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Jun 14 2008
Dialog, Kontroverse und mehr - neue Wege der Wissenschafts- Kommunikation Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc-Denis Weitze   
Samstag, 14. Juni 2008
 

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08-03-29_networking-tagung_-_014_kopie Marc-Denis Weitze und Wolfgang C. Goede stellten am 29.03. auf der Tagung "Networking - what works " die Frage: "Wie kommen Wissenschaft und Öffentlichkeit in einen Dialog?" Der Bericht zeigt: In Deutschland und international gibt es mittlerweile einige Beispiele für einen erfolgreichen Dialog, aber es handelt sich bislang noch um Einzelfälle. 

Intro 

Von einem echten Dialog können tatsächlich alle profitieren - zumal wenn es um Kontroversen um gesellschaftsrelevante Themen geht. Ließ sich vor wenigen Jahren das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit noch mit dem sogenannten Defizitmodell beschreiben, wonach die Wissenschaft die Standards setzt, denen die Öffentlichkeit nur hinterher laufen kann, geht in Deutschland und international der Trend hin zum Dialog.

08-03-29_networking-tagung_-_034Erfolgreiche Wissenschaftskommunikation kann nicht darin bestehen, dass Wissenschaftler dozieren und die Öffentlichkeit nur zuhört - insbesondere wenn es um Themen geht, die mit Unsicherheiten und Risiken behaftet sind und die Öffentlichkeit direkt betreffen [vgl. House of Lords (UK), Science and Society. Report of the House of Lords Select Committee on Science , London 2000]. Mehr (popularisiertes) Wissen führt hier keineswegs zu mehr Akzeptanz, wie man bei der Diskussion um die Grüne Gentechnik teilweise noch geglaubt hat.

Doch was bedeutet „Dialog" eigentlich genau, was ist der konkrete Nutzen in der Wissenschaftskommunikation und wie kann Dialog erfolgreich in der Praxis eingesetzt werden? Erfahrungen der letzten Jahre in Deutschland und international zeigen Probleme und Möglichkeiten, wie die Wissenschaftskommunikation den Dialog systematisch integrieren kann.

Die Wissenschaftsjahre

Die seit 2000 themenzentriert veranstalteten Wissenschaftsjahre bieten in Deutschland eine besondere Chance der Bündelung und Fokussierung von Aktivitäten zur Wissenschaftskommunikation. Wie hier (in der Gesamtkampagne bzw. in Einzelveranstaltungen) Dialog verstanden und umgesetzt wird, ist evaluiert worden. Es zeigt sich, dass der Begriff „Dialog" in den Selbstpräsentationen der Wissenschaftsjahre oftmals bemerkenswert unklar verwendet wird: „Lebendige und kontroverse Dialoge" waren explizites Ziel im „Jahr der Chemie" 2003. „Fragen sind erwünscht, Antworten auch dem Laien verständlich."  

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Arbeitsgruppen-Mitglieder bei "Networking - what works?!"-Veranstaltung

Es fehlt hier jedoch die Definition und eine Operationalisierung: Was ist unter Dialog zu verstehen? Wie lässt sich feststellen, ob das Ziel erreicht worden ist? Was für Fragen sind gemeint? Sachfragen? Wer stellt die Fragen? Darf man auch einfach seine (mitunter emotionale) Meinung äußern? Oder geht es den Organisatoren des ‚Dialogs' letztlich doch nur darum, wie der Wissenschaftsforscher Peter Weingart skeptisch bemerkt, „das Interesse an Wissenschaft zu wecken in der Erwartung, dass ein gesteigertes Interesse Vertrauen und damit ein günstiges wissenschaftspolitisches Klima schafft"?

Die Evaluation des Jahres der Chemie greift das begriffliche Defizit auf, definiert als zwei Pole des dialogischen Meinungsaustausches den Sach- bzw. den Meinungsdialog und erlaubt damit eine Präzisierung [Univation (Hrg.) (2004): Methoden- und Effizienz-Evaluation von Dialog- und Kommunikationsformaten im Jahr der Chemie 2003. Studie im Auftrag des BMBF , Köln, 2004, S.88]:

„(a) Sachdialog im Sinne der Erschließung neuer und aktueller Aspekte der Chemie als Wissenschaft und/oder Wirtschaftsfaktor;

(b) Meinungsdialog über Stellenwert, Wechselwirkungen, Entwicklungspfade der Chemie als Wissenschaft und Produktivkraft für die Zukunftsgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft."

08-03-29_networking-tagung_-_052 Einen Meinungsdialog in diesem Sinne im Rahmen der Wissenschaftskommunikation in Gang zu setzen, wird als wesentliche Herausforderung der deutschen Wissenschaftskommunikation benannt, zumal solch ein Meinungsdialog „innerhalb von Veranstaltungen kaum en passent zu Stande kommt. Es müssen stattdessen Elemente in die Veranstaltungskonzepte eingebaut werden, die ein Zustandekommen eines Meinungsdialoges explizit fördern" [Univation (Hrg.) (2005): Evaluation Synthesis zu Angeboten der Wissenschaftskommunikation im Rahmen der Evaluation des „Jahrs der Technik 2004" . Studie im Auftrag des BMBF, Köln, 2005, S. 26; Univation (Hrg.) (2005): Status Quo und Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Bericht zur Expertenbefragung im Rahmen der Evaluation des 'Jahrs der Technik 2004'. Studie im Auftrag des BMBF, Köln, 2005, Kap. 5.3].

Für das Jahr der Technik suchte die Evaluation zwar wieder vergeblich nach Definition und Operationalisierung von Dialog. Aber es konnte hier von einem guten Beispiel berichtet werden, dem Schülerparlament. Dies war „eine der wenigen Veranstaltungen des Wissenschaftsjahrs [der Technik], die explizit den Meinungsdialog zu wissenschaftlich-technischen Themen in den Mittelpunkt stellt."

Leitziel war die „Reflexion, Stabilisierung oder Erweiterung der eigenen Meinung" [Univation (Hrg.) (2005): Gesamtbericht zur Evaluation „Jahr der Technik 2004". Studie im Auftrag des BMBF. Köln, 2005, S.43f.]. Dazu wurden rund einhundert interessierte Schüler der Sekundarstufe II aus Baden-Württemberg für zwei Tage in das Gebäude des Stuttgarter Landtags eingeladen. Zu den Themen Mobilität und Kommunikation wurden Arbeitsgruppen gebildet, in denen nach einem Brainstorming ein Expertenhearing mit Diskutanten aus Wissenschaft und Politik vorbereitet wurde. Nach diesem Hearing wurde wiederum in der Gruppe diskutiert und Anträge für eine Debatte im Plenum am folgenden Tag vorbereitet.

Das Format, so das Fazit, eignet sich gut, einen Meinungsdialog anzuregen und weiteres Interesse an technikpolitischen Themen zu wecken.

Kontroversen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit

08-03-29_networking-tagung_-_258 So verbreitet Kontroversen in der Wissenschaft sind und so produktiv sie für die Wissenschaft sind - umso schwerer ist bis heute ihr Stand in der Wissenschaftskommunikation, im Dialog von Wissenschaft und Öffentlichkeit.

So bleiben wissenschaftliche Kontroversen in der Schule weitgehend ausgeklammert. In positivistischer Weise wird hier Wissenschaft als „Langer Marsch zur Wahrheit" vermittelt. Man hat den Eindruck, dass die Streitigkeiten der Wissenschaftler „nicht vor den Kindern" ausgetragen werden sollen. Steckt Angst vor Autoritätsverlust dahinter?

Jedenfalls wird auf diese Weise ein falsche Bild von Wissenschaft vermittelt: „Schüler, die nach ihrer Schulzeit nichts mehr oder kaum noch etwas mit Naturwissenschaft zu tun haben, halten Naturwissenschaft fälschlicherweise für eindeutig, gradlinig und regelgeleitet anstatt für kreativ, kontingent und historisch gewachsen", so der Oldenburger Physikdidaktiker Dietmar Höttecke. Dabei würde es die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft doch nur steigern, wenn die Produktivität der Auseinandersetzung anerkannt wird.

Kontroversen können einen hohen didaktischen Nutzen haben, indem sie scheinbar „Selbstverständliches" wie die Grundannahmen und Methoden eines Faches hinterfragen. Die Wissenschaftshistoriker Steven Shapin und Simon Schaffer haben gezeigt, wie Kontroversen bereits im 17. Jahrhundert vieles von dem, was in der Wissenschaft heute ganz selbstverständlich ist, zur Diskussion brachten.

Wie gewinnt man wissenschaftliches Wissen? Wie viele Experimente sind zum Erkenntnisgewinn nötig? Kontroversen sind ein Zukunftsmarkt in einer Zeit widersprüchlicher Expertenmeinungen, die alle „wissenschaftlich fundiert" sind.

Angesichts der auch für Laien nicht zu übersehenden Unsicherheiten, auch und gerade bei wissenschaftlichen Themen, die immer mehr Menschen unmittelbar betreffen (Klimawandel, Mobilfunk, Gentechnik etc.), wäre es irreführend, wenn die Wissenschaft „mit einer Stimme" spricht (vgl. etwa Wolf-Andreas Liebert, Marc-Denis Weitze (Hrsg.): „Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft? ", Transcript-Verlag, Bielefeld 2006).

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Wissenschaftler zum Anfassen: Es gehört zum Konzept des Science Cafes, das Distanzen auch räumlich aufgehoben werden  

Das Dana Centre

Welche organisatorischen Vorbereitungen und welcher Aufwand notwendig sind, um erfolgreiche Dialogveranstaltungen auf den Weg zu bringen, zeigt das Dana Centre in London. Hier werden Dialogformate mit spezifischer Zielgruppe veranstaltet. Die hier gewonnenen Erfahrungen lassen sich auf andere Dialogveranstaltungen übertragen (siehe unten, „Hilfreiche Tipps für einen erfolgreichen Dialog"): "The Dana Centre is a stylish, purpose-built venue, complete with a cafèbar, appealing to adults. It is a place for them to take part in exciting, informative and innovative debates about contemporary science, technology and culture." 

Mit dieser Einrichtung der British Association for the Advancement of Science, der europäischen Dana Alliance for the Brain und des Science Museum (London) sollen tagesaktuelle Themen aus der Wissenschaft in den öffentlichen Dialog gebracht werden. In dem eigens für solche „experimentellen Dialoge" eingerichteten und Ende 2003 eröffneten Gebäude finden mehrmals wöchentlich zweistündige Veranstaltungen mit rund 70 Teilnehmern statt. Bei den Veranstaltungen diskutieren Experten und Laien öffentlichkeitsrelevante Wissenschaftsthemen, die von Gentechnik bis Kernenergie, von Internetzensur bis Telepathie reichen.

Das Ganze grenzt sich deutlich ab von typische Podiumsdiskussionen, bei denen zwar die Standpunkte bestimmter Personen oder Organisationen klar gemacht werden können, ein ergebnisoffener Dialog aber im allgemeinen nicht zu Stande kommt. Leider werden gerade solche Podiumsdiskussionen ja noch viel zu oft eingesetzt als Surrogat für einen Dialog mit der Öffentlichkeit.

Hilfreiche Tipps für einen erfolgreichen Dialog

Das Dana Centre bietet ausführliche Informationen zu Planung und Evaluation von Dialogveranstaltungen im Internet und bietet zweitägige Seminare „How to put together and evaluate a dialogue event" an. Einen nützlichen Überblick zur praktischen Umsetzung des Dialogs bietet auch eine Schrift der britischen Research Councils [Research Councils UK, Dialogue with the public: Practical guidelines 2002]. 

Diese Leitfäden sind nützlich für die verschiedensten Arten von Veranstaltungen, bei denen Dialog kein Zufallsprodukt sein soll: sei es im Rahmen von Tagen der offenen Tür, bei Bürgerkonferenzen - oder auch für Fachkonferenzen, bei denen der Dialog all zu oft nur in die Kaffeepausen gedrängt wird.

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Wolfgang C. Goede: Visualisierung der Ergebnisse des Workshops zum Science-Café 

Folgende Fragen und Überlegungen sollen helfen, erfolgreiche Dialogveranstaltungen zu planen:

Warum?

Welche Ziele hat die Veranstaltung, und warum soll sie dialogisch sein? Jede Kommunikationsform ist an ihre Ziele und Zielgruppen anzupassen. So ist auch Dialog kein Selbstzweck. Ein Ziel des Dialogs könnte Nachwuchswerbung sein, die Vorstellung der eigenen Forschung oder des eigenen Instituts in der Öffentlichkeit. Möchte man mit Dialogveranstaltungen gezielt Personen erreichen, die eine besonders kritische Haltung zur Wissenschaft haben? Soll ein Meinungsbild zur Politikberatung erhoben werden?

Was auch immer die Ziele sind - sie sollten mit den anderen Beteiligten (und etwaigen Sponsoren) abgestimmt sein. Ziele sollten so formuliert werden, dass sie im Rahmen einer Evaluation überprüft werden können. Konkrete Fragestellungen zur Erfolgskontrolle können lauten: Wie war die Resonanz? Wie viele Teilnehmer sind gekommen? Wurde die Zielgruppe erreicht, z.B. Schüler oder Senioren? Wie haben die Besucher mitgewirkt? Haben sie Sachfragen gestellt, ihre Meinung geäußert, etc.? Möchten sie zu einer derartigen Veranstaltung wieder kommen?

Was?

Ist das Thema bereits festgelegt, oder ist es mit Blick auf die Ziele der Veranstaltung noch zu definieren? Ein Dialog kommt besonders dann zu Stande, wenn es um ein Thema mit kontroversen Aspekten geht. Dann interessieren sich auch Nicht-Wissenschaftler für Wissenschaftsthemen. Gemeint sind jedoch nicht „innerwissenschaftliche" Kontroversen („Gibt es Higgs-Bosonen?"), sondern Kontroversen, die ethische und politische Aspekte mit einschließen, also neben wissenschaftlichen Experten zur Diskussion auch Nicht-Wissenschaftler fordern.

Häufig geht es hier um Risikofragen („Sind Mobiltelefone gesundheitsschädlich?") oder um Ethik („Ist etwas richtig oder falsch?"). Umgekehrt lassen sich kontroverse Themen in der Öffentlichkeit - sei es Gentechnik, Stammzellenforschung, Nanotechnologie oder Kernenergie - am ehesten im Dialog thematisieren.

Um den Dialog zu fördern, sind konkrete Fragestellungen nützlich, die das Veranstaltungsthema präsentieren, als Leitfragen dienen, die Veranstaltung gliedern oder als Einzelfragen in die Diskussion gelangen. Als besonders dialogfördernd haben sich offene Fragen heraus gestellt (die also nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten sind) und Erzählfragen („Was denken Sie über...?").

Fruchtbar sind zudem Fragen, die Risiken für Umwelt und Gesundheit oder ethische Aspekte betreffen, also Fragen, die für die Menschen nicht abstrakt, sondern unmittelbar relevant sind. Wie engagiert und emotional solche Dialoge ausfallen, hängt nicht nur vom Thema ab, sondern von der Art der „Aufbereitung", also den Fragestellungen und Beispielen.

Wer?

Wer ermöglicht den Dialog? Bei der Diskussion nimmt der Moderator („Facilitator") eine entscheidende Stellung ein. Er befördert den Prozess, ohne eine Lösung zu präsentieren. Er muss nicht unbedingt Experte auf dem jeweiligen Gebiet sein, aber ausreichend informiert, um die wichtigen Fakten und Schlüsselbegriffe gut zu kennen. Die Rednern (sinnvoll sind höchstens vier) auf dem Podium sollten die Thematik aus verschiedenen Blickwinkel beleuchten und unterschiedliche Interessen und Erfahrungen einbringen.

Mit der Zielsetzung ist i.a. auch festgelegt, welches Publikum man erreichen möchte. „Die interessierte Öffentlichkeit" wird zwar oft beschworen, taugt als Zielgruppe aber nicht.

Wie?

Zunächst leitet der Moderator die Veranstaltung ein und stellt dabei die Experten in ihren jeweiligen Rollen vor. Zu Beginn einer Veranstaltung von 90 bis 120 Minuten wird jeder Referent ein etwa zehnminütiges Statement abgeben. Eine Pause nach den kurzen Präsentationen ermöglicht, zunächst in Tischgruppen zu diskutieren und Fragen und Diskussionsbeiträgen zu entwickeln. Der Moderator lässt anschließend Fragen und andere Wortbeiträge zu.

Besonders geeignet für Dialogveranstaltungen sind Beiträge, die klar und einfach sind, zum Nachdenken herausfordern und neue Aspekte eröffnen. Weniger geeignet sind dagegen Abschweifungen (thematische oder zeitliche), Zweiergespräche oder die Diskussion zu spezieller Aspekte. Hier wird der Moderator gegebenenfalls steuernd eingreifen, ebenso, wenn ein Diskussionsteilnehmer oder eine Gruppe zu dominant sind.

08-03-29_networking-tagung_-_089 Der Moderator sorgt dafür, dass die Diskussion für alle Anwesenden verständlich ist, sowohl akustisch (dazu wiederholt er gegebenenfalls Fragen) als auch kognitiv (dazu lässt er Beiträge reformulieren und vermeidet Fachjargon).

Er muss gegebenenfalls den Dialog in Gang bringen. So kann eine Abstimmung zur Dynamisierung nützlich sein. Solche Abstimmungen zu themenbezogenen Fragen können den Teilnehmern helfen, ihre eigene Meinung überhaupt erst zu formulieren und Gespräche mit den Tischnachbarn anstoßen. Eine Dialogveranstaltung kann auch mit weiteren Elementen der Information und Unterhaltung kombiniert werden, etwa mit Performances, Spielen oder Filmausschnitten.

Wo?

Für Dialogveranstaltungen müssen geeignete räumliche Voraussetzungen bestehen. Die Raumgröße muss zur Teilnehmerzahl passen. Tischgruppen sind gut geeignet, Reihenbestuhlung dagegen weniger. Die akustische und visuelle Kommunikation muss für alle Anwesenden uneingeschränkt möglich sein.

„Science Cafe" an der Münchner Volkshochschule

Unter dem Titel „Naturwissenschaft kontrovers" etabliert sich derzeit an der Münchner Volkshochschule ein Dialogformat, das an das Dana Centre angelehnt ist. In diesem „Science Cafe" sollen naturwissenschaftliche Kontroversen so präsentiert und diskutiert werden, dass sie für das Publikum der Volkshochschule zugänglich werden. Äußeres Zeichen dieser Abende ist die Abkehr von einer frontalen Bestuhlung hin zu konzentrischen Stuhlreihen für die Teilnehmer, in denen eine Diskussion ohne viel Köpfe-Verdrehen möglich ist.

In einer ersten Staffel im Jahr 2007 wurden drei Veranstaltungen durchgeführt. Zur Einführung des neuen Formats stellten die Initiatoren Wolfgang Goede, Hermann Schlüter (Münchner Volkshochschule) und Marc-Denis Weitze unter dem Titel „Die Bedeutung von Kontroversen" (12.3.2007) das Konzept vor, betrachteten Definitionen von Kontroversen und gerieten darüber in ein Gespräch über Erkenntnisgewinnung in den (Natur)Wissenschaften.

Willensfreiheit war das Thema am 19.3.2007. Hier stellten zunächst der Philosophieprofessor Thomas Buchheim und der Neurowissenschaftler Thomas Zehetleitner, moderiert von Marc-Denis Weitze, die philosophischen und naturwissenschaftlichen Zugänge zum Thema vor [Abbildung]. Die Diskussion mit den ca. 50 Teilnehmern drehte sich unter anderem um juristische Konsequenzen der neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse. 

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Das Podium (v.l.n.r.): Philosophieprofessor Thomas Buchheim, Neurowissenschaftler Thomas Zehetleitner und Moderator Dr. Marc-Denis Weitze beim Science Cafe zur Willensfreiheit.  

Schließlich wurden studentische Debattierclubs am Abend mit dem provokativen Titel „Sollen Geisteswissenschaften an den Universitäten abgeschafft werden? (26.3.2007) eingeladen (vgl. http://blogs.pm-magazin.de/openscience/stories/8659/ und http://blogs.pm-magazin.de/openscience/stories/9018/ ). 

Im Rahmen des Münchner Klima-Herbstes 2007 fand in den Räumen von Green City ein moderierter Vortrag „Klimawandel in Bayern" mit Prof. Wolfgang Seiler vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung (IMK-IFU), Garmisch-Partenkirchen, statt. Echte Kontroversen wurden hier zwar nicht thematisiert - Klima-Skeptiker waren anscheinend nicht gekommen. Aber die Atmosphäre, unter anderem mit einem Pausenbüffet, bei dem die 40 Teilnehmer ins Gespräch kamen, entsprach der Idee eines Science Cafes (Abbildung folgt).

Die zweite Staffel des Formats „Naturwissenschaft kontrovers" an der Münchner Volkshochschule startete mit einem moderierter Vortrag von Prof. Günther Hasinger vom Max Planck-Institut für extraterrestrische Physik (Garching), moderiert von Wolfgang Goede: „Gibt es außerirdisches Leben im Kosmos?" (11.2.2008). Trotz Versuchen, den Raum mit „Grünen Männchen" zu dekorieren (Abbildung), und damit der Wissenschaft etwas von ihrer Schwere zu nehmen, geriet die Veranstaltung zu einem mehr als einstündigen Vortrag mit anschließender Fragemöglichkeit an den Professor.  

Auch der Abend „Schöpfung oder Evolution?" (18.2.2008), an dem Hermann Schlüter einen Vortrag von Prof. Christian Kummer S.J. von der Hochschule für Philosophie München moderierte, machte deutlich, dass zum Lebendig-Werden der Kontroversen wohl ein Experte auch aus den jeweils anderen Lagern erforderlich gewesen wäre.

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Dr. Herrmann Schlüter (stehend), an der Müchner VHS verantwortlich für das Fachgebiet Naturwissenschaften, begrüßt zum Science Cafe  

Das Bewusstsein war Thema eines weiteren Abends „Wer ist ich? " (25.2.2008). Bei den Veranstaltungen dieser Staffel wurden die Teilnehmer übrigens gezielt direkt befragt, wie sie zu Kernthemen stehen (Abbildung folgt) - ein Rezept, um alle Anwesenden aus ihrer Passivität, die durch die üblichen Vorträge und Podiumsdiskussionen ja regelrecht anerzogen wird, heraus zu holen.

Ausblick

Für den Winter 2008/2009 ist eine Fortsetzung des Formats der Münchner Volkshochschule geplant. Veranstaltungsort soll dann die Schrannenhalle (am Viktualienmarkt in München) sein. Es wird von diesem neuen Ort erwartet, dass auch andere Zielgruppen den Weg zu den Veranstaltungen finden und die Atmosphäre durch die benachbarte Gastronomie weiter in Richtung eines Science Cafes entwickelt wird (Abbildung folgt).  

Für das Science Museum spielt es eine wichtige Rolle, dass man mit dem Dana Centre aktuelle Themen besetzt und damit als Zielgruppen junge Erwachsene (Altergruppe 18 bis 40) erreicht, die nicht zum üblichen Museumspublikum gehören. Auch die Experimente an der Münchner Volkshochschule mögen motiviert sein durch den Wunsch, neue Zielgruppen zu erschließen.

Dialog ist kein Königsweg, aber eine (neue) Facette der Wissenschaftskommunikation. Ein Ziel für die nächsten Jahre ist es, Dialogelemente systematisch in bestehende Formate der Wissenschaftskommunikation einzubauen. Dabei können alle Seiten gewinnen: Im Sinne einer direkteren Demokratie nehmen die Steuerzahler Einfluss auf wissenschaftspolitische Entscheidungen. Und der Wissenschaft werden durch unvoreingenommene Sichtweisen auf ihre Grundannahmen und Fragestellungen neue Aspekte eröffnet. 

Autor und Kontakt

Marc-Denis Weitze
(Wissenschaftskommunikator)
Reutweg 26
83627 Warngau

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