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Okt 05 2006
Beteiligung übers Reden hinaus - kritische Würdigung aus systemischer Sicht Drucken E-Mail
Geschrieben von Manfred Josef Pauli   
Donnerstag, 5. Oktober 2006

BuRh_Cover_05_04_18.JPGManfred Josef Pauli, Wissenschaftler (Uni Dortmund, Wien und Stuttgart) und Praktiker zum Thema Raumplanung (Verlegung HBF Stuttgart 21) unterzieht das Basiswerk zur Gemeinsinn-Werkstatt einer kritischen Reflexion. "Beteiligung übers Reden hinaus - Gemeinsinn-Werkstatt: Materialien zur Entwicklung von Netzwerken" ist auch aus systemischer Sicht ein höchst spannender Verfahrensansatz.

 

1. Grundsätzliches

Die Gemeinsinn-Werkstatt (GW) ordnet sich bereits selbst als Grossgruppenverfahren ein und will dabei sowohl Beteiligung verbessern, als auch Netzwerkbildung erleichtern. Die Strukturierung der GW kann anhand des vorliegenden Werkes als überdurchschnittlich präzise und gut durchdacht angesehen werden. Schwächen wie der Umgang mit dem Begriff Beteiligung als auch die Einbettung in grundsätzlichere zivilgesellschaftliche Gedanken sind später genauer zu erläutern, da hier weniger Kritik am Aufbau der GW zu üben ist, denn an ihrem beabsichtigten oder auch nur unterstellten Einsatz.

2. Anmerkungen zum Aufbau der GW

2.1 Zeitfaktor

Die GW wird bewusst als Projektverfahren konzipiert und ihr Einsatz wird auch als projektorientiert angelegt. Das bedeutet in der Konsequenz, dass nach einer GW die angefangene Aufgabe oder eine Teilmenge davon aufgrund der Motivation der Mitwirkenden weiterzuführen ist, die Aufgabe als erledigt betrachtet werden kann, die Aufgabe in andere organisationelle oder institutionelle Rahmen überführt werden muss oder unerledigt ruht.

Allerdings ist durch die explizite temporäre Organisation der GW allen daran Mitwirkenden diese Problematik klar, was jedoch damit die GW nur bedingt nützlich erscheinen lässt, wenn dauerhafte Strukturen für ein andauerndes zivilgesellschaftliches Problem angestrebt werden sollen. Sie ist daher als eine zivilgesellschaftliche Interventionsmethode einzustufen, mit all den in projektorientierten Verfahren inhärenten Vor- und Nachteilen.

2.2 Die Effekte von Hierarchie und Heterarchie

Im Gegensatz zu manch anderen Grossgruppenverfahren, vor allem beim Open-Space, das lediglich die Hierarchie von Mitwirkenden, ModeratorInnen und ForenleiterInnen kennt, setzt die GW ausdrücklich auf ein strukturiertes Konzept von Hierarchie und Heterarchie. In anderen Worten, Entscheidungskompetenzen innerhalb der GW werden sowohl durch die Einsetzung der verschiedenen „Kreise" (Initiativkreis, Projektkreis, Veranstaltungskreis, Aktionskreis) mit unterschiedlichen Beeinflussungspotenzialen pyramidal zugeordnet, als auch, vor allem auf der Ebene des „Wissensnetzwerkes", gleichberechtigt verteilt. Es ergibt sich somit eher eine Funktionstrennung von „Steuerung" und „Mitwirkung".

Damit nutzt die GW sowohl die Effekte hierarchischer Strukturen, wie Effizienz und Aufgabenzerlegung und -zusammenführung, als auch die Anerkennungskultur gleichwertiger Kommunikationspartnerschaften. Dabei entsteht die Hierarchie in der GW nicht qua klassischer Hierarchiezuweisung, wie Macht, Geld, Wahl oder Ernennung, sondern qua Initiative, Interesse, Kompetenz und Zeitressource, was sicherlich auch demokratiepolitisch begrüsst werden kann.

Problematisch in dieser Hinsicht dürfte aber der Einfluss der in der GW notwendigen Beratungs- und Begleitungsleistungen sein. Gutes tun funktioniert generell, wenn Gute es tun, werden diese Aufgaben jedoch von eigeninteressegeleiteten Personen erbracht, könnte der GW ähnliches passieren, wie anderen Methoden auch (Planungswerkstätten, Foren, BürgerInnenversammlungen), namentlich zu nennen wären hier Vereinnahmung, Instrumentalisierung für andere Zwecke, Erwerbssicherung oder Feigenblattfunktionen. Es gilt daher für alle mitwirkenden Personen darauf zu achten, dass die gemeinsame Ziel- und Zweckvereinbarung, die einer GW zugrunde liegt, nicht durch die externen Leitungspersonen verändert oder gar manipuliert werden.

2.3 Handlungsorientierung

Die GW setzt bewusst auf eine „Realisierungsphase", in der die entwickelten Ideen gemäss der ausgehandelten Routinen und Aufgabenverteilungen umgesetzt werden sollen. Dabei werden jedoch zusätzlich Reflektions- und „Kontrollphasen" zugeschaltet, was vielen anderen Methoden häufig fehlt, bzw. aus Ressourcenmangel nicht immer durchgeführt wird.

Mit dieser Handlungsorientierung gerät die GW aber in die grundsätzliche Gefahr, dass dadurch „Realisierungsdruck" aufgebaut wird, der am Ende ein gesellschaftlich nicht notwendiges Produkt entstehen lässt. Zum einen, weil angedachte Ideen in praktikable Umsetzungsschritte herunter gebrochen werden müssen, zum anderen aber wenn aufgrund der Eigendynamik in Gruppenprozessen letztlich ein „kollektives Eigeninteresse" verfolgt wird, dem die Ankoppelung an bestehende Relevanzen fehlt. Damit dieses analytische Problem jedoch nicht überbewertet werden muss, gilt auch hier, dass die Einbettung der GW sowohl seitens der „Begleitinstanzen" als auch hinsichtlich der Ankoppelung an andere gesellschaftliche Diskurssysteme vor der Einsetzung einer GW gründlich zu prüfen ist. In den Worten der GW selbst ausgedrückt, gilt es kontinuierlich zu prüfen, dass das „brennende Anliegen", das Ausgangspunkt der Einsetzung einer GW und als Motivationsgrund für die Teilnahme war, mit den vorgeschlagenen oder zu realisierenden Massnahmen in Zusammenhang steht.

3. GW und Beteiligung

Wie oben erwähnt, geht in den Materialien zur Gemeinsinn-Werkstatt der Begriff Beteiligung an verschiedenen Stellen mit sehr unterschiedlichen Konnotationen einher. Allgemein beschleicht einen der Eindruck, dass hier Beteiligung generell als „Mitmachen" verstanden wird. Im schlechtesten Fall scheint aber auch blosse „Anwesenheit" die Würdigung durch den Begriff Beteiligung zu erhalten.

Die Problematik des Begriffes Beteiligung ist nicht gerade neu und hat sicherlich auch ihre Ursache in der Verwendung in unterschiedlichen Funktionsbereichen der Gesellschaft, von der Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung nach BauGB, in der politischen Beteiligung durch Mitwirkung in Parteien, Interessensverbänden und durch die Teilnahme an Wahlen bis hin zu ökonomischer Beteiligung durch den Kauf von Aktien und Anteilen.

Grundsätzlich erscheint mir hier, um Beteiligung abgrenzen zu können von Anwesenheit, Mitwirkung, Mitmachen, (Mit-)Beeinflussung, (Mit-)Entscheiden u.ä., wesentlich, dass Beteiligen auf das Teilhafte von Etwas verweist. Es geht also nicht um „das Ganze" im Sinne von alles oder nichts, sondern ganz konkret um das „Dabeisein" bei etwas, was da ist. Denn was nicht da ist, kann auch nicht geteilt werden.

Somit wäre Beteiligung, wenn sie denn wirkungsvoll sein soll, daran zu messen, ob die eingesetzten Verfahren am Ende vorhandene Strukturen beeinflussen, vor allem hinsichtlich ihrer Entscheidungsvollmachten. Der in der GW verwendete Beteiligungsbegriff setzt hingegen an einer anderen Stelle an und umfasst jegliche gesellschaftlich wirksame Handlung als Beteiligung auf. Dies ist zwar ein durchaus weit verbreitetes Verständnis von Beteiligung, erschwert aber die Analyse der Chancen und Schwierigkeiten der GW vor allem dahin gehend, dass die Fragen der gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen staatlichen Organen und Kollektiven der Bürgerschaft eher ausgeblendet werden, da Beteiligung als per se „gut" qualifiziert wird und die Beeinflussung der staatlichen Organe in dieser Betrachtung zumeist appellativ bleiben müssen.

Die GW reiht sich somit eher in die Sammlung von Methoden zur Aktivierung der Bürgerschaft ein, des Setzens auf Mitmachen, des gemeinschaftlichen Teilens innerhalb eigen gesetzter Projekte und vor allem der Entwicklung von Ideen und Realisierungspotenzialen. Selbst dort, wo die GW eingesetzt wird im Rahmen vorhandener Routinen, um die später zu treffenden Entscheide und Massnahmen zu verbessern („Delegation"), bleibt der GW, wie den meisten anderen Methoden nur das Prinzip Hoffnung, ob damit tatsächlich Beeinflussung erreicht wird.

Wird jedoch einmal der Begriff Beteiligung im gesamten Werk weggelassen und statt dessen das eigentlich Gemeinte gesagt, eben gemeinsames Handeln, Mitmachen, Kompetenzen verbessern, gegenseitiges Kennenlernen und vieles mehr, so kann der GW unterstellt werden, dass sie diese Aufgaben wirkungsvoller realisieren wird, als viele anderen derzeitig bekannten Methoden. Nicht zuletzt aufgrund der präzisen Strukturierung und des iterativen Verfahrensablaufes.

4. GW und Zivilgesellschaft

Die GW reiht sich, wenn dies auch selten expliziert wird, ein in verschiedene Überlegungen zur Stärkung der Zivilgesellschaft in Abgrenzung zu klassischen Aufgabenwahrnehmungen durch staatliche Institutionen und damit auf das Prinzip „Selbermachen" statt „Machenlassen". Problematisch bleibt jedoch in diesem Zusammenhang der nicht zu unterschätzende externe Aufwand der Begleitarbeit einer GW. In anderen Worten, die Wahrscheinlichkeit, dass eine GW rein aus den Kräften der Bürgerinnen und Bürger initiiert, durchgeführt, evaluiert und und und wird, dürfte als gering einzuschätzen sein. Vielmehr handelt es sich wohl dabei um eine Art Zwitterwesen, ein Machenlassen unter Nutzung des Selbermachens.

Jedoch sind die methodischen Überlegungen, die in der Konzeption der GW begründet liegen, denn sie genutzt werden, bestens dazu geeignet, so etwas wie „Zivilgesellschaftliche Übung" mit der Perspektive auf Kompetenzzuwachs zu wirklichem zivilgesellschaftlichem Handeln darzustellen. Oder anders ausgedrückt, die GW verspricht, dass die Erfahrungen, die die Mitwirkenden mit ihr machen, zukünftig nützlicher für weitere Aktivitäten dieses Personenkreises sein werden, als vielerlei andere Methoden, seien sie noch so offen oder geschlossen konzipiert. Denn entgegen manch anderen eingesetzten Methoden und Verfahren wird in der GW nicht nur einfach Sachverstand kurzfristig abgerufen oder schlicht Ideen gesammelt, sondern in einem mehrstufigen Ablauf verarbeitet, reflektiert und aufbereitet. Zudem stehen die Teilnehmenden an einer GW keinem machtasymmetrischen „Apparat" gegenüber, sondern haben vor allem die allgemeine Öffentlichkeit als externe Relevanzgeberin.

5. Würdigung aus systemischer Sicht

Ohne allzu ausführlich auf die Bandbreite systemischen Denkens hier einzugehen, bleiben bei der Betrachtung der GW interessante und weiterführende Überlegungen anzustellen. Dabei gilt zu berücksichtigen, dass systemisches Denken bewusst individuelle Sonderfaktoren ausblendet, sondern die Leistungen von Kollektiven auf andere Kollektive und die Gesamtgesellschaft im besonderen Fokus hat.

5.1 Zusammensetzung einer GW

Grundsätzlich ist zu begrüssen, dass eine GW aufgrund von Problemstellung und Interesse ihre personelle Zusammensetzung erfährt und nicht durch Delegation von formal genormten Aufgaben. Dabei spielt zunächst auch keine Rolle, ob diese dann eine Teilmenge eines bestehenden Kollektivs darstellt oder ein neues, für dieses Projekt speziell zusammengesetztes Kollektiv wird. Dies ermöglicht zumindest einen Grundkonsens darüber, was als problematisch im weitesten Sinne anzusehen ist und eröffnet bereits einen stabilisierenden Rahmen für die dann zu entwickelnden Lösungen.

5.2 Umgang mit Kompetenzen

Idealiter geht die GW von einer Gleichheit bei den kommunikativen Kompetenzen aus und dies nicht im Sinne, dass sich jede Person gleich gut artikulieren kann, sondern, dass jeder Kommunikationsakt gleichrangig behandelt wird. Ebenso wird konzeptionell mit dem Wissen, dass diesen Kommunikationsakten inneliegt, verfahren. Diese Enthierarchisierung kann aber nur wirken, und auch hier gilt das Verfahren der GW als gut durchdacht zu loben, wenn die Zeitpunkte und Anlässe für Kommunikationsakte im Kollektiv über ausreichend unterschiedliche Anlässe, zu regelmässigen Zeitpunkten und ganz banal sehr häufig, stattfinden und stattfinden können. Wer je ein zweitägiges Open-Space erlebt hat, wird sich sicherlich schon einmal gefragt haben, ob das Prinzip der offenen gleichberechtigten Kommunikation hier überhaupt wirken kann, da es gerade an diesen Kriterien fehlt bzw. diese durch Zeitmangel nicht ihre volle Wirkung auf alle Anwesenden entfalten kann.

Dagegen wird der Organisationsaufbau innerhalb einer GW hierarchisiert, was gerade hinsichtlich der Kommunikationskompetenz als nützlich einzuschätzen ist, da die „schwächsten" Glieder ihre Kompetenzen genau am richtigen Ort einsetzen können und das Kollektiv nicht durch Seitenaspekte in ihrer Arbeit behindert wird. Gleichzeitig erfolgt durch die notwendigen Diskussionen über den Wirkungsbereich der einzelnen Hierarchien eine verbesserte Aufgabenkomposition bzw. -dekomposition, was gut geleitet eine Verbesserung der Nutzung der anderen Kompetenzen mit sich führen kann. In anderen Worten, die Teilnehmenden können sich selbst entscheiden, ob sie ihre jeweiligen Kommunikationskompetenzen allein auf das Anliegen konzentrieren wollen oder auch innerhalb des Organisationsgefüges mitreden wollen. Aber dass sie das gegebenenfalls können, zeichnet diese Methode besonders aus.

Zum anderen wird durch den notwendigen Informationsfluss zwischen den einzelnen Strukturelementen auch ein Kompetenzaufbau bewerkstelligt, der auf Zusammenfassung, Überprüfung der Richtigkeit von vorgetragen-verstanden, Sicherung der eigenen Ideenwelt und dergleichen mehr abzielt und damit eine zwingend notwendige Voraussetzung für jede weitere Arbeit in Kollektiven darstellt.

5.3 Zweck und Ziel

Es dürfte in der weiteren Verfeinerung der GW zwingend notwendig erscheinen, diese Methode von belastenden Zweckabsichten zu befreien. Dies vor allem hinsichtlich der Frage nach Beteiligung im strengen Sinne. Da es sich um eine relativ junge Methode handelt, dürfte dies noch als „Jugendsünde" durchgehen, könnte aber bei AnwenderInnen zu erheblichen Verwerfungen führen. Vor allem dort, wo zukünftig eine GW tatsächlich qua Delegation zur Verbesserung eines sonst anders durchgeführten Verfahrensweges dienen soll.

Empfehlenswert erscheint daher die Zweck- und Zielfrage einer GW neu zu formulieren: Die GW stellt ein Instrument dar, einen erkannten Problembedarf zu benennen, seine Seitenbedingungen zu eruieren und kollektiv Lösungen zu entwickeln und ggf. diese Lösungen auch umzusetzen (Zweck). Dies wird erreicht durch die Nutzung der Befähigungen von Menschen in einem neu zusammengesetzten Kollektiv als Vorbereitung für eine eigenverantwortete Mitwirkung in der Zivilgesellschaft (Ziel).

6. Resümée

Mit der Gemeinsinn-Werkstatt wird ein weiteres Instrument zur Verbesserung der Teilhabe am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess eingeführt. Der Detaillierungsgrad der mit ihr vorgestellten Methoden und Handlungsempfehlungen zeugt von hoher Praxistauglichkeit und nützlichen Erfahrungswerten.

Leider bleibt dabei allerdings der Begründungszusammenhang für zivilgesellschaftliche Aktivitäten etwas im Hintergrund, sondern verharrt ein wenig zu sehr auf der grundsätzlichen Unterstellung, dass es schon gut sei, wenn Menschen gemeinsam etwas tun. Es wird daher sehr darauf ankommen, wie sich die Aktivitäten nach einer durchgeführten Werkstatt weiter entwickeln und ob dann die plausible Vermutung bestätigt wird, dass es sich hierbei nicht nur um eine Methode für ein brennendes Anliegen handelt, sondern um einen geeigneten Einstieg für eine stärkere bürgerschaftliche Mitwirkung.

Es gilt aber ebenso aufmerksam zu bleiben, wie sich die GW in dem unübersichtlich gewordenen Markt der „Beteiligungsangebote" behauptet, vor allem dahin gehend, dass die Intentionen dieses Instrumentes nicht durch Nachlässigkeit, Marktzwang, Beeinflussung oder Misstrauen verwässert werden. Für all diejenigen aber, die sich ernsthaft um eine Verbesserung der Lebensumstände in einer Gesellschaft bemühen wollen, bietet die GW eine Fülle von Anregungen und wohldurchdachten Handlungsansätzen.

manfredjosefpauliAutor

Manfred Josef Pauli
Dr.-Ing. Dipl.-Ing. Raumplanung
Hagenholzstrasse 100
CH 8050 Zürich
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http://www.pbbd.de

Eigene Veröffentlichung:

"Kontextualisierung als Instrument zur Erfüllung des Beteiligungsanspruches in der Stadtplanung", Shaker Verlag, Aachen 2006

Weiterführende Links:

Intro - Beteiligung übers Reden hinaus

Infomaterial - Dokumente und Materialien

Beteiligung übers Rednen hinaus - Veröffentlichung am 31.05.05

"Beteiligung übers Reden hinaus" (2. Auflage)

Kommentare
Jugendsünden des Beteiligungsverfahrens
Geschrieben von Faenderl am 2006-10-05 10:50:54
Sehr geehrter Herr Pauli, 
 
herzlichen Dank für die wertschätzende und zugleich kritische Reflexion, die mich bereits im Vorfeld angeregt hatte mit Ihnen in Austausch zu treten. Hier einige der Rückmeldungen auch für die Öffentlichkeit: 
 
zu 2.1 Nützlichkeit von Projekten 
 
Ein Projekt ist ein Projekt und kümmert sich um mittelfristige Themenstellungen, Entwicklungs- und Veränderungsprozesse. Nachteil: keine langfristig verlässliche Struktur die gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Vorteil: gesellschaftliche Veränderungen werden schneller erkannt und in der passenden Konstellation, in geteilter Verantwortung und mittelfristig verlässlichen Strukturen aufgegriffen.  
 
Je nach Anliegen einer Kommune muss also zwischen der Einrichtung langfristiger Stellen oder der Umsetzung eines GW-Projektes entschieden werden. In manchen Fällen würde ich beides empfehlen ;-) 
 
zu 2.3 Realisierungsdruck und Relevanz 
 
Die GW wird zu gesellschaftlich relevanten Themen eingesetzt. Ein Realisierungsdruck ist bereits intrinsisch motiviert vorhanden (Stichwort: „brennendes Anliegen“). Die „Werkstatt“ führt dabei unterschiedliche Ressourcen selbstorganisiert zusammen. Die Aktionsgruppen sind eigenverantwortlich und unabhängig von anderen. Sie werden nur besser unterstützt und von einer größeren Gemeinschaft mitgetragen, wodurch Einzelprojekte leichter verbreitet, realisiert und reflektiert werden können.  
 
Wenn Realisierungsdruck, dann weil man selbst gerne Erfolge am Ende vorweisen will (nicht muss!). Welche Erwartungen Beteiligte haben und was für sie relevant ist, kann höchst unterschiedlich sein und bleiben. Wichtig ist, dass Bedürfnisse, Erfahrungen und Perspektiven der Beteiligten ausgetauscht werden, sich damit verändern können und die Werkstatt mit individuellem und kollektivem Mehrwert verlassen wird (Triple-Win).  
 
 
zu 3. Die Wirkung von Beteiligung und das Prinzip Hoffnung 
 
Der Ansatz einer „Beteiligung übers Reden hinaus“ hat tatsächlich das „mitMACHEN“ im Fokus.  
 
Ein Schwachpunkt unserer repräsentativen Demokratie – neben einer Vielzahl von Stärken – ist das Gefühl gesellschaftlich relevante Entscheidungen an Mehrheitskonstellationen der Politik abgeben zu müssen (dem widerspricht das Minderheitenrecht unserer Demokratie). Darüber hinaus wird auf diesem Weg die Entscheidung vom Handeln entkoppelt und der engagementbereite Bürger überführt seine Handlungsenergie in Anfragen bei der Repräsentanz, die es dann häufig nicht versteht ihn bei der Umsetzung seines formulierten Anliegens direkt und mitverantwortlich einzubinden.  
 
Diese Energiebremse für freiwilliges Engagement löst das Verfahren einer GW zeitnah auf, ohne die repräsentativen Entscheidungsstrukturen in Frage zu stellen. Die bewusste Differenzierung von Person und Institution, von Alltags- und Projektrollen ist eine besondere Leistung der GW. Sie führt dazu, dass der Stadtrat (selbst Bürger und Mensch!) sich mit anderen Menschen, Bürgern und institutionellen Vertretern über eine Projektidee austauschen, Erfahrungen weitergeben und auf Stadtratsebene, mit neuen Argumenten gestärkt, in die politische Arbeit gehen kann. Nur durch diese konstruktiv verstandene ‚Bürgernähe’ kann auch das verloren gegangene Vertrauen in die Politiker (und der Politiker in die Bürger) wieder entwickelt werden. 
 
Das "Prinzip Hoffnung" ist nicht mal so schlecht (wie sein Ruf). Aber gerade bei der GW bleibt es nicht dabei. Hier werden eigene Reflexionen angestoßen, Kontakte aufgebaut, Vernetzungsprozesse intensiviert, Pläne geschmiedet und eigenverantwortlich umgesetzt, Partnerschaften und Kooperationen etabliert, das eigene und gemeinsame Tun reflektiert, aus Erfolgen und Fehlern gelernt…. Alles andere als ein auf Hoffnung basierendes Delegationsverfahren.  
 
Damit ist die GW aber auch individuell besonders herausfordernd. „Ich muss hier selbst Initiative und Verantwortung übernehmen, um gesellschaftlich etwas zu bewegen!“ 
 
zu 5.3 Von belastenden Zweckabsichten befreien 
 
Im klassischen Beteiligungsjargon begeht die GW wohl so manche „Jugendsünde“ und stellt ihn damit in Frage. So ist z.B. die Frage wer wen beteiligt bei der Gemeinsinn-Werkstatt nicht eindimensional gestellte. Vernetzungsanliegen können von unterschiedlichen Seiten ausgehen und ob es eine 'Graswurzelbewegung' oder ein 'Top-Down-Prozess' ist… Beteiligung nach der Gemeinsinn-Werkstatt fördert sowohl als auch! Die Lösung komplexer Herausforderungen braucht das Zusammenwirken beider Energien. Für schwerwiegende Konflikte und Machtspielchen ist die GW sowieso nicht vorgesehen. 
 
Da sich GemeinSINN-Werkstatt explizit stärker am „Sinn“ als am „Zweck“ orientiert (vgl. Beteiligung übers Reden hinaus, 2005, S. 41ff) war der Satz mit den belastenden Zweckabsichten besonders missverständlich. Dennoch teile ich die Einschätzung, dass gerade die Beratung der Auftraggeber den Mehrwert solcher ‚zweckfreien Räume’ vermitteln muss. Schön, wenn hier aus wissenschaftlicher Reflexion Unterstützung kommt. 
 
zu 6. Resümée 
 
Nochmals herzlichen Dank für die Hinweise, Rückmeldungen und Schlussfolgerungen zum Projektverfahren Gemeinsinn-Werkstatt. Intensive theoretische Auseinandersetzungen sind ja auch bei der Entwicklung des Ansatzes auf der Tagesordnung gestanden und haben zum heutigen Stand geführt. Weitere kritische Fragen und Anmerkungen sind also sehr willkommen. 
 
Wolfgang Fänderl

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