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"Politik und Kultur im Raum" ein Kolleginnen- und Kollegenkreis systemisch Beratender, griff am 31. Januar 2007 in Freimann ein sensibles Thema politischer Diskussion auf: "Ausländer rein und/oder raus - Überalterung oder Überfremdung?" Der Bericht zur Austellung steht seit 24.02. online!
WAS
Die Geburtenrate in Deutschland sinkt immer weiter, zur Zeit liegt sie bei circa 1,3 %. Auch wenn die Lebenserwartung noch weiter steigt, wenn keine Zuwanderung stattfindet, wird die Bevölkerungszahl sinken. Haben wir also nur die Wahl zwischen Überalterung oder Überfremdung?
Wie wird das von Einheimischen und von Migranten in Deutschland bzw. von Ausländern umliegender Staaten erlebt? Wie könnte eine sinnvolle Antwort für die heikle Frage aussehen?
Das Thema war einerseits eigenständige Weiterentwicklung des November-Themas "Multikulturelle Teams", zum anderen passte es zum Methodenvergleich, der ab Ende Januar mit unterschiedlichen Ansätzen durchgeführt wird (vgl. Topoi - neuer Ansatz zur dynamischen Erörterung politischer Themen).
Weitere Artikel gibt es auf dieser Webseite zu den Themen:
"Politik im Raum" , "Vision Vollbeschäftigung", "Macht Geiz geil?", "Bedingungsloses Grundeinkommen" und "Ein neuerwachtes Nationalgefühl".
WER
Teilnehmende:
20 Interessierte, die bei einer solchen Aufstellung mitwirken wollten. MigrantInnen waren besonders herzlich willkommen und es kamen 2.
Moderation und Dokumentation:
Dr. Ruth Sander
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WIE (Zusammenfassung)
Wie immer beginnen wir mit Abfragen im Raum:
- Wie viele In-/Ausländer befinden sich im Raum? (lauter Deutsche bis auf zwei Österreicher und eine Person, die zwar vom Pass her Inländerin ist, sich vom subjektiven Erleben als Staatenlose bezeichnet)
- Welche Altersverteilung hat unsere Gruppe? (Das Gros zwischen 40 und 50 Jahren, zwei Personen zwischen 20 und 30 Jahren, drei über 50 Jahre)
- Beim Vorausdenken ans eigene Alter und an die Entwicklung unserer Gesellschaft: Ist das eine angenehme oder unangenehme Vorstellung? - Zuordnung zu Optimisten, Pessimisten und Realisten (erstaunlich viele sind optimistisch, viele wollen einfach in der Gegenwart leben und nehmen, was die Zukunft bringt, und nur eine Person deklariert sich als Pessimist)
Nach dieser Anwärmphase zum Thema erarbeiten Kleingruppen Fragestellungen, die sie besonders interessieren. Mehrmals wird die Ansicht geäußert, dass die Verknüpfung von Überalterung mit Migration eine populistische ist und es sich eigentlich um zwei Themen handelt, die jedes für sich behandelt werden müssten. Die entstehenden Fragen:
- Wie viele Ausländer verkraftet die deutsche Identität?
- Wie können die Ausländer integriert werden?
- Was ist die deutsche Identität?
- Wie können wir Inländer dem Thema Migration begegnen?
- Wie können wir den verschiedenen Facetten von Ausländern (nach Bildungsgrad, Kultur, Religion, Integrationswilligkeit...) begegnen?
- Wie kann die Politik die Bevölkerungsentwicklung steuern?
In der folgenden Phase versuchen wir, aus diesen verschiedenen Fragen eine einzige zu destillieren, in der sich alle Anwesenden finden können - und scheitern. Schließlich einigen wir uns, zuerst die Elemente zu definieren, die wir für die Abbildung des Themas brauchen, und uns dann erst wieder der Frage zu widmen. Wir wählen die Elemente:
- das Inland
- das Ausland
- die Zukunft
- Inländer 1
- Inländer 2
- Ausländer 1
- Ausländer 2
und vertrauen auf die Methode der Aufstellung, in der sich erfahrungsgemäß allgemein benannte Elemente konkretisieren. Als Frage wählen wir eine offene, lösungsorientierte:
„Was braucht's, damit es gut weitergeht?"
Im Anfangsbild bilden Inland, die beiden Inländer, Ausland und Zukunft ein Oval, das als geschlossene Gesellschaft bezeichnet wird, während die beiden Ausländer abgeschlagen im Hintergrund bleiben.
Das Abfragen ergibt:
Das Inland schaut vor sich zu Boden, hat Angst vor der Zukunft und vor den Ausländern. Es weiß allerdings auch, dass nur Kontaktaufnahme („Hinschauen") weiterhelfen würde.
Das Ausland ist bestürzt über die Traurigkeit und Hilflosigkeit des Inlands und nimmt Inländerin 1 als vergreist wahr.
Inländerin 1 ist mit dieser Bezeichnung nicht zufrieden. Sie möchte gern einfach als Mensch gesehen werden. Gleichzeitig fühlt sie sich tatsächlich sehr alt, schwach und hilfsbedürftig. Sie würde gern - für gutes Geld - Ausländer 2 einladen, sich um sie zu kümmern.
Inländer 2 ist selbstbewusst und mit seiner Position und denen der anderen zufrieden. Von ihm aus könnte alles so bleiben, wie es ist.
Ausländer 1 ist im ersten Moment ganz angezogen vom Glanz und der Attraktivität des Inlands. Durch die Aussagen des Inlands beginnt dieser Glanz allerdings zu verblassen. Ausländer 1 beginnt sich darauf zu besinnen, dass er ja auch selbst eine Heimat hat und sich nicht durch andere als Ausländer definieren lassen muss.
Dem Ausländer 2 geht es ähnlich wie der Inländerin 1: Er will sich nicht als Ausländer kategorisieren lassen. Er beobachtet genau, hört zwar die Einladung, will aber noch abwarten.
Die Zukunft fühlt sich als neutrale Beobachterin. Sie hört aufmerksam zu, versteht, ist aber nicht ins Geschehen involviert.
Es beginnt eine längere Phase des Umgruppierens, die von Zähigkeit gekennzeichnet ist. Inländerin 1 verlangt nach einem Rollstuhl, sinkt dankbar auf einen Stuhl. Daraufhin fordert auch Inländer 2 einen Stuhl. Die Bestürzung des Auslands über diese Bewegungslosigkeit der Inländer steigt noch an. Das Inland möchte seine Inländer einladen, die anderen in den Blick zu nehmen, aber erfolglos. Auch die Zukunft mahnt die Inländer, sich zu öffnen - vergeblich.
Erst die Öffnung in den Außenkreis der BeobachterInnen bringt Neues: Ein neues Element, die Bewegung/Energie, versucht das Inland in Aktion zu bringen, es zu schütteln und zu bewegen. Das bringt zwar keine räumliche Veränderung, aber eine Deklaration des Inlands: Es fühlt sich als Territorium und als in Jahrhunderten gewachsene Identität und ist daher räumlich nicht veränderbar.
Aber erst ein zweites neues Element bringt frischen Wind ins Geschehen: Ausland 2 rüttelt die bequemen Inländer auf, indem es versucht, ihnen die Stühle wegzuziehen. Bei Inländer 2 gelingt das, aber gerade die alte Inländerin 1 verteidigt erfolgreich ihren Stuhl.
Die Schlussabfrage in den Rollen ergibt:
Inland: „Ich fühle Offenheit gegenüber Ausländer 2. Ich fand es sehr wohltuend und energetisierend, als hier bei den Inländern Bewegung reinkam. Damit es gut weitergeht, braucht es meine Offenheit und auch Offenheit gerade bei den Inländern."
Ausland: „Ich schaue das Inland mit Freude an, dass es sich von der Passivität der Inländer nicht hat vereinnahmen lassen. Ich bin stolz auf die Ausländer, die das Spiel nicht mitgespielt haben. Das Stühle Wegziehen von Ausland 2 war ein herrlicher Befreiungsakt, genau das Richtige."
Inländerin 1: „Ich bin ein Mensch und hilfebedürftig. Ich habe die Ausländer von Anfang an mit Achtung behandelt und möchte auch selbst mit Achtung behandelt werden."
Inländer 2: „Ich fühle mich mobil, ich kann sitzen, Platz machen, Koalitionen eingehen. Das Stühle Wegziehen war zwar aggressiv, aber es hat belebt. Es braucht Mobilität, Flexibilität, Anpassung, damit es gut weitergehen kann."
Ausländer 1: „Das Inland hat inzwischen wieder an Attraktivität für mich gewonnen. Aber diese sitzende Madame, die jetzt Mensch ist, die finde ich abschreckend selbstherrlich. Sodass ich mir jetzt denke: Um da hinzugehen und sie mitzufinanzieren, da will ich schon sehr nett eingeladen werden. Ansonsten könnte ich mir schon vorstellen, auf Zeit nach Deutschland zu gehen, aber ohne den Druck ein Deutscher werden zu müssen. Diese Vorstellung schreckt mich ab."
Ausländer 2: „Ich stehe nahe beim Inland, näher als die Inländer. Das Inland stand für mich für Werte, die ich teile, und ich habe mich zugehörig erlebt. Aber als das Inland dann formuliert hat, es sei offen für Ausländer, habe ich mich wieder als Ausländer gefühlt und hab mich auch erstmals zum Ausland hingezogen gefühlt, gedacht: Vielleicht bin ich hier wirklich verkehrt, vielleicht war alles umsonst."
Bewegung/Energie: „Ich bin froh, dass hier Bewegung reingekommen ist. Zuerst hab ich mich hilflos gefühlt, ich muss irgend etwas tun. Jetzt steht das Inland aufrecht, das tut gut."
Ausland 2: „Meine Motivation war: Ach, wenn die da so rumschwächeln, dann geh ich da rein und klau denen, was sie so haben. Wenn die's nicht brauchen, dann nehm ich's. Das Erstaunliche war, dass die alte Runzlige unglaublich tough war und mit mir um ihren Stuhl gerungen hat wie eine Junge. Da hab ich vor ihr - als einziger - Respekt gekriegt und sie in Frieden gelassen."
Zukunft: „Ich habe alles mitbekommen und verstanden, war mittendrin und doch unbeteiligt. Was mir klar geworden ist: Es geht hier um Werte, um Würde, um Respekt, um das Abbauen von Schwellen, dass alte statische Energien frische Energien brauchen, damit es gut weitergehen kann."
In der an- und den Abend abschließenden Reflexionsrunde werden folgende Gedanken geäußert:
„ Mich haben die Sitzenden, das Sitzen fasziniert. Und die Verbindung zu Besitz(en). Also: Wenn wir zu fest auf unserem Besitz sitzen, verlieren wir an der nötigen Energie und Flexibilität, unsere Zukunft zu gestalten."
„ Ich habe erfahren, dass nur durch Grenzziehung, durch das Festhalten am Eigenen Respekt von anderen zu erreichen ist. Zu große Toleranz wird zu Beliebigkeit, die keinen Respekt bei anderen zur Folge hat."
„Mich haben die vielen Missverständnisse, vor allem zwischen In- und Ausland fasziniert. Die sind nur durch Offenheit und Bewegung, Zuwendung zu klären."
„Ein ganz neuer Gedanke: Stell dir vor, wir laden die Ausländer ein - und die wollen gar nicht kommen..."
„Für mich war körperlich spürbar: Wir brauchen die Ausländer, wenn es gut weitergehen soll. Das ist eine Notwendigkeit. Das war mir bisher nicht so bewusst. Da öffnet sich in meinem Herzen eine Tür und ich denke: Eigentlich müssen wir viel, viel mehr Wertschätzung haben für diese Menschen."
„Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, mehr ins Ausland zu gehen, sich dort umzuschauen, aufs eigene Land von außen zu schauen, den Standpunkt zu wechseln. Unsere Innenschau blockiert uns."
„Mich hat beeindruckt, dass nur durch Gewalt - das Stuhl Wegziehen - Veränderung möglich war. Alle Appelle, alles gut Zureden, hat nicht genützt. Nur die Tat..."
„Ich habe kapiert, dass diese Begriffe ‚Überalterung' und ‚Überfremdung' vollkommen belanglos und nur Diskussionsinstrumente sind. Darunter liegt was viel Tieferes: Wenn jemand kommt, dann ist er genau so wie ich. Alle wollen dasselbe: Sie wollen arbeiten, Raum für sich haben, in Würde leben können."
„Ich neige als Deutscher schon dazu zu meinen, dass alles immer schlechter wird. Insofern war es erfrischend, als Ausländer 1 von außen draufzuschauen. Ich habe dadurch ein inneres Lächeln gewonnen, wie ernst die Deutschen sich und ihre Situation nehmen. Nicht, dass es heiter ist - aber ich denk, in Zukunft muss ich es nicht mehr so unglaublich ernst nehmen..."
„Ich hab viel nachzudenken, kann noch gar nichts dazu sagen."
Und noch eine schriftliche Nachmeldung in den Tagen danach:
„Selbstbestimmung und Würde sind maßgebend, damit ein Miteinander gelingen kann. Die Inländer/Deutschen haben die Aufgabe, sich zu öffnen, sich zu bewegen und ihre deutsche Identität aufrütteln zu lassen. Geschieht dies nicht, haben die Deutschen bald nichts mehr, worauf sie noch stolz sein können. Sie erstarren in ihrem Status quo und bleiben auf ihren materiellen und geisitgen Werten hocken. Eine fehlende Bereitschaft, Impulse von Ausländern aufzunehmen und zu verwerten, verhindert unsere eigene Vitalität und Entwicklung. Erst durch die gegenseitige Wertschätzung beider Energien/Kräfte kann ein konstruktives Miteinander und ein gegenseitiges Befruchten gelingen. Es gilt, die eigenen erreichten Früchte zu hinterfragen und die ausländischen Einflüsse, die ursprünglicher und archaischer sind, aber dem Mensch an und für sich zutiefst zueigen sind, in uns wiederzubeleben. Dieser ausgleichende, auf gleicher Augenhöhe geführte Austausch bringt dann eine Gesundung der stockenden, dekadenten und arroganten Kräfte hier in Deutschland. Es ist wie das Ringen der dualen Kräfte. Erst durch die Reibung aneinander entsteht eine neue unbekannte Bewegung, die Bewusstseinserweiterung, und damit Erneuerung mit sich bringt.
Es wird sichtbar, dass nur eine harmonische Ergänzung dieser Kräfte zur gesunden Balance führen wird."
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