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"Politik und Kultur im Raum" hat mit Hilfe der Methode der Aufstellung, am 25. Juli 2007 in Freimann die "Friedenssicherung durch Entwicklungshilfe" kritisch hinterfragt. Mit dabei war Heinz Schulze vom Nord Süd Forum München e.V.; Bericht online!
WAS
Beim G8-Gipfel in Heiligendamm wurden (wieder einmal) Milliarden Dollar für die Bekämpfung von Aids und Malaria zugesagt - Anlass zum Schulterklopfen für die G8-Staaten, Anlass zur Empörung für die meisten NGOs.
Dazu unser Gast: „Das meiste, was unter offizieller ‚Entwicklungshilfe' läuft, ist keine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe, meist gibt es handfeste wirtschaftliche Interessen im Hintergrund. Es geht nicht darum, mehr zu geben, sondern eher darum, weniger zu nehmen (an Zinszahlungen)."
Weitere Themen, die in ähnlichem Zusammenhang aufgestellt wurden: "Politik im Raum" , "Vision Vollbeschäftigung", "Macht Geiz geil?", "Bedingungsloses Grundeinkommen", "Ein neuerwachtes Nationalgefühl", "Multikulturelle Teams", "Ausländer rein und / oder raus?", "Kein Krieg in Europa durch die EU? "und "Friedenssicherung durch Truppenpräsenz?".
WER
Teilnehmende:
20 Interessierte, die bei einer solchen Aufstellung mitwirken wollten.
Gast des Abends:
Heinz Schulze, Vorstand des Nord Süd Forum München e.V., einem Zusammenschluss von über 50 Eine Welt Gruppen
Moderation:
Dr. Ruth Sander
WIE
Zusammenfassung
Wir steigen ein mit einer Abfrage im Raum: Wer trägt (ob finanziell oder durch Tun) etwas bei zu Entwicklungshilfe?
- gar nicht
- ab und zu
- regelmäßig?
Gut die Hälfte der Anwesenden findet sich unter „gar nicht“ zusammen, Hauptargument: Es werde so viel Missbrauch getrieben, das Geld verschwände in dunklen Kanälen...
Die sporadisch oder regelmäßig Gebenden engagieren sich vor allem in Initiativen, die sie vertrauenswürdig finden und nehmen in Kauf, dass eventuell nicht Alles die Empfänger erreicht. Außerdem führen sie noch Ethos, schlechtes Gewissen oder Ersatz für den Kirchenaustritt als Pro-Argumente an.
Für die Aufstellung bleiben wir bei der Frage der Einladung:
Friedenssicherung durch Entwicklungshilfe?
Wir wählen für den Beginn nur vier Elemente, wollen diese nach und nach ergänzen und diversifizieren:
- die Geberländer
- die Empfängerländer
- die Friedenssicherung
- die Entwicklungszusammenarbeit
Zu Beginn fühlen sich die Geberländer stark, mächtig und kontrollierend. Dieses Gefühl nimmt noch zu, je mehr Elemente in den Raum kommen.
Die Empfängerländer suchen sich einen Platz, von dem aus sie die Geberländer nicht sehen müssen, mit dem Rücken zu jenen. Als durch die offenen Fenster leise swingende Jazzmusik kommt, beginnen sie sich zu wiegen, am Platz zu tanzen. „Die Musik, die ist echt, die ist Leben, Bewegung, Lust. Alles Andere hier geht mich nichts an.“
Die Friedenssicherung möchte vermitteln, weiß aber nicht, wie und wo. Sie ist sich auch unsicher, von wem sie ausgeht und ob Geber- und Empfängerländer überhaupt dieselbe Vorstellung von Frieden haben. Sie hat den Eindruck, das müsste man erst durchleuchten...
Die Entwicklungszusammenarbeit fühlt sich abstrakt, künstlich, im Moment nicht gebraucht, findet keinen guten Platz.
Die Musik verändert etwas für die Geberländer. Sie sind irritiert, verlieren etwas von ihrer Stärke.
Auf Anregung einiger BeobachterInnen nehmen wir als Nächstes das abstrakte Element Geld dazu. Es positioniert sich im Schulterschluss mit den Geberländern. Die Empfängerländer haben inzwischen den Stuhlkreis verlassen, halten sich nahe den Fenstern auf und fühlen einen steigenden Aggressionspegel gegenüber den Geberländern und dem Geld.
Das Geld fühlt den Impuls, seinen Platz zu verändern, wechselt quer durch den Raum zu den Empfängerländern. Die fühlen steigendes Unbehagen und Benommenheit. Das Geld gehöre nicht hierher, es bringe etwas durcheinander...
Nach einiger Zeit wandert das Geld wieder zurück zu den Geberländern und lässt die Empfängerländer benommen und betäubt zurück.
Eine Beobachterin, die mit ihrem Stuhl direkt zwischen Geber- und Empfängerländern sitzt, gerät in die Aufstellung hinein: Sie wird zum Krieg. Wieder verlässt das Geld die Geberländer, bezieht Position neben dem Krieg. Da spiele jetzt die Musik, verkündet es.
Das Auftauchen des Krieges lässt die Entwicklungszusammenarbeit aktiv werden. Angesichts des Krieges möchte sie sich um die zusammengesunkenen Empfängerländer kümmern, findet endlich Aufgabe und Sinn.
Eine weitere Beobachterin vermisst die Religion und übernimmt deren Rolle. Sie findet ihren Platz nahe bei Krieg und Geld, allerdings mit dem Gesicht zu einem Pfeiler gewandt, sodass sie vom Rest des Geschehens kaum etwas mitbekommt.
All das hat kaum mehr Einfluss auf die zu Boden gesunkenen Empfängerländer. Gefragt, welche Ressource ihnen helfen könnte, sprechen sie von Wertschätzung. Als wir ein Element für Wertschätzung dazunehmen, das sich zu ihnen setzt, hat es keine besondere Auswirkung. Die Empfängerländer nehmen es als zu abstrakt wahr, erwarten sich die Wertschätzung von Menschen, nicht als abstrakten Begriff.
Die letzte Abfrage vor Ende der Aufstellung ergibt folgendes Stimmungsbild:
Die Geberländer: „Ich versuche es zu vermeiden, aber ich habe die Ahnung: Wahrscheinlich werde ich hier irgendwann einmal etwas abgeben müssen, werde Wertschätzung mit hineinlassen müssen. Wenn ich das ausspreche, läuft es mir kalt über den Körper. Diese Ahnung ist furchterregend, ich habe Angst vor den Konsequenzen.“
Die Empfängerländer: „Ganz viel ist hier hausgemacht von den Geberländern. Entwicklungszusammenarbeit und die Absicht der Friedenssicherung erreichen mich nicht. Der Prozess hat mich zuerst aggressiv gemacht, dann zunehmend paralysiert. Das, was jetzt vor mir steht: Krieg, Geld, Religion – ist die Abspaltung meiner Aggression, während ich nur noch schwach bin. Der einzige Lichtblick war gerade eben, als die Geberländer sagten, sie müssten eventuell ihre Position aufgeben. Das ist die Richtung.
Was ich auch noch sagen will: Das Thema Wertschätzung geht auch in die andere Richtung. Das ist genauso eine Aufgabe für mich in Richtung der Geberländer wie umgekehrt. Das ist auch nicht so einfach.“
Die Friedenssicherung: „Mit ist total die Energie ausgegangen. Meine Rolle war so unklar. Mein Eindruck war, hier geht’s gar nicht um Entwicklungszusammenarbeit, sondern ums Geld, um Macht, um Krieg, nicht mehr um Geber- und Empfängerländer. Ich habe Hilflosigkeit und Unfähigkeit gespürt. Es hat eine eigene Dynamik bekommen, in die ich nicht mehr eingreifen konnte.“
Die Entwicklungszusammenarbeit: „Ich habe mich über große Strecken des Prozesses als abstrakt und nicht zugehörig gefühlt. Erst als der Krieg auftauchte, hatte ich das Gefühl: Jetzt werde ich wichtig. Dann kam das Geld dazu, und mir wurde schlecht. Dann kam die Religion dazu, und ich musste weg, weil jetzt passiert nichts mehr. Das einzige, wo ich vielleicht noch was bewegen kann, ist in den Geberländern, da könnte mir jemand zuhören. Ganz komisch. Ansonsten ist das aussichtslos. Was helfen könnte: mehr Musik!“
Das Geld: „Die Geberländer haben ein „tolles“ Konzept (...der wirtschaftlichen Ausbeutung), das sie zu den Empfängerländern schicken. Und wenn die nicht richtig kapieren, wie es zu funktionieren hat, dann schicken die Geberländer einen netten Papa oder eine nette Mama rein (Entwicklungshilfe), die denen das beibringen sollen, mit Lächeln und einer gewissen Strenge. Und wenn das alles nicht hilft, dann wird die Kriegsmaschinerie angeworfen, um das Konzept am Funktionieren zu erhalten. Und dafür wird das Geld eingesetzt.“
Der Krieg: „Ich bin stärker geworden, als das Geld kam, noch stärker, als die Religion kam. Vorher war ich ungerichtet, dadurch wurde ich zunehmend gerichteter, zu den Geberländern. Mein Gefühl ist: Ich bin eine tickende Zeitbombe, und es kann ganz schnell los gehen, wenn die Geberländer die entscheidenden Schritte nicht sehr bald tun. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.“
Die Religion: „Ich wollte mich hier nicht hinwenden, bin aber vom Krieg angezogen worden. Je mehr aber die Geberländer auf uns zukamen, desto mehr habe ich mich mit dem Krieg solidarisiert. Die Geberländer kommen zwar auf uns zu, aber sie zeigen sich nicht wirklich. Sie müssten sich erklären.“
Die Wertschätzung: „Als ich noch draußen war, war ich sicher, dass die Wertschätzung hier Positives bewirken würde. Als ich dann die Rolle übernahm und auf die Empfängerländer zuging, desto unsicherer wurde ich. Ich fühlte mich zu abstrakt. Außerdem hätte ich bei allen stehen bleiben müssen, hatte mir aber die Zeit dafür nicht genommen, weil ich meine Anwesenheit bei den Empfängerländern für wichtiger und dringlicher hielt.“
Nach Beendigung der Aufstellung und einer Pause gehen wir in die Nachbesprechung. Hier Auszüge daraus:
„Mich hat am meisten angesprochen, dass die Geberländer sich bewegen müssen – auch wenn der Macht- und Kontrollverlust verunsichernd ist!“
„Übereinstimmend mit meinen eigenen Erfahrungen war, dass das Geld zum Krieg geht. Unstimmig war, dass die Empfängerländer so passiv waren. Ich kenne viele aktive Menschen und Initiativen in den Entwicklungsländern!“
„Ich habe den Prozess zu holzschnittartig erlebt, hätte mir mehrere Geber- und Empfängerländer gewünscht, denn die sind ja nicht alle gleich und konkurrieren auch untereinander. Beeindruckt hat mich aber die Eigendynamik, die der Prozess bekommen hat. Die Situation, dass Geber- und Empfängerländer den Krieg und das Geld nicht mehr steuern konnten, dass die sich quasi verselbständigt hatten...“
„Ich habe die Aufstellung als sehr komplex erlebt. Außerdem bin ich in die Rolle der Superreichen geraten. Wenn der Krieg zu eskalieren droht, möchte ich mein Geld dort rausziehen. Da spende ich es lieber, bevor es gar nichts mehr wert ist, weil die Welt kaputt ist!“
„Ich fand das Abschlussbild paralysierend, beklemmend. Da muss wahnsinnig viel passieren!...“
„Ich fand bemerkenswert, dass die Geberländer die ganze Aufstellung hindurch sich nicht bewegt haben. Sie haben Handeln lassen...“
„Die Allianz Krieg – Geld – Religion ist ein Selbstläufer, ein sich selbst erhaltendes System...“
„Mir kam der Gedanke, dass die Vernichtung von Gütern durch Krieg Wertschöpfung für die schafft, die daran verdienen – mit mehr Kontrolle über die Empfängerländer als davor...“
„Ich war schon letztes Mal dabei und hatte ein Déjà vu-Erlebnis: Ich war letztes Mal, als es um Friedenssicherung durch militärische Auslandseinsätze ging, in der Rolle der Friedenssicherung und habe mich da genau so überflüssig gefühlt wie der heutige Repräsentant. Kraft hatte damals wie heute der Krieg...“
Zum Abschluss reflektieren wir noch, wie denn Wertschätzung konkret ausgedrückt werden könnte:
über angemessene Preise und Abschaffen von Wettbewerbsverzerrungen durch Subventionen und Zölle,
über die Behandlung wie Gleichrangige: Zugang zu Studienplätzen, Reisefreiheit, Aufhebung von Embargos,
über Lernen voneinander,
über Begegnungen von Person zu Person,
durch Füllen von Worthülsen wie „auf gleicher Augenhöhe“,
durch Stellung Beziehen der Kirchen, Bekenntnis zu einer Theologie der Befreiung,
durch ein generelles Waffenembargo (wie vor wenigen Wochen von Altbundeskanzler Helmut Schmidt in einem Interview vertreten),
durch das Entdecken gemeinsamer Interessen (globale Ökologie) und Kooperationen dazu.
Folgende Mails trafen am Tag nach der Aufstellung ein:
„Ich stand ja gestern als Repräsentantin der Entwicklungszusammenarbeit (EZ), und ich bin noch heute morgen mit dem elenden verzweifelten Gefühl der Ohnmacht und Resignation aufgewacht, dass mich überfallen hat, als das Geld und die Religion sich an die Seite des Kriegs gestellt hatten. Das Gefühl begleitet mich und ich habe darüber nachgedacht, warum es so stark ist. Einmal hat es sicherlich direkt mit mir als Person zu tun. Zusätzlich beschäftigt mich seither in aller Traurigkeit die Erkenntnis, die ich für mich persönlich daraus ziehe : Das Geld ( das "freilaufende“ Kapital) profitiert von allem - besonders jedoch immer von den kriegerischen Auseinandersetzungen - die größten Vermögen dieser Welt sind immer durch Kriegsgewinne und Waffenverkäufe entstanden - siehe Onassis u. a.
Die Geberländer - die haben eigentlich gar nichts mit dem Kapital zu tun - die Geberländer, das ist die Politik, die auf Ausgleich und Zusammenarbeit ausgerichtet ist, und das ist die Bevölkerung, die durch Ethos und schlechtes Gewissen bereit ist, einen Teil der Steuerabgaben der EZ zur Verfügung zu stellen. Das Kapital ist anonym und in allen Ländern vertreten ( in Geber- wie in Nehmerländern) und es kassiert - es kassiert in den Geberländern, bei der EZ, es kassiert in den Nehmerländern, es kassiert bei jedem Wirtschaftskrieg und jedem Religionskrieg - für Waffen wird immer viel Geld ausgegeben - dafür muss nie gesammelt werden. Aber für Brot und Bildung für die Bevölkerung v. a. in Entwicklungsländern, dafür müssen die NGOs betteln gehen. Und das, obwohl es oft genügend Kapital im eigenen Land gäbe, um eine geordnete Versorgung zu gewährleisten. Es macht mich unendlich traurig, dieser Gedanke.
Es ist fast unheimlich, wie diese Aufstellungen funktionieren...“
„Ich hatte bei der Aufstellung quasi das Gefühl einer Zeitreise. Als ob wir zu einer Zeit eingestiegen wären, als die Geber- noch gar keine Geberländer waren, sondern die anderen noch nicht "entdeckt" hatten. Allerdings hatten sie schon das Gefühl von Macht und Kontrolle. Und als sie die anderen dann entdeckten und ihr Geld und ihren Macht- und Kontrollanspruch dort hingeschickt hatten, ging es den Entdeckten schlecht, entwickelten die Aggression bzw. Paralyse...
Sodass wir eigentlich gar nicht einen akuten Zustand abgebildet haben (den erst gegen Ende), sondern wie mit Zeitraffer eine Reise durch Jahrhunderte zurückgelegt haben. Das würde dann auch bedeuten, dass wir uns auf der Ebene der Staaten und der offiziellen, staatlichen Entwicklungshilfe bewegt haben, alle Initiativen und NGOs (und die vielen aktiven Einzelnen in den Empfängerländern, die Heinz vermisst hatte), alle persönlichen Kontakte hatten wir dank des groben "Holzschnittes" praktisch nicht abgebildet. Und grad in denen könnte ja die Zukunft liegen, wenn ich die Kommentare in der Reflexionsrunde richtig verstanden habe...“
KONTAKT
Dr. Ruth Sander
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