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... so der Ausspruch eines Gewerkschaftlers, der nach zwei Herzinfarkten inzwischen frühverrentet ist. "Politik und Kultur im Raum" ein Kollegenkreis systemisch Beratender, der sich am 12. Dezember 2007 in Freimann zur Work-Live-Balance von Ehrenamtlichen ausgetauscht hat. Bericht anbei.
WAS
Ob für amnesty international, Green Peace oder eine kleine Bürgerinitiative vor Ort - es gibt Menschen, die brennen für eine Idee und sind bereit, sich dafür einzusetzen - oft bis an die Grenze ihrer Kraft oder darüber hinaus. Wie können IdealistInnen gut für sich sorgen? Und wie können sie andere erreichen, um die Arbeitslast auf mehr Schultern zu verteilen?
WER
Teilnehmende:
Interessierte, die bei einer solchen Aufstellung mitwirken wollen
Gast des Abends:
Christiane Klees von „Das Verbindungswerk, regional und nachhaltig wirtschaften"
Moderation:
Dr. Ruth Sander
WIE
Zur Methode:
Die Nützlichkeit der Aufstellungsmethode wurde ursprünglich von FamilientherapeutInnen entdeckt. Inzwischen wird sie auch in beruflichen Beratungssituationen erfolgreich eingesetzt.
Dabei wird über das jeweilige Thema nicht primär geredet, sondern dieses wird im Raum abgebildet: Anwesende stellen sich als Rollenträger von System-Aspekten zur Verfügung, die Dynamiken im System werden sicht- und erlebbar.
In dieser Veranstaltungsreihe versuchen wir, komplexe Themen aufzugreifen und - für unsere westliche Welt - auf ungewohnte Weise gesamtheitlich und sinnlich erfahrbar zu machen, ohne dabei das Aufdecken endgültiger „Wahrheiten" zu beanspruchen.
Weitere Themen, die in ähnlichem Zusammenhang aufgestellt wurden: "Politik im Raum" , "Vision Vollbeschäftigung", "Macht Geiz geil?", "Bedingungsloses Grundeinkommen", "Ein neuerwachtes Nationalgefühl", "Multikulturelle Teams", "Ausländer rein und / oder raus?", "Kein Krieg in Europa durch die EU? ", "Friedenssicherung durch Truppenpräsenz?" und "Friedenssicherung durch Entwicklungshilfe ".
Zeit:
Mittwoch, 12.12.2006, 18.30 bis 22 Uhr
Ort:
Mohrvilla Freimann e.V.
Situlistraße 75
80939 München
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Tel. 324 32 64
Fax 32 19 53 54
www.mohr-villa.de
Zusammenfassung (Ruth Sander)
Wie immer beginnen wir mit Anwärmen und Selbstbezügen: Im Raum beziehen die Anwesenden Stellung im Spannungsfeld zwischen Idealismus, Egoismus und Pragmatismus. Dabei wird schnell klar, dass es nicht um ein Entweder - Oder geht, sondern um ein sich immer wieder neu Ausrichten in einem Spannungsfeld. Allerdings stehen die meisten der Anwesenden doch dem Idealismus am Nächsten...
Danach erheben wir ein Stimmungsbild, wie nah sich die Anwesenden gerade an ihrer persönlichen Leistungsgrenze befinden. Einige sind gerade darüber hinaus, merken das auch körperlich, manche spielen mit der Lust, die persönlichen Grenzen immer wieder neu auszuloten, einer „nimmt Anlauf", um dann die Grenze wieder einmal zu überspringen, andere nehmen sich gerade Zeit für sich, was ihnen eher ungewohnt ist. So gut wie alle kennen jedenfalls den Grenzbereich und auch den Zustand, über die eigenen Grenzen zu gehen.
In Kleingruppen findet dann ein Meinungsaustausch zum Thema statt, Fragen und wichtige Begriffe werden gesammelt:
- Wie komme ich in die größte Wirkung in Bezug auf ideelle Ziele?
- Wie finde ich zur inneren Balance in einer Welt der Spannungen?
- Was macht die Dynamik von guter Selbstsorge aus?
- Selbstvertrautheit
- Selbstwirksamkeit
- die persönlichen Hintergründe
- die Berufung
- ...
Nach diesem Brainstorming kehren wir zur Eingangsfrage der Einladung zurück:
„Wie können IdealistInnen gut für sich sorgen? Und wie können sie andere erreichen, um die Arbeitslast auf mehr Schultern zu verteilen?"
Um diese Fragen zu beleuchten, werden neun Elemente bestimmt:
- die Aktiven
- die latent Aktiven
- die SACHE
- die Motivation (die persönlichen Hintergründe, die Berufung...)
- die Wirkung
- die inneren und äußeren Zwänge und Widerstände
- die innere Balance
- die Selbstsorge
- die Ressourcen
Um in der Fülle den Überblick zu behalten, bauen wir das erste Bild schrittweise auf:
Nur die Aktiven, die SACHE, die Motivation, die Wirkung und die Widerstände beziehen Stellung im Raum. Die SACHE steht genau in der Mitte, kommt sich kraftvoll und wichtig vor. Auch die Aktiven fühlen sich voller Kraft und gut ausgerichtet auf die SACHE. Die seitlich stehenden Widerstände werden als leicht zu schultern wahrgenommen.
Wir nehmen die latent Aktiven dazu. Diese beziehen nicht Stellung im Bild, sondern bleiben sitzen, flätzen sich halb liegend über mehrere Stühle und belächeln die Aktiven - was diese total auf die Palme bringt und ihre Aufmerksamkeit von der SACHE abzieht. SACHE, Motivation und Wirkung haben das Gefühl zu schrumpfen, unbedeutender zu werden.
Ein Zuschauer meldet sich, er ist zum Repräsentanten geworden: Er sitzt der SACHE im Rücken, kann sie nicht sehen, nimmt das ganze System als undurchschaubaren Klüngel wahr und fühlt sich als Wir Bürger am Stammtisch, die sich beschweren über die Undurchsichtigkeit und Unfähigkeit der Aktiven...
Erst das Erscheinen der inneren Balance, die sich hinter den Aktiven platziert, kann den Ärger der Aktiven über die Passivität der latent Aktiven besänftigen. Die innere Balance fühlt sich allerdings mit dem Rest des Systems nicht verbunden, nur den Aktiven zugehörig.
Die Selbstsorge sucht sich einen Platz ganz nah neben den Aktiven, schirmt sie quasi von den Widerständen und den latent Aktiven ab, fühlt sich aber gleichzeitig überfordert von der selbst gewählten Aufgabe. Die Aktiven fühlen sich nun entlastet, stabilisiert, ruhen aus. Auf die SACHE hat diese Entwicklung der Dinge allerdings katastrophale Auswirkungen: Sie bekommt solche Rückenschmerzen, dass sie sich einen Stuhl zum Sitzen sucht. Als Domino-Effekt benötigt auch die Wirkung einen Stuhl. Die SACHE verkündet: Nun gehe es überhaupt nicht mehr um sie, das Ganze bekäme neurotische Züge, die Aktiven seien nur noch mit Selbstheilung und Therapie beschäftigt... Die latent Aktiven fühlen sich in ihrer Abwertung der Aktiven bestätigt.
Und wieder rutscht ein Zuschauer in eine Rolle: Er fühlt sich schuldig, weil er die Sache nicht unterstützt, weiß aber auch nicht, was er tun könnte. Er wird in weiterer Folge als potentiell Aktiver bezeichnet. Seine Aussage, sich schuldig zu fühlen, löst bei den Aktiven eine Welle von Selbstmitleid und Opfer-Gefühl aus: „Endlich versteht mich jemand!" Während dieses Bades im Selbstmitleid rückt die innere Balance von den Aktiven ab.
Als letztes Element nehmen wir die Ressourcen dazu. Diese tun sich schwer, eine feste Position zu beziehen. Sie fühlen sich sehr beweglich und bringen auch Bewegung ins System: Die Aktiven atmen auf und durch, brauchen Platz für sich allein, nähern sich dabei der inneren Balance eher an, entfernen sich von der Selbstsorge so, dass sie sie gerade noch gut sehen können. Die SACHE, die sich lange vernachlässigt gefühlt hat, will gebeten werden, wieder mitzuspielen. Einen unbeholfenen Hilfe-Versuch der potentiell Aktiven weist sie zurück. Erst als die Aktiven sie bitten, wächst sie wieder, fühlt sich nun eher als Ziel. Auch die Wirkung wächst und sucht sich einen neuen Platz: hinter der SACHE, zwischen SACHE und Wir Bürger stehend.
Bevor wir die Aufstellung beenden, geben die TeilnehmerInnen folgende Schluss-Statements ab:
Die Aktiven: „Das war ein langes Prozess, und alle Elemente haben eine Wirkung gehabt. Seltsamerweise eine geringe bei den Widerständen, eine große bei der Selbstsorge. Sache, Motivation und Wirkung waren sehr bedeutsam, der Wendepunkt kam aber erst, als wir uns den Raum genommen haben, die Freiheit, mit äußerem und innerem Abstand die Sache anzugehen. Zu viel Selbstsorge macht psychopathisch und lässt einen an sich zweifeln, macht einen zum Opfer. Die latent Aktiven, Wir Bürger und potentiell Aktiven nehme ich als wabernde Masse wahr, die haben keine Relevanz für mich. Ich bin jetzt in meiner Kraft und will mich gern der SACHE widmen."
Die latent Aktiven: „Ich habe den Eindruck gewonnen, ich war früher sehr aktiv, habe viel für die Sache gemacht. Ich bin total müde, wie ausgebrannt, fühle mich von den Aktiven total missachtet und neige in Konsequenz dazu, die Aktiven abzuwerten. Seit Wir Bürger und die potentiell Aktiven dazugekommen sind, gewinne ich wieder ein bisschen Kraft, könnte mich eventuell in Zukunft wieder ein bisschen für die Sache engagieren..."
Wir Bürger: „Das alles ist ein Theater. Die latent Aktiven, die doch die Erfahrung haben, müssten endlich was tun. Sonst geht doch die Sache den Bach runter, die Aktiven stemmen das doch nicht!"
Die potentiell Aktiven: „Ich habe eine lange Entwicklung durchgemacht. Den latent Aktiven traue ich zu, die Sache zu stemmen, aber sie sollten es endlich beweisen. Ich hatte doch zuerst so Schuldgefühle, wusste aber nicht, was tun. Erst als die Aktiven einen Schritt zurück gemacht haben, ist Raum auch für mich entstanden. Trotzdem weiß ich nicht wo anpacken..."
Die Motivation: „Die Motivation ist jetzt sowohl bei den Aktiven, den latent Aktiven und den potentiell Aktiven. Es scheitert jetzt eigentlich an der Kommunikation untereinander, denn alle drei interessieren sich für die SACHE. Meine Botschaft richtet sich an die Aktiven: Mach den anderen ein Angebot, sie ins Boot zu holen, und zwar mit den Fähigkeiten, die sie einbringen wollen und können. Nicht jeder kann und will so aktiv sein wie die Aktiven!"
Die Wirkung: „Ich konnte erst in meine Kraft kommen, als die Aktiven, die innere Balance, die Selbstsorge und die Ressourcen genügend Raum hatten. Erst dann bin ich mit der SACHE wieder in Kontakt gekommen. Ich fühle jetzt Verbindung zu den latent Aktiven, die sind wie Wegbereiter, ich spüre Dankbarkeit. Und ich bin auch eine Ressource. Meine Botschaft an die Aktiven: Verliert das große Ziel nicht aus den Augen!"
Die Widerstände: „Eigentlich bin ich Statist in dieser Veranstaltung. Am Anfang hatte ich große Erwartungen an meine Rolle. Aber dann waren alle sich selbst Widerstand genug, sodass ich gar nicht intervenieren musste. Wenn es jetzt noch weitergehen würde, jetzt, wo so viel Raum da ist, da hätte ich mich vielleicht dazwischen gestellt, um zu sehen, wie die verschiedenen Aktivisten in ihrer Kommunikation damit umgehen würden."Die innere Balance: „Statt gewinnen Raum schaffen".
Die Selbstsorge: „Es tut mir gut, wenn ich die Aktiven in der Kraft sehe. Das freut mich. Am Anfang dachte ich, ich müsste ganz nah bei den Aktiven sein. Als es denen schlecht ging, sie sich als Opfer fühlten, habe ich mich ganz hilflos gefühlt. Jetzt ist es sehr angenehm, wo ich Abstand zu den Aktiven habe."
Die Ressourcen: „Ich bin ja erst am Schluss reingekommen. Da war mir alles viel zu statisch. Mir hat die Lebendigkeit, die Bewegung gefehlt. Energie braucht Raum. Ich habe gute Kraft, auch Herzenskraft gespürt. Zum Glück hat's nicht lang gedauert, bis insgesamt Raum entstanden ist. Trotzdem fühle ich mich mit den anderen gut verbunden."
Die SACHE: „Ich hab jetzt einen tollen Platz, bin ein ganz gutes Ziel. Mir gefällt das Wort ‚Ziel' jetzt besser als ‚Sache'. Ich bedauere, dass ich die Vorarbeiter (latent Aktiven) nicht schätzen konnte, sie vergessen hatte. Meine Botschaft für die Aktiven: Macht Euch sehr früh Gedanken, warum Ihr euch einer Sache verpflichtet. Was hat das mit euch zu tun? Denn erst wenn ihr frei seid von diesen ganzen Nabelschau-Selbstheilungsthemen, kann eine vernünftige, kräftige Beziehung zustande kommen, die mich auch ins richtige Licht rückt. Sonst werde ich verzerrt, zur Modesache. Das würde mir nicht gerecht. - Und: Ich bin nicht die einzige gute Sache. Es gibt neben mir noch ganz viele andere gute Sachen!"
In der Reflexionsrunde werden folgende Stimmen laut:
„Ich bin seit zwei Jahren Vorsitzende eines Vereins. Ich hatte den Eindruck, dass wir hier wie im Zeitraffer die zwei Jahre Vereinsgeschichte nachgespielt haben. Es war sehr lehrreich und anschaulich!"
„Bei mir ist hängen geblieben, wie wichtig es ist, zwischen verschiedenen Graden von Aktivität zu unterscheiden, damit viele freiwillig auf die Reise mitgehen können und wollen!"
„Ich glaube, es wurde um so besser, je mehr die Überhöhungen und Selbstüberschätzungen abgenommen haben. Dann hatten Balance und gegenseitige Wertschätzung Platz..."
„Mir scheint, es geht darum, dass wir unsere Ziele reflektieren, auch wenn das in spirituelle Krisen führt. Dass wir uns fragen, warum machen wir, was wir tun, unser Ego in Frage stellen. Ich denke, die Welt wäre besser, wenn jede/r mit Vertrauen und innerer Balance das täte, was er/sie kann!"
„Ich nehme mit, dass es wichtig ist, Widerstand anzuerkennen, damit verbunden zu sein, statt dagegen anzukämpfen..."
„Mich beschäftigt der gute Abstand zur Selbstsorge. Ich habe den Eindruck, dass ich mich in letzter Zeit zu viel mit ihr beschäftigt habe, aus Angst mich aufzureiben. Und dass ich dadurch - so wie in der Aufstellung - das Gefühl, Opfer zu sein, eher verstärkt habe..."
„Ich befinde mich im realen Leben meist in der Rolle der Aktiven. Heute hatte ich Gelegenheit, aus der Rolle der latent Aktiven mitzuerleben, wie wenig Achtung die Aktiven den müden Alten entgegenbringen. Das gibt mir zu denken..."
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