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Apr 22 2008
Kommunikation als Konsum Drucken E-Mail
Geschrieben von Claudia Fischer   
Dienstag, 22. April 2008

1. offenes Integral 001.jpgDas erste OFFENE INTEGRAL fand am Dienstag, dem 29. April 2008 in der TU München statt. Es wurde die Frage gestellt, wie diskursfähige, authentische und respektvolle Kommunikation in und mit den Medien aussieht, und was wir in Zukunft dazu beitragen können, um sie konsumententauglich zu machen? Bericht anbei!

WAS

„Der Konsument sucht bei Waren, die einander immer ähnlicher werden, nach dem Reiz des Unterschieds. Darin gleicht er einem Touristen, der von einer Stadt zur andren fährt, obwohl sie sich gleichen, wie ein Ei dem anderen, und überall besucht er dieselben Geschäfte, um dieselben Produkte zu kaufen. Aber man ist gereist."
Richard Sennett: Die Kultur des neuen Kapitalismus 

Wir haben in den letzen Jahren die Erfahrung gemacht, dass immer mehr Menschen, die beruflich mit Medien und Kommunikation beschäftigt sind, keinen persönlichen Anreiz mehr verspüren, ihre Arbeit zu tun. Die verbreitete Tendenz, Kommunikation solle Verpackung, Verbergung, Schönung und Penetration sein, stößt gerade bei den Ausführenden der Branche auf immer massiveren Widerwillen. Arbeit in solchem Dienst erzeugt oft ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit und muss nicht selten mit einer diffusen Scham gegenüber dem eigenen Tun bezahlt werden.

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Das OFFENE INTEGRAL ist ein Projekt des Kommunikationslabors DAS INTEGRAL. Es findet als regelmäßiges offenes Forum statt, das mit Ideen für eine substanzielle, diskursfähige, authentische und respektvolle Kommunikation in und mit den Medien experimentiert. Wir hoffen, dass aus diesem freien Spiel etliche Zukunftsideen entstehen, die dann durch ein Netzwerk von Gleichgesinnten aus verschiedenen Sparten gemeinsam verwirklicht werden können. Wir wollen einen Ort schaffen, der uns selbst wie auch anderen Interessierten zur Verfügung steht als Stätte des gemeinsamen Gesprächs, der Auseinandersetzung, der Selbstverantwortung sowie der umfassenden gegenseitigen Information.

„Der Mensch hat zu jeder Zeit die Verfügbarkeit der Welt ersehnt, als Buch, Taschenbuch oder Heft, als Transistor, Fernsehen oder Portable, aber erst mit der Durchsetzung des Fernsehens wurde er wahrhaft ‚Glotzer', Mitglied einer Sehgemeinschaft, inaktiv und sediert, nie ganz da, wo er sich physisch befindet, und ebenso wenig dort, wo sein Blick weilt, dennoch voller Bereitschaft, das Leben vor allem nach seinen telegenen Qualitäten zu beurteilen"
Roger Willemsen

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WER

Beteiligte:

Nicht nur Medienfachleute; 26 Personen.

Initiatoren:

Das Integral ist ein Büro für Kommunikation und Inszenierung. Es ist aber auch Initiative und Intervention in die kommunikative Realität. Die Welt kann besser werden, wenn viele es wollen - wir wollen es! 

WIE 

Zeit: 

Dienstag 29.04.2008 19.00 Uhr mit open end

Ort:

TU München, Clima Labor, TU Eingang Gabelsbergerstrasse (Abschnitt zw. Arcis- und Luisenstraße, Innenhof gleich rechts, kleine Außentreppe nach oben)

Kulunarische Grundversorgung ohne Eintritt

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Bericht von Claudia Fischer vom 06.06.08:

"Ich möchte also eine Reihe von Mechanismen auseinander nehmen, die dazu führen, dass das Fernsehen eine besonders schädliche Form symbolischer Gewalt darstellt. Die symbolische Gewalt ist eine Gewalt, die sich der stillschweigenden Komplizität derer bedient, die sie erleiden, und oft auch derjenigen, die sie ausüben, und zwar in dem Maße, in dem beide Seiten sich dessen nicht bewusst sind."

(Pierre Bourdieu)

Liebe Gäste, liebe Freunde des offenen Integrals,

hier eine kleine und sicher nicht vollständige Zusammenfassung des ersten offenen Integrals am letzten Dienstag. Ich hoffe, der Text und die Fotos rufen euch das eine oder andere wieder in Erinnerung an das wir beim nächsten Mal anknüpfen können.

Was läuft schief in der Medienkommunikation? Wogegen wollen wir angehen? Was ist das, die gute Kommunikation? - Dass all diese komplexen Fragen nicht einfach und an einem ersten Abend zu beantworten sind, sondern die Antworten Zeit brauchen und vielfältigen Wahrnehmungen folgen, wurde auch am Dienstag nicht widerlegt.

Dass aber eine Gruppe von Menschen bis spät in die Nacht an diesen Themen dran bleibt und sie weiter diskutiert, gibt zuallererst einmal Hoffnung und zeugt vielleicht von der Notwendigkeit, diese Fragen zu stellen.

Kein Zweifel, Kommunikation als Konsum ist eine genauso dehnbare und interpretierbare Formulierung wie nachhaltige Kommunikation, da gibt es naturgemäß zunächst einmal keine klare Definition. Dennoch weiß jeder aus der eigenen Erfahrung heraus mit diesen Begriffen etwas anzufangen. Und genau hier fängt der gemeinsame Diskurs an. Und er fing an.

Ich bin sehr dankbar für die Anregungen in Richtung bessere Einbringungsmöglichkeiten jedes einzelnen in Kleingruppengesprächen, sowie der persönlichen Vorstellung der Beitragenden  gleich zu Beginn. Letzteres hat zur Lebendigkeit der gegenseitigen Wahrnehmung gut beigetragen. Ersteres werde ich in den kommenden Veranstaltungen ausprobieren.

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Ich denke, man kann festhalten, dass es einen weitgehenden Konsens darüber gab,

  • dass es in unserer Gesellschaft Ungleichgewichte in der Medienkompetenz gibt, bedingt vor allem durch Bildungsgrad und soziale Herkunft
  • dass jeder Eindruck, den wir bekommen, Spuren hinterlässt. Das Medienbombardement, dem selbst wachsame Konsumenten, aber auch völlig ungeschützt die Kinder ausgesetzt sind, prägt mit großer Wahrscheinlichkeit weite Teile unseres Bewusstseins und beeinflusst es auf nachhaltige Weise.
  • dass viele Menschen unter den Programmen vor allem der Privatsender leiden, diese aber dennoch konsumieren, weil der Ausruh- und Abschaltfaktor Fernsehen eine große Bedeutung in der Stressbewältigung hat
  • dass die Medien diese Bedürfnisse kennen und unsere Wahrnehmung zur besten Sendezeit an Themen fesseln, die von jedem kritischen Bewusstsein weglenken und ausschließlich anästhesierende Wirkung haben
  • dass wir uns bessere, authentischere, substanziellere, diskursorientiertere und respektvollere Medienformate wünschen
  • dass es bislang schwer vorstellbar ist, wie eine andere Medienkommunikation funktionieren soll, dass aber die Hoffnung darauf  Handlungsbereitschaft und Lust auf Mitgestaltung stiftet.

Mir schien die Möglichkeit, aus der bloßen Medienkritik eine Medienkreativität zu entwickeln, die nicht mit ihrem Berufsfeld bricht, sondern es neu definiert, ein zentrales Anliegen in den Gesprächen zu sein.

Viele von uns wollen ihre kommunikativen Kompetenzen und Talente nicht mehr zum Zweck der Ruhigstellung und unterbewussten Beeinflussung verschwenden. Sie wollen echte Diskurse, Gespräche und Informationen zur Verfügung stellen, die die Menschen dazu bringen, sich zu bewegen, sichtbar zu werden und zu kommunizieren.

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Martins Film hat einige Facetten der mentalen Verschmutzung durch die Medien vorgeführt:

  • die Weichspülung durch Dauerwiederholung und audiovisuelle Penetranz, insbesondere in der Werbung
  • die Verbindung von entfesseltem Werbekonsum und der entsprechenden Müllspirale im Hirn mit den Plastikmüllstrudeln in den Weltmeeren - verursacht vom entfesseltem Konsum immer zahlreicherer  Produkte
  • die Kleinteiligkeit des Plastikmülls im Wasser, die inzwischen eine Dichte entwickelt hat, welche die Dichte des enthaltenen Planktons überschreitet in Analogie zu den fein zerriebenen Medienbotschaften, die sich überall verbreiten und denen selbst bewusste Geister nicht unbeschadet entkommen. In welcher Analogie steht hier das Plankton?

Die Kritik, dass der Film selbst im glatten Stil der Werbung produziert war und selbst in seinen Brüchen auf der Klaviatur der Medienwirksamkeit gespielt hat, könnte ein guter Ausgangspunkt für eine neue Diskussion werden, diesen und andere Ansätze einer medienkritischen Medienkreativität zu befragen und die verschiedenen Kriterien einer neuen Herangehensweise zu definieren.

Das nächste offene Integral wird eher an Lösungen orientiert arbeiten und die Fragen: Welche Möglichkeiten haben wir? Wie fangen wir an? aufgreifen und anhand des Textes/Werkes von Jochen Gerz beleuchten. Bitte lest die Textfragmente und bringt sie zur nächsten Veranstaltung mit. Wir werden nächstes Mal in kleineren Gruppen die jeweiligen Texte diskutieren und auf unser Thema hin auswerten.

Daneben möchte ich jeden von euch anregen, Beispiele von nachhaltiger, weil dialogischer, authentischer, substantieller und respektvoller öffentlicher Kommunikation mitzubringen. Es ist gefragt: gute Kommunikation von Unternehmen, Stiftungen, NGO's, öffentliche Trägerschaften etc.

Meine Hoffnung und mein Wunsch ist es, dass mit dem offenen Integral eine Gruppe von Menschen entsteht, die sich gegenseitig beraten, unterstützen, anregen und die gemeinsam mit ihren jeweiligen und gemeinsamen Möglichkeiten unsere Welt und Gesellschaft lebenswerter machen.

Frei nach Aristoteles könnte man diesmal sagen:

Viele unterschiedliche Menschen begründen eine neue (Medien)welt, lauter gleiche stellen nichts Neues auf die Beine...

Ich freue mich auf die nächste Begegnung, Einladung folgt.

Kontakt

integral-logo

Claudia Fischer
das Integral · Büro für Inszenierung und Kommunikation GmbH
Heßstraße 79 · 80797 München
fon: +49 (89) 55 27 97 4-0
mobil: +49 (172) 715 0 714
fax: +49 (89) 55 27 97 4-15
e-mail: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
web: www.dasintegral.eu

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