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Jan 09 2008
Aktivpatenschaften in der Nachbarschaft Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Randolf Gränzer   
Mittwoch, 9. Januar 2008

leihoma Das Regionaltreffen von Netzwerk Gemeinsinn am 25.02.2008 im ÖBZ München hatte mehrere Organisatoren von Aktivpatenschaften zu Gast haben. Hauptthema war die Optimierung bei der Beteiligung von Paten und der Bericht ist beigefügt.

WAS 

Das Geschäft mit den Patenschaften blüht. Profitieren sollen die Kinder in der dritten Welt, Delphine, Bäume und sogar Ihr Freund oder Nachbar, dem Sie ein Buch- oder Telefonabonnement andrehen sollen. Die einzige Aktivität bei all dem besteht darin, dass jemand seine Geldbörse aufmacht und ein anderer seine Hand. Ich will nicht sagen, dass die sozial- oder umweltortientierten Scheckpatenschaften ohne gesellschaftlichen Nutzen sind. Sie haben aber eins gemein. Sie sind bequem. Mit einem Dauerauftrag an die Bank ist es getan, und man hat wieder ein gutes Gewissen.  

Aktivpatenschaften sind unbequem. Da muss man einen Dauerauftrag an sich selbst ausstellen, nämlich die moralische Verpflichtung regelmässig etwas Zeit zu spenden für einen jungen Menschen, der auf einen wartet, mit dem man sich aber auch auseinander setzen muss, und bei dem man einfach hoffen muss, dass er irgendwie erkennen lässt, dass das alles etwas nützt. Wenn man erst mal dabei ist, lernt man solche Zeichen zu sehen und sich darüber zu freuen. Die gefürchtete  Unbequemlichkeit verwandelt sich in eine Kette von kleinen und grossen Erfolgserlebnissen.   

Aktivpatenschaften haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Sie entstehen durch lokale Initiativen von Privatleuten, von einer örtlichen Verwaltung, aber meistens von Mitarbeitern der Lokalbüros einer grossen Wohlfahrtsorganiation (Caritas, Diakonie, Kinderschutzbund  etc.). Aufgrund dieses dezentralen, sehr natürlichen Wachstums ist die Vielfalt der Ansätze entsprechend gross und wird immer grösser.

Auf unserer Datenbank mit mehr als 300 lokalen Projekten unterscheiden wir vier Hauptgruppen

  • Familienpatenschaften
  • Kinderpatenschaften
  • Lernpatenschaften und
  • Jobpatenschaften.

Innerhalb jeder Gruppe gibt es Untervarianten und Überschneidungen.

Das Hauptziel der Initiatoren ist immer eine Art von Prävention in den verschiedenen Lebensphasen eines jungen Menschen. Am wirksamsten ist sie wenn die Aktivpatenschaft einem Kleinkind zugute kommt und zwar dadurch, dass eine Familienpatin die jungen etwas verlorenen Eltern regelmässig mit praktischen Ratschlägen und moralischem Beistand unterstützt. Die Familienpatenschaften sind noch am wenigsten in Deutschland bekannt.

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Bekannter sind die Kinderpatenschaften. Dabei kümmert sich die Aktivpatin oder der  Aktivpate um ein Kind, das schon sprechen und laufen kann und meistens schon 6 Jahre alt ist. Wenn die Patin älter ist, heisst sie oft Leih- oder Patenoma. Für jüngere Kinderpatinnen und -paten haben wir noch keinen guten Ausdruck gefunden. Vielleicht sind sie deshalb noch so selten. Kinderpatenschaften sind auf sinnvolle und erzieherische Freizeitgestaltung des Kindes ausgerichtet.

Die Lernpatenschaften sollen einem Kind das Versagen in der Schule ersparen. Beides hängt natürlich sehr eng zusammen. 

Wenn alle Kinder, die in schwierigen Verhältnissen leben, von den erwähnten drei  Arten von Aktivpatenschaften profitieren würden, dann bräuchten wir die vierte Gruppe überhaupt nicht, d.h. die Jobpatenschaften. Bei Ihnen kümmert sich ein Erwachsener um einen jungen Hauptschüler oder Arbeitslosen, der seinen Platz in der Arbeitswelt nicht alleine findet, weil er zu wenig dafür mitbringt. In Wirklichkeit sind natürlich die Jobpatenschaften genauso nötig wie die anderen drei Varianten.

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Aktivpatenschaften werden nie eine Massenbewegung sein. Aber sie sind eine sinnvolle Ergänzung zur Arbeit der professionellen Sozialarbeiter. Letztere sind schon nicht zahlreich genug, um allen familiären Schwierigkeiten in unserer komplexen Gesellschaft wirksam zu begegnen und erst recht nicht zahlreich genug, um negativen Entwicklungen durch Einzelbehandlung vorzubeugen. Aktivpatenschaften sind eine vorbeugende Massnahme. Der Einsatz der Sozialarbeiter ähnelt eher dem der Feuerwehr, die erst kommt, wenn das Haus schon brennt.

Die besondere, von unserer Regierung noch gar nicht erkannte politische Bedeutung der Aktivpatenschaften liegt in ihrer Symbolwirkung für das bürgerschaftliche Engagement schlechthin. Es gibt kaum ein anderes Ehrenamt, das so klar und unmittelbar auf die Zukunft unserer Gesellschaft ausgerichtet ist als die Aktivpatenschaft.

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Am Abend bei Netzwerk Gemeinsinn wollten wir u.a. auf drei Punkte eingehen:

  • Wie erhöht man die Zahl der sich zum ersten Mal meldenden Kandidaten für eine Aktivpatenschaft?
  • Welches sind die Motivationsmomente für Aktivpatinnen und -paten, auf die man bei der klassischen lokalen und nationalen Werbung eingehen sollte?
  • Wie kann man die Aktivpatinnen und -paten langfristig für die Arbeit begeistern und damit die Effizienz der Mundpropaganda verbessern? 

WER

Interessenten

Eingeladen waren neben den Kolleginnen und Kollegen des Netzwerks ganz besonders Interessenten, Mitwirkende und Organisatoren von Patenschaftsprojekten. Gekommen waren zunächst 12 Beteiligte, zum LeMoMo waren es 9.

 

Referent

rg3 Durch Zufall geriet ich während meiner langjährigen Dienstzeit bei der OECD in Paris an einen kleinen Jungen ohne Vater und mit einer kranken Mutter. Er war noch nie auf Ferien gefahren, und hatte noch nie die Berge gesehen. Mir dagegen fehlte ein nicht allzu anspruchsvoller Skipartner. Für meine erwachsenen Kinder war mein Skifahren nicht mehr gut genug und meine Frau beschränkte sich auf Langlauf. Ich machte der Mutter des Kleinen den Vorschlag, ihn einmal mit in die Berge zu nehmen. So begann eine spontane 20 Jahre lange Aktivpatenschaft mit schönen und weniger schönen Überraschungen aller Art.

Ich musste lernen, dass in Frankreich ein Gesetz besteht, wonach Fremde selbst bei Einverständnis der Mutter, nicht Kinder regelmässig ausser Haus betreuen dürfen, auch wenn sie es nur ehrenamtlich machen. Pate und Patenkind müssen bei einer Vermittlungsorganisation gemeldet sein. 

Was mir zunächst sehr gegen den Strich ging, leuchtete mir allmählich ein, und ich wurde sogar bei einer lokalen Vermittlungsorganisation ziemlich aktiv. Nach meiner Pensionierung weitete sich das aus auf eine Tätigkeit als ehrenamtlicher Initiator von europäischen Konferenzen und Seminaren zum Thema Aktivpatenschaften.

In den letzten 8 Jahren ist die Zahl der lokalen Vermittlungen von Aktivpatenschaften in Deutschland, Frankreich und einigen kleineren Ländern um ein Vielfaches gestiegen. Ich kam einfach zur rechten Zeit und will mir nicht diese Entwicklung persönlich zugute schreiben. Die wichtigste Triebfeder ist zweifellos die wachsende Nachfrage nach ehrenamtlichen Aktivpaten.

Unsere sozialen und wirtschaftlichen Strukturen werden komplizierter und kurzlebiger. Die traditionelle Familie kommt nicht mehr mit. Ersatz- und Ergänzunglösungen sind gefragt. Ich fing an nach nationalen Koordinatoren zu suchen, die Öffentlichkeitsarbeit und Erfahrungsaustausch auf nationaler Ebene übernehmen konnten.

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Nur England hatte von vorn herein eine schlagkräftige Organisation dafür. Inzwischen haben andere Länder etwas ähnliches. In Deutschland passierte nichts. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit den bescheidenen Mitteln unseres Münchner Fördervereins die nationale Öffentlichkeitsarbeit und den Erfahrungsaustausch bis auf weiteres zu organisieren.  

Kontaktdaten des Referenten:
Dr. Randolf Gränzer, Vorstandsvorsitzender
Patenschaften-Aktiv e.V.
Amalienstr. 75
D-80799 München
Tel/Fax: (0700) 14100141
Webseiten des Vereins: www.patenschaften-aktiv.de , www.leihomas-leihopas.de , www.aktivpatenschaften.de ,   www.ehrenamtsportal.de

Moderation / Gastgeber

Die Regionaltreffen für Fachkolleginnen und -kollegen werden von Netzwerk Gemsinsinn e.V. in Kooperation mit dem Ökologischen Bildungszentrum veranstaltet. Als Gastgeber stellen sie Räume und Basis-Catering zur Verfügung. Moderation übernahm Vernetzungsberater Wolfgang Fänderl. 

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WIE 

Ablauf des Abends (Bericht Herr Gränzer):

Vor dem Regionaltreffen am letzten Montag im Monat (LeMoMo) trafen sich gegen 15.00 Uhr bereits Vermittler von lokalen Aktivpatenschaften. Insgesamt waren 9 Projekte aus dem Münchner Raum und Einzugsgebiet vertreten und gegen 18.30 kamen dann weitere Fachkollegen aus dem Netzwerk Gemeinsinn hinzu.

Beim gegenseitigen Kennenlernen der Organisatoren ergab sich, wie vielfältig die Ansätze und Durchführungsmethoden sein können. Manche Projekte spezialisieren sich auf ehrenamtliche Einzelbetreuung von arbeitlosen Arbeitsuchenden. Andere setzen Ehrenamtliche bei der invididuellen Schülerhilfe, vor allem bei der Hilfe für  Hauptschüler ein.  Wieder andere setzen auf individuelle Freizeitgestaltung für Kinder aus zu kleinen oder zu isolierten Familien. Alter und die Herkunft der Ehrenamtlichen variieren ebenfalls.

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Dennoch ergaben sich beim Erfahrungsaustausch zwischen den Organisatoren  wichtige Gemeinsamkeiten. Fast alle stellen fest, dass die Nachfrage nach Aktivpatenschaften von Seiten der Kinder, Jugendlichen und ihrer Eltern viel grösser ist als die Anzahl der Ehrenamtlichen, die vermittelt werden können.

Deshalb war das Hauptanliegen die Frage, wie man in der Öffentlichkeit mehr Ehrenamtliche gewinnen kann? Das ist in erster Linie eine Frage der finanziellen Ausstattung des Projekts mit ausreichendem Personal und Finanzen für Medienkampagnen. Dazu kommt aber auch die Notwendigkeit, die Organisatoren besser mit den modernen Werbemethoden und -möglichkeiten und mit dem Umgang mit den Medien vertraut zu machen.

In anderen Ländern hat sich gezeigt, dass man mehr Aktivpatinnen und -paten auch dadurch gewinnt, wenn man ihnen einen Vorbereitungskurs anbietet und ihnen während der Aktivpatenschaft einen gewissen Status in Form von öffentlicher Anerkennung verleiht.

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Eine sehr erfreuliche Entwicklung ist die wachsende Beteiligung von jüngeren Aktivpatinnen und -paten. Es sind Studenten und gut qualifizierte Berufstätige. Beide Gruppen bringen eine Motivation mit, die sowohl auf persönlichen wie auch auf gesellschaftspolitischen Einsichten beruht.

Bei Begegnungstagen wird immer wieder das Verhältnissen zwischen sozialem Ehrenamt und professioneller Sozialarbeit angesprochen. In der Vergangenheit befürchteten die Professionellen manchmal eine unlautere Konkurrenz seitens der Ehrenamtlichen. Dadurch, dass sich beide Seiten gerade im Rahmen von Aktivpatenschaften in der praktischen Arbeit näher kommen, werden Befürchtungen und Vorurteile abgebaut.

Nach allgemeiner Ansicht ist die ehrenamtliche Tätigkeit vor allem für vorbeugende Massnahmen geeignet und für Kinder und Jugendliche, denen es an langfristigen Bindungen fehlt. Die Sozialarbeiter kennen dagegen besser die Gesetze, Vorschriften und Möglichkeiten, die zum Zug kommen, wenn kurzfristig gehandelt werden muss. Die Erfahrung hat gezeigt, dass beide ‚Helfer' sich gut ergänzen können.   

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Die Medien melden sich immer öfter nicht nur beim Förderverein sondern auch bei den einzelnen Projekten selbst. Sie sind froh, wenn sie ab und zu auch mal was Positives berichten können. Dank ihrer Arbeit wächst die Zahl der Ehrenamtlichen ständig. Leider wächst die Zahl der Hilfe suchenden Kinder und Jugendlichen noch schneller. 

In anderen Ländern sind die öffentlichen Stellen auf das Problem der grossen Nachfrage nach Aktivpatenschaften schneller aufmerksam geworden als in Deutschland. Sie helfen dementsprechend effzienter bei der Popularisierung der Idee der Aktivpatenschaften als es bis jetzt in Deutschland der Fall ist.

Die Abschlussrunde fasste gegen 21.30 Uhr die wesentlichen Eindrücke des Abends zusammen.

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Rahmen

Das Münchner Regionaltreffen des Gemeinsinn-Begleitnetzwerks fand am Montag, dem 25.02.2008, im Ökologischen Bildungszentrum München (Engelschalkinger Str. 166/ U4 Arabellapark) statt.

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Kontakt

Wolfgang Fänderl
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