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Jun 06 2006
Bedingungsloses Grundeinkommen - systemische Aufstellung Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Ruth Sander   
Dienstag, 6. Juni 2006

Mohrvilla_Logo.gif"Politik und Kultur im Raum" ein Kolleginnen- und Kollegenkreis systemisch Beratender beschäftigte sich am 26.07.2006 in München / Freimann mit der Frage, ob Garantiertes Grundeinkommen und Konsumsteuer hoffnungsvolle Vision oder undurchführbare Illusion sind? Anbei der Bericht und ein inhaltlicher Einstieg zum Thema.

WAS

Ausgehend von den Ideen des querdenkenden Unternehmers und Universitätsprofessors Götz W. Werner (Uni Karlsruhe: http://www.unternimm-die-zukunft.de/) und eingeführt durch Mathias Voelchert (Betriebswirt, praktischer Supervisor und Coach) befassten wir uns mit dem der Frage, wie bedingungsloses Grundeinkommen sich in unserer Gesellschaft auswirken würde.

Zum Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen" können Sie die anschauliche Facharbeit von Anna Voelchert vom Gymnasium Kempfenhausen herunterladen: "Anna Voelchert Facharbeit_01 .pdf" (35 Seiten, 500KB, vom 27.01.06)

WER

Teilnehmende: Interessierte, die bei einer solchen Aufstellung mitwirken möchten.

Gast: Mathias Voelchert, Betriebswirt, praktischer Supervisor und Coach, der Familien und Unternehmen berät.

Moderation: Dr. Ruth Sander

WIE

Zur Methode:

Die Nützlichkeit der Aufstellungsmethode wurde ursprünglich von FamilientherapeutInnen entdeckt. Inzwischen wird sie auch in beruflichen Beratungssituationen erfolgreich eingesetzt.

Dabei wird über das jeweilige Thema nicht primär geredet, sondern dieses wird im Raum abgebildet: Anwesende stellen sich als Rollenträger von System-Aspekten zur Verfügung, die Dynamiken im System werden sicht- und erlebbar.

In dieser Veranstaltungsreihe versuchen wir, komplexe Themen aufzugreifen und – für unsere westliche Welt – auf ungewohnte Weise gesamtheitlich und sinnlich erfahrbar zu machen, ohne dabei das Aufdecken endgültiger „Wahrheiten“ zu beanspruchen.

Berichte zu anderen Themen mit der Methode der Politischen Aufstellung lauteten: "Politik im Raum", "Vision Vollbeschäftigung" und "Macht Geiz geil?".

Bericht

Beim Anwärmen für das Thema zu Beginn stellte sich heraus, dass ein Teil der Anwesenden noch keinerlei Vorinformationen zum Thema Grundeinkommen besitzt und aus diesem Grund auch keine Stellung pro – contra Grundeinkommen beziehen konnte.

 

Aus diesem Grund starteten wir mit einem recht ausführlichen Info-Teil, bei dem klar wurde, dass unser Gast Mathias Voelchert ein begeisterter Befürworter des in der Öffentlichkeit vor allem von dm-Chef Götz Werner propagierten Grundeinkommen-Modells ist.

Die Grundidee dabei: Über ca. 20 – 25 Jahre sollte die Mehrwertsteuer kontinuierlich bis auf 50% angehoben werden, während in der gleichen Zeit die Lohnnebenkosten auf 0% gesenkt werden und statt sämtlicher sozialer Zuschüsse (vom Kinder- und Arbeitslosengeld bis zu Sozialhilfe und Rente) jede/r BürgerIn Deutschlands von der Wiege bis zur Bahre einen einheitlichen Sockelbetrag ausbezahlt bekäme, zu dem beliebig ohne Besteuerung dazu verdient werden dürfte.  

 

Eine kundige Teilnehmerin stellte dieses Modell von Anfang an in Frage. Sie favorisiert ein Konzept, das auf stärkerer staatlicher Steuerung durch Umverteilung, sprich: stärkerer Vermögens- und Spekulationsbesteuerung beruht. Die Anwesenden stellten eine Menge kritischer Rückfragen, sodass unser Gast schließlich provokant lächelnd sagte: „Na, dann lassen wir doch alles, wie es ist, und gehen jetzt nach Hause!“  

 

Da wir uns ja aber getroffen hatten, um etwas zum Thema aufzustellen, einigen wir uns auf folgende Vorgangsweise: Wir starten mit dem IST-Zustand und schauen uns an, was passieren würde, wenn sich nichts ändert. Erst dann stellen wir die Visionen dazu, um zu sehen, ob bzw. was sie bewirken. Als Elemente, um den IST-Zustand abzubilden, wählen wir:

  • die Erwerbstätigen
  • die nicht Erwerbstätigen
  • die Arbeitslosen
  • die Schwarzarbeiter
  • die Rentner
  • die Arbeitgeber, geteilt in Global Players und Klein- und Mittelbetriebe (KMUs)
  • die Gewerkschaften
  • die Politiker
  • die EU
  • und für den Visionstest: 
    - die Vision Grundeinkommen durch Konsumsteuer finanziert
    - die Vision Grundeinkommen durch staatliche Eingriffe (Vermögens-, Spekulationssteuer) finanziert

Bei der Abbildung des IST-Zustandes fühlen sich die Erwerbstätigen als wichtigste Gruppe und möchten im Mittelpunkt stehen. Schließlich finanzieren sie alle anderen mit! Gegenüber den Schwarzarbeitern haben sie Aggressionen, fühlen sich von ihnen bedrängt.  

Die Arbeitslosen hoffen anfangs auf die Politiker, ziehen sich aber mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund zurück und fühlen sich ausgeschlossen vom Geschehen.  

Die nicht Erwerbstätigen zieht es anfangs Richtung Schwarzarbeiter, da sehen sie ihre Zukunft, später resignieren sie eher und weichen in Richtung Arbeitslose zurück.  

Die Schwarzarbeiter fühlen sich stark und unabhängig.

Die Rentner stehen abgeschlagen und fühlen sich nutzlos. Allerdings wünschen sie sich von den anderen: Hört auf zu reden, unternehmt etwas! 

Die Gewerkschaften fühlen sich zu Beginn sehr mächtig, aber falsch platziert und von daher nicht in ihrer Kraft. Im Laufe des Geschehens nimmt das Gefühl der Kraftlosigkeit immer mehr zu bis zu ihrem Schluss-Statement: „Wenn wir nicht schnell eine Vision für unsere Zukunft entwickeln, ist es aus mit uns...“  

Die KMUs sind auf die Politik ausgerichtet, suchen deren Nähe. 

Die Global Players stehen zu Beginn eng bei den Politikern, ziehen sich im Laufe des Geschehens immer mehr in den Hintergrund zurück und finden keinen Platz, an dem sie sich wirklich wohl fühlen. Sie würden aber auch nicht ganz gehen wollen. Ihnen ist am wichtigsten, frei agieren zu können.  

Obwohl die Politiker zu Beginn neben den Global Players stehen, empfinden sie keine Nähe, sondern eine „gläserne Wand“. Sie möchten gerne alle im Blick haben und strahlen Ernsthaftigkeit aus. Als allerdings die Arbeitslosen und später auch die nicht Erwerbstätigen in den Hintergrund abdriften und resignieren, appellieren die Politiker: „Zieht Euch nicht so weit zurück, ich sehe Euch nicht mehr! Und wenn Ihr nicht mehr sichtbar seid, (durch Euren Rückzug in die Opfer-/Verliererrolle), dann allerdings seid Ihr selbst schuld, dass Ihr nicht mehr wahrgenommen werdet. Bleibt im Spiel, bleibt wahrnehmbar, macht Euch bemerkbar!“ 

Von der Tendenz her würden beim Weiter Laufen Lassen des IST-Zustandes die Arbeitslosen und nicht Erwerbstätigen immer mehr in die Nicht-Wahrnehmbarkeit diffundieren und die Rentner sich abgeschlagen fühlen. Die Konkurrenz zwischen Erwerbstätigen und Schwarzarbeitern würde steigen. Die KMUs würden stärker an die Politik appellieren, doch Maßnahmen zu ergreifen, während die Politik an alle appelliert, guten Willen zu zeigen (aber auch keine Lösungen parat hat). (an alle: Könnt Ihr das so teilen, oder habt Ihr hier andere Meinungen bzw. Ergänzungen?) 

In diesem Stadium nehmen wir die zwei Visionen dazu.

Mathias wählt für das Grundeinkommen durch Konsumsteuer eine Person, die mit ihrem Stuhl bereits bisher mitten im Feld des Geschehens gesessen hatte. Sie findet ihren Platz zwischen Global Players und der Bevölkerung, nicht weit entfernt von der Politik und der EU, während er das Grundeinkommen durch staatliche Eingriffe eng vor den Politikern platziert. 

Bei den KMUs erwachte durch das Benennen der Visionen das dringende Bedürfnis, die Seite und zu den Arbeitnehmern zu wechseln. Da fühlten sie sich gut und unterstützend. 

Für alle Teile der Bevölkerung ist das Auftauchen der Visionen eine Erleichterung. Sie haben den Eindruck, dass sich ein Kreis schließt, Arbeitslose und nicht Erwerbstätige fühlen sich wieder zugehörig, die Konkurrenz zwischen Erwerbstätigen und Schwarzarbeitern verschwindet.

Die Erwerbstätigen fühlen sich entspannter, weil nicht mehr so viel Verantwortung auf ihren Schultern lastet, allerdings auch weniger wichtig.

Das Grundeinkommen durch staatliche Eingriffe wird – nach anfänglichem Schock – nur von den Politikern als wohltuend wahrgenommen (die Politiker können das Grundeinkommen durch Konsumsteuer allerdings nicht sehen, obwohl wir es gerne sehen würden), alle anderen empfinden das Grundeinkommen durch Konsumsteuer als stimmiger.

An diesem Punkt lösen wir die Aufstellung auf und gehen in die Reflexion mit der Hauptfrage: Haben sich die Einstellungen der Anwesenden durch die Aufstellung verändert? Wie würden sie jetzt die Frage im Untertitel des Abends beantworten: Vision oder Illusion? 

Eine einzige Person hatte sich zu Beginn des Abends als Gegnerin des Konzepts Grundeinkommen deklariert. Sie äußerte sich in der Schlussrunde durchwegs positiv dazu: „Für mich ist es jetzt ganz klar eine Vision und keine Illusion. Ich bin ganz erstaunt mich das sagen zu hören. Jetzt ist für mich vollkommen klar, da muss angefangen werden!“ 

Ein Politikwissenschaftler blieb auch am Ende skeptisch: „Ich halte es leider für eine Illusion. Ich glaube auch, dass etwas kommen muss, dass sich etwas verändern muss. Aber ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Ich glaube, man müsste die Probleme im JETZT noch genauer beleuchten, da hat hier noch was gefehlt.“ 

Mehrere der Anwesenden äußerten sich am Ende unentschieden: „Es war eine gute Abbildung des IST, und es fordert uns auf, das IST einmal gründlich anzuschauen. Aber es wäre zu früh, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.“ 

„Ich kann mich nicht entscheiden, ob es eine Vision oder eine Illusion ist. Ich hab nach wie vor zu wenig Informationen. Natürlich hat das Ganze seinen Reiz. Wenn es denn funktionieren sollte, dann nur, wenn mehrere Länder gleichzeitig daran arbeiten.“ 

„Ich fände es schön, wenn ich es für eine Vision halten könnte. Meine Schwierigkeit liegt darin, dass ich mich nicht sehr betroffen fühle. Für mich würde sich dadurch fast nichts ändern, und daher werde ich kaum viel vorantreiben. Andererseits kenne ich mehrere Menschen, für die das ganz wunderbar wäre, weil sie in schrecklicher Lage sind. Aber ich find’s schwierig, für mich die nötige Begeisterung zu finden.“ 

Die Mehrzahl begrüßte die Idee als Vision: „Zur Vision wurde es für mich, als die Politik lebendiger wurde und sich nicht mehr ständig an die Global Players herangemacht hat. Interessant fand ich, dass die Visionen in der Nähe der Organisationen und der Politik angesiedelt waren und von dort was abgestrahlt ist, sich was verändert hat.“  

„Die Aufstellung war insgesamt für mich sehr spannend. Das Grundeinkommen durch staatliche Eingriffe habe ich eher als Belastung empfunden, das würde das System stärken. Die andere Vision ist viel mehr auf die Menschen eingegangen und hat Entlastung gebracht. Dass den Erwerbstätigen dadurch langweiliger würde, wäre ja nur eine Phase. Man weiß ja nicht, was sich daraus entwickeln würde. Für mich wäre das eine echte Möglichkeit, denn es muss sich ja was bewegen, sowieso!“ 

„Am Anfang dachte ich, ich würde nicht folgen können, zu viele Elemente. Aber dann wurde es immer spannender. Ganz interessant fand ich die Aussage der Politik, nachdem das Grundeinkommen durch Konsumsteuer dazugestellt wurde: „Das hab ich schon die ganze Zeit gesehen!“, als hätte die Politik immer schon gewusst, wie es sein sollte. Vision wäre für mich allerdings nur das Grundeinkommen durch Konsumsteuer.“ 

„Für mich ist es schwer zu beurteilen, ob das eher Vision oder Illusion ist. Eher Vision, aber da muss dran gearbeitet werden. Sonst wär’s ja auch keine Vision.“ 

„Für mich hätten beide Visionen ganz nah bei der Politik stehen müssen, weil ja beide über die Politik gesteuert werden. Für mich ist das ganz klar eine Vision mit großen Realisierungschancen. Wenn wir nichts tun, wird es schwierig sein, auf Dauer das immer größere Auseinanderklaffen zu lösen. Voraussetzung ist Bewusstseinsbildung jedes einzelnen!“ 

„Für mich ist es eindeutig eine Vision. Ich glaube allerdings nicht, dass der Weg über die Bewusstseinsbildung des einzelnen geht. Diese Gruppierungen halte ich nicht für motivierbar. Da muss die Politik eingreifen und die einzelnen schützen.“ 

„Ich halte es für eine ganz interessante Vision. Und wenn das Gesetz der morphischen Resonanz stimmt, dann müssen wir weitermachen, weiter diskutieren, die Medien einschalten. Und irgendwann ist es dann nicht mehr die Frage, ob es kommt, sondern nur noch, wann es kommt!“ 

„Ich halte es für ein reizvolles und interessantes Denkmodell, von daher eine Vision. Allerdings bin skeptisch angesichts des IST-Zustandes. Mir ist da zu wenig Bewegung. Von daher denke ich auch, der erste Schritt wäre Bewusstseinsbildung und Auseinandersetzung mit dem Thema. Nur: Wie bringt man die Menschen dazu, sich mehr damit auseinanderzusetzen, politischer unterwegs zu sein?“ 

„Das Grundeinkommen durch Konsumsteuer ist mir wie ein notwendiges Wunder erschienen, nachdem vorher alles immer vertrackter und polarisierter geworden ist. Das war wie Weihnachten im Sommer. Das Grundeinkommen durch staatliche Eingriffe erschien mir zu regelorientiert, das hat mir ein Gefühl von Unlebendigkeit gemacht. Mein Wunsch für die Zukunft wäre eine möglichst sachliche, ideologiefreie Bestandsaufnahme des IST-Zustands und danach eine möglichst sachliche Bewertung, welche Möglichkeit die beste wäre. Im Moment schreien nur die Lobby-Gruppen ihren eigenen Standpunkt laut raus, es gibt keine universelle Perspektive, die uns einen Schritt weiterbringen könnte.“  

„Bisher ist unser ganzes Wirtschaftssystem auf Wachstum ausgelegt gewesen, und das konnte nur funktionieren, wenn durch Kriege wieder Einbrüche erzeugt wurden, sodass für den Wiederaufbau wieder Vollbeschäftigung möglich war. Ich sehe es als Vision, dass die Menschheit hoffentlich so reif ist, neue Modelle des Zusammenlebens zu verwirklichen. Außer Bewusstseinsbildung weiß ich zur Zeit keinen Weg dahin, weil nur die Politik es durchsetzen könnte. Und die wird das nur dann tun, wenn der größere Teil der Bevölkerung dahinter steht. Sonst nicht.“ 

„Mir ist Bewusstseinsbildung zu wenig. Ich würde gerne so schnell wie möglich ins Handeln kommen. Was mich am meisten fasziniert hat, war, dass die Person, die erst später als Grundeinkommen durch Konsumsteuer nominiert wurde, die ganze Zeit in der Aufstellung drinsaß. Ich hab mir gedacht: ‚Unglaublich, der sitzt mitten in der Aufstellung drin!’ Da hab ich mir gedacht: Da ist es ja schon, das Grundeinkommen. Das hat sich nahtlos eingefügt ins Ganze.“

Weitere Informationen und Anmeldung:

Dr. Ruth Sander
Beratung und Training
Reischlweg 9
D-80939 München
Tel. +49 89 324 34 84
Fax +49 89 324 55 683
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