 700 Millionen US-Dollar. Dies alles sind Rekorde, die niemals zuvor von Kampagnen erreicht wurden.
Nach dem Wahlsieg wurde die MyBO-Plattform in die Organizing-for-America-Plattform umgewandelt (www.barackobamo.com). Diese nutzt der neue US-Präsident, um Kontakt mit der Basis zu halten, um über seine Arbeit zu informieren - aber auch, um seine Unterstützer weiterhin zu mobilisieren, wenn es politisch opportun erscheint. Als Obamas Haushaltsvorschlag auf starken Gegenwind stieß, fanden seine 10 Millionen Unterstützer eine Email von „Barack" in ihrem elektronischen Postfach vor. Mit dieser fordertre er sie auf, ihren Senator anzurufen und ihn zu drängen, im Senat für den Etat zu stimmen. Als flankierende Maßnahme wurden zu diesem Thema House Partys reaktiviert. Der Haushalt wurde angenommen.*
*) In der Frage, wie die Obama-Regierung mit den US-Bürgern umgehen
soll, die die Terrorverdächtigen des Anschlags vom 11. September
folterten und foltern ließen, wurde interessanterweise die Basis nicht
befragt, obwohl sich Obama vier Wochen Zeit nahm. Involviert in den
Foltervorwurf sind Regierungsmitglieder wie Ex-Präsident George W. Bush
und dessen Stab bis zu CIA-Beamten und Lageraufseher. Ende April 2009
zeichnet sich ab, dass trotz Protestes von Mitgliedern der
Demokratischen Partei Obama nachsichtig verfahren will. Er hat
beschlossen, "die Bestrafung der Täter zu verbieten oder mindestens zu
vertagen" (Spiegel: "Foltern für Amerika", 18-2009). Erfüllen sich die
Bedenken seiner Gegner aus den Wahlkampfmonaten, die in ihm einen
unerfahrenen und entscheidungsschwachen Politiker sahen?
Wird Obama ein interaktiver „President 2.0", der die Möglichkeiten des Internets ausschöpft, um die Absichten der Exekutive bis zu den Graswurzeln hinunter durchzusetzen (Pfeile), und zwar direkt, unter Ausschaltung der Legislative und der Presse?
Das wäre möglicherweise nicht unproblematisch, weil dadurch das Prinzip der Gewaltenteilung aufgeweicht werden könnte. Dieses basiert auf der Einsicht, dass Macht stets korrumpiert und deshalb starke Instanzen nötig sind, die einander kontrollieren und Prozesse transparent machen. So entsteht auch immer ein Höchstmaß an politischer Spannung. Darauf fußt letztlich auch CO, dass es Amtsträger gegenüber den Graswurzeln rechenschaftspflichtig macht.
Jetzt sitzt ein Community Organizer im Oval Office. Ist der auf dem Wege, dieses System kurzzuschließen - sollte er CO für seine Zwecke „gekidnappt" haben, unbewusst oder bewusst. Nach 100 Tagen im Amt ist Anfang Mai Obamas Schutzzeit vorbei, dann wird der Ton, auch der der Presse und der Opposition härter. Vielleicht wird das helfen, herauszukristallisieren, ob er möglicherweise auf dem Weg zu einer Art Sonnenkönig ist, der für sich in Anspruch nimmt:
„L´état c'est moi!"
Und die „Moral von der Geschicht'" (rechts oben, rot, von jetzt ab absteigend)? Die Ethik ist für Netzwerke und beim Vernetzen eine wichtige Größe. Zu welchem Zweck und mit welchem Ziel rücken Menschen zusammen und ziehen an einem Strang? Sollten sie von der Macht nicht respektvollen Abstand halten, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren? Das sollten sich Netzwerke in ihr „Mission Statement" hineinschreiben, damit es ihnen bei der Orientierung helfen möge! Rein kommerzielle Netzwerke, die nur materiellen Profit steigern wollen, sind ebensowenig unterstützenswert wie radikale politische oder religiös-sektiererische Flügel.
Stimmt die Zielrichtung und stehen Gemeinnutz und Gemeinsinn im Fokus der Bemühungen, dann sollten die Netzwerker die Human-Bindungen und -Gitter nicht dem Zufall überlassen, wie das in „vornehmer Zurückhaltung" in Deutschland wohl eher die Regel ist, sondern „pro-aktiv" vorgehen.
Last but not least: Das „Kapital" allen Gemeinsinns sind die Graswurzeln!
Kontakt
Wolfgang C. Goede
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Open Science / Wissenschaft für alle!;
http://blogs.pm-magazin.de/openscience
Forum Community Organizing;
http://www.fo-co.info
|
|
|