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Feb 18 2007
Sie, du, ich – wir alle Forscher! Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Goede   
Sonntag, 18. Februar 2007

07_heiner_keupp_im_shzAm Beispiel der selbstorganisierten Gesundheitsfürsorge in München wird deutlich, wie sich der Empowerment-Ansatz auswirkt... ja auszahlt! Der Sozialpsychologe Prof. Heiner Keupp beschreibt die Selbsthilfebewegung als "Lernwerkstatt der Zivilgesellschaft" und P.M. Redakteur Wolfgang Goede führt dies zum Gedanken des selbstbewussten Patienten als "Co- und Mitforscher".

In Deutschland hat in den letzten zwei Jahrzehnten  eine stille Revolution stattgefunden: In Fragen ihrer Gesundheit weitgehend unmündige Menschen reiften zu aufgeklärten und verantwortungsvollen Bürgern. Das brachte der Sozialpsychologe Heiner Keupp anlässlich des 20. Jubiläums des Münchner Selbsthilfezentrums (SHZ) zum Ausdruck. Von Angehörigen Alzheimerkranker bis zu Zeckenbiss-Infizierten, in der Isarmetropole gibt es 1500 Selbsthilfegruppen mit 50 000 Aktiven, die gemeinsam nach Lösungen ihrer Beschwerden suchen.

Das würdigte Münchens Zweite Bürgermeisterin Christine Strobl, die die Pionierrolle der Stadt in der Selbsthilfebewegung unterstrich. Deutschlandweit gibt es 100 000 dieser Organisationen mit drei Millionen Teilnehmern. Sie haben eine große Gesundheitsreform von unten vollbracht.

Selbsthilfe fußt auf dem Empowerment-Ansatz, der Betroffene als Experten in eigener Sache anerkennt, während sie im herkömmlichen Gesundheits- und Fürsorgesystem eher als hilflos angesehen und bevormundet werden. Die Aktivierungsstrategie setzt  Selbstheilpotenziale frei, die Medizin und Sozialforschung befruchten. So gesehen sind alle Menschen, die an diesem Prozess teilnehmen, Co- und Mitforscher, gleichberechtigte Partner des Wissenschaftsbetriebs.

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Wie Eva Kreling, stellvertretende SHZ-Leiterin, im Jubiläumsbuch* schreibt, wird der passive Patient zum aktiv Handelnden - das „Opfer zum Täter im Sinne von Tuendem", jemand, der sich stärker selbst verantwortlich fühlt. Diese Gemeinschaft von Menschen, die füreinander da sind und miteinander handeln, vermittelt: nicht länger alleine klarkommen zu müssen und in einer Gruppe aufgehoben zu sein, in der alle aktiv an einem Thema arbeiten.

In einer Gesellschaft, in der traditionelle Familienstrukturen immer seltener anzutreffen sind und die Struktur einer Großstadt Vereinsamung fördert, ist ein soziales Netz von unbeschreiblichem Wert. Das Wissen, das in den Gruppen zusammengetragen wird, ist „ganzheitlich". Es besteht aus der persönlichen Erfahrung und aus dem Sachwissen und ist als selbst erlebtes Wissen -  „getestet und für gut befunden".

Selbsthilfegruppen informieren sich bei Fachleuten über Diagnosen und Therapien. So verbessern sie die Qualität der Gruppenarbeit. Umgekehrt informieren sich zunehmend Ärzte und Professionelle bei Selbsthilfegruppen, da hier ganz spezielles Wissen gesammelt wird. Das Wissen zur Bewältigung der Krankheit im Alltag haben die Betroffenen, die täglich Erfahrung sammeln - nicht die Ärzte.

Keupp fasst das so zusammen: Selbsthilfe ist eine Lernwerkstatt der Zivilgesellschaft. Ihr Wert lässt sich auch in harter Währung ausdrücken: Das für Selbsthilfe ausgegebene Geld fließt zurück und fördert das Bruttosozialprodukt. Hinzu kommen Rückgang der Erkrankungen, geringere Medikamenteneinnahme, Verminderung der Inanspruchnahme ambulanter und stationärer Dienste mit den entsprechenden Nutzen für Krankenkassen und Arbeitgeber. Eine Modellrechnung am Beispiel der Münchner Angsthilfe und Selbsthilfe MASH ergab Einsparungen in einer Höhe von 1,8 Mio DM für die öffentliche Hand und ca. 400 000 DM für die Arbeitgeber. Pro 100 DM Zuschuss ergibt sich ein Effekt für die öffentliche Hand in Höhe von 1500 DM.

Die Diskussion über die verstärkte Beteiligung von Laien in der Wissenschaft findet auch in der EU statt. Beim Forum „Science in Society" sprach sich EU Kommissar Janez Potocnik für eine stärkere Partizipation der Bürger aus. „Innovation ist für Jeden, weshalb wir viel mehr die Nichtregierungs-Organisationen beteiligen und sie zum Motor der Innovation machen müssen", ergänzte der Franzose Bernard Chevassus-au-Louis. Die Wissenschaftsphilosophin Helga Novotny bringt das Thema auf den Punkt: Erst im Dialog zwischen Experten und Laien wird neues Wissen sozial robust und angenommen - die Öffentlichkeit ist Co-Produzentin des Wissens.

Konsequenzen daraus könnten folgende sein:

Zivilgesellschaft und Selbsthilfe als Problemlöser müssen mehr gefördert werden. Der Zuschuss der Krankenkassen an die Selbsthilfe sollte erhöht werden, auch die Rentenversicherer sind gefordert. Überlegenswert auch eine Forderung von Staatsministerin a.D. Hildegard Hamm-Brücher nach einem „Demokratie-Cent": ein Prozent der staatlichen Zuwendungen an die Parteien an zivilgesellschaftliche Organisationen weiterzureichen.

Zivilgesellschaft und Selbsthilfe als eine Säule des Staates müssen politisch mehr partizipieren, etwa durch Einrichtung eines Bürgerrates, in den zivilgesellschaftliche Organisationen Vertreter entsenden und die mit ihrem Knowhow das Parlament beraten. Diese Forderung wurde erhoben vom „Bündnis zur Erneuerung der Demokratie" (BED) bei einem Rechenschaftsbericht der Münchner Bundestagsabgeordneten, wie bei Empowerhaus.de (http://www.empowerhaus.de) berichtet.

Mehr Info bei:

http://blogs.pm-magazin.de/openscience/main

*) „20 Jahre Selbsthilfeunterstützung in München - Jubiläumspublikation für Interessierte, Engagierte und Professionelle"; gratis beim Selbsthilfezentrum München (http://www.shz-muenchen.de): Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

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