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Jun 19 2007
Das Enneagramm – Persönlichkeitsunterschiede als Herausforderung oder Chance? Drucken E-Mail
Geschrieben von Ferdinand Walser & Wolfgang Fänderl   
Dienstag, 19. Juni 2007

07-07-23 Enneagramm-LeMoMo Walser 1 Die Unterschiedlichkeit von Personen wird häufig als Problem erlebt, und damit sucht man nicht nur Gleichgesinnte, sondern auch relativ ähnliche Persönlichkeiten, was die Qualität von Teamwork einschränkt. Beim Regionaltreffen von Netzwerk Gemeinsinn am 23.07.07 in München wurde das Enneagramm von Ferdinand Walser (INPUT e.V.) zur Orientierung vorgestellt und seine Anwendbarkeit diskutiert. (Bericht anbei)

Was?

Das Enneagramm ist ein altes Persönlichkeitsmodell, das im letzten Jahrhundert wieder entdeckt wurde und in immer breiterem Maße angewandt wird. Neben der anfänglichen Nutzung in der kirchlichen Erwachsenenbildung und der Psychiatrie wird das Enneagramm nun vermehrt im sozialen Bereich, in der Lehrerbildung, in der Beratung, sowie in der Personalauswahl und -entwicklung eingesetzt. Auch im Verkaufstraining oder einer Schule für Krimiautoren wird das Enneagramm genutzt.

Die besondere Qualität des Enneagramms (im Unterschied zu Persönlichkeitstypologien) ist die psychodynamische Ebene. Es bleibt nicht an der Verhaltensoberfläche stehen, sondern versucht die zugrunde liegenden Antriebe und Motive zu verstehen. Das Enneagramm nimmt eine generelle Prägung von Menschen durch ein spezifisches Persönlichkeitsmuster an, enthält aber zugleich Annahmen über Entwicklungs-, Wachstums- und Transformationsprozesse jedes Menschen. Durch Selbstreflexion können wir die Dynamiken und Antriebe für unser spezifisches Handeln, Denken und Fühlen erkennen. Das Enneagramm ermöglicht eine Bewusstwerdung gewohnheitsmäßig und unbewusst ablaufender Verhaltensmuster. Wir können auch unsere persönlichen Stärken und Schwächen besser erkennen.

07-07-23 Enneagramm-LeMoMo Walser

Die Nutzung des Enneagramms differenziert sich stark aus. Die Erkennung von enneadynamischen Prozessen in Gruppen, die Entpathologisierung von Verhaltensmustern in der Personalführung, Beratung und Therapie, ein wertschätzender Umgang mit Mitarbeiter/innen in der betrieblichen Zusammenarbeit und Führung werden durch das Enneagramm gefördert. Die Stärke des Enneagramms ist es, dass andere Menschen sich in ihrer Individualität verstanden und angenommen fühlen. Andererseits ermöglicht das Enneagramm ein tiefes Verständnis der eigenen Persönlichkeit und die Reflexion der eigenen Verstrickungen mit anderen Menschen.

Die Nutzung des Enneagramms liegt überall dort nahe, wo Menschen zusammen arbeiten, lernen und leben. Welchen Nutzen das Enneagramm in Schule, Aus- und Fortbildung, Beratung und Coaching hat, sollte an diesem Abend  diskutiert werden:

  1. Menschenkenntnis als Schlüsselkompetenz: Wieviel Menschenkenntnis ist in Schule, Bildung, Beratung und Coaching notwendig?
  2. Welche Bedeutung hat die Selbstreflexion in diesem Bereich? -  „Um andere zu verstehen, muss man zuvor sich selbst verstehen." (Paul Watzlawick)
  3. Ist das Enneagramm eine Herausforderung: Überfordert uns eine neunfache Sichtweise?

Informative Internetseiten

http://www.enneagramm.de/; http://www.enneaforum.de/; http://www.enneagrammportal.de/; http://www.inputseminare.de/enneagramm.php

Ein Link zu einem guten Enneagramm-Test ist auf dieser Internetseite zu finden: http://www.eclecticenergies.com/deutsch/enneagramm/test.php

07-07-23 Enneagramm-LeMoMo Sitzkreis

Wer?

Zielgruppe

13 Kolleginnen und Kollegen aus Beratung, Erziehung, Unternehmen, Medien, Moderation und Initiativen mit unterschiedlichem Kenntnisstand in Bezug auf das Enneagramm.

Referent Schwerpunktthema

Ferdinand Walser, Pädagoge M.A. ist seit 1990 in der Erwachsenenbildung und seit 1992 als Geschäftsführer und Fortbildungsreferent bei INPUT e.V. tätig. Er beschäftigt sich bereits seit 1994 mit dem Enneagramm und nutzt es sowohl persönlich wie beruflich. Beim Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Berlin) absolvierte er eine dreijährige Ausbildung zum Diplom-Enneagrammlehrer. Seit 2004 gibt er das Enneagramm in Seminaren und in der Beratung an andere Menschen weiter. In der Vermittlung des Enneagramms bezieht er sich im wesentlichen auf die Lehre von Claudio Naranjo, der stark zur Verbreitung und zur Anwendung des Enneagramms in der Psychiatrie und der Lehrerfortbildung beigetragen hat. Direktkontakt: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können ; http://www.inputseminare.de/

Moderation

Wolfgang Fänderl, Vernetzungsberater, Großgruppenmoderator, Methodenentwickler und Lehrbeauftragter der Universität München. 

WIE?

Bericht

Das Regionaltreffen am letzten Montag im Monat (LeMoMo) wurde gegen 18.30 Uhr informell mit einem Mitbringbuffet eröffnet. Um 19.00 Uhr begannen wir mit einer kurzen Vorstellungsrunde, bei der alle Beteiligten ihren beruflichen Hintergrund und den bisherigen Bezug zum Enneagramm darstellten. Gut zwei Drittel der Anwesenden hatten bisher davon noch nichts oder nur ansatzweise etwas gehört.

Ferdinand Walser begann das Impulsreferat mit seinem eigenen Werdegang in der Begegnung mit dem Enneagramm, das ihm sowohl persönlich wie beruflich eine große Hilfestellung war.

Ein historischer Abriss zeigte, dass die Wurzeln des Enneagramms bis zu den alten Griechen und in die Zeit Buddhas zurückreichen. Bei Platon wie auch in altindischen Weisheitslehren lassen sich Denken, Fühlen und Handeln als Grunddimensionen menschlichen Verhaltens finden. Das Enneagramm selbst wurde insbesondere von den Sufis genutzt, aber nur oral tradiert, insofern lassen sich kaum schriftliche Belege für das Enneagramm finden.

Texte zum Enneagramm und dessen Anwendung gibt es etwa von den sogenannten „Wüstenvätern“, christlichen Lebensgemeinschaften im 4.Jh. nach Christus. Evagrius Ponticus hat die Acht-Lasterlehre entwickelt, ein Modell, das sowohl „Leidenschaften“ wie auch Tugenden enthält und mit dem heutigen Enneagramm weitgehend deckungsgleich ist (vgl. Abbildung).

07-07-23 Enneagramm-Leidenschaften

Auf dieser Grundlage wurden später von der katholischen Kirche die 7 Todsünden entwickelt. In der Neuzeit wurde der Ansatz durch den russischen Weisheitslehrer Gurdjieff aus Rußland, der das Enneagramm in sufischen Klöstern im vorderasiatischen Raum entdeckte, und später von Psychiatern in Südamerika wie Oscar Ichazo und Claudio Naranjo wieder aufgegriffen. Dadurch erfuhr das Enneagramm einen Bedeutungswechsel und wurde nicht nur zur Stärken- und Schwächenanalyse eingesetzt, sondern als ein psychodynamisches Persönlichkeitsmodell weiterentwickelt.

07-07-23 Enneagramm-LeMoMo Platzsuche

Seit mehr als 15 Jahren wird das Enneagramm auch in Deutschland verbreitet und angewandt. Zentraler Bestandteil des Enneagramms (ennea = neun; gramma = Zeichen) ist das „Innere Dreieck“ oder „Gesetz der Drei“. Die drei Triaden Bauch = Handeln, Herz = Fühlen und Kopf = Denken bilden die Grundlage des Enneagramms.

  07-07-23 Enneagramm-Triade

Jede Triade differenziert sich in drei Persönlichkeitsmuster aus. Das Enneagramm enthält eine Dynamik der Muster, welche mit Pfeilen im Modell dargestellt werden. Es werden sowohl Veränderungen der Muster in Richtung Entwicklung und Verwicklung angenommen (vgl. Abbildung). 

Wer also sein Persönlichkeitsmuster herausgefunden hat, kann dem Pfeil folgend den Verwicklungspunkt (was in Stresssituationen mein Verhalten beeinflußt) und in entgegengesetzter Richtung den Pfeilen folgend seinen Entwicklungspunkt (was ich im Leben noch lernen sollte) finden.

07-07-23 Enneagramm Ent- und Verwicklung

Die neun Möglichkeiten, das Leben zu bewältigen, beinhalten keine Wertung, sondern ermöglichen es, unterschiedliche Bewältigungsstrategien frühzeitiger zu erkennen und zu akzeptieren. Die übermäßig ausgeprägte und jedes Muster dominierende Stärke macht uns eher unflexibel und kann so die Lebensqualität schmälern. Die Entwicklungsdimension enthält die Perspektive, möglichst viele der Qualitäten der anderen Muster zu erkennen und nutzen zu können, um den Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen zu erleichtern.

Eine analoge Erkenntnis kam von einem teilnehmenden Physiker: „So lange die Astronomen davon ausgingen, dass der Kosmos sich um die Erde dreht, ergaben sich höchst komplexe Umlaufbahnen. Erst mit dem Zugeständnis, dass sich viele der Planeten (inklusive der Erde) um die Sonne drehen, wurde es in der Astronomie einfacher.“

Ferdinand Walser hat zu den Persönlichkeitsmustern passend eine CD mit Musik zusammengestellt und ließ zu den jeweiligen Mustern besondere Gesten darstellen. Zum Abschluss der Übung wurden die Teilnehmenden aufgefordert durch den Raum zu gehen und jene Menschen zu finden, die einem ähnlich zu sein scheinen und sich mit ihnen über das Erlebte auszutauschen. Dieses körperlich-assoziative Wahrnehmen und Erleben führte auf eine andere, relativ ungewohnte Reflexionsebene.

07-07-23 Enneagramm-LeMoMo Gesten

Enneagramm-Workshops legen zunächst Wert auf die Selbsterkenntnis. Das eigene Persönlichkeitsmuster herauszufinden, das mit der Geburt jedem Mensch mitgegeben ist, und sich damit anzufreunden und auszusöhnen, ist ein wesentlicher Schritt zur Anwendung des Enneagramms und braucht längere Zeit, um damit gut arbeiten zu können.

Beratung mit dem Enneagramm findet in der Praxis von Herrn Walser im pädagogischen Bereich statt. Bei Fragen zum besseren Umgang mit Klienten, kann durch die Analyse der Verhaltensweisen zunächst das Enneagramm-Muster und anschließend die optimale Umgangsformen bzw. Interventionen herausgefunden werden (Dauer ca. 1 ½ Stunden).

Auch bei der Teamzusammenstellung bzw. -entwicklung und bei Supervisionsprozessen kann das Wissen gut genutzt werden. Man gewinnt dadurch neue Verständnisweisen und Zugänge, um die eigene Rolle und die anderen Rollen wertschätzender wahrzunehmen. Auch ohne Enneagramm-Wissen der Partner, fühlen diese sich besser erkannt und reagieren positiver.

07-07-23 Enneagramm-LeMoMo Zuordnung

Der Einwand eines Beteiligten: „Ich würde lieber als Mensch mit einem Namen erkannt werden, statt als Personentyp 5 oder 6 bezeichnet und in eine Schublade gesteckt zu werden!“. Der Hinweis auf Martin Buber wurde von den Enneagramm-Kennern als wertschätzende Grundhaltung gegenüber der „Anderheit des Anderen“ aufgegriffen und soll letztlich in die gleiche Richtung führen, nur dass mit dem Enneagramm die Unterschiede besser wahrgenommen werden können, weil das differenziertere Schema als Referenzrahmen dienen kann.

In Bezug auf Beteiligungsprozesse hat jedes Persönlichkeitsmuster ein eigenes Motivationssystem. Während Loben bei Muster 3 positiv wirkt, empfindet es Muster 5 als überflüssig und Muster 1 ist so selbstkritisch, dass es kein äußeres Lob annehmen kann, da es selbst ja besser weiß.

Die Frage nach kultureller Prägung, geschlechtsspezifischer Anpassung etc. war ein weiterer Diskussionspunkt. Manche Muster stehen mit Werten und Normen innerhalb von Kulturkreisen stark in Verbindung. Wenn auch innerhalb einer Kultur ein bestimmtes Persönlichkeitsmuster bevorzugt wird, heißt dies nicht, dass alle so sind. Unabhängig von der Kultur gibt es die Differenzierung der Persönlichkeitsmuster und das Enneagramm hilft die feinen Unterschiede wahrzunehmen. 

Insbesondere in Streßsituationen wird die zugrundeliegende Persönlichkeit offenbar, wenn sie im Alltag auch durch sozial erwünschte Verhaltensweisen und Maskierungen eher nivelliert wird.

07-07-23 Enneagramm-LeMoMo Materialtisch

Zur weiteren Vertiefung empfahl Ferdinand Walser sowohl den Besuch eines Enneagramm-Seminars (vgl. obengenannte Webseiten) bzw. geeignete Bücher entsprechend des eigenen Enneagramm-Musters:

  1. Rohr, Richard/Ebert, Andreas: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele. München: Claudius Verlag, 1989.
  2. Wilfried Reifarth: Das Enneagramm. Verlag Soziale Theorie & Praxis 1997 (Eigenverlag Deutscher Verein).
  3. Maria-Anne Gallen/Hans Neidhardt: Das Enneagramm unserer Beziehungen. Verwicklungen, Wechselwirkungen, Entwicklungen. Rowohlt Taschenbuch 8. Aufl. 2004.

Die Abschlussrunde half gegen 21.30 Uhr die wesentlichen Eindrücke des Abends zusammenzufassen:

  • Ein interessantes Beobachtungs- und Orientierungssystem, das anscheinend auch für Interventionen hilfreich ist.
  • Die ganzheitliche Vermittlung durch Musik, Bewegung, Information hat gut getan.
  • Der Hokuspokus manch anderer Darstellungen wurde weggelassen.
  • Habe Anregung erhalten, um endlich in bereits gekaufte Bücher zu schauen.
  • Die normative und festlegende Struktur ist mir noch nicht ganz geheuer.
  • War nicht praktisch genug…– bin eventuell auch ein anderer Lerntyp.
  • Es ist noch nicht ganz einsehbar, warum dieses System gegenüber anderen psychologischen Typisierungssystemen einen Vorteil hat.
  • Die Frage blieb offen, wie diese individualisierte Perspektive in großen Gruppen und entsprechenden Verfahren umzusetzen ist.
  • War als Enneagrammlehrerin und -Kollegin interessiert, wie in zwei Stunden so ein komplexes System zu vermitteln ist und wie mit den vielen offenen Fragen umgegangen wird.
  • Ich hätte mir gewünscht, dass mehr das Ziel (Warum ein Enneagramm?) und der Prozess (Wohin führt der Einsatz?) im Mittelpunkt stehen würden, damit es nicht nach Rezept klingt.
  • Fand es sehr anregend und werde mich jetzt bewusster damit auseinandersetzen; danke für den kurzen, Interesse weckenden Einblick.

07-07-23 Enneagramm-LeMoMo positives FB  

Weitere Informationen zum Regionaltreffen

Die Regionaltreffen werden Ende Oktober fortgesetzt. 

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