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Sep 07 2007
"Das ist Pädagogik intravenös" Drucken E-Mail
Geschrieben von Stefan Küpper   
Freitag, 7. September 2007

az-bericht_22.7.06_4Wenn Schüler sich im Hochseilgarten gegenseitig helfen müssen, machen sie Gemeinsinn-Erfahrungen. Über die etwas andere Form von Gemeinsinn-Projekt berichtet die Augsburger Allgemeine Zeitung vom 22.07.2006. Netzwerk-Gemeinsinn Kollege und Schulspsychologe Dietmar Pentz hat ihn zur Verfügung gestellt.

 

Es gibt ein oben und ein unten an diesem Vormittag. Stimmt, das gibt es immer irgendwie. Aber in einem Hochseilgarten schwanken vertraute Positionen so wie die Seile unter den Füßen. Unten sagen Schüler der Gersthofer Franziskus-Förderschule schon mal Sätze wie: „Ich kann dir auch ein paar auf die Fresse hauen" oder ein abfälliges „Los, jetzt zeig mal was du drauf hast". Oben ist ihre Sprache plötzlich eine andere.

 Sie sind im Hochseil-Garten der St. Gregor Jugendhilfe in Bliensbach, um ihre sozialen Kompetenzen zu schulen. Ihr Schulpsychologe Dietmar Pentz führt mit der Klasse 8a das Projekt „Gemeinsinn" durch. Seine Schüler gelten als schwierig, sind vermeintlich lernschwach. So ist das aber nicht. Zwischen den dicken Holzbalken, auf Seilen und windigen Hängebrücken schwanken nicht nur die Seile.

az-bericht_22.7.06_3 Die sind dem blauen Himmel acht Meter näher als der mit Holzspänen bedeckte Untergrund. Die Schritte unten werden weich. Es riecht nach Wald und Wiese. Der rote Plastik-Schutzhelm lässt das Haar jucken. Die gelbschwarzen Sicherungsgurte klemmen und zwicken.

Bevor Bella Machmerth die Leiter nach oben steigt, haben sie und ihre Mitschüler vom Sozialpädagogen Stefan Zepf eindringliche Worte gehört: „Ihr müsst miteinanderreden. Ich bitte euch inständig, probiert auf's Seil zu gehen." Die Schüler müssen sich gegenseitig sichern. Wer seine Balance aufdem Seil erprobt, soll sich auf den unten blind verlassen können. Das Sicherungsseil muss stets so geführt sein, dass die Fallhöhe risikolosbleibt.

Bella steigt die Leiter hoch. Unten hatte sie Selbstbewusstsein, aber mit jedem Leiterschritt nach oben entfernt sie sich davonein bisschen. Zunächst jedenfalls: „Gott im Himmel, was tue ich mir da nur an!" Zu allem Überfluss schwirren oben an der Plattform zum Seil auch noch Wespen im Kreis. Zepf macht ihr Mut: „Sag den Wespen einfach ,Guten Morgen‘."

Bella klettert auf die Holzplattform und schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen. Vor ihr spannt das Seil, über das sie sich zittern muss. Sie hat noch zwei locker gezogenen Haltehilfen auf Brusthöhe. Die verhindern aber auch nicht, dass es feste wackelt.

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Den inneren Schweinehund muss sie jetzt im Minutentakt überwinden: Nach vorne beugen, den ersten Fuß auf's Seil bekommen, eine Hand an's Halteseil. Immer wieder stellt sie die Frage: „Hast Du mich auch sicher?" Von unten kommt die beruhigende Antwort: „Keine Angst, ich habe dich fest im Griff." Schritt für Schritt geht sie vorwärts, zunehmend sicher. Die Fallhöhewirkt nicht mehr so, und Isabella vertraut ihremMitschüler unten mehr und mehr.

az-bericht_22.7.06_2 Der Klassenlehrer der 8 a, Roman Stüllein, ist angetan vom der Übung: „Es ist erstaunlich, wie sich die Umgangsformen hier ändern. Der Umgangston ist rauh. Ich habe einen
Schüler, der sonst immer gleich draufhaut. Ich habe ihn gesichert und danach hat er ,Danke‘ zu mir gesagt. Das hat er vorher nie gesagt." Auch Dietmar Pentz ist von der Wirkung beeindruckt: „Das ist Pädagogik intravenös, das ist Psychologie per Infusion."

 Bella hat es geschafft. Auf der anderen Seite des Seils sitzt sie. Erleichtert und ein Stück stolz. Sie klettert runter, während Tuba Dogan noch auf ihrer Reise übers Seil ist. Sie sagt: „Das ist voll das coole Gefühl. Ich will unbedingt nochmal hoch. Am schlimmsten war, dass das Seil so geschwungen hat."

Während sie noch erzählt, ist ein Rutschen zu hören. Dann ein Schrei. Tuba ist gefallen. Das Sicherungsseil war nicht ganz straff gezogen. Sie schlägt sich das Bein an. Es wird einen dicken Bluterguss geben, aber das Seil hat gehalten. Ihr Mitschüler Mario Gebauer hatte aufgepasst. Kurz rollen Tränen: „Da geh ich nicht mehr hoch." Aber ihre Mitschüler kümmern sich. Das Lächeln kehrt sehr bald zurück auf ihr Gesicht.

Es war ein Schreck zur rechten Zeit. Es ist nichts Schlimmes passiert, aber allen wurde klar, was passieren kann. Und Tuba geht wieder in den Hochseil-Garten. Dies mal geht alles glatt. Sie hat Vertrauen gefunden, zu sich selbst und den Mitschülern. Das Oben und unten von vorher, gibt's erstmal nicht mehr.

Kontakt und Copyright (Text und Bild):

Stefan Küpper
Augsburger Allgemeins Zeitung
www.augsburger-allemeine.de 

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