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Jun 29 2006
Bewußtsein, Demokratie und Spiritualität - der integrale Ansatz von Ken Wilber Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Peter Erlenwein & Wolfgang Fänderl   
Donnerstag, 29. Juni 2006

06_07_24_Integrales_Denken_2.jpgKen Wilber ist amerikanischer Forscher und Philosoph, der sich zu Fragen von Bewusstseinsformen reflektiert äußert und häufig zitiert wird. Dr. Peter Erlenwein stellte am vorletzten Montag im Monat Juli im ÖBZ München die Grundlagen integralen Denkens vor und bezog sich auf Kernfragen eines interkulturellen Dialogs. Hier unser Bericht des Treffens.

WAS?

Immer deutlicher wird: wir leben in Einer Welt; kein Stacheldrahtzaun kann auf Dauer die Vermischung der Kulturen verhindern. Multikulturelle Gesellschaften mit ihren Potentialen  und Konflikten sind gerade auch in Europa die Zukunft und Keimzellen neuer politischer und soziokultureller Orientierung - im globalen wie lokalen Maßstab. Das führt, wie jetzt schon erkennbar, zu neuen Herausforderungen auf allen Ebenen zwischenmenschlichen Daseins- persönlicher wie nationaler Identität, Verhaltensweisen, moralisch-ethischen Kodices, psychologischer Mechanismen etc.

06_07_24_Ken_Wilber.jpgUm die Mannigfaltigkeit und Komplexität der Szenarien deutlicher zu erkennen bedarf es einer umfassenden, einer integralen Perspektive; bzw. Landkarte, die hier an den Arbeiten des amerikanischen Bewusstseins- und Evolutionsforschers Ken Wilber vorgestellt und diskutiert werden.

Anstehende Fragestellungen für den Austausch:

  • Wie verständlich ist uns integrales Denken geworden und lässt es sich im Alltag nutzen?

  • Welche alternativen Denkmodelle gibt es zum Globalen Gemeinsinn?

  • Welche umsetzbaren Projekte und Handlungen ergeben sich daraus?

WER?

Beteiligte: 10 Kolleginnen  und Kollegen kamen so kurz vor den Sommerferien vorbei, um integrales Wissen kennenzulernen und mit eigenen Erfahrungen aus Bildung, Sozialarbeit, Politik, Wirtschaft, Religion zu vergleichen.

06_03_27_Die_Alternative_Peter_Erlenwein.jpgReferent: Dr. Peter Erlenwein, aus Dießen am Ammersee verbringt einen Teil des Jahres in Namibia. Mit seiner sozialwissenschaftlichen Ausbildung (Schwerpunkt Politik und Identität) und seiner Arbeit als Gestalt-, Körper- und Gruppentherapeut mit Privatpraxis in München (seit 1980) hält er Seminare und Vorträge im Bereich Psychologie, Religion, Integrale Theorie u. Praxis (u.a. Goethe-Institut),

  • ist Lehrbeauftragter an der FH Rosenheim, Abteilung Innenarchitektur, Prof. Scrivanec,
  • war Kurator der Konferenz: Die Alternative. Ausblicke auf eine andere Gloalisierung mit 12 Alternativen Nobelpreisträgern (März 2004),
  • ist Visiting Professor am De Nobili College (Hochschule für Philosophie und Theologie, Pune / Indien) im Fachbereich Interkulturell-religiöser Dialog  (1997-2001),
  • hat einen Lehrauftrag am C.G. Jung-Institut, Zürich/Küsnacht und
  • ist Mitglied im Arbeitskreis Ken Wilber/Integrale Perspektiven.

Dr. Erlenwein hat Kolloquien zum Thema: Der Begriff des Fortschritts in verschiedenen Kulturen in Windhuk/Namibia organisiert und diverse Publikationen und Sendungen zum Interreligiösen Dialog und zur Kulturpolitik im Bayerischen Rundfunk veröffentlicht. Er ist auch Autor und Herausgeber u.a. der Publikation ‚Projekte der Hoffnung’, Oekom Verlag 2006.

Unvergesslich auch der spannende letzte Montag im Monat März 2006 zum Thema „Entwicklungshilfe anders: ‚Windows of Hope’ in Namibia!

Direkter Kontakt: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Gastgeber:

Das Regionaltreffen veranstaltete der Netzwerk Gemeinsinn e.V. in Kooperation mit dem Ökologischen Bildungszentrum München. Als Gastgeber stellten sie Räume und Basis-Catering zur Verfügung. Wolfgang Fänderl begleitete die Veranstaltung methodisch und stellte den Bericht für die Webseite zusammen.

06-07-24_lemomo_wilber_002.jpg

WIE?

Bericht

Das Münchner Regionaltreffen des Gemeinsinn-Begleitnetzwerks fand diesmal wegen der Sommerferien am vorletzten Montag im Monat, am 24.07.2006 im Ökologischen Bildungszentrum München (Engelschalkinger Str. 166/ U4 Arabellapark) statt. Um 18.30 Uhr wurde das Mitbringbuffet eröffnet, die Abendstimmung im Garten des ÖBZ genossen und mit etwas Verspätung ging es dann um 19.30 Uhr im Raum los.  

Die Einstiegs- und Erwartungsrunde ergab, dass Wilbers integrales Denken z.T. schon bekannt aber für die meisten noch zu unverständlich geblieben ist.  Peter Erlenwein betonte, dass mit dem Modellen von Ken Wilber eine Lücke geschlossen werden kann, die im westlichen Kulturkreis zwischen Politik, Wissenschaft und Religion immer weiter auseinanderklafft.

Er bat die Beteiligten sich einige Minuten Zeit für einer selbstreflexiven Zweierübung zu nehmen. Dabei sollte das Selbst und das Fremde besser nachempfunden werden, ein Zwiespalt, der bei Wilber in Frage gestellt wird: "Die Wahrnehmung der Dualität ist eine Illusion!"

Dr. Erlenwein verwies auf historische und aktuelle Beispiele, in der es Konfliktlösungen voranbrachte wenn Dualismen überwunden werden konnten: vom Karrikaturenstreit in Dänemark, über die christliche Anweisung auch die linke Wange hinzuhalten bis hin zum japanischen Koan (paradoxe Anweisung die logisch nicht zu überwinden ist).

Eine weitere Facette ist Authentizität und Spontaneität. So wurde der Ausdruck von Trauer und die Bitte um Entschuldigung einer deutschen Ministerin in Namibia (für die Ermordung von 100.000 Hereros vor 100 Jahren) von dortigen Vertretern abgelehnt. Die Unmittelbarkeit, die Betroffenheit und die Tiefe des Ausdrucks fehlten.  

Eine Vielzahl eigener Erlebnisse (Tot - Nicht-Tot, Öffnung - Abgrenzung, Freiheit - Grenzen) führte Erlenwein dazu nach konkreteren Erklärungsformen zu suchen und fand bei Wilber Erklärungsmodelle, die das Abstrakte und Elementare zur Darstellung bringen konnten. Auch in einer heutigen Welt, in der Skeptizismus, Konsum und Glaubensunfähigkeit an der Tagesordnung sind.

Wilber empfindet sich als Naturwissenschaftler und Lotse, der hilft die Phasen der Entwicklung bzw. Evolution auf gesellschaftlicher Ebene mit besserer Orientierung zu durchlaufen. Er sieht sich dabei selbst im Prozess (vgl. John Gebser, Theilhard de Jardin) und als Vertreter einer atheistischen Religiosität. Er selbst ist Querleser, der aus Einzelwissenschaften schöpft und sie zu verbinden versucht.

06-07-24_lemomo_wilber_007.jpgDas Bewusstsein des Menschen und der Menschheit durchläuft Stufen und Ziel ist die Verbindung von Geist und Natur. Eines der Orientierungsmodelle (ICH - ES - WIR - SIE) das eigentlich ein dreidimensionales Pyramidenmodell darstellen soll, erläutert Erlenwein kurz im Überblick: Das Aqual setzt das ICH durch ein Achsenschema (innen - außen, singulär - plural) in dreifache Beziehung:

Das Modell hilft Konfliktebenen und Umsetzungsbrüche schneller zu erkennen, da es einer tiefen Dynamik folgt. Daran lässt sich auch veranschaulichen, warum ein Stammzellenforscher nicht nur als Aufragnehmer, sondern auch als Mensch und Teil des Sozialen Ganzen Antworten finden und damit Verantwortung übernehmen muss. Dabei betont Erlenwein, dass es nicht nur um ein philosophisches Konstrukt geht, sondern praktische Hilfe bei der Lebensgestaltung vermittelt wird. Es geht darum Einseitigkeiten zu verhindern.

Die anschließende Diskussion verlief kontrovers und in unterschiedliche Richtungen und die anfangs beschriebenen Fragestellungen wurden nur ungenügend gestreift. Hier eine Zusammenfassung:

  • Wie verständlich ist uns integrales Denken geworden und lässt es sich im Alltag nutzen?
  • Eine der schwierig zu beantwortenden Fragen war die Praxistauglichkeit. Impulse die auf kognitiver Ebene gegeben werden und dennoch spirituelle Tiefe haben wollen kommen schnell in Konflikte: mit der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit, mit anderen Glaubenssystemen und philosophischen Schulen etc. Selbst ein 'einfaches' Erklärungsmodell stößt schnell auf Widerspruch, da es andere Erklärungsmodelle nur ungenügend abbildet bzw. ihnen widerspricht.

  • Welche alternativen Denkmodelle gibt es zum Globalen Gemeinsinn?
  • Wilber meint, dass Gemeinsinn direkt gebunden  ist an die Bewusstseinsebenen jedes Menschen, oder einer Gesellschaft und ihrer damit verbundenen Werte. So gibt es einerseits die UNO, und doch sind die Werthaltungen im Konkreten, siehe den Nahost Konflikt, oftmals diametral entgegengesetzt. Hier stößt der 'allgemeine Gemeinsinn' (Frieden) eben auf konkrete Interessen, die ganz anderen Werthorizonten huldigen als einer UN-Charta. Dies muss, nach Wilber, ganz deutlich erkannt werden, sonst ist Gemeinsinn nur Proklamation.

  • Welche umsetzbaren Projekte und Handlungen ergeben sich daraus?  
  • Wie sich in der anschließenden Diskussion zeigte, ist die Frage der Anwendbarkeit in einem üblichen eins zu eins Verfahren nicht klärbar, da mit Wilbers Einbezug der spirituellen Tiefe im 4 Quadrantenmodell eine Dimension eingefordert wird, die einer reinen Zwecklogik glatt widerspricht, ohne deswegen 'wirklichkeitsfremd' zu sein. Sie fordert jedoch dazu auf, Seinsräume zu integrieren statt 'Habenshaltungen' zu perpetuieren. Die Differenz dieser beiden 'Perspektiven' wird ebenfalls gerade am Nahostkonflikt deutlich. Er ist mit den üblichen Sicht- und Verhandlungsschemata nicht mehr zu lösen.

    Abschließend wurde in einer Runde versucht kurze Feedbacks zu geben:

    • Die Anregungen müssen erst mal in Fluss kommen
    • Erinnerung wieder mehr die Verbundenheit von Dingen zu sehen
    • Die Übung machte bewusst, dass es darum geht Menschen anzunehmen und die eigenen Energien zu pflegen.
    • Spannend aber auch überfordernd insbesondere die Frage welche Handlungen daraus abzuleiten sind.
    • Noch unklar geblieben, was den Kern des 'Eigenen' nach Ken Wilber ausmacht.
    • Wie können Geist und Gefühle unterschieden werden?
    • Was hat der Ansatz mit Gott und Demokratie zu tun?
    • Die Übungen wurden in einem Fall als zu direkt empfunden

    Gegen 22.00 Uhr wurde offiziell abgeschlossen und gemeinsam aufgeräumt.

    Weitere Informationen

    Wolfgang Fänderl: 089/ 2180-1333 oder 
    Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
    www.gemeinsinn-werkstatt.de

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