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Dez 18 2007
diskurslernen - Jugendliche nehmen Stellung zu bioethischen Themen Drucken E-Mail
Geschrieben von Maren Schüpphaus & Wolfgang Fänderl   
Dienstag, 18. Dezember 2007

formulieren_des_schlervotums_troisdorf_april_2006s Das Regionaltreffen von Netzwerk Gemeinsinn am 28.01.2008 setzte sich mit einem neueren Methodenansatz auseinander, der umstrittene neue Technologien für und mit Jugendlichen aufbereitet. Bericht anbei.

WAS 

Ob therapeutisches Klonen oder Nanomedizin - diese relativ jungen biowissenschaftlichen Disziplinen wecken Hoffnung auf Heilungschancen bisher unheilbarer Krankheiten. Wie können Chancen und Risiken dieser neuen Technologien abgewogen werden? Verändern sie unseren Blick auf Krankheit, Leben und Menschenwürde? Welche Folgen ergeben sich langfristig für unsere Gesellschaft, wenn z.B. Krankheiten diagnostiziert, aber noch nicht geheilt werden können oder Therapien aus Kostengründen nicht für alle verfügbar sind?

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Diese und andere Fragen thematisieren zwei Modellprojekte, die im Rahmen des Programms ELSA "Ethische, rechtliche und soziale Aspekte der modernen Lebenswissenschaften und der Biotechnologie" des Bundesforschungsministeriums durchgeführt wurden bzw. werden:

Das Projekt "diskurslernen" zum Thema "Therapeutisches Klonen" entwickelte 2006 anhand des Modells der Konsensuskonferenz eine Projektwoche für Oberstufenschüler von Gymnasien, Gesamtschulen sowie Berufskollegs (www.diskurslernen.de, Träger Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften - DRZE - in Bonn).

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Das Projekt "Nano-Jugend-Dialog" thematisiert in Anlehnung an die Methoden Planungszelle und Konsensuskonferenz Chancen und Risiken der Nanomedizin für junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren. Die Jugendforen starteten Anfang Januar 2008 (www.nano-jugend-dialog.de, Träger Münchner Projektgruppe für Sozialforschung - MPS).

In beiden Projekten setzen sich die Jugendlichen mit den Grundlagen der neuen Technologien intensiv auseinander - auch zu rechtlichen, sozialen und ethischen Aspekten werden Informationen aufbereitet. Kern ist eine vertiefte diskursive Auseinandersetzung der Gruppe mit den Aspekten und erkannten Problemen (z.B. der Einsatz von Eizellen beim therapeutischen Klonen oder eine mögliche Anreicherung von Nano-Partikeln im Körper oder der Umwelt bei der Nanomedizin).

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Ergebnis der Projektdurchläufe war bzw. wird jeweils ein von den Jugendlichen erarbeitetes Gutachten sein, in dem sie zu den strittigen ethischen Fragen Stellung nehmen und Empfehlungen an Politik, Wirtschaft und Wissenschaft formulieren.

Die Projektkonzeptionen, die Ergebnisse und detaillierte Anleitungen für die eingesetzen Methoden und Module werden auf den Websites veröffentlicht - Lehrerinnen und Lehrer, Träger in der Jugendarbeit, Stiftungen, Bildungswerke und andere Akteure der Bildungs- und Jugendarbeit können die  Materialien für eigene Projekte nutzen.

Weitere Informationen zu diskurslernen: Artikel in pdf Generalanzeiger vom 06.04.07 368.41 Kb

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WER

Zielgruppe:

Beim diesmaligen Regionaltreffen waren 7 Kolleginnen und Kollegen aus Beratung, Moderation, Pädagogik und Marketing anwesend.

Referentinnen & Moderation: 

Maren Schüpphaus (www.dialogimpulse.de aus München - Moderation diskurlernen und Ko-Moderation Nano-Jugend-Dialog) gab einen Einblick in Konzeption und eingesetzte Methoden der Projekte und stellte Fragen an den KollegInnenkreis.

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Gastgeber:

Die Regionaltreffen für Fachkolleginnen und -kollegen werden von Netzwerk Gemeinsinn e.V. in Kooperation mit dem Ökologischen Bildungszentrum veranstaltet. Als Veranstalter stellen sie Räume und Basis-Catering zur Verfügung. Vernetzungsberater Wolfgang Fänderl moderierte.

WIE

Bericht (Maren Schupphaus & Wolfgang Fänderl):

Das Regionaltreffen am letzten Montag im Monat (LeMoMo) wurde am 28.01.2008 gegen 18.50 Uhr informell mit einem Mitbringbuffet eröffnet. Um 19.30 Uhr begannen wir mit einer Vorstellungsrunde aller Beteiligten und klärten die Erwartungen an den Abend.

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Alle Beteiligten hatten in irgendeiner Form bereits von Nano-Medizin und Nano-Technologie gehört und Maren Schüpphaus führte mit einem Nano-Quiz ins Thema ein. Dieses Quiz wird beim Nano-Jugend-Dialog als spielerischer Einstieg mit Wettbewerbscharakter genutzt, um die Jugendlichen zum Nachdenken über wichtige Fakten anzuregen und erste positive Erfahrungen mit  Gruppenarbeit zu machen.

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So werden die Größe eines Nanometers im Verhältnis zu einem Meter (Tennisball zur Erde) oder die Definition von Nanotechnologie (besondere physikalische Fähigkeiten und besonderes Verhältnis der Oberfläche der Partikel zum Volumen) abgefragt. Die Gewinner erhalten je eine Nano-Zahnpasta.

Das Diskursverständnis ist in den Projekten ist ein pragmatisches - auch wenn eine Orientierung an Habermas herrschaftsfreiem, rationalen  Diskurs und Foucaults Analyse über die Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Debatten den theoretischen Hintergrund bilden.

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Projektziele und Diskursverlauf:

Ziel beider Projekte ist es, Jugendliche für die   Auseinandersetzung mit den komplexen Fragestellungen der neuen Biowissenschaften zu gewinnen und ihnen so entlang der Themen diskursive Kompetenz zu vermitteln. D.h. die Entwicklung des Gutachtens dient als Vehikel, um einen  diskursiven Prozess beispielhaft zu durchlaufen und zu erleben: Die Jugendlichen klären Fakten und sammeln offene Fragen, die von Fachreferenten und im Rahmen eines von den Jugendlichen selbst moderiereten Experen-Hearing geklärt werden. Dominieren am Anfang die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, stehen mit zunehmendem Verlauf intensivere Diskussionen und Auseinandersetzungen über die Formulierung der Ausagen und Empfehlungen im Gutachten im Vordergrund. 

Hierbei geht es darum, Argumente zu hinterfragen und zu begründen, sich mit anderen Positionen auseinander zu setzen - auch die eigenen Meinung in Frage zu stellen -  und nach gemeinsamen Kriterien und Konsensmöglichkeiten zu suchen. Für die Forumulierung des Gutachtens wird ein Konsens bzw. ein  tolerierter Konsens (mit Enthaltungen) angestrebt - gelingt dies nicht, kann ein Dissens auch detailliert  dokumentiert werden. 08-01-28_diskurslernen_3

Gewinnung und Auswahl der Teilnehmer/-innen:

Die Jugendlichen im Projekt Nano-Jugend-Dialog werden über eine Zufallsauswahl bzw. einen Aufruf zur freiwilligen Teilnahme eingeladen. Hierfür erhalten Sie eine Aufwandsentschädigung von 50 Euro. Zwischen 2 und 4% der Anfragen sind erfolgreich - hieraus wird eine möglichst heterogenen  Gruppe von 15 - 20 Teilnehmenden zusammengestellt. Im Projekt diskurslernen wurden die Schulen angeschrieben und ausgewählt.

Eingesetzte Methoden:

Die verwendeten Methoden greifen Elemente aus der Methode Bürgergutachten bzw. Planungszelle auf. Zusätzlich sorgen Laborexperimente, Filmausschnitte, Rollenspiele oder die Entwicklung von Szenarien für kreative, emotionale und auch spielerische Zugänge zu den komplexen und abstrakten Themen.

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Das Moderationskonzept entsteht bei beiden Projekten in der Zusammenarbeit mit Fachexperten, die teilweise selbst die Vermittlung von Inhalten übernehmen sowie das Moderationsteam bei der didaktischen Konzeption fachlich beraten. Um die eigene Expertise der Jugendlichen zu stärken und so wenig wie möglich vorzugeben, übernehmen die Jugendlichen im Projektverlauf zunehmend Verantwortung. Gleichzeitig tritt die Informationsvermittlung immer stärker zurück hinter die Diskussion von Argumenten, Entwicklung von Kriterien und Abwägung von Positionen.

Eine zu starke Pädagogisierung und Didaktisierung wären Gift für den Prozess der Entwicklung eigener Expertise und Gutachtenerstellung. Die Gutachten sind am Ende von einem starken Gefühl des „Ownership" geprägt, d.h. die Jugendlichen stehen voll hinter ihrem Ergebnis.

Hierzu gehören auch die visuellen Techniken (abwechselnd moderieren und dokumentieren je eine Kollegin). Das Moderationsteam arbeitet mit Flipcharts und Pinwänden, da sie fehlerfreundlich sind - man kann auf Zuruf Aussagen festhalten und ggf. korrigieren - und im Prozess sichtbar bleiben sowie flexibel eingesetzt werden können. Auch das Arbeiten und Überarbeiten von Kleingruppen-Ergebnissen im Plenum sind dadurch leicht möglich. Beamer-Präsentationen von ExpertInnen erscheinen häufig zu perfekt, so dass eine Reflexion und Hinterfragen der Expertenvorträge zunächst in Kleingruppen und erst dann im Plenum erfolgt.

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Die Teilnehmer werden im Verlauf des Projektes zunehmend in Verantwortung genommen, auch mit Blick auf die Dokumentation. Auch wenn dadurch Lücken (z.B. Nicht-Erfassen einer komplexeren Argumentation eines Experten) entstehen können.

Projektdesigns und -konzeptionen:

In der Projektwoche von diskurslernen unterteilen sich die Schülerinnen und Schüler in eine Diskursgruppe und eine beobachtende Journalistengruppe. Die Journalistengruppe berichtet in einer Online-Zeitung über den Diskursverlauf und macht Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zum Projekt. Die Diskursgruppe erhält zwei sechsstündige Unterrichtseinheiten zu naturwissenschaftlichen sowie ethisch-rechtlichen Grundlagen, bevor sie ab Mitte der Woche ein Schülervotum  erarbeitet, das sie am Ende der Woche ausformuliert vorlegt.

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Im Jugendforum Nanomedizin treffen sich die Jugendlichen in zwei Blocks à 3 Tage (Donnerstag- und Freitagnachmittag sowie Samstag ganztags). Zwischen beiden Wochenenden erarbeiten die Teilnehmenden in AGs Mini-Expertisen zu einzelnen Anwendungsfeldern der Nanomedizin (z.B. Diagnose oder Implantaten), die sie verbunden mit einer anschließenden ethischen Bewertung am 2. Wochenende der Gesamtgruppe präsentieren. Das Jugendgutachten wird von einer Redaktionsgruppe aus Sprecher(inne)n der Jugendforen endgültig formuliert und auf einer öffentlichen Abschlussveranstaltung am 13. Juni 2008 im Deutschen Museum an einen Vertreter des Bundesforschungsministeriums übergeben.

Für die verschiedenen Rollen von Teilnehmenden und Moderation sowie zu den Zielen und zur diskursiven Arbeitsweise und Entscheidungsfindung verabschieden die Jugenlichen in beiden Projekten Spielregeln.

Bei der Konzeption des Nano-Jugend-Dialogs konnten also Erfahrungen aus dem Schulprojekt diskurslernen von 2006 ausgewertet und für die Konzeption berücksichtigt werden (siehe auch Bild).

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Beide Projekte zeigen, wie viel Eigenengagement bei Jugendlichen entstehen kann, wenn ihre Meinung zählt: Dazu muss aber Expertenwissen entzaubert und die Vielschichtigkeit von Expertise, Bewertungskompetenz und Entscheidungsfindung bei Fachleuten und Laien in einer Demokratie deutlich werden.  Dann kann die eigene Rolle als „Bürger" und „Nutznießer" oder „Betroffener" von medizinischen Fortschritten in der Zukunft in den Blick gerückt werden.

Erfahrungen mit beiden Projekten zeigen, dass die Jugenlichen Feuer fangen, trotz der „sperrigen" und wenig mit dem Alltagsinteressen der Jugendlichenen verknüpften Themen. Die Materialien stehen nach Projektende allen Interessierten zur Nutzung und ggf. Durchführung weiterer Projekte kostenlos als Downloads über die Websites zur Verfügung.

Maren Schüpphaus teilte noch einige Handouts aus, die beispielhaft den Ablauf der Verfahren, einzelne Arbeitsblätter und erarbeitete Voten der SchülerInnen 2006 zeigten (erhältlich auch über die Websites bzw. nach Anfrage bei Frau Schüpphaus).

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Nach einer kurzen Pause bat Maren Schüpphaus die KollegInnen-Runde um Feedback und Anregungen für Verbesserungen?

  • Positiv wurden die methodische Aufbereitung der komplexen und bedeutsamen Zukunftsthemen (z.B. durch das Quiz) und die grundsätzliche Übertragbarkeit auch auf andere - den Jugendlichen näher liegende Themen (z.B. Schulhofbegrünung) bewertet. Letzteres könnte auch die Relevanz der Ergebnisse erhöhen.
  • Evtl. ließe sich die eigene Expertise der Jugendlichen durch zusätzliche Vernetzungen mit ihrem Umfeld  stärken; z.B. durch eine kleine Umfrageaktion nach der Meinung von Freunden, Verwandten, Schulkollegen in der ersten Workshop-Einheit
  • Ein Einsatz des  Nano-Jugend-Dialog könnte im offenen Jugendbereich kommuniziert und und vermittelt werden. Wenn Lehrer das Konzept umsetzen, wird die Gefahr gesehen, dass es ein schulisches und didaktisiertes Lehrangebot werden und seine Grunddynamik einbüßen könnte.

Für den Online-Diskurs des Nano-Jugend-Dialogs könnten u.a. das Big Thinkers Forum auf http://www.big-think.com oder eine IBM-Software, die mit Suchbegriffen arbeitet, um Textinhalte eines Forums aufeinander zu beziehen, hilfreich sein.

Die Abschlussrunde fand um 21.40 Uhr statt und fasste die wesentlichen Eindrücke des Abends zusammen:

  • diskurslernen und Nano-Jugend-Dialog entschleunigen und ermöglichen Zeit zum Nachdenken. Man wird bei Entscheidungen nicht von vorherrschenden Meinungen getrieben, sondern kann nach reiflicher Überlegung selbst entscheiden - das ist mit dieser Form möglich und damit absolut zu begrüßen!
  • Ich finde die Idee gut, das persönliche Umfeld (z.B. Großeltern) für die eigene Expertise mit den passenden Fragen heranzuziehen.
  • Mir fällt das Gesetz der Entsprechung ein: komplexe Themen brauchen methodisch adäquate Herangehensweisen.
  • Ich fände es spannend, diskurslernen in Kombination mit der Internet-Technologie für die Frage einzusetzen: „Wie könnte das nächste bessere Schulsystem aussehen?" (in Anlehnung an ein IBM-Projekt „What will the next better future be?"
  • Diskurslernen ist ein klasse Konzept und super professionell vom Herangehen. Sicher wird es für den Alltag der Schulen oder offener Jugendbildungsträger nicht einfach umzusetzen sein.

Informationen zum Regionaltreffen:

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089/90545763

Copyright Bildmaterial diskurslernen: Maren Schüpphaus 

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