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Ein Entwicklungsland unter dem Druck der Globalisierung. Wie geht das indische Kerala - Vorbild beim Umgang mit Armut - mit den neueren globalen Entwicklungen um. Am 28.04.08 eröffnete ein Film das Regionaltreffen von Netzwerk Gemeinsinn in München und der Produzent und Filmemacher stand Rede und Antwort.
WAS
Der Dokumentarfilm "Wolken über Kerala" (45') von Klaus Liebig und J. C. Piroué stellte den südindischen Bundesstaat Kerala vor und zeigte, unter welchen Bedingungen die Menschen dort leben und arbeiten.
Zwischen 1960 und 1990 erlangte das tropische Land als sogenanntes „Entwicklungsmodell" Berühmtheit. Der Nobelpreisträger Armatyia Sen verweist in seinem Hauptwerk „Ökonomie für den Menschen" auf Kerala als Beispiel dafür, daß durch kluge Politik auch in einem armen Land eine relativ hohe Lebensqualität erreicht werden kann. Totale Alphabetisierung weitgehende kostenlose Gesundheitsversorgung, Nahrungssicherheit, eine weit hin vollzogene Landreform, Mindestlöhne in vielen Bereichen und manches mehr von dem, was hier erreicht wurde, erschienen ihm und anderen Soziologen beispielhaft.
Der Begriff „Modell" wird aber von verschiedenen Seiten als mißverständlich beurteilt, so, als könne die Entwicklung, die in Kerala vollzogen wurde, einfach auf andere Länder übertragen werden. Um wenigstens zu ahnen, wie es zu dieser ungewöhnlichen Entwicklung kommen konnte, muß man sich etwas ausführlicher mit der Geschichte Keralas beschäftigen, was der Film, wenn auch nur kurz, tut.
Die Kommunistische Partei (CPIM - Kommunistische Partei Indien - Marxisten) spielt bei dieser Entwicklung durchaus eine bedeutende Rolle. Jedoch können wir eher von einer Sozialdemokratischen Partei sprechen, u. a. weil diese Partei, meist in der Koalition der LDF (Left Demokratic Fronten) mit einigen kleineren linken Parteien, immer wieder durch freie Wahlen an die Macht kommt und sich auch sonst als politische Partei als auch im Umgang mit dem Kapital eher sozialdemokratisch verhält.
Als die indische Zentralregierung in Delhi 1990 einen neoliberalen Kurs einschlug, und 1995 der WTO beitrat, hatte dies schwerwiegende Folgen auch für Bundesstaat. Der Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung versuchen die Linken ihr Konzept entgegenzusetzen. Sie sind nicht überzeugt von der Wirkung des „Trickle Down Effects" (dass vom Tisch der Reichen auch genug Krumen für die Armen herunterfallen) und sie sehen, wie WTO Regularien ihre ländliche Ökonomie und Kleinindustrie ruinieren.
Ihre Vorstellung: Einerseits soll der Staat dafür Sorge tragen, daß es zu keiner Verelendung der ärmeren Bevölkerungsschichten kommt. Das versuchen sie durch weitreichende Dezentralisierung, also Übergabe wesentlicher Entscheidungen und Prozesse zur örtlichen und regionalen Entwicklung an die Panchayats, die ländlichen Kommunen, um damit die Aktivierung ihrer Bevölkerung zu erreichen. Dazu werden die Panchayats auch finanziell ausgestattet, zudem auch durch Förderung der Frauenselbsthilfegruppen in ihrem Kudumbasree-Programm und durch andere politische Maßnahmen und Programme.
Auf der anderen Seite bemühen sie sich, Investitionen anzulocken. Das gestaltet sich unter den Linken allerdings nicht leicht, weil die immer den politischen Primat im Auge haben, d. h. bei joint ventures sollen immer mindestens 51% in den Händen der Regierung bzw. ihrer eigenen Banken und politisch kontrollierbar bleiben. Bei allen Investitionsentscheidungen verhandeln also die Linken lange, bis sie Bedingungen ausgehandelt haben, die sie ihrer Klientel zumuten können.
Es gibt eben in Kerala für Unternehmen, die gern wegen geringerer Lohnkosten und geringerer „Reibungsverluste" ins Ausland gehen, einige „Investitionshemmnisse". In Kerala gibt es eben in vielen Bereichen Mindestlöhne, Gewerkschaften sind recht stark und aktiv hier und achten auf die Einhaltung von arbeitsrechtlich gesicherten Bedingungen, zudem gibt es hier lästige Umweltschutzgruppen und eine wache Presse. Alles in allem also Verhältnisse, die nicht bei jedem Unternehmen die Lust zur Investition erblühen lassen.
Der Film zeigt die Auswirkungen dieser Politik in verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Bereichen. In einer Reihe von Interviews kommen Bauern, Unternehmer und Politiker zu Wort, unter ihnen die Schriftstellerin Arundhati Roy, die sich zu ihrer eigenen Lage äußern und wie sie die Entwicklung in diesem einstmaligen „Modellstaat" einschätzen.
Zur Entstehung des Films
Beim Filmfest in München 2001 traf ich Herrn Sarath, einen Regisseur aus Kerala, dessen Film dort gezeigt wurde. Wir diskutierten über die aktuellen Probleme in Kerala und Indien und er lud mich ein, einen Film zum Thema "Globalisierung und die Auswirken" zu machen. Ich hatte gerade etwas Geld zur Verfügung und beschloss, den Film selbst zu finanzieren. Mit einem Team aus Kerala und Saraths Unterstützung habe ich vier Jahre an dem Film gearbeitet. Gezeigt wurde der Film bisher auf dem Filmfestival in Stuttgart, in Cochin, Kannur und Trivandrum in Kerala und bei einer Vielzahl von Seminaren und Veranstaltungen in Deutschland.
Der Film konnte dann auch bei dem Regionaltreffen in München Gedanken anstoßen, u.a. wie hier in Europa mit der Globalisierung und ihren Folgen umgegangen werden kann.
WER
Zielgruppe
Anwesend waren 5 Methodenexperten, politisch Interessierte und Engagierte, die über politische Systeme und ihre Auswirkungen diskutieren wollten.
Referent & Filmemacher:
Klaus Liebig wurde 1939 in Krefeld geboren, war Lehrer, zunächst am Gymnasium, dann an einer Hauptschule und Mitglied der GEW Bayern. Seit 1969 Wohngemeinschaft mit Kindern, Kindergartenarbeit (Uni - und Akademiekindergarten). 1978 Angestellt beim DGB Landesbezirk Bayern für politische Erwachsenenbildung und Kulturarbeit (Seminare zu Moderationstechniken und "Meinungsbildung von unten"). 1996 Frührente aus Krankheitsgründen. 1998 erstmals in Indien zu einer Ayurvedakur. Unerwartet gutes Ergebnis. Intensivere Beschäftigung mit Ayurveda. Mitglied bei ATTAC. Teilnahme an verschiedenen Konferenzen. Seit 2002 Reiseleiter durch Tamil Nadu und Kerala sowie Bemühung um "Brückenschläge" zwischen Indien und Deitschland. Email-Kontakt (da viel unterwegs):
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Moderation & Gastgeber:
Wolfgang Fänderl, Vernetzungsberatung von Netzwerk Gemeinsinn e.V. in Zusammenarbeit mit dem Ökologischen Bildungszentrum lud ein und führte durch den Abend.
WIE (Kurzbericht Wolfgang Fänderl)
Das Treffen begann etwas enttäuscht über die geringe Anzahl von Interessenten, die sich diesmal im Ökologischen Bildungszentrum München eingefunden hatten. Das Mitbringbuffet war reich gefüllt und lud zum Essen ein... unmöglich zu fünft diesem Überfluss Herr zu werden. Im Grunde genommen ein Kontrast zu dem, was viele Menschen in Indien derzeit haben: zu wenig Nahrung und viel Hunger.
Um 19.10 begannen wir mit einer kleinen Vorstellungsrunde und Interesse wurde geweckt durch
- die derzeitige Diskussion über Nahrungsmittelknappheit und den modellhaften Umgang mit Armut in Kerala
- die Lust aus einem sehr spannungsreichen Land und anderen kulturellen Kontext zu lernen
- die Frage, was wir Europäer tun können, damit sich ärmere Länder besser entwickeln können.
Filmemacher Klaus Liebig erzählte dann kurz von seiner eigenen Entwicklung und der Entstehungsgeschichte des Films (s.o.), bevor wir im zunehmend dämmrig werdenden Licht seinen beeindruckenden und informativ aufbereiteten Film sehen konnten. 45 Minuten später waren viele Zusammenhänge klarer und eine Menge offener Fragen bereits beantwortet.
Nach einer kurzen Pause wurde dann die Feedback-Runde eröffnet, in der Eindrücke und Fragen vom Filmemacher gesammelt und später beantwortet wurden. Dabei interessierten vor allem die Fragen, wer zu den Globalisierungsgewinnern und wer zu den -verlierern zählt, ob hier ein solidarischer Ausgleich zu schaffen ist und wie diese Solidarität entwickelt werden kann.
Wie entsteht Gemeinsinn? Je regionaler die Probleme und Rahmenbedingungen gemeinsam zu gestalten sind, desto leichter fällt es, sich mit anderen auszutauschen, persönliche Kontakte aufzubauen und sich füreinander einzusetzen. Sobald die Zusammenhänge anonymisiert, globalisiert und damit entpersonalisiert sind, fällt die Solidarisierun schwerer.
Das nächste Umfeld ist uns näher und die Armut in der Ferne so unüberwindbar groß, dass es die Tendenz gibt hier Wohlfahrtsorganisationen und internationale Politik und NGOs in der Verantwortung zu sehen. Es liegt aber an uns als Bürger, unsere Vertreter dafür zu authorisieren.
Lassen sich Entwicklungen in Indien (z.B. Weberei und der Einfluss internationalen Handels auf das regionale Gewerbe) durch geschichtliche Erfahrungen aus Europa besser lösen? Auch das europäische Modell hat seine Besonderheit und kann nicht einfach adaptiert werden. Europa hat sich durch sein enormes wirtschaftliches Wachstum über lange Jahrzehnte kontinuierlich zu dem entwickeln können was es heute ist. Der Wohlstand ist dabei durchaus auch ausbeuterischen Maßnahmen im Rest der Welt (Kolonialismus und Neokolonialismus) zu verdanken. Mit viel Geld lassen sich auch die Ärmeren Bevölkerungsschichten mitfinanzieren (Trickle down Effekt) und Sicherungssysteme etablieren. Was aber, wenn das Wachstum eben nicht so ungehindert vonstatten gehen kann?
Gerade im landwirtschaftlich orientierten Kerala werden von den rund 60% Landarbeitern immer mehr arbeitslos. Sie finden bei ihrer Flucht in die Stadt keine typische Großindustrie vor, und dadurch sind viele zunächst arbeitslos und es entstehen in großen Städten eine Vielzahl von Slums mit allen negativen Folgen für die Region und die Gemeinschaft. Gibt es hier europäische Entwicklungen die sich übertragen lassen?
Kann das soziale Gewissen der Reichen helfen die Armut zu bekämpfen? So wie Krupp im vorherigen Jahrhundert für seine Mitarbeiter Siedlungen errichtete, die ärmlich aber sauber waren und einen gewissen Lebensstandard ermöglicht haben, hat auch Tata (indischer Großkonzern) sich einen ethischen Katalog von Maßnahmen erarbeitet, der viele von unseren westlichen Konzernen staunen lässt.
Bei der Beziehung zwischen Arm und Reich fehlt es bei ausbeuterischen Maßnahmen stets am menschlichen Faktor. Der Ausbeutende flüchtet vor dem Kontakt mit dem Ausgebeuteten und etabliert ein System, das eine Klassengesellschaft fördert. Es sind dann nur noch ökonomische Strategien und die politischen Fehler der anderen Partei, die im Club der Reichen besprochen werden und unsere weitgehend anonymisierte Aktien-Wirtschaft scheint die Tendenz zu unterstützen.
Ein Blick auf die Korruption und die indische Vetternwirtschaft bekam aus Sicht des indischen Kasten- und Familienclan-Systems eine nachvollziehbare Komponente. Soziale Beziehungen zu pflegen und sich um seine Nächsten anzunehmen, ihnen beim Start in den Beruf und bei bestimmten Geschäftsbeziehungen zu helfen, ist durchaus Teil oder Grundlage von Gemeinsinn.
Was unterscheidet also Korruption von Gemeinsinn? Aus Sicht des Netzwerks Gemeinsinn sind es bewusst gesetzte Rahmenbedingungen, die gruppenübergreifende Synergieeffekte effekte ermöglichen und damit Gemeinsinn ausmachen. Wenn die eigene Familie ungewöhnlich stark über das Wohl der größeren Gemeinschaft gestellt wird, hat dies mit Gruppenegoismus zu tun, was dem individuellen Egoismus entspricht.
In Indien kommt hinzu, dass durch das weit verbreitete spirituelle Gesetz des Karma (was ich heute Gutes tue wird mir u.a. im nächsten Leben gut widerfahren) die Kultur der Gastfreundschaft besteht und den Ärmeren gerne geholfen wird. Das Karma-Gesetzt macht aber auch die extremen Unterschiede von Arm und Reich überhaupt erst erträglich, da die Hoffnung auf ein besseres nächstes Leben mit Schicksalsschlägen versöhnt.
Die eigene kulturelle Brille abzulegen und sich neugierig und sensibel auf andere zuzubewegen ist wichtig, wenn man versucht andere Kulturen zu verstehen oder gar ihnen zu helfen. Am Beispiel des Straßenverkehrs in einer indischen Großstadt, wo aus unserer europäischen Sicht das absolute Chaos herrscht, sieht ein Soziologe (Gerhard Schweizer: Megastädte) dass es immer grundlegende Ordnungmuster und Verständigungsformen gibt, die es ermöglichen unbeschadet voranzukommen. Autos, die 250 km/h fahren sind hier also nicht nur wegen der Straßenbedingungen sondern auch wegen der besonderen Kommunikationsform völlig fehl am Platze.
Weitere Themen waren die New Speak der Konzerne, die nach dem Orwell-Prinzip Schandtaten mit wunderbaren Begriffen versehen. Auch die Vorstellung dass sich ein Markt von selbst organisiert ist Augenwischerei. Hier wie dort funktioniert es nur mit klaren Regeln und großer Umsicht bei den Verantwortlichen.
Um Menschen zu helfen, aus eigener Kraft zu handeln und zu entscheiden, sind Dezentralisierungsprogramme zu empfehlen. Deliberalisierung ist nur dort zu empfehlen, wo die Rahmenbedingungen im Sinne der Menschen gesetzt sind. Wichtig dabei ist auch die Schulung von Menschen, die Alphabetisierung bzw. eine Art methodische Bildung, um mit anderen besser kommunizieren zu können, damit Selbstorganisation und Vertrauen entstehen? (z.B. Vergabe von Mikrokrediten)
Problematisch ist die Tendenz eine immer größer werdende Zahl von Menschen mit der Armut und der Perspektivelosigkeit alleine zu lassen und in die Verschuldung, in Selbstmord oder Illegalität abtriften zu lassen. Die treibenden Kräfte müssen hier deutlicher zur Verantwortung gezogen werden. Es ist also immer wichtig zu fragen: "Wer zahlt den Preis, wenn ich Gewinn mache?"
Eine mögliche Antwort gibt E.F. Schumacher (Die Rückkehr zum menschlichen Maß; small is beautiful), der dafür plädiert wieder zu kleinteiligeren Strukturen zurückzukehren. Menschliche Wärme entsteht aus direkten Kontakte mit wenig Aufwand und einfachen Mitteln und ist letztlich das was wirklich zählt.
Ein zentraler Begriff, der für Klaus Liebig am Ende der Veranstaltung stand, war "Achtung". Wie können wir den Menschen in den ärmeren Regionen Wertschätzung und Würde zurückgeben bzw. zumindest nicht streitig machen. Wie muss Geben aussehen, damit es nicht degradiert und zum Bettler macht? (vgl. auch Partizipationsstufen in der Entwicklungshilfe)
Gegen 21.30 Uhr wurde mit einer Reflexion abgeschlossen:
- herzlichen Dank für den Film und die spannende Auseinandersetzung
- gut auch wieder den globalen Gemeinsinn in den Blick genommen zu haben
- manche Prinzipien lassen sich auch auf unser Zusammenspiel im Westen übertragen (z.B. Landflucht) und hat Anregungen gegeben
- es ist wichtig festzuhalten, dass sich jeder auf seiner Ebene einsetzen kann um Solidarität zu fördern.
- die Kontakte nach Indien werden genutzt werden, um auch methodisches Wissen (soweit wirklich sinnvoll) zu transferieren
Klaus Liebig hatte das Schlusswort und betonte, dass er diesen Film gerne in unterschiedlichen Kontexten zeigt und bespricht. Einfach bei ihm melden!
Kontakte
Film:
Klaus Liebig
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Regionaltreffen:
Wolfgang Fänderl
089 / 90545763
Netzwerk Gemeinsinn e.V.
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