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Projektverfahren – Komplexität und Beteiligung koordinieren Drucken E-Mail
Projektverfahren

Wie können Gemeinsinn-Prozesse optimal begleitet werden? Welche Aspekte sind bei der Strukturierung von Beteiligungs- prozessen zu berücksichtigen?

Komplex, nicht kompliziert

Wenn jemand auf andere zugeht, sich mit ihnen verabredet, weitere Personen dazukommen, gemeinsame Projekte vereinbart und umgesetzt werden, dann steigt die Komplexität der Vorgänge. Die Vielzahl und Vielschichtigkeit der Eindrücke wird größer und kann zu einer Überforderung der Beteiligten führen, wenn es nicht gelingt, die Komplexität wieder überschaubar zu machen, auf das Wesentliche zu konzentrieren und die zentralen Ergebnisse zu sichern.

GW Anwendungsworkshop im Ökologischen Bildungszentrum München

Anwendungs-Workshop zu "Gemeinsinn begleiten" im ÖBZ München 27.02.2003

"Für die Lösung komplexer Aufgaben sind simplifizierende Methoden ebenso ungeeignet wie der Versuch, ihre Komplexität zu ignorieren. Komplexe Systeme sind Organismen vergleichbar, die sich selbst regulieren und durch 'evolutionäre Intelligenz' gesteuert werden. Es bedarf nur entsprechender Voraussetzungen und Instrumente um angemessen damit umzugehen." (Vester 2001)

Optimierung komplexer Systeme

Die Gemeinsinn-Werkstatt setzt bewusst darauf, zu Beginn eines Prozesses die Komplexität zu steigern, um die Kreativität der Beteiligten zu stimulieren und einen gemeinsamen Kontext zu erarbeiten. Am Ende konzentriert sich die Gruppe dann auf die Umsetzung der entwickelten Lösungsvorschläge, präsentiert und reflektiert die Ergebnisse oder kündigt die nächsten Schritte an. (Komplexitätskurve)

Diese Konkretisierung fördert die Orientierung der Beteiligten, die Erfolgserlebnisse und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Dabei wird vor allem das Niveau der Vernetzung nachhaltig erhöht, Kooperation und Lernprozesse werden optimiert und die Zufriedenheit steigt. (Vernetzungskurve)

Prozesskurven

Die in den Komplexitätsbogen eingezeichnete Arkadenstruktur des Gemeinsinn-Werkstatt-Phasenverlaufs deutet an, dass jede Detailphase ebenfalls einen Komplexitätsbogen beinhaltet. Er beschreibt die Ausweitung und Reduktion von Komplexität, den Wechsel von Aktivität und Rückzug, von Komm- und Gehstrukturen, von Einladen und Eingeladen werden. Letztlich lassen sich damit auch die Wechsel von Alltag und Projektarbeit beschreiben, die sich über den Zeitraum einer Gemeinsinn-Werkstatt fruchtbar ergänzen.

"Wer andere rechtzeitig und angemessen beteiligt, kann selbst viel gewinnen! Um diesen Austausch zu optimieren bietet die Gemeinsinn-Werkstatt Strukturen an." (Gemeinsinn-Werkstatt-Flyer 2003)

Entwicklung in Phasen

Die Gemeinsinn-Werkstatt ist für Großgruppen ab 27 Personen konzipiert und läuft über einen Zeitraum von drei Monaten bis zu drei Jahren. Die Schritte der Beteiligung werden nach einem Phasenmodell untergliedert:

phasenmodell_jpg_800.jpg 
  • Aktivierung: Zu Beginn steht ein brennendes Anliegen, das viele betrifft (1). Ein Initiativkreis möchte es mit anderen bearbeiten und leitet den Prozess ein (2). Ein Projektkreis formuliert aus den gemeinsamen Zielen einen tragfähigen Gemeinsinn-Werkstatt-Titel und erstellt den Basisplan für den gesamten Prozessverlauf (3). Ein Veranstaltungskreis läd weitere Interessierte zu einer Großveranstaltung (Aktivierungsforum) ein, auf der sich Aktionskreise bilden und miteinander Einzelaktionen planen können. (4)

  • Realisierung: Die Aktionskreise werden im Alltag durch weitere Interessierte erweitert und erhalten bei Bedarf Unterstützung vom Projektkreis. Bereits in Phase 3 wurden entsprechende Basisaktionen angedacht, um die Kontinuität der Aktionen zu fördern: Schwarzes Brett oder Internetplattform, regelmäßige Treffen, Fortbildungen, Beratungsgespräche etc. (5)

  • Integration: Zum Abschluss des Projekts werden beim Integrationsforum (6) und bei Folgetreffen von Projekt- (7) und Initiativkreis (8) die Ergebnisse präsentiert, der Verlauf des Prozesses reflektiert, sowie das Erreichte gefeiert! Am Ende sind unterschiedliche Lösungen zum Thema entstanden, wurden methodische Erkenntnisse festgehalten und haben sich Gemeinsinn-Netzwerke entwickelt, die auch in Zukunft weiterarbeiten können. (9)

Gemeinsinn-Werkstatt in Franfurt / Oder

Toleranz - TOLL statt ranzig" Initiatorengespräch beim Integrationsforum in Frankfurt Oder 07.10.2002

Projektplanung mit System

Um ein komplexes Anliegen passend und umfassend bearbeiten zu können, werden Phasenpläne, Aufgabenprofile sowie Methodenbausteine bereitgestellt und gemeinsam bearbeitet. Diese Rahmenbedingungen geben Orientierung und verhelfen zu konstruktiven und nachhaltigen Ergebnissen.

  • „Essenz-" und „Netzwerk-Informationen“ werden benötigt, um das Gemeinsinn-Konzept kennenzulernen, den Gesamtkontext der Gemeinsinn-Werkstatt besser zu verstehen und Hinweise für die Reflexion eigener Erfahrungen zu erhalten.

  • „Phasenpläne“ dienen der Koordination und Abstimmung von Prozessen. Sie erleichtern es den Beteiligten, in einem Projekt von Phase zu Phase und von Meilenstein zu Meilenstein zu gelangen.

  • „Aufgabenprofile“ beschreiben Aufgaben und Rollen der Mitwirkenden von Beteiligungsprozessen und dienen als Orientierungshilfe. Im Vordergrund stehen Fragen nach der Motivation sowie den Bedürfnissen, Ideen und Ressourcen der Beteiligten, damit diese ihre Tätigkeiten angemessen koordinieren und umsetzen können.

  • „Bausteine“ bestehen aus Materialien, die als Anregungen zur Erweiterung eigener Fähigkeiten gedacht sind: Verfahren, Gestaltung, Unterlagen, Beispiele, Webseiten und Publikationen. Mit ihrem transparenten Aufbau bieten sie Fachleuten wie Laien Hintergrundinformationen und Methodenwissen um Gemeinsinn-Prozesse durchzuführen.

(vgl. Baukasten)

Strukturierungsbeispiel

Um sich nach eigenen Interessen einteilen zu können und um keine Bereiche außer Acht zu lassen gibt es Aufgabenprofile, die bei der Orientierung helfen:

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Struktur der Aufgabenprofile (oben), -bereiche (unten) und –felder (mitte) im Rahmen einer Gemeinsinn-Werkstatt

Hier können sich Freiwillige einem oder mehreren dieser Aufgabenfelder zuordnen und nach eigener Motivation die Intensität des eigenen Engagements bestimmen (Interesse, Mitwirkung, Koordination). Funktionen bei parallellaufenden oder Folgeaktionen können je nach Bedarf beibehalten oder gewechselt werden.

Verfahrensdefinition

„Die Gemeinsinn-Werkstatt fördert freiwilliges Engagement bei brennenden Anliegen und arbeitet mit einer Kombination von innovativen Beratungs-, Projekt- und Großgruppenverfahren. Mithilfe eines Baukastensystems und methodischer Unterstützung aus dem Begleitnetzwerk entsteht ein maßgeschneidertes Projektdesign für die Selbstorganisation während des gesamten Projektverlaufs. Mit Ansätzen der intrinsischen Motivation, partnerschaftlichen Beteiligung und wertschätzenden Reflexion schafft die Gemeinsinn-Werkstatt Raum für Austausch, Vernetzung und Qualifizierung sowie für die Balance von Individuum und Gemeinschaft.“ (Projekt-Gemeinsinn-Flyer 2003)

Umsetzungsbeispiele

Im Leitfaden „Beteiligung übers Reden hinaus“ und im Gemeinsinn-Werkstatt- Baukasten sind eine Reihe von praktischen Beispielen beschrieben, die im Verlauf des Forschungs- und Entwicklungszeitraums als Modellprojekte durchgeführt und ausgewertet wurden. Außerdem zeigt ein animierter Durchlauf die Beteiligungsschritte anhand von drei Beispielen aus den Bereichen Arbeit, Schule und Stadtteilentwicklung (vgl. Baukasten unter „?“ Beispieldurchlauf).

GW

Gruppenbild bei Aktionsmarkt der GW "Toleranz in Frankfurt Oder: TOLL statt ranzig!" 18.04.2002

Download: Praxisbericht FFO (Fänderl/Ben-Larbi 2004) (203 KB)

Anwendungsmöglichkeiten

In bisherigen Gemeinsinn-Werkstätten fanden bereits jugendliche wie professionelle Multiplikatoren, regionale Bürgerinitiativen und Angehörige einer Universität zu Netzwerken zusammen – über Gruppen, Hierarchien und Generationen hinweg. Auch der Aufbau des eigenen Begleitnetzwerks wurde so angegangen. Weitere mögliche Anwendungsgebiete befinden sich in den Bereichen:

  • Politisches und freiwilliges Engagement

  • Jugendarbeit und Schulentwicklung

  • Bildungsvorhaben und –initiativen

  • Kommunal- und Sozialarbeit

  • Innovationen bei traditionellen Trägern

  • Organisations- und Unternehmensentwicklung

"Gemeinsinn-Werkstätten sind für alle Menschen geeignet, die eine bestehende Situation verbessern und gemeinsam größere Vorhaben verwirklichen wollen." (Fänderl 2005)

 Besonders zu empfehlen sind Gemeinsinn-Werkstätten dann,

  • wenn ein Anliegen unter den Nägeln brennt, noch keine befriedigende Lösung in Sicht ist und viele etwas tun wollen;

  • wenn sich unterschiedliche Personen freiwillig an dem Projekt beteiligen möchten und bereit sind, eigene Ressourcen einzubringen;

  • wenn Konflikte zwar vorhanden, aber noch konstruktiv vermittelbar sind und sich alle auf das gemeinsame Ziel einigen können.

GW

Absprache bei der GW "Partnerschaft statt Partizipation" Berlin 09.06.2002

 
 


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