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Mär 16 2006
Bürger aus der Ohnmacht zum Empowerment führen Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang C. Goede   
Donnerstag, 16. März 2006
 

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co.gifDas Forum Community Organizing (foco) hat in der deutschen Sozial- und Gemeinwesenarbeit seinen Fingerabdruck hinterlassen. Zu diesem Ergebnis kamen foco-Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands, die zusammen mit amerikanischen Community Organizern am 3. Oktober 2005 im Frankfurter Haus der Parität den zehnjährigen Geburtstag der Organisation feierten. 

Inspiration durch US-Paten

Als Gäste begrüßte foco-Vorsitzender Peter Szynka Don Elmer aus San Francisco vom Center for Community Change und Ed Shurna, Direktor der Chicago Coalition for the Homeless. Die beiden Senior Organizers, die auf fast vier Jahrzehnte Erfahrung in der Bürgeraktivierung zurückblicken, sind Geburtshelfer und Paten von foco. Die Trainings, die die Beiden 1993 und 1994 im traditionsreichen Gelnhauser Burckhardhaus veranstaltet hatten, waren so motivierend und inspirierend, dass die Teilnehmer 1995 foco aus der Taufe hoben. Ziel: das von Saul D. Alinsky geprägte Community Organizing (CO) in Deutschland anzusiedeln.  

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Studienreisen nach Chicago

Vorangegangen und parallel dazu fanden statt mehrere Studienreisen von deutschen Gemeinwesenarbeitern nach Chicago, dem Mekka des Community Organizing. Hier hatte Saul Alinsky 1939 im berüchtigten Schlachthofviertel die erste Organisation dieser Art ins Leben gerufen. Bei den Besuchen reifte die Idee, die deutsche Gemeinwesenarbeit und das amerikanische CO wissenschaftlich miteinander zu vergleichen. Daraus entstand das Grundlagenbuch „Let‘s organize!“ (Mohrlok et al), das zusammen mit vielfältigen foco-Aktivitäten die Partizipationsmethode in Deutschland bekannt machte und diese in der Lehre und Ausbildung von Sozialarbeitern etablierte.  

Dürener Mieter-Initiativen gewinnen Sanierung

„Das alles bewirkte, dass es im Verlauf der 1990er Jahre in Deutschland zu einer zweiten Rezeption und Adaption von Saul Alinsky kam“, befand foco-Mitglied Anne Marie Marx. Die erste Rezeptionswelle sei in den 1970er Jahren erfolgt, aber nahezu ergebnislos verhallt, weil sie von viel zu viel Theorie getragen wurde. „Der zweite Anlauf war konkret und pragmatisch und stellte nicht die Gesellschaft, sondern den einzelnen Menschen und dessen Ermächtigung ins Zentrum“, unterstrich Marx. Besonders profitiert davon habe die soziale Arbeit in der Stadt Düren bei Köln, berichtete der dort tätige Gemeinwesenarbeiter Tilmann Berger. Durch Graswurzelarbeit und Bürger-Empowerment von unten seien Mieterinitiativen entstanden, die die Sanierung von 60 Sozialwohnungen durchgesetzt haben.  

Neue wissenschaftliche Arbeit über Alinsky

Hille Richers, ehemalige foco-Vorsitzende, würdigte Dutzende von Trainings, die foco in den letzten zehn Jahren in verschiedenen Teilen des Landes durchgeführt hat, viele davon von der Aachener Diplom Sozialarbeiterin Birgitta Kammann. Hinzu kämen Buchveröffentlichungen, der regelmäßige Rundbrief, die foco-Webseite (gepflegt von Michael Rothschuh, Professor an der Fachhochschule Hildesheim) sowie die Unterstützung zahlreicher Tagungen. Szynka selber hat gerade über Saul Alinsky promoviert und in seiner Doktorarbeit sämtliche Dokumente und Schriftstücke des CO-Erfinders persönlich in Augenschein genommen und ausgewertet – eine wissenschaftliche Meisterleistung, die ihm Anfragen prominenter US-Forscher eingebracht hat.  

Wertvolles Netzwerk engagierter Menschen

Paul Cromwell, Pfarrer der United Church of Christ (UCC) mit 20-jähriger Erfahrung als Community Organizer, lobte das umfangreiche Netzwerk engagierter Menschen, das foco geknüpft hat. Cromwell ist seit August 2004 Berater von foco und hat seitdem ca. 70 Kontaktbesuche sowie etliche Fortbildungsveranstaltungen bei Mitgliedern und Freunden der Organisation im In- und Ausland durchgeführt. Der Geistliche wird unterstützt von einem Stipendium der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Partner von UCC. Ein Gast, ehemaliger Teilnehmer einer Chicago-Reise, hob besonders den wichtigen kulturellen Austausch hervor, den foco ermöglicht hat. In einem Armenviertel traf er eine Frau, Mitglied einer Community Organization, die einen Satz so selbstbewusst sagte, das ihn dieser bis heute tief beeindrucke: „Ich kann was bewirken.“ 

Wann kommt das Vorzeigeprojekt?

Zehn Jahre foco – einige Hoffnungen blieben auch auf der Strecke, vorerst. So gibt es bis heute kein praktisches Demo-Modell und Vorzeigeprojekt, alle Ansätze dazu verliefen im Sande, was aber auch mit der Beratung zu tun hatte, hieß es im Jubiläums-Kreis einmütig. „Fraction and friction“ war ein anderes Stichwort. Die unterschiedlichen CO-Ansätze in Amerika und Chicago, die zum Teil auch miteinander im heftigen Clinch liegen, seien für Anfänger nicht gerade ermutigend. Selbstkritisch fasste man sich auch an die eigene Nase: „Zu viel Diskussion, zu wenig Praxis“ – was einer der US-Gäste mit dem Hinweis konterte: „Paralysis of analysis.” 

Potenziale in Deutschland und Europa

Woher kommen wir, wo stehen wir – vor allem, wo geht die Reise hin? Antworten auf den dritten Teil der Frage gab foco-Chef Szynka in seinem Ausblick. Cromwell hat bei seinen Reisen viel Potenzial in zehn deutschen Städten entdeckt, was zu Organizing-Launchs dort führen könnte, darunter Hamburg, Wuppertal, Stuttgart, München, Leipzig. Ein Fund-Raising-Programm zur Deckung der daraus erwachsenden Unkosten kursiert momentan bei Geldgebern und Stiftern. Darüber hinaus gebe es konkrete Andockmöglichkeiten in Nachbarländern, für die auch EU-Gelder eingeworben werden können. Damit könnte CO europaweit Wurzeln schlagen. 

Obdachlose haben politische Muskeln

Zum Erweitern der Perspektive gaben Elmer und Shurna einen Überblick über ihre eigenen Aktivitäten und dem „state of the art“ des Community Organizing in US-Amerika. Die Chicagoer Obdachlosen-Koalition hat einen Notfonds von 35 Millionen Dollar für Hilfsbedürftige durchgesetzt. „Mehrmals sind wir mit den Obdachlosen, alle in gelbe T-Shirts gekleidet, mit einigen Bussen in die Landeshauptstadt Springfield gefahren, um dort bei den Gesetzesmachern Druck zu machen“, berichtete Shurna. Immigration sei ein weiteres brennendes Thema in der Stadt am Michigansee, in der zehntausend illegale Latinos lebten. Viele besäßen wegen der fehlenden Papiere keinen Führerschein, weshalb die Koalition die „Safe Highways Campaign“ in Gang gesetzt hätte, die auf Eingliederung der Illegalen abziele.  

Gelder in Billiarden-Höhe reinvestiert

Elmer organisiert im Nordwesten der Vereinigten Staaten Menschen in ländlichen Gebieten, ein neuer Ansatz, nachdem CO sich bisher vornehmlich auf urbane Räume konzentriert hat. „Organizing ist in seiner 65jährigen Geschichte in Städten und auf der Ebene von Bundesstaaten erfolgreich gewesen, die bundesweite Koordinierung steckt noch in den Kinderschuhen“, bedauerte er. Ausnahme: National People's Action (NPA), eine 30 Jahre alte Koalition aus 300 Nachbarschafts-Organisationen aus 38 Bundesstaaten. Diese habe Banken und Sparkassen dazu gezwungen, in Nachbarschaften zu investieren, in denen ihre Kunden und Sparer wohnten – Ergebnis: Seit 1977 sind in diese über eine Billiarde Dollar geflossen. „Die großen überregionalen Zeitungen haben damals auf ihren Titelseiten darüber berichtet“, erinnert sich Elmer.  

Durch Bush: Verfeindete Organizer wieder vereint

Seit dem 11. September 2001 und Präsident Bush‘s Kriegen in Afghanistan und Irak habe Community Organizing in Amerika Rückschläge erlitten. Viele Gelder seien gestrichen worden, „jeder Nicht-Amerikaner ist verdächtig“, was     Verbesserungen der Einwanderungsbestimmungen verhindert habe. Eine gute Seite habe diese Entwicklung: „Verfeindete Community Organizer haben die Waffen niedergelegt und sich wieder an einen gemeinsamen Tisch gesetzt“, freut sich Elmer. Eine solche Initiative sei die „Grassroots Collaborative“ in Chicago.  

Bundesweites Organizing bleibt das Ziel

Ziel bliebe es, eine starke nationale Bewegung ins Leben zu rufen – so wie es John L. Lewis in den 1930er Jahren gelungen war, die Gewerkschaften zu vereinigen und deren Gewicht dafür einzusetzen, Präsident Roosevelt für den New Deal zu gewinnen, der die Folgen der großen Wirtschaftsdepression bekämpfte. Lewis war einer der großen Vorbilder für Alinskys und seine „Nachbarschafts-Gewerkschaften“. 

Alinsky des 21. Jahrhunderts in Sicht?

foco-Mitglied Wolfgang Goede fragte in seinem Diskussionsbeitrag nach dem „Unique Selling Point“ des Community Organizing. „Alles was CO einmal auszeichnete wie Networking, Lobby-Arbeit und Aufsehen erregende Aktionen, das ist heute Mainstream“, beobachtete er. Goede hatte Community Organizing 1972 als Freiwilliger von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in Chicago kennen gelernt und darin vier Jahre lang gearbeitet. Alinskys Genius habe darin bestanden, verschiedene Theorien und Methoden zu einem neuen und zeitgemässen Modell zu verschmelzen. „Ist der Alinsky des 21. Jahrhunderts in Sicht, der das CO-Rezept mit modernen Zutaten anreichert und ihm wieder mehr Biss gibt?“, fragte Goede. 

Don Elmer: Erfolgreicher Transfer nach Deutschland  

Elmer verwies in seiner Replik auf neue elektronische Formen der Mobilisierung – darunter „MoveOn.org – democracy in action“(www.moveon.org) –, die erfolgreich gegen den Krieg und gegen die Globalisierung eingesetzt worden sind. „Ich habe keine Sorge, dass sich CO immer wieder neu erfinden wird“, sagte er bei der abendlichen Feier, hob sein Glas und stieß auf den erfolgreichen Transfer nach Deutschland und Europa an.

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Weitere Artikel zu Community-Organizing:

Community Organizing aus wissenschaftlicher und historischer Sicht

Empowerment für ein bürgeraktives München - CO-Workshop mit Paul Cromwell

Community Organizing in München - Austausch mit Reverent Cromwell aus den USA

So bringen wir Deutschland wieder auf Trab!

 

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Wolfgang C. Goede
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