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Aug 16 2006
Ein neu erwachtes National-Gefühl? Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Ruth Sander   
Mittwoch, 16. August 2006

Mohrvilla_Logo.gifDeutschland nach der Fussball-WM: das Fahnenmeer hat abgeebbt... was ist geblieben? Wie sehen sich die Deutschen, wie werden sie von außen gesehen?  Am 27.09.2006 fand gegen 18.30 Uhr in der Mohrvilla in Freimann wieder eine politische Aufstellung statt. Die Zusammenfassung anbei. 

 

deutschlandfahne.jpgDie Fussball-WM hatte eine interessante Begleiterscheinung: Die deutschen Farben durften wieder gezeigt werden! Aus Autos und Fenstern wehten die Fahnen, eine eigene kleine Industrie entstand: Girlanden, Ohrstecker, Schminkkästchen in den Landesfarben... Eine Euphorie, die schnell wieder verpufft ist? Oder ein neues Nationalgefühl? Dürfen die Deutschen wieder stolz sein auf ihr Land?

Zum Vorgehen der "Kultur und Politik im Raum" gibt es bereits zu unterschiedlichen Themen mehrere Berichte: "Politik im Raum", "Vision Vollbeschäftigung", "Macht Geiz geil?" und "Bedingungsloses Grundeinkommen".

Zur Methode:

Die Nützlichkeit der Aufstellungsmethode wurde ursprünglich von FamilientherapeutInnen entdeckt. Inzwischen wird sie auch in beruflichen Beratungssituationen erfolgreich eingesetzt.

Dabei wird über das jeweilige Thema nicht primär geredet, sondern dieses wird im Raum abgebildet: Anwesende stellen sich als Rollenträger von System-Aspekten zur Verfügung, die Dynamiken im System werden sicht- und erlebbar.

In dieser Veranstaltungsreihe versuchen wir, komplexe Themen aufzugreifen und - für unsere westliche Welt - auf ungewohnte Weise gesamtheitlich und sinnlich erfahrbar zu machen, ohne dabei das Aufdecken endgültiger „Wahrheiten" zu beanspruchen.

Kurzbericht

Bei einer einleitenden Skalenarbeit zum Thema: „Wie viel bedeutet mir meine eigene Nationalität?" reichen die Werte von +7 (hohe gefühlsmäßige Identifikation) bis -2 (Ablehnung, sich über die Nationalität identifizieren zu wollen bzw. über sie identifiziert zu werden).

Themen- und Rollenfindung

Danach spinnen wir in Kleingruppen an den uns interessierenden Facetten des Themas. Folgende Fragen werden gefunden:

  • - Was ist Nationalstolz?
  • - Welche Resonanz hat das Nationalgefühl in der Seele?
  • - Was verbindet uns an positivem Gemeinschaftsgefühl?
  • - Inwieweit fördert/behindert das Zugehörigkeitsgefühl das Mensch Sein?
  • - Was ist Deutsch-Sein, und wie viel Fremdes verträgt es?

Daraus versuchen wir gemeinsam, eine uns alle interessierende Fragestellung zu finden, und landen bei: „Was macht nationales Zugehörigkeitsgefühl mit uns Menschen?"

Da die Gruppe sehr experimentierfreudig ist, wollen wir daraus eine verbale Strukturaufstellung machen, nämlich RepräsentantInnen für die einzelnen Wörter dieses Satzes aufstellen. Die einzelnen Elemente heißen daher diesmal:

  • - Was
  • - Macht
  • - National
  • - Zugehörigkeit
  • - Gefühl
  • - Mit
  • - Uns
  • - Menschen

Freiwillige melden sich für die einzelnen Begriffe, allerdings will niemand die Rolle der Zugehörigkeit übernehmen, sodass wir schließlich folgenden Satz in den Raum stellen:

Was macht nationales (=National-)Gefühl mit uns Menschen?"

Dynamische Aufstellung

Im ersten Bild stehen die Menschen und das Gefühl nahe beisammen. Sie fühlen sich wohl und als Beobachter der Prozesse der anderen, wollen damit nichts zu tun haben. National steht 90° von den anderen abgewandt und fühlt sich verkannt. Macht steht nahe bei National und kann zwar alle sehen, fühlt sich aber kraftlos. Von den anderen wird Macht auch nicht als Verb, sondern als Substantiv, die Macht, wahrgenommen. Mit steht nahe der Mitte. Was fühlt sich zusammen mit Macht, National und Mit als Teil eines eigenen Kreises abseits der Gruppierung aus Menschen und Gefühl, quasi als Becken, als Stausee. Zöge man das Mit, gewissermaßen die Stausee-Sperre, heraus, ergösse sich die dort gesammelte Energie direkt auf die Menschen und das Gefühl. Uns steht näher als die Menschen am Rest des Systems und fühlt sich als Spielball des Geschehens, ohne es zu verstehen.

Die RepräsentantInnen werden gebeten, ihren Impulsen zu folgen. Daraus ergeben sich folgende Veränderungen:

Für Was passt es nicht, dass National von den anderen Elementen abgewandt ist. Es geht auf National zu und schubst es ziemlich unsanft so lange, bis es sich den anderen zuwendet.

National wandelt sich vom Adjektiv zum Subjektiv, also zum Nationalen. Es bedauert die Ferne und Ablehnung durch die Menschen und beharrt darauf, etwas Gutes zu sein, das ideologisch missbraucht wurde. Es bittet die Menschen, das Nationale und den Missbrauch auseinander zu halten. Das wiederum rührt die Menschen und interessiert sie. Die Menschen bitten darum, als eigenes Element noch den Missbrauch aufzustellen, um ihn besser vom Nationalen trennen zu können. Daraufhin hat das Nationale den Impuls, zur deutschen Nation zu werden, wovon sich die Menschen und das Gefühl erneut abgestoßen fühlen.

Da niemand von den bisherigen BeobachterInnen die Rolle des Missbrauchs übernehmen will, stellen wir einen schwarzen Barhocker dafür auf und experimentieren mit dem stimmigen Ort dafür: Mal steht er neben dem Nationalen, dann vor ihm, dann in der Mitte des Geschehens.

Nun wünschen sich die Menschen, dass die Macht die Verantwortung für den Missbrauch übernimmt. Prompt geht die Macht auf den Missbrauch zu, setzt sich darauf und verschmilzt damit. Sie verspürt wollüstige Gefühle, möchte die anderen eiskalt manipulieren und ausnutzen, ohne jedes Schuldgefühl. (Zitat der Macht: „Der Missbrauch bezieht sich jetzt nicht mehr auf die Vergangenheit, der findet in der Gegenwart statt. Ich denke z.B. an Kinderarbeit um 50 Cent in der Stunde...") Die Menschen und das Gefühl werden dadurch weit nach hinten katapultiert, empfinden körperliche Übelkeit und wollen möglichst viel Abstand zwischen sich selbst und das schreckliche Geschehen legen, während das Was genau dorthin gezogen wird und gerne untersuchen möchte, was da geschieht.

Bevor wir die Aufstellung auflösen, entwickeln die Menschen noch eine Vision von einem National-Begriff, der, vom Missbrauch getrennt, wieder positive und nährende Züge enthalten könnte...

Reflexion

„In der Rolle als Mensch habe ich lange gebraucht, um zu verstehen, dass Missbrauch und das Nationale zwei verschiedene Aspekte sind, die nicht notwendigerweise zusammengehören. Dieses „Sich-Zeit-lassen" für Verstehen halte ich für wichtig, d. h. wir sollten respektieren, dass das nicht so einfach ist und mal eben so geht.

Als ich das klar hatte, empfand ich ein sehr schönes Gefühl für das Nationale, es hatte eine helle, freundliche, unterstützende Qualität.

Auch der neue Annäherungsprozess (der sich in der Aufstellung andeutete) braucht sein eigenes Tempo. In der Rolle war ich nach  wie vor sehr vorsichtig mit der Annäherung, als das Nationale auf mich zukam.

In der Aufstellung war für mich noch wichtig, dass es das Was gab. Es war wie ein Wächter.

Kommentar: Wenn wir in der Gesellschaft viel (hinter-)fragen, hat es der Missbrauch schwer."

„Ich habe heute Abend eine ganz ähnliche Quintessenz gezogen wie bei der letzten Aufstellung: Niemand und Nichts darf ausgeschlossen werden oder verloren gehen.

Es hat sich gut angefühlt, als der Missbrauch offen und für alle gut sichtbar in der Mitte des Kreises stand und von allen beaufsichtigt werden konnte. Immer, wenn sich jemand des Missbrauchs bedient, können alle Anderen es klar wahrnehmen. Alle können mitmachen, auch das Nationale, um den Missbrauch zu kontrollieren und einzudämmen. Jeder Einzelne mit all seinen vielen verschiedenen Talenten ist wichtig in diesem gemeinsamen Prozess. Zieht euch nicht raus, schaut hin, macht mit, sprecht mit und gestaltet mit!

Interessanterweise war es der Wunsch der Menschen, den Missbrauch in die unmittelbare Nähe des Nationalen zu stellen, wo die Macht den Missbrauch besetzen und zum Machtmissbrauch werden konnte. An diesem Punkt ist für mich die Aufstellung gekippt. Mir wurde klar, dass der Machtmissbrauch auf die Zeit des Nationalsozialismus eingeengt wurde. Der Machtmissbrauch wurde gewissermaßen historisiert. Aber der Blick auf die Gegenwart, in der ja immer Missbrauch und Machtmissbrauch stattfindet, hatte keinen Schauplatz mehr. Zu meinem eigenen Erstaunen ist also nicht das Nationale die Gefahr, sondern der eingeengte Blick, und dass die meisten Menschen an der Gestaltung der Gegenwart nicht beteiligt werden..."

„In bestürzender Klarheit ist mir deutlich geworden, dass Veränderung blockiert wurde in dem Moment, als ein Wunsch ausgesprochen wurde, als nationales Potenzial instrumentalisiert wurde, und daraus Machtmissbrauch entstand. Diese Beharrungstendenzen lassen viele Möglichkeiten, Neues zu absorbieren, brach liegen. Eigentlich hatte mich die Frage beschäftigt: Wie viel Fremdes verträgt nationales Sein? Aber für dieses  Vertragen muss Veränderungswille vorhanden sein, denn Deutschland will ja Einwanderungsland sein. Wenn wir das sein wollen, müssen wir bereit sein, uns zu verändern, sonst können wir diesen Anspruch nicht leben. Das nehme ich vom heutigen Abend mit, das hat bei mir Gedanken ausgelöst."

„Für mich war das ein spannender Abend. In den letzten Wochen habe ich mir Gedanken gemacht, worum es für mich grad geht, und da ist das Bedürfnis nach mehr Gemeinschaft aufgetaucht. Eigentlich das, was wir hier erleben. Wir kommen zusammen, schauen uns Dinge an, das finde ich sehr wertvoll. Das, was mir deutlich geworden ist, ist der Mut, hinzuschauen und zu kommunizieren, zu verstehen, mit dem Gefühl und auch mit dem Kopf. Das nachvollziehen, dann kommt was in Bewegung.

Ich glaube, dass ich mir in meiner Biografie oft nicht klarmache, wie prägend die Erfahrungen der Vergangenheit sind und man die nicht unter den Tisch kehren kann. Gerade weil ich als Therapeut arbeite, neige ich oft dazu, mir nur die Gegenwart anzuschauen, die ist so komplex, das reicht vollständig. Und doch muss ich mir in meiner eigenen Geschichte immer wieder klar machen: Ich verhalte mich so, weil ich so und so geprägt bin. Und genauso war es heute im Kollektiven, dieses massiv konfrontiert werden mit dem, was noch nicht abgeschlossen ist, was noch weitergeht.

Die Zugehörigkeit hat gefehlt, da geht's weiter. Zugehörigkeit ist ja nichts Nationales, sondern eine Qualität des Mensch Seins. Das hätte noch mal was verändert, glaube ich."

„Ich bin Jahrgang 1958, und ich kann mich noch an den Geschichtsunterricht in der Schule erinnern. Manche Phasen sind öfters durchgenommen worden, aber ich konnte mich nie mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Die Lehrer haben es immer geschickt verstanden, dieses Thema zu umgehen und zu tabuisieren. Wir kamen nicht mal bis zum ersten Weltkrieg... Eine umgekehrte Erfahrung habe ich mit meinen Kindern gemacht: Meine 21jährige Tochter hat das Thema Holocaust in verschiedenen Klassen fünf oder sechs Mal durchgenommen, so oft, dass sie irgendwann gesagt hat: „Ich kann's jetzt nicht mehr hören! Es muss doch noch was anderes geben..."

Insofern hat mich die Fußball-WM gefreut. Ich hab mir gedacht: Jetzt gibt es ein weniger verkrampftes Umgehen mit nationalen Symbolen, Spaß und Freude ist möglich. Aber die Möglichkeit von Missbrauch ist prinzipiell immer noch vorhanden.

Die Aufstellung hat mich erinnert an meine Nachholversuche von dem, was ich in der Schule versäumt habe. Ich habe dadurch die Überzeugung gewonnen: Ein ungebrochenes Verhältnis zum Nationalen ist zumindest für uns Deutsche nicht möglich. Das ist passiert, wir müssen dem ins Auge schauen. Und das wird nicht nur für unsere Generation gelten, sondern auch für unsere Kinder. Das wird eine ganz lange Zeit präsent sein, und ich finde das auch gut so. Das sollte uns aber nicht abhalten, auch mal zu feiern, wie es Angehörige anderer Nationen auch tun, aber dabei auch aufzupassen, dass sich das Nationale und die politische Ideologie, die zum Machtmissbrauch führen kann, nicht zu nahe kommen."

„Ich habe mir in der Kleingruppe zu Beginn die Frage gestellt: Wie kann ein Nationalgefühl für die Deutschen wohltuend sein? - und darauf habe ich eine klare Antwort bekommen: denkend unterscheiden zwischen Nationalem und dem, was historisch passiert ist, und dann das Nationale gern haben, schätzen, mit Inhalten füllen. Dann bekommt man vielleicht auch ein unverkrampfteres oder überhaupt erst ein Gefühl für Nationalstolz. Ich persönlich verbinde damit nichts. Ich kann auf etwas stolz sein, was ich selbst geschaffen habe, aber ich habe an Deutschland nichts geschaffen. Der Begriff ist für mich leer."

„Zuerst habe ich mich gefragt, wie oder wodurch die Menschen hätten bewegt werden können, den geschehenen Missbrauch zu akzeptieren und wieder näher zu den Anderen zu kommen. Denn der Missbrauch ist passiert, den kann man nicht einfach negieren.

Inzwischen kam mir dazu eine Idee: Solange die Menschen die Verantwortung für den Missbrauch der Macht zuschieben und nicht selbst ihre Macht und Verantwortung nehmen, solange werden sie sich schwach und kraftlos fühlen, und die Macht wird weiter auch Missbrauch treiben...

Eine andere Frage ist für mich noch, ob die Begrifflichkeiten ‚Nation' und ‚das Nationale' im Deutschen verbrannte Erde sind. Ist es möglich, ihnen neues Leben einzuhauchen? Oder wäre es besser, einen anderen Begriff wie ‚Heimat' zu verwenden?"

„Ich würde es festmachen am Ausspruch Udo Marquardts: „Zukunft braucht Herkunft." Ich bin Jahrgang 36. Ich bin immer wieder erstaunt, woran ich mich noch erinnern kann, wovon andere sagen, sie hätten nichts gewusst. Andererseits müssen wir aufpassen, dass wir den Blick nicht nur nach hinten wenden, sondern auch nach vorne. Möglicherweise könnte die Herausforderung darin bestehen, dass wir als Gruppierung beschließen, etwas für die Zukunft zu tun. Etwas auf den Weg zu bringen. In Bezug auf den Machtmissbrauch denke ich mir öfter, wenn ich meine Nachbarn anschaue: Wer würde der Blockwart sein? Schreckliche Vorstellung! Da stelle ich mir lieber die Frage: Mit wem zusammen könntest du hier Zukunft gestalten? Das sind verdammt wenige, leider. Auf die andere Frage fallen mir verdammt viele ein. Das beunruhigt mich schon."

„Ich bin eigentlich mehr wegen der Methode gekommen, das Thema fand ich gar nicht so wichtig. Ich dachte bei den Fähnchen und der Begeisterung der Fußball-WM: Ja, lass sie doch!

Aber durch die Aufstellung habe ich gemerkt: Es ist nicht so harmlos, wie ich dachte. Für mich nicht in erster Linie wegen der Vergangenheit, sondern wegen der Gegenwart. Die Missbrauchsgeschichte ist nicht Vergangenheit, sie geht weiter. Und das Nationale lässt sich dafür missbrauchen. Das war für mich eine Bahnbrechende Einsicht. Das Gefährliche am Nationalismus ist meiner Meinung nach die Abgrenzungstendenz, das Ausgrenzen Anderer. Das öffnet dem Missbrauch Tür und Tor.

Es gibt eine Form von Identifikation mit Heimat, die nicht ausgrenzt. Man kann seine Heimat haben und lieben und dem Anderen auch dessen Heimat lassen und lieben lassen."

Ansprechpartnerin

Dr. Ruth Sander
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Kommentare
Spezifisch Eingeladene
Geschrieben von Redaktion am 2006-09-20 10:50:49
Wir werden auch einen Soziologen unter uns haben, Dr. Siegfried Rosner, der uns für Rückfragen zur Verfügung steht.  
 
Ach ja, und AusländerInnen, die uns eine Außensicht auf die Deutschen und Deutschland liefern können, sind natürlich auch herzlich willkommen! 
 
Ruth Sander

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