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Feb 18 2008
Gesicht zeigen gegen Rassismus & Rassisten? Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Ruth Sander   
Montag, 18. Februar 2008

politik_im_raum_logoWelche Methoden sind im 'Kampf gegen Rassismus' angemessen? "Politik und Kultur im Raum" ein Kollegenkreis systemisch Beratender, traf sich am 12. März 2008 ausnahmsweise bei ISTOB in München und ging dem Thema mit Hilfe einer Aufstellung auf den Grund. 

 

 

WAS

Bereits zum achten Mal initiiert die Aktion Gesicht zeigen! zusammen mit dem Interkulturellen Rat die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Die Veranstaltungen (siehe www.gesichtzeigen.de) sind einerseits dem Werben um Toleranz und Aufklärung, andererseits der Absage und dem Kampf gegen Rassisten, Rechtsradikale und (Neo-)Nazis gewidmet.

Aber können Überzeugungen durch Kampfansagen oder Verbote ausgemerzt werden? Falls nein, was dann? Wie kann unsere Gesellschaft trotz unterschiedlicher Meinungen zu einem toleranten Miteinander finden?

WER

Teilnehmende:

Interessierte, die bei einer solchen Aufstellung mitwirken wollen

Moderation:

Dr. Ruth Sander

WIE 

Bericht (Ruth Sander)

In diesem Fall gehört die Schilderung der Vorgeschichte zur Geschichte dieses Abends:

Von der Mohrvilla angefragt, ob der März-Termin von ‚Politik im Raum' unter dem Motto der Aktion ‚Gesicht zeigen' stehen könnte, habe ich die Website dieser Aktion studiert. Dabei entstand bei mir der Eindruck, dass es dort zwei Arten von Veranstaltungen gab: aufklärende (z.B. „Auschwitz - die Täter, die Opfer und die Hintergründe") und ausgrenzende (z.B. „Gemeinsam blockieren - den Nazis keinen Zentimeter!").

Geprägt von der Aufstellungsarbeit, die von dem Leitsatz ausgeht: „Alle gehören dazu", wollte ich Alternativen zur Ausgrenzung der Ausgrenzenden ausloten - und das nicht nur zusammen mit liberalen und toleranten Menschen, sondern in Anwesenheit von Rechten. Das führte sowohl zur Einladung des Münchner Bündnisses für Toleranz als auch zur Einladung von Gruppierungen, vor denen das Bündnis als rechtsextremistisch gewarnt und gegen die das Bündnis bei den Münchner Kommunalwahlen zum Wahlboykott aufgerufen hatte: der Bürgerbewegung pro München und der Bürgerinitiative Ausländerstopp.

Als Konsequenz erinnerte das Kulturreferat München als Subventionsgeber den Veranstaltungsort Mohrvilla, dass Rechtsextreme in subventionierte Häuser nicht eingeladen werden sollten. So kam es zur Verlegung der Veranstaltung an einen nicht subventionierten Veranstaltungsort.

Parallel dazu bekam ich viele Mails von Menschen, die bedauerten, am Abend nicht dabei sein zu können, und mich zu meinem Mut beglückwünschten. Das führte eher zur Dämpfung des Mutes und zur Frage, wie ich mich absichern könnte. Ein Telefonat mit dem örtlichen Polizeirevier hatte ungeahnte Folgen: Die Info über die Veranstaltung wurde zum Polizeipräsidium weitergeleitet, und dieses veranlasste das Erscheinen von zwei Beamten des kriminalpolizeilichen Staatsschutzes, während sich ein Streifenwagen in der Nähe der Sandstraße aufhielt...

So geschützt begannen wir den Abend wie immer mit Stellübungen im Raum. Zuerst nahmen die Anwesenden Stellung zur Wichtigkeit der Zugehörigkeit

  • zur eigenen Familie
  • zur eigenen Kultur
  • zur eigenen Nation

Im Großen und Ganzen zeigte sich die Tendenz, dass die Zugehörigkeit zur eigenen Familie den höchsten Stellenwert einnahm (zwischen 5 und 10), die Zugehörigkeit zur eigenen Kultur einen mittleren (zwischen 4 und 8) und die Zugehörigkeit zur eigenen Nation tendenziell den niedrigsten (zwischen 2 und 6).[Daraus ließe sich eventuell die Arbeitshypothese ableiten, dass Menschen, deren Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen Familie oder Kultur gestört ist, desto dringender die Zugehörigkeit zu anderen Gruppen benötigen...]

Eine weitere Frage bezog sich darauf, welche persönlichen Tendenzen das Thema Rassismus und Ausgrenzung bei den Anwesenden auslöse: Bei der Mehrzahl zeigte sich die Tendenz zu erhöhter Wachsamkeit, Alarmbereitschaft bis Aggressivität, nur wenige verspürten die Tendenz zu Angst, Beklommenheit und Rückzug.

An diesem Punkt widmeten wir uns den möglichen Fragen an die Aufstellung. Zu den bereits vorbereiteten

  • Was könnte zur Deeskalation der Dynamik der Ausgrenzung beitragen?
  • Wie kann die Toleranz in dieser Gesellschaft wachsen?
  • Wie könnte das Zugehörigkeitsgefühl in dieser Gesellschaft wachsen?

fanden Kleingruppen die weiteren Fragen:

  • Was ist Toleranz überhaupt?
  • Was trägt die Gesellschaft dazu bei, dass jemand rassistisch reagiert? Bzw.: Was kann die Gesellschaft dafür tun, dass Rassismus nicht entsteht?
  • Wo fängt Rassismus an, gefährlich zu werden? Bzw.: Welches Maß an Rassismus ist akzeptabel?
  • Eine Kleingruppe formulierte keine Frage, sondern Stichwörter für die Aufstellung: Grenze, Schutz, Abspaltung, System, Zugehörigkeit.

Zu diesem Zeitpunkt verließen uns die Beamten des Staatsschutzes, da uns nach gemeinsamer Einschätzung keine Gefahr mehr drohte: Es war keine Person der eingeladenen rechten Gruppierungen erschienen...

Nach hartnäckigem Aushandlungsprozess einigte sich die Gruppe auf die erste Frage:

Was könnte zur Deeskalation der Dynamik der Ausgrenzung beitragen?

Aus dem anschließenden Brainstorming wurden schließlich fünf Elemente für den Beginn der Aufstellung ausgewählt:

  • die Opfer der Rassisten
  • die Rassisten
  • die Gegner der Rassisten
  • die Toleranten
  • der Staat (die Politik und Verwaltung)

Im ersten Bild standen die Opfer abgeschlagen und allein. Sie fühlten sich einsam und nicht mehr zugehörig.

Den Rassisten ging es ähnlich: Auch sie fühlten sich einsam und nicht zugehörig, allerdings auch noch bedroht, verkannt und attackiert von den Gegnern.

Die Gegner waren ganz auf die Rassisten ausgerichtet, verspürten Aggression und den Wunsch, die Rassisten notfalls mit Gewalt zur Raison zu bringen oder sie aus dem System hinauszudrängen.

Die Toleranten hatten einen Platz gewählt, von dem sie alles gut sehen konnten, aber nicht handeln mussten. Sie hatten den Anspruch an sich selbst, alle - auch die Rassisten - verstehen zu wollen.

Der Staat fühlte sich sowohl von Rassisten als auch von Gegnern bedroht, die Opfer bedrückten ihn. Am liebsten schaute er auf die Toleranten. Er sah keine Notwendigkeit zu handeln.

An dieser Stelle froren wir das Bild ein, die außen sitzenden BeobachterInnen hatten die Gelegenheit, das Bild zu betreten und die einzelnen Positionen spürend auf sich wirken zu lassen. Danach wurden folgende Kommentare abgegeben:

  • Genervtheit durch die abstinente Haltung der Toleranten
  • Entsetzen über die Kraftlosigkeit des Staates
  • Betroffenheit über die Aggressivität der Gegner
  • Irritation über die Ähnlichkeit der Einsamkeit von Opfern und Rassisten

Für ein Element der Aufstellung hatte dieses Zwischenspiel einen deutlichen Unterschied gemacht: Die Rassisten äußerten: „Wenn ich spüre, dass ich nicht allein bin, dass es Andere wie mich gibt, dann macht mich das tollkühn! Da könnte man schon mal was anstellen..."

Da aber niemand von den BeobachterInnen zu einem weiteren Rassisten mutieren wollte, setzten wir die Aufstellung mit dem einsamen Rassisten fort.

Der weitere Verlauf zeigte folgende Tendenzen:

Die Opfer wollten gesehen werden. Sie fanden es unmöglich, dass sich die Gegner so ausschließlich auf die Rassisten konzentrierten und mit ihnen, den Opfern, keinerlei Kontakt aufnahmen. Sie suchten die Nähe zu den Gegnern, ohne allerdings die Nähe zum Staat aufzugeben, der ihnen Schutz bot.

Die Rassisten fühlten sich immer mehr von den Gegnern bedrängt und äußerten, wenn das so weitergehe, würden sie bald aggressiv und unverhältnismäßig explodieren.

Die Gegner bestätigten, dass die Opfer für sie uninteressant wären. Sie, die Gegner, hätten den Auftrag, die Rassisten rauszudrängen, sonst nichts.

Die Toleranten gerieten immer mehr ins Abseits, verloren den von ihnen so geschätzten Überblick und zeigten sich immer mehr verunsichert, was sie tun sollten.

Der Staat äußerte, er hätte nur Handlungsbedarf, wenn es mehr Rassisten gäbe. Solange sich Rassisten und Gegner in Schach hielten, müsste er nichts unternehmen.

An dieser Stelle nahmen wir Impulse von BeobachterInnen auf und ergänzten das Bild um drei weitere Elemente:

  • Eine Person fühlte sich zu den Rassisten hingezogen, suchte deren Nähe (die die Nähe der Rassisten Suchende).
  • Eine Person fühlte sich von dem Auftrag angesprochen, von dem die Gegner gesprochen hatten. Sie betrat als Das, worum es auch noch geht, das Bild und platzierte sich gegenüber dem Staat.
  • Die Person, die Entsetzen über die Schwäche des Staates geäußert hatte, betrat als ordnende und den Staat unterstützende Kraft das Bild (die Ordnungsmacht).

Diese Ergänzungen lösten eine Menge aus:

Die die Nähe der Rassisten Suchende nahm Kontakt sowohl zu Gegnern und Opfern auf. Sie bezeichnete sich als Katalysator, bemüht um Ausgleich und Vermittlung.

Das Erscheinen der Ordnungsmacht löste im ersten Moment bei Einigen die Assoziation einer Schwarzen Truppe aus. Sie wurde als zu stark und zu eigenständig wahrgenommen.

Am meisten Veränderung brachte das Erscheinen dessen, worum es auch noch geht. Dieses Element sank ganz langsam zu Boden, legte sich hin und deklarierte, es sei tot. Die Toleranten bezeichneten dieses Element als ‚schwarzes Loch', zeigten Entsetzen und wollten möglichst viel Distanz zwischen sich selbst und dieses Element bringen. Der Staat wollte die liegende Lage nicht hinnehmen und etwas unternehmen, damit dieses Element wieder aufrecht stände. Die Gegner zeigten Erleichterung, der Druck des Auftrags würde geringer. Die Opfer fühlten sich gestärkt, weil es jetzt jemandem noch schlechter ginge als ihnen. Sie bezogen voller Ellbogenkraft Position neben den Rassisten, noch immer bemüht und jetzt auch fest entschlossen, ins Blickfeld der Gegner zu gelangen - auch wenn das bedeuten sollte, den Rassisten ähnlich zu werden...

Die Rassisten waren nun zwischen den Opfern und denen, die ihre Nähe suchten (obwohl sie zu keinem von beiden eine nennenswerte Gemeinsamkeit verspürten) stark und entschieden genug, um sich den Gegnern mutig gegenüber zu stellen und einem möglichen neuen Angriff tapfer zu entgegnen.

Die Gegner aber hatten ihre Aggression verloren. Allerdings könnte in den Augen der Rassisten die Ordnungsmacht staatsbedrohend werden, im Sinne einer Militärmacht oder Ähnlichem.

An dieser Stelle lösten wir die Aufstellung auf und widmeten uns der Reflexion, wobei unter anderem folgende Kommentare abgegeben wurden:

„Für mich war das, worum es auch noch geht entscheidend. Das hat bei fast allen was bewirkt. Es war, als würde sich was umkehren: Das, was früher die Nazis gemacht haben mit der Ausgrenzung von Juden und Andersdenkenden, das haben hier von der Haltung her die Gegner der Rassisten übernommen. Hier in der Aufstellung waren die Rassisten nicht aggressiv, zumindest nicht, solange sie allein waren. Zu denken gibt mir auch die Rolle des Staates: Die Jungen, die unter 40-jährigen haben keinen oder zu wenig Bezug zur Geschichte, sind zu wenig reif, um damit umgehen zu können."

„Mich hat das kollektive Element (das, worum es auch noch geht) überhaupt nicht berührt. Und der Ablauf hat mich darin bestätigt, dass die Toleranten bedeutungslos sind. Ich bin immer unruhiger geworden, als immer mehr Sympathie für die Rassisten empfunden haben. Da hab ich ganz stark das Gefühl gehabt, ich muss die Gegner der Rassisten stärken, den Rassisten muss Widerstand entgegengesetzt werden. Was ich auch mitnehme ist eine gewisse Nachdenklichkeit, dass mir die Opfer nicht wichtig waren. Denn ich hab mir gedacht: Wenn die Rassisten nicht mehr da sind, gibt's auch keine Opfer mehr."

„Mir ist das Thema von Anfang an sehr nahe gegangen. Immer wenn ich Filme aus der Nazizeit sehe, von Judenverfolgung, das geht mir so durch und durch. Und wenn ich jetzt mit Jugendlichen rede und jemand sagt: ‚Ha, dieses Arschloch, der gehört doch in die Gaskammer,' da kommt das hoch, und meine Emotionen sind ganz stark und präsent. Und dann ebbt das bei den Anderen total ab, weil die merken, das hat was Ernsthaftes. In dem Moment passiert was Heilendes. Ich glaube, die Geschichte ist immer wieder präsent, und das ist gut so. Dass wir es uns selbst bewusst machen und es zulassen. Ich glaube, das hat eine reinigende Kraft, für uns und unsere Randgruppen. Beim Durchgehen durch die Aufstellung hab ich das so empfunden: Opfer und Rassisten haben sich ganz gleich gefühlt, leer und verloren, exakt gleich."

„Ich bin ja dabei beim Bündnis für Toleranz, und mir ist so durch den Kopf geschossen: Wie tolerant ist eigentlich dieses Bündnis? Allerdings heißt es auch ‚Bündnis für Toleranz, Rechtstaatlichkeit und Demokratie'... Mich beschäftigt das Thema Ausgrenzung gerade sehr stark. In Hessen sind's gerade die Linken, mit denen keiner sprechen möchte, vor 25 Jahren waren es die Grünen, hier in München sind es die Rechten... Anhand des Ausspruchs der Ordnungsmacht, dass sie sich schuldig fühlt, ist mir noch mal die Ohnmacht des Staates so aufgefallen. Der Staat weiß nicht wie umgehen mit diesem Schuldgefühl... Sehr interessant fand ich auch, dass dieses geschichtliche Element wollte, dass alle es anschauen. Aber der Rassist konnte das gar nicht. Das war wie im richtigen Leben..."

„Mich hat der Auftrag beschäftigt, von dem die Gegner der Rassisten gesprochen haben. Dazu fällt mit ein Satz von Bert Hellinger ein: ‚Wenn man fremdes Schicksal rächen will, schießt man übers Ziel hinaus.' Ich war in der Rolle dessen, worum es auch noch geht. Und ich möchte mich gegen die Zuschreibungen verwahren, die jetzt in der Reflexion gekommen sind. Ich habe von Opfern, Schwachheit und Schmerz gehört. Dagegen habe ich mich innerlich gewehrt. Das war nicht mein Gefühl in der Rolle. Ich war tot, vergangen und wichtig und wollte angeschaut werden, mehr nicht. Ich wollte nicht, dass was mit mir gemacht wird, und wollte auch nicht bedauert werden. Die Emotionen, die da im Raum waren, hatten mit mir nichts zu tun. Das fand ich eine spannende Unterscheidung."

„In unserer Kleingruppe sind wir mit dem Thema ‚Toleranz' gestartet. Und jetzt am Ende fand ich witzig, dass die Toleranz ganz außen vor war und dass mich das gar nicht berührt hat. Was mich berührt hat, das war das Opfer. Zuerst konnte ich mich gut einfühlen, und am Ende fragte ich mich: Wo führt das jetzt hin?, als das Opfer selbstbewusst wurde und Ellbogen zeigte. Was ich mitnehme, das ist die Dynamik: Wie sich innerhalb der Gruppe das Selbstverständnis verändert."

„Was ich heute mitnehme und von mir selbst erwarte: auf die einzelnen Menschen zuzugehen und den Dialog zu suchen und dabei so authentisch wie möglich zu bleiben; also auch meine Wut, meine Angst zu zeigen und zugleich zu meiner Meinung zu stehen. Und da schließt sich der Kreis zur Aktion Gesicht zeigen: Ja, Gesicht zeigen, aber nicht, indem ich nicht mit ihnen rede, sondern indem ich versuche, in einen Dialog zu kommen. Auch wenn ich nicht weiß, ob das gelingen kann." 

Hinweis: 

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