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Mai 08 2008
Community Organizing im ländlichen Raum Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Ulrike Schumacher   
Donnerstag, 8. Mai 2008
 

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pic_dsc01111_7530.jpgEntwickelt in US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen werden hier die  Erfahrungen mit Community Organizing in einem Modellprojekt im brandenburgischen Landkreis Märkisch-Oderland beschrieben. Die Informationen wurden auch bei einem Infotreffen am 29.03.08 bei "Networking - what works" vorgestellt.

WAS

Entstehung des Community Organizing und Resonanz in Deutschland

Community Organizing ist in den 1930er Jahren in den USA als Methode entwickelt worden, um „normalen Menschen" mehr Macht und Stimme zu verleihen um durch gemeinsames Handeln mehr zu erreichen, als es jeder allein könnte. Seitdem ist Community Organizing in vielen städtischen, aber auch ländlichen Räumen der USA als demokratische Basisarbeit verbreitet und kulturell verankert, wenngleich auch kein 'Mainstream'. Es haben sich viele Herangehensweisen entwickelt. Als gemeinsame Merkmale und wesentliche Qualitäten gelten aber die Zusammenarbeit von Menschen, die demokratische Teilhabe und Mitbestimmung, die Bildung zivilgesellschaftlichen Führungspersonals und der Aufbau von Macht (Szakos/Szakos 2007: 1ff.).

pic_eggersdorf_03_04_12_07_012_7569.jpg Seit den 1950er Jahren sind in Deutschland verschiedene „Wellen" der Aufnahme des Community Organizing zu verzeichnen (Oelschlägel 1999), und zuletzt hat sich seit den 1990er Jahren das Interesse wieder verstärkt. So inspirierte das Organizing zunächst theoretisch, dann auch praktisch die Sozial- und Gemeinwesenarbeit. Seit rund 10 Jahren wird in Deutschland konkret am Aufbau von Bürgerplattformen in der Tradition des Gründungsvaters Saul Alinsky gearbeitet (Penta 2007), und seit vier Jahren kommen Impulse zur Übertragung auch von Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (Cromwell 2006). Erfahrungen dahingehend, welchen Sinn und Nutzen Community Organizing in ländlichen Räumen haben könnte, gibt es in Deutschland bisher kaum.

Modellprojekt im Land Brandenburg

Ein Modellprojekt hat sich nun dieser Frage gewidmet und die Potenziale des Community Organizing für den ländlichen ostdeutschen Raum am Beispiel eines brandenburgischen Landkreises erforscht.

Was war der Beweggrund für dieses Vorhaben? Rahmenbedingungen wie der demographische Wandel, die Ausbreitung rechtsextremer und fremdenfeindlicher Gesinnungen in der Alltagskultur (Schimmek 2006) und ein gesunkenes Vertrauen in die Demokratie als Staatsform (Fuchs/Roller 2006) stellen die Gemeinwesen, besonders in ostdeutschen Regionen, vor große Herausforderungen.

pic_img_3408_7468.jpgIm Community Organizing werden die Bewohner/innen eines Sozialraums zur Verständigung über gemeinsame Probleme zusammen gebracht und wird die Selbsthilfe, aber auch die gemeinschaftliche Interessenvertretung gefördert. Dies ist bei einer gut funktionierenden Bürgerorganisation mit Erfolgserlebnissen und der Stärkung der Beteiligten verbunden, weshalb die Mitwirkung aus Sicht Alinskys die beste Immunisierung gegen demokratiefeindliche Tendenzen war.

Ob die Instrumente an den dünn besiedelten, ländlichen Raum angepasst werden können, wurde nun in einer Kooperation zwischen dem Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der TU Berlin und dem Kreis-Kinder- und Jugendring Märkisch-Oderland e.V. geprüft. Ein seit dem Jahr 2000 bestehendes zivilgesellschaftliches, kreisweit agierendes Netzwerk wurde in seiner Entwicklung begleitet, das Selbstverständnis reflektiert und die Interessen der Mitglieder ausgelotet.

WIE 

Werkzeuge des Community Organizing und Vorgehensweise in Märkisch-Oderland

Um ein lokales Bündnis aufzubauen, wird im Community Organizing viel Zeit für den Aufbau von Beziehungen und die Stärkung des gegenseitigen Vertrauens verwendet. Dies ist zunächst die Aufgabe eines oder mehrerer hauptamtlicher Kräfte, nach und nach werden jedoch die Bewohner/innen mit einbezogen. Ziel ist es, ihre Interessen zu ergründen, energische Mitstreiter zu finden und deren Talente zu fördern, möglichst viele lokale Gruppen einzubinden und ein „Wir-Gefühl" zu entwickeln.

Soviel zur Theorie bzw. zur amerikanischen Praxis. Faktisch kämpfen hierzulande viele gemeinnützige Einrichtungen immer wieder um ihren Bestand und sind daher zur Perspektivbildung für ihre eigene Organisation oft kaum in der Lage. Aber es sind auch ein „Gewusst-wie" und Ausdauer vorhanden, schließlich entwickelte sich seit der politischen Wende 1989 eine Vereinslandschaft, die es in dieser Breite vorher nicht gegeben hatte.

pic_img_3409_7468.jpg Bezogen auf das Community Organizing bestünde die Kunst darin,  in einem Sozialraum Konkurrenzverhältnisse zu überwinden, diejenigen zu vereinen, die etwas verändern wollen und sich gemeinsam für die Zukunft des Ortes oder der Region stark zu machen.

Das Potenzial des Organizing liegt darin, dass quasi universelle, menschliche Grundkonstanten - der Wunsch nach einem guten oder besseren Leben, der Teilhabe an Gesellschaft und einem lebenswerten Sozial- (und Umweltraum) - angesprochen werden. [Daher rührt die Einschätzung eines langjährigen amerikanischen Organizers, der auch einige Jahre in Europa tätig war, dass Organizing prinzipiell in jedem Umfeld machbar sei (Jim Field, Chicago Coalition for the Homeless, CCH)].  Drei der wichtigsten Instrumente sind:

  • Einzelgespräche: Sie können etwas auslösen in Menschen, wenn ihnen zugehört wird und sie sich ernst genommen fühlen. Interessen werden bewusst gemacht, ausgesprochen und dabei können verschüttete Energien freigesetzt werden. Die Gespräche werden als weiche Kunst, aber auch als stärkste Waffe im Organizing bezeichnet (Mc Neill 2007).
  • Weiterbildung und Training von lokalen Schlüsselpersonen sind eine wichtige „Investition", um lokale Entwicklungen zu stabilisieren und langfristig aufzubauen. Im Kern handelt es sich bei diesem 'leadership development' um systematische, am Politisch-Öffentlichen orientierte Erwachsenenbildung.
  • Arbeit mit Beiräten, Planungs- oder Steuerungsgruppen: Solche Kerngruppen werden als das Herz und die Seele einer Bürgerorganisation bezeichnet und sind wesentlich zuständig für Planung, Strategiebildung und Visionen, weshalb ihr gutes Funktionieren essenziell für eine Bürgerorganisation ist.

Im Modellprojekt wurde vor allem mit dem „Herzstück" des Community Organizing, den Einzelgesprächen gearbeitet. Das rund 50 Mitglieder zählende Netzwerk besteht aus gemeinnützigen Organisationen, Verwaltungsmitarbeiterinnen, Polizei und Privatpersonen. Es setzt sich für Toleranz und Chancengleichheit, ein gesundes Heranwachsen und bessere Perspektiven von Kindern und Jugendlichen sowie die Integration von Zuwanderern ein.

pic_img_3404_7468.jpg Die einzelnen Mitglieder wurden aufgesucht und ihre mit dem Netzwerk verbundenen Ziele und die Bereitschaft zur weiteren Mitwirkung geklärt. Durch das Zusammentragen der Ergebnisse wurde deutlich, was Sportverein, Pfarramt, Jugendeinrichtung oder „normale Bürgerin" zur Belebung der Orte und Verbesserung der lokalen Lebensqualität beitragen. Damit wuchs die Anerkennung der jeweiligen Arbeit und der  gegenseitige Respekt der Protagonisten. In der Diskussion wurden die Arbeitsschwerpunkte geschärft und zukünftige Prioritäten festgelegt. Dies wurde ergänzt durch die zeitweise Begleitung des Beirats und das Herantasten an eine Arbeit mit einheimischen Schlüsselpersonen.

Fazit des Modellvorhabens

Ob Community Organizing im ländlichen ostdeutschen Raum funktioniert, hängt nicht zuletzt von der Definition ab: Bei Alinsky ging es um die Organisation von Organisationen, das 'Institutional Organizing'. Legt man hingegen ein breiteres Verständnis zugrunde, so ist es durch

a) einen breit angelegten Zuhörprozess bei Bewohnern und Bürgern hinsichtlich ihrer Anliegen, Probleme und Visionen, 

b) die Analyse möglicher Lösungen und

c) die Lösung dieser Probleme durch Selbsthilfe und das „In-die-Pflicht-nehmen" von Entscheidungsträgern, Behörden, etc. gekennzeichnet (European Community Organizing Network).

Träger dieser Aktionen können neben Organisationen auch Einzelpersonen, lose Nachbarschaftsgruppen oder bestimmte Zielgruppen, wie Alte oder Jugendliche sein.

pic_dsc00248_7464.jpg Der Aufbau einer „klassischen" Bürgerorganisation im Sinne Alinskys erscheint angesichts der teils dünnen Besiedlung im Flächenland Brandenburg schwierig, da hierdurch auch der „Pool" möglicher Akteure und die Auswahl an potenziellen Mitstreitern und strategischen Kräften begrenzt ist. [Zum Vergleich: Beim Aufbau einer neuen Plattform in Berlin entwickelte sich ein Kernkreis von rund 40 Gruppen und Initiativen in Folge des Kennenlernens und der Interessenklärung bei rund 150 Organisationen.] Für die Arbeitstreffen des Netzwerks ergibt sich mit den Entfernungen im Landkreis ein  finanzieller und zeitlicher Aufwand, sodass sich für die Beteiligten mitunter auch die Motivations-, Effektivitäts- und Kostenfrage stellt.

Von staatlichen Geldern weitgehend oder gänzlich unabhängige Bürgerorganisationen sind nicht einfach machbar, da viele gemeinnützige Einrichtungen eng mit der öffentlichen Hand verflochten sind und ihren Teil zur Sicherung der Daseinsvorsorge beitragen - man ist aufeinander angewiesen. Das Kräfteverhältnis zwischen Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen ist in Bewegung und nicht immer ist eindeutig, ob letztere gerade als Partner, Gegner oder Bettler agieren.

pic_100_4170_7464.jpg Trotz großer Fläche sind die öffentlichen Personen im Landkreis überschaubar und sind die Beziehungen auf Langfristigkeit ausgerichtet („man trifft sich im Leben immer zweimal"). Daher und auch im Zuge eines neu installierten Steuerungsmodells, dem „Lokalen Aktionsplan", geht das Selbstverständnis eher in Richtung Kooperation als Konfrontation gegenüber Entscheidungsträgern.

Das Netzwerk bezieht sich auf das politisch-territoriale Gebiet des Landkreises, dieser ist aber wirtschaftlich und demographisch durch Wachstum und Schrumpfung gekennzeichnet: Der Zuschnitt des Landkreises (Tortenstück) bringt für wachsende Ortschaften im Speckgürtel Berlins andere Herausforderungen mit sich als für dünner besiedelte periphere Räume und kleine Dörfer. So sind auch die Probleme in den Sozialräumen teils anders ausgeprägt und bieten sich im Alltag greifbare Handlungsansätze manchmal eher auf der bilateralen Ebene zwischen Mitgliedern, als auf der Ebene des gesamten, kreisweiten Netzwerks an.

Legt man aber das breitere Verständnis von Community Organizing zugrunde, so wäre für die Zukunft eine Anpassung im örtlichen Maßstab durchaus vorstellbar und zeigten sich Ansatzpunkte in einzelnen Gemeinden. Mögliche  Übertragungsideen, die von Teilnehmer/innen eines Workshops geäussert wurden, wären z.B. die Organisierung Jugendlicher in einer Kleinstadt (youth organizing), die gemeinschaftliche Umsetzung eines Dorfentwicklungsplans oder die Verbesserung der infrastrukturellen Versorgung mittels Community Organizing (Schumacher 2008: 8ff.).

Ausblick

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Instrumente selbst greifen. Folgende Effekte wären bei einem konsequenten Einsatz zu erwarten:

  • Themen, Probleme und Bedürfnisse der Menschen werden zur Sprache gebracht;
  • übergreifende Interessen - jenseits von Konkurrenz und Feindseligkeiten - können erkannt und ihre Umsetzung vor Ort unterstützt werden;
  • Lernen geschieht bei den Beteiligten nicht nach Lehrplan, sondern mit dem Tun, durch neue Aufgaben, Feuerproben, den Sprung über den eigenen Schatten;
  • mehr Menschen als bisher lernen, sich in ihre eigenen Angelegenheiten zu mischen.

Bei einer langfristig angelegten Koordination und personellen Kontinuität hält ein Mitarbeiter der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit eine breitere Mobilisierung auch im ländlichen Raum für  möglich:

„Wenn man einen Schwerpunkt setzen würde auf Beziehungsarbeit und sagt: Ich stelle Herrn X an und schicke ihn für 2,3 Jahre in das Zielgebiet Y, also jemanden, der vor Ort die Probleme bearbeitet und im Blick hat - da würde schon was rauskommen!"

pic_dsc01110_7530.jpg Die Instrumente wirken um so mehr, je systematischer und langfristiger sie angegangen werden. Eine breitere bürgerschaftliche Mitwirkung ist weder im Schnelldurchlauf, noch kostenlos zu haben. Im Ergebnis stehen aber nicht nur lebendigere Gemeinwesen, sondern es werden auch spätere Folgekosten für die öffentliche Hand erspart. So könnten Prinzipien des Community Organizing, sinnvoll an hiesige Verhältnisse angepasst, zur Überwindung von Blockaden bei der Dorf- oder Regionalentwicklung beitragen, die lokale Willensbildung beflügeln und das gemeinsame Anpacken fördern.

WER 

Literatur

Alinsky, S. D. (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften, Lamuv, Göttingen.

Cromwell, P. (2006): The American Community Organizing Tradition and its potential Application to the German Protestant Church and European Context, Manuscript, Oldenburg

Fuchs, D./ Roller, E. (2006): Demokratie und Sozialstaat, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2006): Datenreport 2006. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Auszug aus Teil II

Mc Neill, L. (2007): Beziehungsarbeit - eine sanfte Kunst, in: Penta, Leo (Hrsg.) (2007), a.a.O., S. 231-238

Oelschlägel, D. (1999): Bürgerengagement - Gemeinwesenarbeit - Community Organization. Ein Nachwort, in: Alinsky, Saul D. (1999), a.a.O., S. 175-188

Penta, L. (Hrsg.) (2007): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt, edition Körber-Stiftung, Hamburg

Schimmek, T. (2006): „Der Marsch auf die Mitte" - Die braune Erosion im deutschen Osten, Feature im Deutschlandradio, 28.02.2006

Schumacher, U. (2008): Kurzbericht zum Workshop „Regionale Bündnisse für gemeinsames Handeln - Zur Bedeutung von Community Organizing in ländlichen Räumen, 03./04.12.2007, Eggersdorf bei Berlin, http://www2.tu-berlin.de/ztg/reg005003032.shtml  

Szakos, K. L./ Szakos, J. (2007): We make change. Community Organizers talk about what they do - and why, Vanderbilt University Press, Nashville

Das Projekt wurde gefördert im „Brückenprogramm zwischen Wissenschaft und Praxis in der Transformation des Sozialstaats" der VolkswagenStiftung in Hannover. Der Schlussbericht ist einsehbar unter:  http://www2.tu-berlin.de/ztg/reg005003032.shtml

logo-08-05.jpg Der Kreis- Kinder- und Jugendring Märkisch-Oderland e.V. (KKJR) ist ein Dachverband von aktuell 20 Vereinen, Verbänden und Initiativen im Bereich der Jugend- und Jugendsozialarbeit. Er koordiniert und qualifiziert lokale Netzwerke im ländlichen Raum des Landkreises. Zu den Aufgaben gehören u.a. die Förderung der Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen jungen Menschen und die Vertretung der Interessen von Kindern und Jugendlichen in der Öffentlichkeit.

ulrike_schuhmacherUlrike Schumacher studierte Soziologie, Deutsche Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft in Bamberg und Berlin. Promotion zum Wechselverhältnis von Erwerbsarbeit und freiwilligem Engagement. Forschungsprojekte zu nachhaltiger Entwicklung, Gemeinschaftsnutzung, Zukunft der Arbeit. Seit 2006 Fortbildung zu und Anpassung von Community Organizing an ländliche Räume.

Kontakt

Dr. Ulrike Schumacher
Kreis- Kinder- und Jugendring
Märkisch-Oderland e.V.
Feldstr. 3
D-15306 Seelow
Tel.: + 49-(0)176-29446346
E-mail: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
WEB: www.leben-in-mol.de 

   
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