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Dez 23 2007
Beteiligung zum Wohle wessen? Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Fänderl   
Sonntag, 23. Dezember 2007

04_12_31_Silvester.jpg Zum Abschluss des Jahres hier ein paar Gedanken unseres Web-Redakteurs, die zum Fest der Liebe und zur Ausrichtung auf's neue Jahr gut passen.

Bei dieser Gelegenheit auch einen herzlichen Dank für die Vielfalt an Artikeln (bislang 331), mit denen wir seit 2005 Methoden zur Förderung von Gemeinsinn präsentieren. Im Dezember 2007 haben wir damit erstmals eine Gesamtbesucherzahl von 1.000.000 mit inzwischen 100.000 Zugriffen im Monat erreichen können. Beteiligung also, die auf gegenseitigen Mehrwert baut und damit erfolgreich wurde.

Worum geht es? Wenn wir uns freiwillig engagieren, uns vernetzen und partizipieren, stellt sich meist nur unbewusst die Frage, warum? Zu wessen Wohle dient meine Zeit, die ich einsetze? Habe ich nichts Besseres zu tun, als hier umsonst mitzumachen?

„Partizipation" wird im Konstrukt der Bürgergesellschaft meist selbstverständlich vorausgesetzt und ist doch keineswegs selbstverständlich. Beteiligung benötigt Voraussetzungen, welche gegeben sein müssen, damit Beteiligung funktionieren kann. Geben und Nehmen sind auch im religiösen Kontext der "Nächstenliebe" gut zu reflektieren, sonst bleibt der eine Schuldner der andere Gläubiger.

Die Psychologie spricht von krankhafter Entwicklung, wenn sich ins Beteiligen „-ismen" einschleichen: Egoismus, Altruismus. Gerne gesehen, sind hingegen Formen gesunder Abgrenzung und Offenheit: Eigensinn und Gemeinsinn; gerade dann, wenn es nicht um Entweder-oder geht, sondern um Sowohl-als-auch, wenn nicht nur andere vom Engagement profitieren sondern auch man selbst.

Der Eigensinn: Die Frage „zu wessen Gunsten ich mich engagiere" ist also eine der zentralen Quellen sinnvollen Engagements. Wenn davon langfristig nicht mindestens 50% der Antwort „für mich" lautet, läuft etwas schief. Hier ein paar Anregungen, wann Beteiligung auch für einen selbst Sinn macht:

  • In den Informationsfluss besser eingebunden sein
  • Know-how optimieren, sich qualifizieren
  • andere Perspektiven kennen lernen
  • eigene Perspektiven vermitteln können
  • Kontakte beruflich wie privat erweitern und stabilisieren
  • Beteiligte für eigene Aktionen gewinnen
  • zukünftige Aufträge und Arbeitsplätze entwickeln
  • zukünftige Auftragnehmer und Mitarbeiter kennen lernen
  • Teamfähigkeit von sich und anderen testen
  • eigene Räume und Materialien sinnvoll nutzen
  • positiven Ruf aufbauen
  • die persönliche Lebensqualität verbessern
  • in die Zukunft seiner Umwelt investieren
  • sich für etwas Vergangenes bedanken
  • etc.

Projekt Gemeinsinn: Als wissenschaftlicher Leiter des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „Gemeinsinn" (2000 bis 2004 an der LMU München für die Bertelsmann-Stiftung) habe ich mir diesbezüglich viele Gedanken gemacht, Forschungsergebnisse angesehen und eigene praktische methodische Erfahrungen gesammelt. So entstand ein Projektverfahren, das für freiwillige „Beteiligung über Reden hinaus" (Fänderl, Gütersloh 2005) die passenden Rahmenbedingungen schafft: die „Gemeinsinn-Werkstatt".

Inzwischen auch über die Grenzen Europas bekannt (Change Handbook 2007) hat sich dieser methodische Ansatz drei Orientierungshilfen verordnet: die „Motivationsformel", die „Gemeinsinn-Definition" und den „Triple-Win-Effekt".

Motivationsformel: Mit den sechs deutschen Modalverben kann relativ einfach ausgedrückt werden, wann es um freiwilliges und wann um unfreiwilliges Engagement geht. Das was beim Gemeinsinn zählt steht im Zähler: Können, Mögen, Wollen und das was möglichst klein gehalten werden muss im Nenner: Müssen, Dürfen und Sollen. Wir haben in unserem Modellprojekt daraus einen Quotienten erstellt, der sowohl für den Einzelnen wie für Gruppen, für den aktuellen Moment wie für ganze Prozesse, hochgerechnet werden und als Orientierungshilfe dienen kann:

KÖNNEN + MÖGEN + WOLLEN
MÜSSEN + DÜRFEN + SOLLEN

> 1 : von innen motiviert, selbstbestimmt, sinnorientiert
< 1 : von außen motiviert, fremdbestimmt, zweckorientiert

Eigentlich ganz einfach, wenn auch Differenzierungsleistung notwendig ist, um z.B. Können von Müssen zu unterscheiden und aufeinander beziehen zu können.

Gemeinsinn-Definition: Viele Sonntagsredner sprechen davon, was alles getan werden „sollte" und deshalb steckt die Krux bei Gemeinsinn nicht nur in der Motivationsaussage sondern auch im Konjunktiv. Laut Definition unseres Projekts gehören zu „Gemeinsinn" sowohl soziales Bewusstsein, soziale Fähigkeiten als auch soziales Engagement, damit großen Worten auch Taten folgen. Ein gut zu merkender Spruch ist auch: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!" 

Triple-Win-Effekt: Der Win-Win-Effekt wird z.B. in der Mediation dargestellt, um deutlich zu machen, dass mit einer bestimmten Lösungsstrategie beide Partner gewinnen können und es nicht unbedingt Verlierer geben muss. Gemeinsinn geht aber über den Mehrwert des Einzelnen und der Gruppe hinaus und führt zu gesellschaftlichem Gewinn.

Bestimmte Herausforderungen sind so komplex, dass wir ihnen alleine oder in einer Familie, Arbeits- oder Freundesgruppe nicht sinnvoll begegnen könnten. Der Klimawandel ist wohl derzeit eine der größten Herausforderungen, die überdeutlich macht, dass wir nicht mit dem „Gerechtigkeitsgrundsatz" (Wenn nicht du, dann ich auch nicht) argumentieren können ohne uns alle der Klimakatastrophe näher zu bringen.

Triple-Win geht also einen Schritt weiter und verweist auf den Mehrwert gesellschaftlicher Zusammenarbeit ... gruppenübergreifend ... und nachhaltig! „Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile", meinte schon Sokrates und verwies damit auf den ungleich größeren Mehrwert kombinierter Potenziale gemeinsamer Anstrengungen. Auch hierzu eine Formel zur Veranschaulichung:

11 + 11 + 11  <  (1 + 1 + 1) 1 + 1 + 1

Harte und weiche Faktoren: Falls das dem Leser alles zu rational klingt, der sei davon in Kenntnis gesetzt, dass Gemeinsinn nach wie vor viel Herz und Bauch braucht und nicht strategisch erzwungen werden kann. Das einzige was freiwilliges Engagement fördern hilft sind transparente, wertschätzende und kompetent gestaltete Rahmenbedingungen. Methodische Hinweise zur Förderung freiwilligen Engagements bereitet Netzwerk Gemeinsinn über sein Webportal auf.

Ich wünsche Ihnen also viel Interesse und mir Ihre Beteiligung bei unserem Online-Magazin www.netzwerk-gemeinsinn.net zum gegenseitigen Nutzen.

Wolfgang Fänderl 

Kontext: Der Artikel vom Redakteur dieses Webportals wurde im Februar 2008 als Standpunkt auch auf www.partizipation.at veröffentlicht.

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