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Der Moderationsansatz von Jim Rough wurde bei der Tagung "Networking - what works " zum Thema "Gesellschaftliche Vernetzung von Bürgerschaft, Politik und Verwaltung" angewandt. So wurden Vorzüge und Schwierigkeiten deutlich, die bei dieser Art zu moderieren auftauchen können.
Kontext Workshop
Der Workshop zur "Gesellschaftlichen Vernetzung von Bürgerschaft, Politik und Verwaltung" verfolgte zwei Ziele: einmal ging es natürlich um das Thema, zum andern um die Gelegenheit, die Vorgehensweise von Dynamic Facilitation zu erleben.
Ich habe als Moderatorin zu Beginn kurz etwas zur Entstehungsgeschichte und zur Philosophie dieses Ansatzes berichtet. Danach sind wir ins Thema eingestiegen und im zweiten Teil des Workshops haben wir die Erfahrungen mit der Vorgehensweise Dynamic Facilitation reflektiert.
Hintergrund Methodenansatz
Dynamic Facilitation wurde von dem US-Amerikaner Jim Rough entwickelt (www.DynamicFacilitation.com; vgl. auch * Hinweis) und ist mehr als nur eine neue Form oder Technik der Unterstützung von Gruppenprozessen. Dynamic Facilitation trägt dem Umstand Rechnung, dass unser Denken in aller Regel nicht linear geschieht, sondern eher sprunghaft, diesem und jenem Impuls folgt. Wir Menschen sind ja nicht ausschließlich vom Verstand gesteuert, sondern Emotionen und Unterbewusstes spielen ebenfalls mit.
Durch die übliche Moderation werden wir dazu geführt, in linearen Schritten erst das Problem zu beschreiben, die Ursachen zu analysieren, danach Lösungen zu suchen und im letzten Schritt sollen wir dann entscheiden. Das behindert unsere natürliche Fähigkeit zu Kreativität. Zu wirklichen Durchbrüchen kommt es dann eher selten.
Mit Dynamic Facilitation verlassen wir unser vertrautes mechanistisches Denkmodell, das die Wirklichkeit in Ursache-Wirkungszusammenhängen wahrnimmt. Wir orientieren uns am Denkmodell der Quantenphysik: Neues entsteht selbstorganisiert, taucht spontan auf (Emergenz), folgt nicht irgendwelchen vorhersehbaren Regeln - wenn man es denn lässt. Dynamic Facilitation versucht, dafür die Bedingungen zu schaffen.
Bei Dynamic Facilitation wird der Prozess des Gesprächsverlaufes, also die Abfolge und Inhalte der Beiträge, nicht von der Moderatorin / dem Moderator gesteuert. Die GruppenteilnehmerInnen sind frei, ihren Impulsen zu folgen und diese zu äußern. Die Moderatorin folgt der Dynamik in der Gruppe, hört zu, fragt gegebenenfalls nach und hilft den Teilnehmenden, das zu sagen, was sie wirklich meinen.
Dann schreibt die Moderatorin / der Moderator den Beitrag jeweils auf eine von 4 Listen, die folgende Überschriften haben: Probleme, Lösungen, Bedenken, Informationen. Sie hält dabei die Reihenfolge ein, wie die Beiträge kommen, auch Dopplungen werden notiert und die einzelnen Beiträge müssen sich nicht aufeinander beziehen. Wichtig ist, dass immer nur eine Person Richtung Moderation spricht. Die nächste Person ergreift erst dann das Wort, wenn der Redebeitrag des Vorgängers / der Vorgängerin aufgeschrieben wurde. Das ist - sehr knapp beschrieben - das äußere Setting.
Gibt man diesem Prozess genügend Zeit, tritt an irgendeiner Stelle die Gruppe in einen Zustand ein, in dem alle gesagt haben, was sie zum Thema zu sagen hatten. In der Regel sind das Gedanken, die schon mitgebracht wurden. Jim Rough nennt diese Phase „Purging".
Alle haben erfahren, dass sie gehört und ihre Gedanken sichtbar gemacht wurden. Erst jetzt entsteht Raum für Neues, für „Choice-Creating", für Durchbrüche und vergemeinschaftete Erkenntnisse. Tritt dann ein kollektives „Aha" ein, sind Entscheidungen überflüssig.
Dynamic Facilitation ist u.a. geeignet,
- wenn die TeilnehmerInnen eines Meetings ein großes Interesse am Thema und an einer Lösung haben, und
- wenn es um schwierige, unlösbar scheinende Themen geht, um Themen mit hohem emotionalen Gehalt.
Ablauf Workshop
Der Ansatz schien also genau richtig für unser großes Thema „Gesellschaftliche Vernetzung von Bürgerschaft, Politik und Verwaltung". Ich hatte bei der Ankündigung der Themenworkshops deshalb auch TeilnehmerInnen eingeladen, die mit Leidenschaft an diesem Thema dran sind und zwei Arbeitseinheiten bleiben wollen.
Was haben wir dann zusammen erlebt? Im ersten Schritt wurde das große Rahmenthema in konkrete Fragen der TeilnehmerInnen übersetzt:
Aus insgesamt 8 Fragen wurde - ganz klassisch durch Punkteverteilen - das Thema bestimmt, das die meiste Energie in der Gruppe hatte und das war:
"Wie kann es gelingen, dass die Politik die Vorschläge von Bürgern aufgreift?"
Die Statements aus der Gruppe wurden eine knappe Stunde lang auf die 4 Listen (s.o.) geschrieben. Wir stellten am Ende fest, dass mehr Lösungsansätze als Bedenken oder Probleme zusammengekommen waren. Die Lösungen bezogen sich zum einen auf ganz große Visionen wie
- Parteien abschaffen und durch Expertennetzwerke und Fachparlamente ersetzen
- ergänzend zu Legislative, Exekutive und Judikative eine vierte Säule etablieren: die Konsultative
Zum andern bezogen sie sich auf konkrete, sofort umsetzbare Ansätze wie
- Schulungen für Politiker und Verwaltung: wie kann ich Bürger beteiligen
- Transparenz zu Beginn eines Prozesses über die Spielräume der Bürgerbeteiligung: Anhörung, Mitentscheidung? Wie erfolgt finale Entscheidung? oder
- die Anwendung von Community Organizing.
Zu einem wirklichen Durchbruch sind wir aber nicht gekommen. Dafür war die Zeit zu kurz, wir waren noch mitten im „Purging"-Prozess, als die Zeit der ersten Workshop-Phase herum war. Es waren noch nicht mal alle TeilnehmerInnen zu Wort gekommen.
Die TeilnehmerInnen waren dann auch unzufrieden. Die erste Phase des „Purging" ist oft mühsam, weil hier noch nichts Neues entsteht, weil die Bereitschaft, neugierig hinzulauschen, was von anderen gesagt wird, normalerweise nicht sehr groß ist, solange man das, was einem selber unter den Nägeln brennt, noch nicht sagen durfte.
Die "Mühe der Ebene" wurde nicht belohnt durch ein "Gipfelerlebnis"; dem Choice-Creating, der inspirierenden und spannungsgeladenen Dichte der Atmosphäre, die einem schöpferischen Durchbruch vorausgeht und dem Staunen, das folgt, wenn plötzlich die Lösung ausgesprochen ist.
Unabhängig davon: Dieses Setting ist für unsere Gesprächs- und Diskussionsgewohnheiten sehr fremd, vor allem für Menschen mit einem flinken, diskursfreudigen Verstand. Solange ich am Schreiben war und den TeilnehmerInnen den Rücken zukehrte, waren diese zur Geduld verdonnert. Und obwohl ich so schnell schrieb wie möglich, unterbrach dieser Akt den natürlichen Fluß einer leidenschaftlichen Gesprächsrunde.
Es war ja auch keine Runde. Vielmehr richteten sich die Beiträge an mich (so war die „Order"). Und ich habe jeweils so lange nachgefragt, bis ich wirklich verstanden habe, was das persönliche Anliegen der SprecherInnen war („We-Flecting" nennt das Jim Rough). Da saßen nun die TeilnehmerInnen, leidenschaftlich im Thema drin, und wurden in ihrem Temperament „ausgebremst".
Mir selber ging es so, dass ich, mit dem Rücken zu den Teilnehmerinnen, einen Teil der Dynamik in der Gruppe gar nicht wahrgenommen habe.
Mein persönliches Fazit bezogen auf Dynamic Facilitating
Es stellt ziemlich hohe - und weitgehend andere als in der üblichen Moderation - Anforderungen an die Rolle des Facilitators: u.a.
- achtsam hören
- den Sprechenden durch „We-Flecting" helfen, das persönliche Kernanliegen ihrer Aussage zu finden
- dabei darauf achten, dass man in der Sprache nicht ins (vertraute) mechanistische Denkmodell verfällt
- schnell und lesbar schreiben
- gleichzeitig die Dynamik in der Gruppe wahrnehmen und mit der Dynamik gehen (es kommt bei Rough als nächstes immer die Person dran, bei der es am stärksten brennt, und wenn mehrere brennen, muss das von der Moderation irgendwie gemanagt werden)
- immer sicherheitsstiftend Wohlwollen und Wertschätzung verbreiten.
Das ist kein Werkzeug, das man gerade mal schnell anwendet. Es braucht Übung, ein sich Verwurzeln in nichtlinearen Denkmodellen und Lust auf Höchstleistung. Aber dann steckt da so viel Potential drin! Und mit dem Prozess und einem kollektiven „Aha" und dem Prozess dorthin entsteht ein von allen geteiltes Wissen und Gemeinschaftsgefühl, das dem folgenden Handeln die Ausrichtung und Kraft gibt. Dynamic Facilitation ist gemeinsinnförderlich!
Hinweis
* Einen guten übersichtlichen Artikel dazu gibt's auf Deutsch von Matthias zur Bonsen auf www.all-in-one-spirit.de . Jim Rough hat die Dynamic Facilitation weiterentwickelt zum Wisdom Council, eine Möglichkeit, gesellschaftliche Durchbrüche und „A New Common Sense" zu erreichen (Jim Rough: "Society`s Breakthrough! Releasing Essential Wisdom and Virtue in All the People", 2002; www.SocietysBreakthrough.com und www.wisedemocracy.org).
Kontakt
Dr. Marie-Luise K. Stiefel
Prozessarchitektin und -moderatorin
Raum für schöpferische Unternehmungen
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