Aktuell
Termine
Initiativen
Gedanken
Hinweise
Erläuterungen

Aug 14 2006
Großgruppenverfahren als Allheilmittel? Drucken E-Mail
Geschrieben von Annalena Hans   
Montag, 14. August 2006

2005-02-07-Lernforum-zur-Bo.jpgIn einer Diplomarbeit im Studiengang Soziologie zu "Chancen und Risiken des Einsatzes von Großgruppenverfahren" werden die zwei Beispiele Zukunftskonferenz und Open Space kritisch auf den Prüfstand gestellt. Das Fazit der Interviews mit Beratern, Wissenschaftlern und Auftraggebern veröffentlicht Annalena Hans auf diesen Seiten. 

Fragestellung

Die wirkungsvoll klingenden Begriffe "Großgruppenverfahren", "Zukunftskonferenz" und "Open Space" lassen die Erwartungen bei interessierten Kunden und Beratern oft schnell in die Höhe schießen. Doch was verbirgt sich tatsächlich hinter solch imposanten Begriffen? Was sind die Bedingungen für einen erfolgreichen Einsatz und wo liegen die Chancen und Grenzen besagter Verfahren?

Dieser Fragestellung wurde mit einer Diplomarbeit nachgegangen, unter dem Titel: „Chancen und Grenzen des Einsatzes von Großgruppenverfahren. Eine empirische Studie am Beispiel von Zukunftskonferenz und Open Space.“ Diese Arbeit entstand im Rahmen des Forschungsprojektes ‚Handbuch Großgruppenverfahren’, unter der Leitung und Betreuung von Frau Dr. Nicole J. Saam am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der Begriff "Großgruppenverfahren" umfasst eine Vielzahl von verschiedenen Methoden, die seit Mitte der 90er Jahre vermehrt der Unterstützung von Organisationsentwicklungsprozessen dienen und auch speziell für selbige konzipiert wurden. Großgruppenverfahren sind im Rahmen langfristiger organisationaler Veränderungsprozesse als Einzelergebnisse anzusehen, deren Anwendungsschwerpunkte vornehmlich in der Organisationsentwicklung von kommerziellen Unternehmen als auch in der Beratung von Kommunen und Gemeinden, der Politik und der Kirchen zu finden sind.

In den Bereich Großgruppenverfahren fallen, um nur eine kleine Auswahl bestehender Verfahren mit verschiedenen Herkunftsströmen zu nennen, die Methoden ‚Open Space’, ‚Zukunftskonferenz bzw. future search’, ‚Real Time Strategic Change bzw. RTSC’, ‚Appreciative Inquiry Summit bzw. Zukunftsgipfel’, ‚Story Telling’, ‚Qualitätszirkel’, ‚Planspielmethode’, ‚Planungszelle’. Diese acht Großgruppenverfahren wurden im Rahmen des Forschungsprojektes ‚Handbuch Großgruppenverfahren’ wissenschaftlich untersucht.

Eine wissenschaftlich einheitliche Definition für den Begriff Großgruppenverfahren liegt bislang noch nicht vor. Großgruppenverfahren wurden im Zuge des Forschungsprojektes vorläufig als Methoden der Organisationsentwicklung definiert, bei denen mehr als 30 Personen (häufig mehrere hundert) für die Dauer von 1 bis 3 Tagen hauptsächlich oder immer wieder in einem Raum versammelt sind und sich auf eine gemeinsame Aufgabe konzentrieren.

2002_GW_Augsburg_aufbau.jpg

Forschungskontext

In Bezug auf die Thematik der Diplomarbeit wird kritisch festgestellt, dass die notwendigen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einsatz dieser Großgruppenverfahren, sprich deren Chancen und Grenzen bezüglich des Einsatzes, bislang noch nicht hinreichend im wissenschaftlichen Kontext untersucht wurden. Mit Hilfe meiner Diplomarbeit sollte versucht werden, über eine detaillierte Beschreibung der jeweiligen Interventionsmethodik hinaus eine theoretisch und analytisch fundierte Aufarbeitung der Chancen und Grenzen im Einsatz zu erreichen.

Dazu wurden die Großgruppenverfahren Open Space und Zukunftskonferenz im Besonderen untersucht, verglichen und überprüft. Außerdem wurde darauf geachtet, dass eine möglichst kritische vergleichende Aufarbeitung der tatsächlichen Leistungsfähigkeit beider Verfahren dargelegt wird.

Die dem Forschungsprojektes ‚Handbuch Großgruppenverfahren’ und somit auch der vorliegenden Diplomarbeit zugrunde liegenden erkenntnisleitenden Fragen lauten wie folgt:

1) Was sind die tatsächlichen Voraussetzungen und Grenzen des Einsatzes verschiedener Großgruppenverfahren?

2) Worin unterscheiden sich die ausgewählten Großgruppenverfahren – abgesehen von oberflächlichen Unterschieden – tatsächlich?

3) Was sind die Bedingungen eines erfolgreichen Einsatzes des jeweiligen Großgruppenverfahrens?

4) Welche Bedingungen können übergreifend für alle Großgruppenverfahren und welche spezifisch für ein bestimmtes Großgruppenverfahren als Verhinderungsgrund für den Einsatz solcher Verfahren genannt werden?

Bei der Beantwortung dieser Fragen orientierte sich die Diplomarbeit besonders an den ausgewählten Methoden Open Space und Zukunftskonferenz.

Die zugrunde liegenden Leithypothesen lauteten hierbei:

1) Großgruppenverfahren dienen der Generierung von Wissen.

2) Die soziale Struktur der Verfahren macht eine Differenz in der Generierung von Wissen.

3) Ein Teil der Wirkung von Großgruppenverfahren ist alleine durch die Großgruppe bedingt, ein anderer durch die spezifische Form jedes Verfahrens.

Für den empirischen Teil wurden je 12 qualitative, leitfadengestützte Interviews zu jedem der beiden Verfahren durchgeführt. Die Interviewpartner bestanden zu gleichen Teilen aus je drei Beratern, drei Wissenschaftlern, drei Teilnehmern und drei Auftraggebern.

Die Recherche der geeigneten Interviewpartner erfolgte hauptsächlich über das Internet. So war es möglich, deutschlandweit ein adäquates Spektrum an möglichen Interviewpartnern zu ermitteln. Die auf diese Weise ermittelten Personen wurden dann ausschließlich über ein postalisches Anschreiben angefragt.

Die Interviews dauerten zwischen 30 und 70 Minuten, wurden nach Einwilligung der Befragten auf Tonband aufgezeichnet und im Anschluss transkribiert. Die Auswertung der 24 vorliegenden Interviews erfolgte in Anlehnung an die Vorgaben zur qualitativen Inhaltsanalyse, des reduktionistischen Verfahrens nach Mayring und zur qualitativen Inhaltsanalyse bei Experteninterviews nach Gläser und Laudel. Diese strukturierte und systematische Auswertungsmethode ermöglicht das Nachvollziehen der einzelnen Auswertungsschritte über den gesamten Auswertungsprozess hinweg, da stets die Quellenverweise auf den Ursprungstext mitgeführt werden.

2004_GW-Begleiten.jpg

Fazit

Die Arbeit endete in der Erkenntnis, dass Großgruppenverfahren kein ‚Allheilmittel’ für jegliche Art organisationaler Probleme sind, wie eingangs vermutet wurde. Die Verfahren müssen stets situationsangepasst hinsichtlich Problem und Kontext bzw. der Struktur einer Organisation angewendet werden. Sie können nicht bedenken- und gefahrlos bei jeder Art von Problemen oder organisationalem Kontext zum Einsatz gebracht werden.

Wie herausgearbeitet wurde, ergeben sich allein durch den (einmaligen) Einsatz von Großgruppenverfahren nicht zwangsläufig revolutionäre Folgen für die Gesamtstruktur einer Organisation. Dazu braucht es die Bereitschaft des Systems, Erarbeitetes anschlussfähig in die Strukturen zu integrieren und auf Dauer durch fortlaufende Nacharbeit diesen Veränderungsprozess zu verstetigen.

Es konnte gezeigt werden, dass in einigen Fällen der Einsatz von Großgruppenverfahren sogar bestehende Organisationsstrukturen bestätigt und eine Änderung nicht zwangsläufig notwendig ist. Dieser Fall ist selten und muss ebenfalls abhängig vom organisationalen Problem bzw. dem Thema der Konferenz, was nicht zwingend ein Problem darstellen muss, und dem Kontext der zu beratenen Organisation betrachtet werden.

„Dass wir tendenziell, also dass wir weg kommen von einer mythisch überhöhten, als Glaubensbekenntnis angelegten Herangehensweise an die Verfahren.“ (W2_OST: 305-307).

Großgruppenverfahren umfassen zwar ein breites Spektrum an Möglichkeiten für die Beratung von Organisationen, weisen aber einige Grenzen auf, die einen Einsatz be- oder sogar verhindern.

In den meisten Fällen bleiben die Verfahren lediglich singuläre Einzelveranstaltungen mit Eventcharakter, die einmalig zum Methodentraining oder zum Austesten eines als innovativ geltenden Verfahrens dienen. Dieses Trendverhalten wird dem kreativen, produktiven Potenzial der Verfahren nicht gerecht. Sie brauchen eine ernsthafte und seriöse Basis innerhalb eines langfristig angelegten Veränderungsprozesses, um ihre vollkommene Wirkung ausreichend entfalten zu können.

Signifikant dabei ist, dass der Großteil der Beratungsbranche mit 95 % heute immer noch im Bereich der klassischen Organisationsberatung vertreten ist. Ein möglicher Hauptgrund dafür ist weniger, dass Großgruppenverfahren auf dem Beratermarkt häufig als vorübergehende Modeerscheinung betrachtet werden, sondern dass der Großteil der Organisationen sich strukturell nicht auf diese partizipativen und offenen Verfahren einlassen kann oder will und in alten, traditionellen Organisationsmodellen verharrt. Aus diesem Grund ist der Begriff Modeerscheinung für die Verfahren nicht adäquat, sie sind sogar ihrer Zeit um Einiges voraus.

Positiv kann vermerkt werden, dass die Großgruppenverfahren bei entsprechender Bereitschaft und Offenheit des Systems integraler Bestandteil in längerfristigen Veränderungsprozessen von Non-Profit- und Profit-Organisationen sein können. Sie schaffen so strukturelle Änderungen zugunsten eines innovativen, horizontalen Arbeitskontextes, in dem der Mensch als psychisches System mit seinem individuellen Wissen und Können zur Lösung organisationaler Probleme in besonderer Weise gewürdigt wird.

Auch wenn die Verfahren nicht immer zum gewünschten Erfolg führen, kann trotzdem aus Misserfolgen produktives Potenzial resultieren, wenn es als solches vom System erkannt wird. Dies ist wiederum abhängig von der zentralsten Bedingung für die Chancen und Grenzen aller Großgruppenverfahren: dem Organisationskontext und der Bereitschaft des Systems zur Öffnung gegenüber diesen Verfahren.

Zur Vertiefung:

Diplomarbeit Annalena Hans 11-05

Autorin

Annalena Hans
Diplom-Soziologin Univ.
Schwerpunkte: Organisation und Wirtschaft
Herthastraße 22a
D-80639 München
E-Mail: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Kommentare
Völlig Überholtes und Falsches (finde ic
Geschrieben von Michael M Pannwitz am 2006-08-31 07:19:16
Kein Zweifel, die Diplomandin hat mächtig gearbeitet, und auch lustige Sachen geschrieben, wie z.B. "I'm in a good mood, but in a bad condition". Auch beachtenswert der Satz "sie (die Großgruppenverfahren) sind sogar ihrer Zeit um Einiges voraus". Auch gefällt mir der von ihr zitierte Kant "Alles Wissen stammt aus der Erfahrung." 
 
Der Kernaspekt von open space entgeht ihr aber. Open space Technolgy als Verfahren und open space als Konzept ist kein Beratungsansatz, ist kein Ansatz Wissen zu generieren, ist kein Ansatz um Dialog zu verbessern, ist kein Ansatz um Veränderungen zu erzeugen (das tun die ganz alleine, Systeme, meine ich), soll nicht hierarchieübergreifendes, gleichgestelltes Arbeiten ermöglichen...und die vielen anderen Dinge, die dort beschrieben sind. 
 
Das open space Verfahren versucht nichts anderes, als der Entfaltung von Selbstorganisation zu dienen. 
Das dann alles mögliche Überraschende, wohltuende, und vieles von dem was oben beschrieben ist, etc. passiert, wissen wir aus unserer Erfahrung. 
 
Selbstorganisation lässt sich nicht instrumentalisieren, domestizieren, beherrschen, kontrollieren. All das sind Verharrungen in der ProAktiven Organisation, die wir kennen und in der wir nach wie vor massivst agieren (Heere von BeraterInnen verdienen immense Summen dabei)...einschließlich aller dort vorhandenen Systeme (Betriebe, Unis, Bundeswehr, Kitas, Krankenhäuser, Kabinette,Krankenkassen,....). 
 
Herzliche Grüße aus Berlin 
 
mmp 

Nur angemeldete Besucher können Kommentare verfassen.
Bitte melden Sie sich an oder erstellen Sie sich ein neues Benutzerkonto.

Powered by AkoComment 2.0!

 
Juli 2008
Mo Di Mi Do Fr Sa So
301 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3
 


© 2006 Netzwerk Gemeinsinn e.V. | Web-Design: 01Null GbR Baernreuther & Schmitz