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Auf der net's work 2007 stellte Wolfgang Fänderl den Kompetenzbegriff und seine Herkunft in einen neuen Zusammenhang. Der ganze Beitrag wurde in "Netzwerke: Businessinnovationen und Kooperationskultur im Spannungsbogen zwischen Forschung und Praxis"
2008 veröffentlicht.
Anknüpfungspunkte
Was verstehen wir unter Kompetenz und wie kann sie sich besser entwickeln? Was kann Vernetzung dabei bewirken und wie sehen kompetente Vernetzungsprozesse aus? Welche Rolle spielen kompetente Netzwerker und wie entwickeln sie ihre Kompetenz?
Meine These in diesem Beitrag: „Kompetenzen entwickeln sich durch entsprechende Partner, kompetent begleitete Vernetzungsprozesse und sich grundlegend verändernde Rahmenbedingungen in Aus- und Weiterbildung. Dies gilt nicht nur für Menschen sondern auch für Institutionen und Gemeinschaften."
[...]In dem Artikel gehe ich zu Beginn auf den facettenreichen geschichtlichen Hintergrund des Kompetenzbegriffs ein, der zusammen mit Grundinformationen aus eigenen Forschungsergebnissen das Verständnis von Kompetenzentwicklung und kompetenter Vernetzung erweitern hilft. Dazwischen sind einige praktische Beispiele methodischen Vorgehens und Abbildungen zur Veranschaulichung dargestellt. Am Ende werden noch sechs Trends zukünftiger Kompetenzentwicklung prognostiziert.
Kompetenz als In-Begriff
In den letzten Jahren bereichert der Begriff „Kompetenz" in zahlreichen Kopplungen wie Kompetenzteam, Kompetenzzentrum, Schlüsselkompetenz, Medienkompetenz oder Kompetenz-Management den deutschen Wortschatz. Die Erscheinungszahlen von Buchtiteln zum Thema sind in den letzten Jahren rasant gestiegen und Hans Dieter Huber, Professor für Kunstgeschichte in Leipzig, schrieb dazu:
„Über etwas Selbstverständliches muss man eigentlich nicht reden - und auch nicht schreiben. Denn es ist von selbst verständlich. Wenn also über etwas Selbstverständliches eine intensive Diskussion einsetzt, dann kann man fast sicher sein, dass nur noch wenig bzw. gar nichts mehr davon selbstverständlich ist. Bei einer so hohen Zahl von Publikationen zum Thema Kompetenz muss man davon ausgehen, dass wir es seit etwa zehn Jahren mit einer massiven Krise der Kompetenz und mit dem massiven Auftreten von Inkompetenzen zu tun haben." (Huber 2004)
„Kompetenz" - als deutsches Wort - wurde im Zuge der jüngeren deutschen Geschichte intensiv reflektiert. Ausgelöst durch die Transformationsprozesse und -probleme beim Zusammentreffen zweier weitgehend verschiedener Bildungssysteme und Bildungsschicksale in Ost- und Westdeutschland wurde nach wissenschaftlichen Grundlagen geforscht. Dann erlangte der Kompetenzbegriff traurige Bedeutung, als durch Veröffentlichung der PISA-Studie 2000 die bundesdeutsche Schulbildung im Europavergleich auf einem der letzten Plätze landete. Nicht Sach- oder Methodenwissen wurde geprüft, sondern Lesekompetenz und mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenz; d. h. Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften, mit denen Aufgaben gelöst werden können.
Was über Jahrhunderte Mainstream des Bildungsalltags war - ein Bildungssystem mit klassischer Wissensvermittlung im Stile des Frontalunterrichts - ist eingeladen, sich in Zeiten global vernetzter Herausforderungen zu wandeln. Dies hatten bereits Reformpädagogen wie Johann Heinrich Pestalozzi, Maria Montessori oder Paulo Freire seit dem 19. Jahrhundert vorgeschlagen und darüber hinaus modellhaft Alternativen aufgezeigt und praktiziert. Damals war die Zeit nicht reif für einen grundlegenden Wandel, und auch diesmal scheint sich kaum etwas in der schulischen wie außerschulischen Bildungslandschaft zu bewegen. Dabei leben wir in einer Epoche, in der global vernetzte Kompetenz eine der wenigen Hoffnungsträgerinnen für die Zukunft der Menschheit geworden ist. Dass dabei „Kompetenzentwicklung" nicht mit „Wissensmanagement" gleichgesetzt werden kann wird im Folgenden deutlich.
Der Kompetenzbegriff im Lauf der Geschichte
Eigentlich sollte man als Erziehungswissenschaftler das Wort „Kompetenz" leicht definieren können, ist es doch umgangssprachlich zentraler Bestandteil jeder pädagogischen Bemühung. Aber je weiter man in die Untiefen der begrifflichen Evolution vordringt (vgl. Huber 2004), desto komplexer und vielschichtiger aber auch erhellender wird der Begriff. Für mich als Vernetzungsberater eine wahre Fundgrube um Zusammenhänge zu reflektieren, Schlüsselbegriffe zu extrahieren und „Kompetenz" neu zu definieren:
Das lateinische „competentia" stammt vom Verb „competere" ab und bedeutet zusammentreffen, etwas gemeinsam erstreben, gesetzlich erfordern, aber auch zukommen, zustehen. (Übereinstimmung)
Im römischen Recht hatte sich das „beneficium competentiae" als ein Instrument etabliert, dem Schuldner nur soviel Geld abzunehmen, dass ihm das Existenzminimum zum Lebensunterhalt gewährt bleibt. (Zugeständnis)
Im 16. Jahrhundert war eine Person kompetent, die geschickt, ordentlich und fügsam ist, sich gebührlich benimmt, aber auch im Wettbewerb mit anderen steht, welche um dieselbe Sache streiten. Der Zusammenhang liegt noch heute dem englischen Begriff „competition" zugrunde. (Fairer Wettstreit)
Etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sind Kompetenz, Kompetenzstreit und Kompetenzkonflikt mit der Ausdifferenzierung einer modernen, arbeitsteiligen und funktionalen Gesellschaftsorganisation verbunden. Im Staatsrecht bedeutet ‚Kompetenz' daher die Zuständigkeit oberster Staatsorgane und nachgeordneter Behörden, Anstalten und Körperschaften bei der Erfüllung öffentlicher Aufgaben und der Ausübung hoheitlicher Befugnisse. (Zuständigkeit)
Im zweiten Band des Conversationslexikons von 1809 heißt es: „Competent (a.d.Lat.) heißt überhaupt, was einem zukommt, einem gehört - rechtmäßig; daher sagt man: ein competenter Richter über etwas, d.h. ein solcher, dem es vermöge seiner Einsichten und Kenntnisse zukommt, über eine Sache zu urtheilen; daher auch die Competenz, die Befugniß zu etwas." (zitiert in Huber 2004) (Befugnis)
Auch versteht man zuweilen unter „Competenz" die jährlichen Geldsummen, welche nachgeborne Prinzen aus den Einkünften des Landes, oder nachgeborne Söhne adeliger Personen aus dem Ertrag der Lehngüter ihrer Familien erhalten. (Anerkennung)
In der deutschen Militärsprache des 19. Jahrhunderts bezeichnete Kompetenz dasjenige, was Angehörigen oder Teilen des Heeres und der Marine an Geld, Unterkunft, Naturalien, Bekleidung, usw. gewährt werden musste. (Grundausstattung)
Nach 1945 wurde der Kompetenzbegriff in der Immunologie, der Kommunikationswissenschaft und der Motivationspsychologie verwendet.
So versteht man in der Biologie unter Kompetenz die Fähigkeit eines tierischen oder pflanzlichen Organismus, eine bestimmte Entwicklungsreaktion einzuleiten. In der Immunologie beschreibt der Begriff die Fähigkeit bestimmter Zellen des lymphatischen Systems, auf Kontakt mit Antigenen mit der Entwicklung immunologischer Fähigkeiten zu antworten. (Latente Reaktionsfähigkeit)
In der Kommunikationswissenschaft bezeichnet Kompetenz die Fähigkeit von Sprechern und Hörern, mit Hilfe eines begrenzten Inventars von Kombinationsregeln und Grundelementen potentiell unendlich viele (auch neue, noch nie gehörte) Sätze bilden und verstehen zu können. (Kombinationsfähigkeit)
In der Motivationspsychologie bezeichnet das Konzept Ergebnisse von Entwicklungen grundlegender Fähigkeiten, die weder genetisch angeboren noch das Produkt von Reifungsprozessen sind, sondern vom Individuum selbst hervorgebracht wurden. Das Motiv der optimalen Anpassung an die jeweilige Umgebung und der Wunsch nach Kontrolle über die Umwelt begünstigen die Entwicklung und Ausbildung von Kompetenzen. (Intrinsisch motivierte Gestaltungsfähigkeit)
In der Pädagogik wird seit Ende des 20. Jahrhunderts statt von Qualifikation verstärkt von Kompetenz gesprochen. Der Qualifikationsbegriff war problematisch geworden, weil er die Passung von situativen Anforderungen (etwa einer Tätigkeit) einerseits und den personalen Voraussetzungen zu deren Bewältigung andererseits in einen zu engen Zusammenhang bringen wollte. Kompetenzen sind weniger eng auf Anforderungen von Berufen oder Tätigkeiten bezogen, sondern allgemeine Dispositionen von Menschen zur Bewältigung bestimmter lebensweltlicher Anforderungen bzw. die menschliche Fähigkeit zur Teilhabe an gesellschaftlicher Kommunikation. (Eignungspotenzial und Kommunikationsfähigkeit)
Diplompsychologe Weinert (2001) versteht unter Kompetenz „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können." (Verantwortungsvolle Handlungsbereitschaft)
Der Begriff der Kompetenz findet sich in der gegenwärtigen Diskussion meist im Zusammenhang mit erlernbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zum Beispiel von Bewerbern in Stellenanzeigen oder in Berufsbeschreibungen erwartet werden (Medienkompetenz, interkulturelle Kompetenz etc.). Der Erwerb von Kompetenzen wird mit Lernen und Erfolg gleichgesetzt. Kompetenz wird dabei als eine Art Maßstab oder Kriterium genutzt, um Personen zu vergleichen, zu bewerten oder auszuwählen. (Wissens- und Erfahrungsrepertoire)
Daraus leite ich folgende historisch begründete Begriffsdefinition ab:
„Kompetenz ist latent vorhandenes bzw. anerkanntes Wissens- und Erfahrungsrepertoire eines Menschen oder einer Institution, das sich in Übereinstimmung mit der erforderlichen Grundausstattung, Zuständigkeit und Befugnis einer Rolle in Institutionen oder Gesellschaften befindet. Kompetenz wird durch Eignung, Kommunikation und Handlungsbereitschaft im Vernetzungsprozess und beim fairen Wettstreit ermittelt und entwickelt und beinhaltet intrinsisch motivierte, verantwortungsvolle Reaktions-, Kombinations- und Gestaltungsfähigkeiten."
Kompetente Vernetzung
Die Wurzeln des Kompetenz-Begriffes machen bereits deutlich, dass neben den offensichtlicheren, sachlich-rationalen bzw. harten Faktoren (z. B. Wissens- und Erfahrungsrepertoire, Zuständigkeit, Befugnis) auch die weniger sichtbaren, sozial-emotionalen bzw. weichen Faktoren von Kompetenz eine wichtige Rolle spielen (z. B. latente Reaktionsfähigkeit, intrinsisch motivierte Gestaltungsfähigkeit).
Petermann sprich von „Qualitäten der Beziehungsgestaltung" (1995), Hesse und Schrader von „sozialer Kompetenz" (2003) und bezeichnen damit das Ausmaß, in dem ein Mensch in der Interaktion mit anderen im privaten, beruflichen und gesamtgesellschaftlichen Kontext selbständig, umsichtig und konstruktiv zu handeln vermag. Die Fähigkeit, zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion optimal zu gestalten besteht aus Schlüsselqualifikationen wie Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Kontaktfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Integrationsvermögen, Informationsbereitschaft und Selbstkontrolle.
Kompetenzen werden deshalb immer Personen oder Organisationen zugeschrieben, nie aber Maschinen oder Dingen. Im Informationszeitalter mag künstliche Intelligenz und Wissensmanagement eine große Rolle spielen, Kompetenz bleibt aber eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Unser virtuell und global vernetzter Sachverstand (z. B. Know-how aus der Klimaforschung) wird erst durch persönliche wie institutionelle Vernetzungsfähigkeit, vernetzte Strukturen und Vernetzungsbereitschaft sinnvoll einsetzbar (z. B. Engagement in der Umweltbewegung).
Spreche ich von „kompetenter Vernetzung", dann beziehen ich mich auch auf jene weichen sozialen Fähigkeiten, welche so gut wie nie auf Lehrplänen stehen, obwohl sie einen Grossteil unserer Kompetenz und unseres Erfolges ausmachen. Doch was trägt zur Entwicklung dieser Vernetzungskompetenzen bei? Bleibt es bei zufälligem Lernen im Alltag, sind wir auf teuere Supervisions- und Coachingprozessen in Krisensituationen angewiesen, oder gibt es Verfahren die solche Kompetenzen bewusst aufbauen helfen?
Gemeinsinn-Werkstatt an der Universität Augsburg (2002)
Frage: „Wo gibt es mehr Kompetenz als an einer Universität?" Antwort: „An einer vernetzten Universität!" Damit ist in Kürze auf den Punkt gebracht, was die Hochschule in Augsburg sich 2002 von dem Projektverfahren Gemeinsinn-Werkstatt erhoffte: ein klareres Profil für externe Vernetzung und offenere Türen für die interne Vernetzung. Ein Jahr dauerte das Verfahren und in der Tat kam es nicht nur zu einer Vielzahl unterschiedlicher, interdisziplinärer und bereichsübergreifender Einzelaktionen (Webprojekt zum Umgang mit Rechtsextremismus, Streichen der Cafeteria, Aufbau eines Studium Generale etc.) sondern schrittweise wurden Kompetenzen und Zuständigkeiten in Kontakt und Austausch gebracht, wo früher Vorbehalte und Kommunikationslosigkeit herrschten.
Die Begleitenden dieser Gemeinsinn-Werkstatt stellten während des Gesamtprojekts Beratungs-, Moderations- und Evaluations-Know-how zur Verfügung. In neun Einzelschritten wurden Aktivierung, Realisierung und Integration der Zusammenarbeit (vgl. Abbildung b) angeregt und methodisches Know-how zur weiteren Verwendung mit auf den Weg gegeben.
Abbildung a) Projektverfahren Gemeinsinn-Werkstatt
Die Mitwirkenden in- und außerhalb der Universität konnten sich auf unterschiedlichen Verantwortungsebenen (Initiativkreis, Projektkreis, Veranstaltungskreise oder Aktionskreise) einbringen und erlebten ein hohes Maß an Freiwilligkeit, konstruktiver Kooperation und gegenseitiger Wertschätzung. In kleineren wie größeren Treffen, vom Direktorium bis zum ‚gemeinen' Studenten, wurde das ganze System in den Raum geholt und arbeitete projektbezogen in abgestimmter Rollenverteilung zusammen.
Die Menschen unterschiedlicher Hierarchien erfuhren durch direkte wie indirekte Interaktionen neue Anerkennung und gegenseitige Bereicherung. Viele der damals entstandenen Kontakte haben noch heute Bestand und gehören zu dem, was ich „kompetente Vernetzung" nenne: Man weiß um die jeweiligen Stärken, hat Erfolge wie Misserfolge der bisherigen Zusammenarbeit reflektiert und kann bei Bedarf Kontakt aufnehmen.
(Weitere Informationen in Fänderl 2005 bzw. auf www.netzwerk-gemeinsinn.net)
Kompetenz-ent-wicklung
„Ent-wicklung" beschreibt als Begriff das Aus- oder Abwickeln bereits latent vorhandener Potenziale. Das Kind startet nicht als „tabula rasa" (leere Tafel), die durch das Leben gezeichnet wird, sondern bringt schon von Geburt an eine Vielzahl von angelegten Kompetenzen und Interessen mit, deren Entfaltung durch die Umwelt unterstützt oder behindert wird.
Maria Montessori hatte Anfang des 20. Jahrhunderts als Ärztin und Pädagogin die Entwicklung von Kindern beobachtet und eine vorbereitete Umgebung geschaffen, in der sie sich ihrem Interesse gemäß frei bewegen und weiterbilden können. Außerdem hat Montessori herausgefunden, dass junge Menschen in gewissen Lebensphasen bestimmte Kompetenzen leichter entwickeln können als in anderen. So lassen sich z.B. Fremdsprachen im Vorschulalter schneller lernen als nach der Einschulung. (Montessori 1969) Bei Erwachsenen geht es weniger um die Differenzierung nach Altersphasen. Wir wissen aber aus eigener Erfahrung, dass sich bestimmte Kompetenzen besonders gut und schnell entwickeln lassen, wenn die innere Bereitschaft und das soziale Umfeld gleichermaßen dazu beitragen.
Kompetenzentwicklung ist also evolutionär zu sehen. Individuell nimmt sie ihren Anfang in der Familie und mit zunehmendem Alter wächst die Bedeutung von Freunden, Pädagogen, Beziehungspartnern, Arbeitskollegen bis hin zu Mitbürgern. Manche Kontakte werden aufrechterhalten, andere abgebrochen oder in ihrer Priorität zurückgestellt. Sie waren aber zu ihrer Zeit hilfreich, um neue Erfahrungen zu sammeln und Kompetenzen herauszubilden.
Als Spezies Menschen haben wir die Besonderheit aus eigenen wie fremden Erfahrungen, Erfolgen wie Fehlern zu lernen, dieses Wissen auszutauschen und festzuhalten sowie Analogien zu bilden und Erkenntnisse auf andere Kontexte zu übertragen. Wie die Kommunikations- und Gehirnforschung zeigt (Watzlawick 1969, Vester 2001), wirken äußere und innere Vernetzungsprozesse des Menschen vielfach zusammen und können damit persönliche wie gesellschaftliche Entwicklungen beschleunigen.
Kompetenzentwicklung ist ein sozialer Prozess und damit immer vernetzt zu denken und schrittweise zu planen. Zum einen wollen vorhandene Kompetenzen genutzt und geachtet werden, die anderen Mehrwert bringen. Zum anderen wollen neue Kompetenzen ausgebaut und entwickelt werden, die eigenen Mehrwert versprechen. Gelingt dies nicht, so entsteht einerseits durch „zuviel desselben" lästige Routinearbeit, Unterforderung und Unzufriedenheit. Andererseits verursacht „zuviel des Neuen" Überforderung, Versagensangst und innere Kündigung. So eskaliert psychosozialer Stress, der unsere Wirtschaft jährlich viele Milliarden Euro (Nefiodow 2000) und uns selbst als Menschen viele Nerven kostet.
Vernetzungskunst im Alltag
Um die Komplexität von Vernetzungsprozessen und deren gegenseitige Abhängigkeit besser in den Blick zu bekommen, nehmen wir das Beispiel von Andrea A., Sekretärin beim Unternehmen B. in der Stadt D. In ihrer Arbeitszeit bringt sie ihre schulischen Kenntnisse und Fähigkeiten aus der Fortbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin ein. Mit dabei auch die Erfahrung aus 6 Jahren PC-Anwendung, die bei der Umstellung auf ein neues Computersystem vor 2 Jahren weiterentwickelt werden musste. Was die Zukunft betrifft, so übernimmt sie neben der Alltagskorrespondenz überschaubare Projektarbeiten. In langfristige Perspektiven der Firma wird sie informativ eingebunden. Im gegenwärtigen Alltag kommt sie mit ihren Kollegen wie den Kunden zurecht, fühlt sich aber nicht besonders wohl mit dem Arbeitsklima und folgt lieber Dienst nach Vorschrift.
In ihrer Freizeit blüht Andrea auf. Gerade im Kontakt mit Freundinnen und Freunden zeigt sie sich vielseitig interessiert, sie treibt gerne Sport und nutzt ihr Sprachentalent für Urlaube im Ausland. Zwar erfordert ihre Familie Routinearbeit, sie erscheint jedoch überschaubar und sinnvoll und wird durch die abwechslungsreichen Entwicklungsprozesse der Kinder ausgeglichen. Die Zukunft der Familie liegt ihr am Herzen und sie ist vorausschauend darauf bedacht, Krisen zu vermeiden. Im Familienalltag geht sie Konflikte frühzeitig an, hilft ihren Bekannten und wird von ihnen unterstützt. Darüber hinaus engagiert sie sich als Elternsprecherin in der Schule ihrer Kinder und unterstützt eine Umweltschutzinitiative.
Andrea lebt in zwei Welten, die scheinbar hermetisch voneinander getrennt sind. Dabei gäbe es viel voneinander zu profitieren und die Lebensqualität würde steigen, wenn mehr Durchlässigkeit und Vernetzung entstünde. Als ein Kind krank wurde, traute sie sich kaum ihren Arbeitskollegen davon zu erzählen, um den Arbeitsablauf nicht zu stören. Als es bei einer Besprechung um Fragen des Umweltschutzes ging, hielt sie sich zurück, um nicht unangenehm aufzufallen. Im Konflikt zwischen zwei Kollegen wollte sie nicht eingreifen, obwohl sie diese Streitigkeiten aus ihrer Familie gut kennt und eine schlichtende Rolle hätte einnehmen können. In ihrer Rolle als Elternsprecherin wurde an sie die Anfrage gestellt, ob ihre Firma eine Schulfeier unterstützen könnte, was sie aber besser nicht weiterleitete. Und als vor zwei Wochen eine Bekannte wissen wollte, was sie in ihrem Job macht, war es ihr lieber darüber nicht zu reden, schließlich war es ja ihre Freizeit.
Vernetzungsebenen
Zur besseren Orientierung stelle ich hier ein von der Gemeinsinn-Werkstatt adaptiertes Vernetzungsmodell vor. Es zeigt, dass Andrea A. auf menschlicher Ebene eine Vielzahl anderer Menschen trifft und mit denen sie sich mehr oder weniger gerne austauscht. Diese anderen Menschen stecken so wie sie selbst in Rollen, denen sie zeitgleich auf zwei weiteren Ebenen begegnet. Andrea ist auf institutioneller Ebene beispielsweise Ehefrau und Mutter (Institution Familie) als auch Sekretärin (Institution Unternehmen). Auf gesellschaftlicher Ebene ist sie Bekannte (Freundesgruppe), Umweltschützerin (Bürgerinitiative) aber auch Bürgerin (Kommune).
Abbildung b) Vernetzung auf drei Ebenen
Institutionen unterscheiden sich von gesellschaftlichen Gruppen durch die höhere rechtliche Verbindlichkeit ihrer Beziehungen (Ehegemeinschaft, Verein, Unternehmen). Auf gesellschaftlicher Ebene sind eher jene Rollen angesiedelt, in die man hineingeboren wurde (Staatsbürgerschaft, Religion) bzw. die freiwillig und unbezahlt übernommen werden (Freundesnetzwerk, Bürgerinitiative). Andrea steht als Mensch mit ihren eigenen Rollen, sowie mit anderen Menschen und deren Rollen in Beziehung. Aber auch die Institutionen und Gruppen untereinander stehen in einem gewissen Verhältnis und spielen ihrerseits eine gesellschaftliche Rollen (Verbände, CSR-Initiativen). Diese Beziehungen und Verhältnisse zueinander machen es Andrea mehr oder weniger leicht, Rollen zu wechseln und die verschiedenen Gruppierungen und Institutionen untereinander in Kontakt zu bringen.
Andreas Aufgabe ist es ihr Menschsein (weiche Faktoren) mit den verschiedenen Rollenanforderungen (harte Faktoren) zu verbinden und einen Ausgleich zu schaffen (emotional wie rational). Je besser sie sich auf die Rollen einstellen kann und die Rollen sich an Andrea anpassen lassen, desto besser und freudiger kann sie die Rollen ausfüllen. Umgekehrt lassen sich auch Institutionen und gesellschaftliche Gruppen bevorzugt auf Menschen ein, die zu ihnen passen bzw. sie auf irgendeine Art bereichern.
Integration und Mehrwert
Kompetenzförderung braucht individuelle und gemeinschaftliche Entwicklungsräume mit realen, virtuellen, zeitlichen und sozialen Dimensionen. Bei Projekt Gemeinsinn (Fänderl 2005) wurden dazu einfache grafische, grammatikalische und mathematische Formen genutzt, um für komplexe Sachverhalte ‚merkwürdige' Bilder und Eselsbrücken zu schaffen.
Abbildung d) Vernetzungsevolution
Die Personalpronomen halfen beispielsweise, die Notwendigkeit integrativer Bemühungen im Verlauf komplexer Herausforderungen plausibel zu machen (vgl. Abbildung d). Das ICH entwickelt sich in der partnerschaftlichen Beziehung zum DU (Buber 1995), aber erst durch die Integration von außenstehenden Personen (ER, SIE und ES) in die gemeinsamen Überlegungen und Handlungen entsteht ein gruppenübergreifendes, nachhaltiges und gemeinsinniges WIR. Parallel entwickeln auf Gruppenebene WIR und IHR durch Berücksichtigung und Integration außenstehender Gruppen (SIE) einen erweiterten WIR-Begriff auf institutioneller und letztlich auch gesellschaftlicher Ebene. Das Geheimnis kompetenter Vernetzung liegt in der Berücksichtigung und Integration der ‚dritten Person‘ als ergänzendes, ganzheitliches Moment.
Wo persönliche, institutionelle und gesellschaftliche Ebenen nachhaltig und gruppenübergreifend - also „kompetent" - vernetzt sind, entsteht potenzierter Mehrwert. In Anlehnung an den aristotelischen Spruch „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" erweiterten wir den gruppendynamischen Win-Win-Effekt auf persönlicher Ebene um die Potenziale auf institutioneller und gesellschaftlicher Ebene und kommen so zum Triple-Win-Effekt (vgl. Formel a):
11 + 11 + 11 < (1 + 1 + 1)1+1+1
Formel a) Triple-Win-Effekt kompetenter Vernetzung
Motivation und Vernetzungsbereitschaft
In der begrifflichen Herleitung hat Weinert bereits deutlich gemacht, dass die Bereitschaft kompetent zu handeln ebenso wichtig ist wie die Fähigkeit dazu. Im Rahmen unseres Forschungs- und Entwicklungsprojekts zur methodischen Förderung von freiwilligem Engagement suchten wir nach einer überzeugenden Abgrenzung zu Pseudoformen ‚freiwilliger intrinsischer Motivation', die den Begriff Gemeinsinn überlagern (z. B. Altruismus, Gruppendruck, Anreizsystem etc.).
Bei den sechs deutschen Modalverben wurden wir fündig und wir entwickelten daraus einen Quotienten (vgl. Formel b) mit dem differenziertere Aussagen zur vorherrschenden Motivation einer Person oder auch einer Gruppe gemacht werden können:
Können + Mögen + Wollen
Müssen + Dürfen + Sollen
> 1: von innen motiviert, selbstbestimmt, sinnorientiert
< 1: von außen motiviert, fremdbestimmt, zweckorientiert
Formel b) Motivationsformel der Gemeinsinn-Werkstatt
Das, was für Menschen wirklich zählt (Zähler), ist zu stärken, und die nennenswerte instrumentelle Basis (Nenner) ist so gering wie möglich zu halten, damit sich von innen motivierte, selbstbestimmte und sinnorientierte Motivation entwickeln kann. Die Motivationsformel dient Vernetzungsprozessen als Orientierungshilfe, sowohl beim Einstieg, als auch in den späteren Phasen, wenn die Anfangsbegeisterung vom Vernetzungsalltag häufig verdrängt wurde.
Eigensinn wie Gemeinsinn sind zwei Seiten einer Medaille, die in Balance zu bringen sind. Geht die Motivation (vgl. Abbildung d) von einem starken, authentischen Individuum (ICH) aus, das sich kompetent mit anderen (WIR) vernetzen will, kann und möchte, dann wird nicht nur das eigene sondern auch das gemeinsame Leben bereichert.
Abbildung d) intrinsische Motivation
„Network-Dating" am Beispiel kollegialer Vernetzung (2006)
Auf privater, beruflicher wie gesellschaftlicher Ebene helfen Veranstaltungen und die entsprechenden Rahmenbedingungen und Rituale sich kennen zu lernen und passende Partner/innen zu finden. „Matching" - das Zusammenführen von Streichholz und Reibefläche, das zum wärmenden Feuer führen kann - funkt(ioniert) nur zwischen Partnern, die sich ergänzen (harte Faktoren) und sympathisch sind (weiche Faktoren). Dazu braucht es Situationen, um sich selbst auszuprobieren und andere persönlich kennen zu lernen. Die meisten Veranstaltungen (z.B. Tagungen, Vereinssitzungen) bieten für dieses Matching kurze Pausen an. Inzwischen gibt es aber auch zahlreiche Veranstaltungstechniken, die dieser Partnersuche und dem vernetzten Austausch einen geeigneten Rahmen bieten (z.B. Speed-Dating, World-Café, Open Space).
2006 wurde bei einem Regionaltreffen von Netzwerk Gemeinsinn erstmals eine Methode eingesetzt, die selbstorganisierten Austausch auf persönlicher, institutioneller wie gesellschaftlicher Ebene fördert. Der Begriff des „Datings" (unverbindliches Treffen) deutet bereits den kurzfristigen, offenen und freiwilligen Charakter der Netzwerkveranstaltung an. Zu Beginn des Treffens wird auf die Analogie des Tanzens verwiesen und neben einigen anschaulichenden Plakaten befindet sich eine leere Pinnwand mit drei Zeiteinheiten à 30 Minuten.
Ein weiteres Element ist die etwas altmodische „Tanzkarte", welche festlegt, welchen Partnern/innen noch ein Tanz versprochen wurde. Diese Tanzkarte wird in der Einstiegsrunde (maximal 30 Teilnehmende) von partnersuchenden Tänzern ausgefüllt und vorgestellt sowie den jeweiligen Zeiteinheiten zugeordnet. Während der Zeiteinheiten kann es zu Paar- und Gruppentänzen kommen und Tanz bedeutet in diesem Zusammenhang „bewegte und angeregte Gesprächsführung". Der suchende Tänzer (= Themenanbieter) gibt die Schritte (= das Thema, Informationen, Fragestellungen) vor und die Tanzpartner (= Interessenten) haben die Möglichkeit darauf einzusteigen.
Eine „Kontaktkarte" kann genutzt werden, um persönlich oder auch öffentlich die Ergebnisse des Gesprächs sowie Kontaktdaten festzuhalten. Auf Wunsch werden die Karten nach der Präsentations- und Reflexionsrunde kopiert und verteilt oder am Folgetag als eingescanntes Dokument per Mail verschickt.
In unserem Beispiel wurden Partner für einen Großgruppenworkshop, für eine internationale Tagung und ein Arbeitsvermittlungsprojekt gesucht. Es wurde der Wunsch nach der Gestaltung neuer Wohnformen laut, über Raumenergie diskutiert und ein Patenschaftsprojekt in einer Hauptschule beraten. Informationen wurden selbstbestimmt ausgetauscht, Kompetenzen selbstorganisiert entwickelt und weitere Termine selbstverantwortlich vereinbart. Alle empfanden das Treffen als höchst lebendig und fruchtbar!
(Weitere Informationen unter http://www.netzwerk-gemeinsinn.net/content/view/244/185/)
Vom net-working zum net-living
Die Lebendigkeit von Lernprozessen kann durch lebensnahe, offene und bedarfsorientierte Methodenansätze unterstützt werden. Und wer glaubt, solche Prozesse seien Unsinn und weder effektiv noch effizient, täuscht sich. Eine qualitative und auf biografische Verläufe ausgerichtete Studie zeigt, dass, trotz massiven Einsatzes von Mitteln für organisierte berufliche Weiterbildung, das selbstorganisierte implizite wie explizite Lernen im sozialen Alltag überwiegt und am effektivsten funktioniert (Trier et al. 2001).
"Dieses informelle Lernen geht weit über beiläufiges Lernen hinaus, es wird zielstrebiger und bewusster mit wachsenden Tätigkeitsanforderungen. Aus der Sicht vieler Akteure steht es jedoch nicht alternativ dem formellen Lernen in speziellen Bildungseinrichtungen gegenüber, sondern es müssten sinnvolle Ergänzungen erfolgen" (Trier et al 2001.: 249). Diese Integration kann nicht auf eine Pädagogisierung des Alltags hinauslaufen, die auch von den Lernenden abgelehnt wird, sondern auf die Anerkennung des informellen Lernens im Alltag und die positive Bewertung der dort erreichten Kompetenzen.
Im Zusammenhang mit der Proklamation des bildungspolitischen Leitziels „lifelong learning for all" durch die OECD-Bildungsminister (im Januar 1996 in Paris) und mit der wachsenden Einsicht, dass eine Förderung des lebenslangen Lernens aller Menschen nicht in schulischen Formen möglich und erstrebenswert ist, bahnte sich dann eine umfassendere bildungspolitische Wendung hin zum informellen Lernen an (Gerzer-Sass / Reupold / Nußhart 2006).
Die sukzessive Vermischung von Arbeits-, Lern- und Freizeit, aber auch das Ineinander-Übergehen von Lebensphasen ist bei vielen Menschen in Deutschland schon Lebensalltag. „Ich engagiere mich in meiner Freizeit um etwas zu lernen und berufliche Chancen zu verbessern. Gleichzeitig wähle ich einen Beruf, der mir Spaß macht und den ich zum Geldverdienen wie zum Kontaktaufbau nutzen kann."
Deshalb die Frage, ob es bei Kompetenzentwicklung noch um „net-working" - vernetztes Arbeiten - oder schon eher um „net-living" - die bewusste Vernetzung aller Lebensbereiche - geht? Kompetenzentwicklung würde dadurch stärker im Lebensalltag (living) verankert und nicht mehr künstlich als „Lernzeit" (learning) oder „Arbeitszeit" (working) von der „Freizeit" bzw. „Bürgerschaftlichem Engagement" unterschieden werden. „Net-living" als eigendynamische, selbstorganisierte, lebensnahe Weiterbildung würde anderen Prämissen unterliegen (s.u.) und endlich ginge ein Traum vieler Schüler aber auch vieler Reformer in Erfüllung.
Beteiligungskompetenz theoretisch wie praktisch erfahren (2007)
Seit 2006 findet die Übung „Methoden der Bürgerbeteiligung" zum dritten Mal statt. Sie dient als Beispiel für vernetzte Bildungspraxis im Rahmen des politikwissenschaftlichen Lehrstuhls an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Studierenden tauschen sich nicht nur theoretisch über Beteiligungsansätze aus, sondern praktizieren kooperative Zusammenarbeit auf direkter wie virtueller Ebene (www.buergerbeteiligung.de.vu), bei der Auswahl, Umsetzung und Veröffentlichung ihrer Forschungsarbeiten ebenso wie bei der Gestaltung einer Fachtagung mit Experten. Die anspruchsvolle Übung hilft ihnen beim Sammeln neuer praktischer wie theoretischer Erfahrungen für den späteren Forschungs- und Arbeitsalltag.
Eine Unterstützung bietet dabei die Zuordnung von Aufgaben in 9 Aufgabenfelder, die je nach Kompetenz und Entwicklungsinteresse von den Studierenden eigenmotiviert bearbeitet und für einen begrenzten Zeitraum verantwortet werden. Das Delegationssystem hilft auch die Kompetenzlücken im System schneller zu erkennen, die dann z. B. über den Dozenten, Mentoren oder Außenstehende ergänzt werden können. Reflexionsphasen, Erläuterungen auf Methodenebene und Evaluationsansätze helfen bei der Integration der vielschichtigen Erfahrungen.
Trends vernetzter Kompetenzentwicklung
Kompetenzentwicklung im Sinne von „net-living" bzw. kompetenter Vernetzung würde einige Perspektivenwechsel im bisherigen Verständnis von Bildungsprozessen befördern:
1. Kompetenzen werden durch kurz-, mittel- und langfristige Vernetzung mit kompetenten heterogenen Partnerinnen und Partnern entwickelt und weiterentwickelt. Die Instanz zur Steuerung der notwendigen Entwicklungsschritte ist nicht mehr der äußere Lehrer, sondern der innere Schüler, der sich anregen aber nicht mehr „erziehen" und „belehren" lässt.
2. Kompetente Vernetzung bezieht sich nicht nur auf den Aneignungsprozess von Kompetenz sondern auch auf die Fähigkeit andere mit ihren ergänzenden Kompetenzen zu beteiligen. Es geht also einerseits um das „Gewusst wie" aber in komplexen Situationen in viel größerem Maße um das „Gewusst wo" (Wissensmanagement) und „Gewusst wer" (kompetente Vernetzung).
3. Ein weiterer Bedeutungswandel betrifft deshalb die Praxisorientierung von Lernprozessen. Für junge Menschen ist es immer weniger sinnvoll sich auf ein Leben nach der Schule vertrösten zu lassen. Schonräume und Experimentierfelder wie die Schulpflicht haben zwar ihre historische und entwicklungspsychologische Bedeutung, der Trend geht jedoch zur intensiveren Verschränkung von Theorie und Praxis, um Bildungs- wie Arbeitsprozesse attraktiver, effektiver und bedeutungsvoller zu machen.
4. Kompetenzentwicklung als selbstorganisierter Lern- und Handlungsprozess braucht Vielfalt und Freiraum. Deshalb wird in zunehmendem Maße die übliche Homogenisierung von Lerngruppen (gleichaltrige Schulklassen oder Jugendgruppen, spezialisierte Weiterbildungs- oder Forschungsgruppen) interdisziplinären, alters- und schichtübergreifenden Lern- und Veranstaltungsarrangements Platz machen.
5. Die Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen gewinnt an Bedeutung, da die Bezugspersonen nicht fix vorgegeben werden, sondern selbst gesucht, gewählt und gewertschätzt werden. Rahmenbedingungen, Spielregeln und Verantwortlichkeiten sollten festgelegt werden, doch auch dies muss nicht alten Schematas folgen sondern kann Interessen der Lernenden gerecht werden und demokratisch verhandelt werden.
6. Diese Art von Kompetenzförderung hätte auch drastische Auswirkungen auf die bisherigen Bildungsberufe. Es lässt sich bereits eine professionelle Annäherung von Bildung, Beratung, Moderation und Forschung ausmachen. In Zukunft sind jedoch Vernetzungsexpertinnen und -experten gefragt, die Lern-, Arbeits- und Freizeitprozesse der Beteiligten begleiten bzw. gemeinsam gestalten können.
Ob dazu interaktive Workshops, Forschungsvorhaben, Großgruppenveranstaltungen, Patenschaftssysteme im Sozial-, Bildungs- wie Wirtschaftsbereich oder bereichsübergreifende Kooperationsprojekte genutzt werden (Anregungen: Ley / Weitz 2003, Holman / Devane / Cady 2007, www.netzwerk-gemeinsinn.net), wird der Kreativität und Vernetzungskompetenz der Bildungsträger, der Bildungsinteressierten wie ihrer Berater überlassen bleiben.
Literaturverzeichnis
Buber, Martin (1995): Ich und Du; Reklam (entstanden 1916)
Fänderl, Wolfgang (Hrsg.) (2005): Beteiligung übers Reden hinaus. Gemeinsinn-Werkstatt: Materialien zur Entwicklung von Netzwerken; Bertelsmann Stiftung.
Gerzer-Sass, Annemarie / Reupold, Andrea / Nußhart, Christine (2006): Kompetenznachweis Lernen im sozialen Umfeld - LisU-Projekt Abschlussbericht; Deutsches Jugendinstitut e. V.
Hesse, Jürgen / Schrader, Hand Christian (2003): Die 100 wichtigsten Fragen zum Assessment Center. Für eine optimale Vorbereitung in kürzester Zeit; Eichborn
Holman, Peggy / Devane, Tom / Cady, Steven (2007): The Change Handbook; Mcgraw-Hill Professional
Huber, Hans Dieter (2004): Im Dschungel der Kompetenzen; IN: Huber,
Hans Dieter / Lockemann, Bettina / Scheibel, Michael: Visuelle Netze. Wissensräume in der Kunst. Hatje Cantz, S. 31-38
Ley, Astrid / Weitz, Ludwig (Hrsg.) (2003): Praxis Bürgerbeteiligung. Ein Methodenhandbuch; Stiftung Mitarbeit und Agenda Transfer
Montessori, Maria (1969): Die Entdeckung des Kindes; Herder (1913: Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter)
Nefiodow, Leo A. (2000): Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information; Rhein-Sieg
Petermann, Franz (1995): Training sozialer Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen; IN: Markgraf, Jürgen / Rudolf, Katharina (Hrsg.): Training sozialer Kompetenz; Baltmannsweiler
Trier, Matthias / Hartmann, Thomas / Aulerich, Gudrun / Bootz, Ingeborg et al. (2001): Lernen im sozialen Umfeld. Entwicklung individueller Handlungskompetenz. Positionen und Ergebnisse praktischer Projektgestaltung; QUEM-report, Heft 70
Vester, Frederic (2001): Die Kunst vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität; DVA.Watzlawick, Paul u.a. (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien; Huber
Weinert, Franz E. (2001) Vergleichende Leistungsmessung in Schulen - eine umstrittene Selbstverständlichkeit; IN: Weinert, Franz E. [Hrsg.], Leistungsmessung in Schulen; Beltz-Verlag
Weitere Quellen
www.wikipedia.de
www.netzwerk-gemeinsinn.net
www.buergerbeteiligung.de.vu
www.vernetzungsberatung.com
Veröffentlicht unter
Kompetenzentwicklung durch kompetente Vernetzung - Forschungsergebnisse, Beispiele und Trends bei Zusammenarbeit und Qualifizierung; S. 177 - 189;
Autor: Wolfgang Fänderl;
IN: "Netzwerke: Businessinnovationen und Kooperationskultur im Spannungsbogen zwischen Forschung und Praxis"
(Hrsg.: Universität Bielefeld, SURVEY GmbH, Bertelsmann-Stiftung +
Initiative für Beschäftigung OWL; Kleine Verlag, 2008; 24,90 €)
Kontakt
Wolfgang Fänderl Vernetzungsberatung
Richard-Strauss-Str. 40
81677 München
Tel.: +49 / 89 / 95422911
Fax.: +49 / 89 / 41155290
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