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Am Beispiel der Coaching-Ausbildungen in Deutschland behandelt der Autor recht allgemeingültig Kriterien zur Auswahl von Fortbildungsangeboten. Welche Unterschiede sind relevant, welche irrelevant? Wo erhält man einen Schein in der doppelten Bedeutung des Wortes? Warum sind Kosten, Dauer, Konzepte, Methoden und Ausbilderrolle so unterschiedlich? Welchen Versprechungen kann man trauen, welchen nicht? Welche Rolle spielen Renommee und Zertifikate? Welche Bedeutung hat die persönliche Kompetenz der Ausbilder, welche die Konzepte?
Diesen Eingangs formulierten Fragen widmen sich die folgenden Überlegungen und wollen etwas Hilfestellung geben, um sich in diesem Angebotsdschungel zu orientieren. Der Text baut dabei auf grundlegenden Unterschieden und Unterscheidungsmerkmalen von Coaching-Ausbildungen auf, zu denen Sie als möglicher Teilnehmer eine Entscheidung treffen müssen.
1. Kurz oder lang?
Sie können leicht feststellen, dass es Coaching-Ausbildungen gibt, die 12 Tage und andere die 50 oder mehr Tage umfassen, mit den entsprechenden Unterschieden auf der Kostenseite. Wie kann es sein, dass man eine Profession wie Coaching in so unterschiedlicher Zeit erlernen kann?
Coaching gründet als eine Form von Beratung auf der Beziehungs- und Kontaktfähigkeit des Beraters und die Effekte stehen in einem engen Zusammenhang mit der Entwicklung und der Gestaltung der Beratungsbeziehung. Dies ist mittlerweile durch zahlreichen Studien nachgewiesen. Deshalb spielt die Kompetenz des Coaches im Hinblick auf seine Selbstkenntnis, -reflexion und -steuerung eine elementare Rolle. Diese Kompetenz lässt sich nicht aus Büchern, einzelnen Workshops oder nur durch Erfahrung lernen. Der Mensch wird am Du zum Ich (Martin Buber). Daher braucht es, wenn man Coach werden möchte, eine längere Zeit des Sich-Einlassens auf einen persönlichen Entwicklungsprozess. In diesem Prozess müssen die wesentlichen eigenen inneren Konflikte, ungünstige Formen der Selbstwertregulation, die Stärkung der eigenen seelischen Autonomie und die Entwicklung subtiler und differenzierter Wahrnehmungskanäle bearbeitet werden.
Folglich können alle Ausbildungsinteressenten, die einen solchen Entwicklungsprozess schon hinter sich haben, mit kurzen oder kürzeren Ausbildungen gut zurecht kommen. Diejenigen, die sich bislang wenig Unterstützung für ihre seelische Selbsterfahrung gesucht haben, drohen nach kurzen Ausbildungen zum Beratungstechniker zu werden. Solche Coachings drohen in der Oberflächlichkeit von schablonenhaftem Anwenden irgendwelcher Beratungstechniken stecken zu bleiben. Das muss den Kunden nicht unbedingt gleich auffallen, da viele Kunden auch froh sind, wenn der Coach die „heiklen" Punkte nicht anspricht oder bemerkt.
Für angehende Coaches, die schon eine gründliche rollenbezogenen Beratungsausbildung mitbringen und Spezialwissen im Coaching-Feld erwerben wollen, kann hingegen, eine kurze und gezielte Weiterbildung bei jemandem, mit ausgewiesener Kompetenz in einem spezifischen Aspekt von Coaching, passend sein.
Nun verlangt aber nicht jede längere Ausbildung automatisch die notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Person ab. Ehemaligen Teilnehmer können am besten Auskunft darüber geben, ob wirklich alle von den Ausbildern gefordert werden und ob die Konflikte in der Ausbildungsgruppe hinreichend bearbeitet und genutzt wurden.
In vielen Fällen ist es gerade im Hinblick auf die Frage, ob eine kurze oder längere Ausbildung die passende ist, unabdingbar, ein längeres Auswahlgespräch mit den Ausbildern zu führen. Meist kann nur im persönlichen Kontakt geklärt werden, was Ihren Entwicklungsbedürfnissen und -möglichkeiten wirklich entspricht. Die Frage, ob so ein Gespräch angeboten oder möglich ist, bildet demnach ein weiteres Kriterium, nach dem Sie ein Angebot beurteilen können und sollten.
2. Handlung oder Motiv?
Für welche Foki wollen Sie als Coach kompetent sein? Viele Coaching-Tools beziehen sich darauf, dass der Coachee sich anders verhalten kann. Also besser Grenzen setzen, klarer entscheiden, eindeutiger kommunizieren usw. Jeder weiß nun, dass es manchmal recht leicht ist, sein Verhalten zu verändern, wenn man einen sinnvollen Impuls dazu erhält. Manche Verhaltensweisen sind jedoch merkwürdig hartnäckig und veränderungsresistent. Wie kommt das?
Im ersteren Fall ist die Schwierigkeit mehr eine „äußere". Man kennt die richtige Vorgehensweise nicht, ist gefangen in eigenen Vorannahmen oder Vorurteilen, man übersieht wichtige Faktoren oder Akteure, man missversteht oder missinterpretiert. Hier kann der Coach oft schnell wirksam sein. Dazu braucht es wirksame Tools, um die Situation zu klären, Ziele zu bestimmen und Wege diese Ziele zu erreichen ausfindig zu machen. Diese Tools lassen sich relativ leicht erlernen und man kann in deren Handhabung auch relativ schnell gut und sicher werden.
Diejenigen Verhaltensweisen, die sich so hartnäckig immer wieder zeigen, liegen dagegen sehr häufig in inneren Konflikten begründet. Die damit gekoppelten Überzeugungen und Annahmen sind tief im Unbewussten verankert und sind meist ungünstige Bewältigungen von inneren Ängsten, die sich eigentlich überlebt haben. Viele Manager wollen z.B. ihre Selbstwertproblematik nicht wahrhaben, aus der heraus sie abfällig oder taktisch kommunizieren, aus der heraus sie mehr arbeiten, als für sie und die Firma gut ist, aus der heraus Erfolg eine Stellenwert bekommt, dem alles untergeordnet wird. Hier braucht es also ein Coaching, welches die unbewussten Motive hinter den dysfunktionalen Verhaltensweisen oder unangenehmen Persönlichkeitsaspekten aufklärt.
Wenn Sie als Coach mit solchen Themen im Coaching professionell umgehen wollen, müssen Sie sich Kenntnisse in Psychodynamik und systemischen Zusammenhängen im Unbewussten erarbeiten. Auch hier gibt es unterschiedliche Ansätze, die es erlauben, solche inneren Konflikte zu bearbeiten. Das kompetente Coachen solcher Problemstellungen erfordert die Kenntnis der Funktionsweise der Seele und der daraus sich ableitenden veränderungswirksamen Faktoren.
Sie müssen also bei der Wahl Ihrer Coaching-Ausbildung darauf achten, für welche Themen und Anliegen Sie im Coaching gerüstet sein wollen: Fragestellungen, die mit fehlenden Fähigkeiten und Fertigkeiten einhergehen oder / und diejenigen, die mit innerseelischen Konflikten und unbewussten Motiven einhergehen. Es gibt nur wenige Coaching-Ausbildungen, in denen Sie beide Kompetenzen in gleichen Umfang erlernen können. Oft ist mit dieser Entscheidung also auch verknüpft, mit welchem Schwerpunkt Sie später sich selbst am Markt positionieren können und wollen.
3. Individualität oder Curriculum?
Die Ausbildungen unterscheiden sich meist auch im pädagogischen Konzept. Auf der einen Seite finden Sie Ausbildungen, die ein genaues Curriculum bieten, in dem die Inhalte, Lernformen und Abfolgen genau festgelegt sind. Der Fokus der Ausbilder wie der Teilnehmer liegt dann stark auf diesen Inhalten. Es wird erwartet, dass ich etwas über die Methode „XY" etwas lerne und darin kompetent werde. Auf der anderen Seite finden Sie Ausbildungen, die den Fokus auf Ihnen als Person und Ihrer individuellen Entwicklung haben. Es geht in diesen Ausbildungen eher darum, den individuellen Beratungsstil jedes Teilnehmers zu fördern. Es wird erwartet, dass der Coach kompetent wird und sich seine zu ihm passenden Werkzeuge wählt und darin entsprechend gut wird.
Natürlich ist das keine in der Realität so klar vorkommende Gegensetzung. Aber jede Ausbildung hat hier eine Tendenz, die sich herausfinden lässt, und die Ihnen gemäß Ihrer Vorlieben dann ein Unterscheidungskriterium liefert: Personenorientierte Ausbildungen werden eher in kleineren Gruppen stattfinden, werden eher von wenigen Ausbildern durchgeführt, die den Lernprozess und die Umsetzungskompetenz der Teilnehmer sorgfältig beobachten und gezielt unterstützen. In einer solchen Ausbildung ist der Kontakt zu den Ausbildern besonders wichtig, da Sie hier sicher sein sollten, bei Leuten zu landen, von denen Sie wirklich gerne lernen. Bei inhaltsorientierten Ausbildungen spielt die Gruppengröße eine eher untergeordnete Rolle, so dass hier auch weit über 15 Personen mit dabei sein können. Hier ist es dann auch eher ein Wert, wenn viele verschiedene Lehrtrainer in der Ausbildung integriert sind, die in dem jeweiligen Thema besonders kompetent sind. Die Intensität der Ausbildungsbeziehung ist hier nachrangig und für die Ausbilder rein quantitativ auch nicht leistbar.
Was ist Ihre Neigung? Was brauchen Sie, um gut lernen zu können. Entscheiden Sie!
4. Integrativ oder beratungsschulengebunden?
Beratungsschulen, die ihre Herkünfte in prominenten Gründerfiguren haben, haben nach wir vor Konjunktur. Auch der Ausbildungsmarkt im Coaching ist davon weitgehend dominiert. Systemisch, lösungsorientiert, psychodynamisch, transaktionsanalytisch, NLP-lerisch, potenzialorientiert sind nur einige der Labels. Oft sind es Zufälligkeiten oder Gelegenheiten, die bestimmen, wo man landet und welche dieser Schulen man anschließend gut findet. Der Wert dieser Differenzierung liegt mit Sicherheit darin, dass jeder auch die Beratungsform finden kann, die ihm zunächst mal am besten entspricht. Gleichzeitig reduziert man durch eine solche Fokussierung auch die Fülle und Komplexität dessen, was man erlernen muss. Je begrenzter und fokussierter ein Ansatz ist, desto mehr ist man natürlich in Gefahr einer Beratungsideologie aufzusitzen.
Es gibt mittlerweile auch Ausbildungen, die den Anspruch haben, mehrere Ansätze zu kombinieren oder zu integrieren. Auch hier gibt es unterschiedliche und alles andere als allgemein akzeptierte Versuche von Metatheorien oder Kombinationen. Zudem gibt es viele Ausbildungen, die sich gar nicht auf bestimmte Beratungsrichtungen berufen, sondern ausschließlich das Erfahrungswissen und den persönlichen Stil der Ausbilder vermitteln. Viele Ausbilder haben selbst mehrere Ausbildungen absolviert, um eine Weite und eine Vielfalt in der Arbeitsweise zu erlangen. Man kann das als Coach nachahmen und verschiedene Coaching-Ausbildung in unterschiedlichen Richtungen machen. Das ist natürlich aufwändig und teuer. Oder man kann sich Ausbilder suchen, die ihre Art der Integration nun selbst lehren und zur Verfügung stellen.
In jedem Fall sollte man vermeiden in einer „Glaubensrichtung" zu landen. Sie können das im Vorgespräch auch dadurch überprüfen, ob andere Ansätze abgewertet oder belächelt werden. Werden Sie dann vorsichtig. Auch wenn Ausbilder in ihren Publikationen nur das eigene gelten lassen, ist Vorsicht geboten.
Auch hier müssen Sie also wählen, ob Sie es sich zunächst etwas einfacher machen wollen und sich für eine Ausbildung entscheiden, die Sie in einer speziellen Hinsicht kompetent werden lässt. Das reduziert Komplexität. Die Gefahr ist, dass Sie dann in der Beschränkung „hängen bleiben". Oder Sie entscheiden, das Sie Coaching umfassend und gründlich lernen wollen. Dann werden Sie mit der Fülle des Wissens zu kämpfen haben und sich gelegentlich überfordert fühlen. Dafür behalten Sie dann als Coach den Überblick, wenn es schwierig wird, und beglücken nicht jeden Klienten mit Ihrem Vorgehen, sondern richten Ihr Vorgehen beim Beraten am Klienten aus.
5. Zertifikate oder Ruf der Ausbilder?
Bei einer hohen Investition will man Sicherheit und Gewähr für Seriosität. Wir leben in einer Kultur, die sehr viele Ausbildungen an Schulen, Universitäten und Verwaltungen stark formalisiert hat. In der Regel erhält man nach dem Abschluss einer Ausbildung einen „Schein" - oft im doppelten Sinn des Wortes.
Nun ist Coaching eine Dienstleistung, die ein hohes Vertrauen von Seiten der Auftraggeber braucht. Lange Zeit wurde dieses Vertrauen über Referenzen, Erfahrung, Empfehlungen und Mundpropaganda gehandelt. Dieses Senoritätskriterium beruht letztlich auf den Erfahrungen und Erlebnissen von Kunden. Seit einigen Jahren ist eine Entwicklung im Gang, wo Zertifikate, Qualitätssigel und Gütelabels auftauchen, definiert und gehandelt werden. Selbsternannte Zertifizierer, Verbände und Coach-Klubs versuchen gutes von schlechtem Coaching zu scheiden. Diese Form der Qualitätsprüfung beruht auf der Kompetenz der Gutachter und der von ihnen angewandten Prüfverfahren. So kann man auch eine Wahl treffen zwischen dem eigenen Urteil in Vorgesprächen und dem Gutachterurteil oder beides kombinieren.
Inwieweit Zertifikate für angehende Coaches bei der Akquise in Unternehmen ein Bedeutung erlangen werden, ist in der Szene umstritten. Je weniger Ressourcen Unternehmen in einen eigenen Auswahlprozess stecken (können), desto mehr werden sie wohl auf die sich entwickelnde Zertifikatswelt einsteigen. Welches der Zertifikate welcher der Verbände welche Bedeutung bekommen wird, wird sich zeigen. Derzeit ist der Ruf der Ausbilder sicher noch das verlässlichere Kriterium.
Fazit:
Je mehr Sie die oben genannten Kriterien nutzen, um herauszufinden, wo es Sie hinzieht, desto besser wird Ihre Wahl werden. Und wie oft im Leben ist es bei einer solchen Wahl hilfreich, den Kopf arbeiten zu lassen, Informationen zu sammeln, diese zu ordnen und zu bewerten und dann aber in aller Ruhe den berühmten Bauch entscheiden zu lassen.
Der Autor:
Klaus Eidenschink
Dipl.-Theol., Senior Coach DBVC, Gestalttherapeut DVG
- Geschäftsführer von Eidenschink & Partner, Spezialisten für Verständigung und Wandel. Langjährige Ausbildungen in verschiedenen Beratungsrichtungen. Eigene integrative Theoriebildung.
- Leiter von HEPHAISTOS, Coaching-Zentrum München, Aus- und Weiterbildungen für Coaches, Trainer und Berater.
- Schwerpunkt der derzeitigen Tätigkeit: Coaching und Konfliktmoderation für das Top-Management und Vorstands- und Geschäftsführungsteams, Teamentwicklungen mit sog. schwierigen Teams, Beratung von Intergruppenkonflikten, Begleitung von Change-Prozessen.
- Präsidiumsmitglied im Deutschen Bundesverband Coaching.
- Laufend Vorträge und Key-Speaker auf Kongressen und Firmenveranstaltungen
- Verheiratet, 2 Töchter; lebt in Krailling bei München
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WEB: http://www.eidenschink.de/.
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