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Mär 07 2006
Lasst die Methoden frei! - Stadtteilarbeit in Tuzla Drucken E-Mail
Geschrieben von Andrea Vent   
Dienstag, 7. März 2006

06_03_09_Simin_Han.jpgWenn die Methoden der Bürgerbeteiligung praktisch eingesetzt werden, lässt sich manchmal erst erkennen, welche Schwächen und Stärken sie in der jeweiligen Situation haben. Hier ein sehr persönlicher Bericht aus der Stadtteilarbeit in Tuzla.

Während unseres Aufenthaltes in einer Bürgerstiftung der Stadt Tuzla (Bosnien-Herzegowina) im Stadtteil Simin Han wurde schnell deutlich, welchen Bedingungen verschiedene Methoden und Ansätze der Stadtteilarbeit unterliegen.

Eine bereits vor unserer Ankunft durchgeführte Zukunftskonferenz beispielsweise, scheiterte teilweise nicht zuletzt daran, dass viele BosnierInnen sagten: “Wir phantasieren nun einmal nicht gerne über die Zukunft.“ Über die Zukunft zu phantasieren, bedeutet auch, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dieser Schritt ist für den Einzelnen im jetzigen Bosnien häufig noch zu groß.

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Häuser zeigen, woran sich die Menschen nicht mehr zu erinnern trauen.

Viele Ideen, die wir begeistert den Mitarbeiterinnen im Stadtteilzentrum präsentierten, hatten sie natürlich selbst schon gehabt. Viele Ideen und Methoden, die sich in Deutschland gut realisieren lassen, hätten für den Stadtteil aber nicht übernommen werden können.

Ein „Umsonstladen“ im Stadtteil z.B. würde die geringen lokalen Ressourcen zur Selbstversorgung beeinträchtigen. Jene, die sich mit dem Verkauf von Secondhand-Produkten die Existenz sichern wären so arbeitslos geworden und hätten die Kundschaft für den wöchentlichen Trödelmarkt verloren.

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Umsonstläden sind keine gute Idee für Simin Han

Die Illusion von Stadtteilgärten verflüchtigte sich schon bei unserem Eintreffen. Der Stadtteil bestand nicht, wie erwartet, aus Hochhäusern, sondern aus Ein- und Mehrfamilienhäusern mit kleinen oder größeren Vorgärten. Selbst am Stadtrand, der ansonsten eher aus Hochhäusern bestehenden Stadt Tuzla, gibt es kleinere landwirtschaftliche Flächen, die gerade auch der ärmeren Bevölkerungsschicht eine geringe Selbstversorgung sichern.

06_03_09_Das_M_llproblem.jpgDer Stadtteil Simin Han hat ein sehr großes Müllproblem. An der bereits vor unserer Ankunft stattfindenden Aufräumaktion hatten sich jedoch nur SchülerInnen und ein paar engagierte BürgerInnen beteiligt. Der kleine Fluss, der durch den Stadtteil fließt, kann sich vor Müll kaum den Weg bahnen. Eine Säuberung sei aber nur durch die Stadt möglich, erklärte uns die Projektleiterin Jasna Jasarevic. Zumal es möglicherweise noch Minen im Fluss gäbe. Die Müllentsorgung funktioniert nur unzureichend und nicht jeder Haushalt besitzt eine Mülltonne. Und: der Müll ist nicht das Hauptproblem der EinwohnerInnen von Simin Han.

Methoden des Community Organizing oder die Methode „planning for real“ erschienen auch schnell als ungeeignet. Auf Grund der komplizierten politischen Lage Bosniens, ist an ein Zurückbringen der Macht an die Basis vorläufig nur eingeschränkt zu denken. Dies hat einen besonderen Grund: Für jede Form des bürgerlichen Aufbegehrens bedarf es einer Gegenmacht, die es zu beeinflussen gilt, um das Ziel (z.B. eine ausreichende Müllentsorgung) zu erreichen. Fehlt es an dieser Gegenmacht, wie im Falle Tuzla´s, so ist auch ein Protest hinfällig.

Viele Methoden setzen auch voraus, dass es eine Zusammenarbeit zwischen staatlicher Verwaltung und lokaler Ebene gibt, so wie es beispielsweise im deutschen Quartiersmanagement geschieht. Ist auch diese Verknüpfung mangelhaft, sind viele größere Projekte nicht durchführbar.

In Tuzla kommt insbesondere hinzu, dass es sich um die einzige sozialdemokratisch regierte Stadt in Bosnien handelt. Alle anderen Städte werden eher rechts, nationalistisch regiert. Dieser Umstand erschwert es der tuzlanischen Regierung und nicht zuletzt den Menschen, an die benötigten Geldmittel heranzukommen. Ferner ist das Rechtssystem durch die komplizierte Struktur Bosniens so undurchdringlich, dass der Rechtsweg häufig länger ist, als der in Deutschland. Die für die Förderung und Entwicklung demokratischer Systeme unabdingbare Mittelschicht fehlt in Bosnien ebenfalls fast gänzlich.

Dieses und vieles mehr schlägt sich im mikrokosmischen Sinne auf die Kommunen und den Einzelnen um. Diese banale Erkenntnis ermöglichte es uns, die deutschen Strukturen zu vergessen und den/die EinwohnerIn Simin Hans wieder in das Zentrum der „Welt“ zu rücken.

Wichtig für uns blieben jedoch ein paar (universelle) Grundsätze:

  • Tue nichts für andere, was sie nicht auch selbst tun können (frei nach Saul Alinsky)
  • Wir arbeiten nicht „für“ sondern „mit“ den EinwohnerInnen
  • Wir warten nicht bis Hilfe kommt, sondern nehmen die Probleme selbst in die Hand
  • Wenn eine Methode nicht funktioniert, war die Zeit nicht reif oder die Methode nicht gut genug
  • Die Veränderung des Einzelnen, verändert ein ganzes Umfeld, einen ganzen Stadtteil …
  • BewohnerInnen sind die ExpertInnen ihres Stadtteils
  • Wir geben Macht ab, der/die EinwohnerIn ist mündig genug, um selbst entscheiden zu können

Nachdem wir uns zur Durchführung einer aktivierenden Befragung entschieden hatten, da diese Methode als einzig sinnvolle erschien, waren wir in langwierigen Vorbereitungen gefangen. Wir übersetzen vom Deutschen ins Englische, was wiederum ins Bosnische übersetzt wurde. Uns wurde bewusst, wie schnell es passieren kann, sich im organisatorischen Selbstzweck zu verirren. Ein ums andere Mal waren die soeben genannten Grundsätze nicht mehr in unseren Köpfen. Wir befanden uns plötzlich gar nicht mehr im Stadtteil sondern im Büro. Wir planten, schrieben und produzierten viel am Gelingen des Projektes herum. Manches ging nicht schnell genug, anderes zu schnell. Wir arbeiteten also viel „für“ den/die BürgerIn und hatten diese dabei manchmal ganz vergessen. Warum wird Selbstzweck in Projekten eigentlich nie thematisiert?

Die EinwohnerInnen riefen sich glücklicherweise von selbst in Erinnerung. Wir absolvierten ein Interviewertraining mit ihnen und waren über ihre hohe Motivation und Mitmachbereitschaft selbst ein wenig überrascht. Allen Teilnehmenden gefielen vor allem die Spiele, derer alle deutschen Workshop-Teilnehmenden schon überdrüssig sind.

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BefragerInnen bei der Auswertung der Ergebnisse

Es stellte sich jedoch als schwierig heraus, den BefragerInnen die Idee der Methode näherzubringen. In der praktischen Umsetzung beobachteten wir oft, dass die fleißigen BefragerInnen, die Interviews als eine Art Schulaufgabe empfanden, die es brav zu lösen galt. Viele benötigten einige Zeit, um selbst zu erkennen, welche Rolle sie für den Stadtteil spielten, nicht zu Letzt dadurch, dass die BefragerInnen eine Fülle positiver Rückmeldungen und Interesse erhielten. Mit anfänglicher Skepsis befanden viele BefragerInnen auch die Tatsache, dass sie keinen Fragebogen bekamen, sondern „nur“ ein paar Leitlinien.

Die Durchführung der aktivierenden Befragung mit der Erreichung der vielschichtigen Resultate war nur möglich, weil wir die empfohlenen Schritte der Methode stark vereinfacht und zu Teilen sehr verändert hatten.

Nachdem es uns gelungen war, die bosnischen Kommunikationsgepflogenheiten länger zu ignorieren, erwiesen diese sich später als sehr hilfreich. Zunächst erschlugen wir die Menschen mit Zeitplänen und ein paar Kommunikationsregeln. Die EinwohnerInnen bemühten sich, sich an ein paar Regeln zu halten, bevor ihr Kommunikationswille wieder aus ihnen herausbrach. Viele Moderationstechniken stifteten eher Verwirrung und Missverständnis, so dass wir Regeln wie: „Es redet nur Einer zur Zeit“ oder längere Fragestellungen für die Kleingruppenarbeit, wegließen. Wir erlebten die EinwohnerInnen als äußerst diskussionsfreudig, und ebenso schienen ihnen selbstbewusst vorgetragene Kurzpräsentationen zu gefallen.

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BewohnerInnen beteiligen sich an der Versammlung

Wir waren oft amüsiert darüber mit welcher Fehleinschätzung wir Veranstaltungen geplant hatten. Niemand wollte brav auf den Stühlen sitzen bleiben und gerade die älteren BefragerInnen überraschten uns mit ihrer Begeisterung für Spiele. Sie waren es auch, die nach Zugaben verlangten und kichernd tuschelnd die Theorieeinheiten ignorierten.

Trotz mancher endlos anmutenden Besprechung oder Diskussion erreichten wir letzten Endes immer ein Ergebnis, auch wenn wir manchmal gar nicht wussten, wie es zustande gekommen war. Wir wurden häufig mit dem Vorurteil konfrontiert, dass die EinwohnerInnen zu resigniert seien, um sich zu beteiligen. Natürlich gab es Missverständnisse und Versprechen wurden oft nicht eingehalten, dennoch konnte die Skepsis (auch von Seiten vieler Professioneller) in der Praxis nicht bestätigt werden.

Fazit:

Es gibt hervorragende Ideen und Methoden für die Arbeit im Stadtteil. Sie sind aber alle nichts wert, wenn sie an den Bedürfnissen der BewohnerInnen vorbei angewendet werden oder kein Gesamtziel erkennen lassen. Die Professionellen im Gemeinwesen sollten Methoden kreativ einsetzen und auch dem eigenen Charakter anpassen. Erfolge sind in der Stadtteilarbeit nur schwer messbar.

Ohne ein positives Menschenbild, die Fähigkeit zur  Selbstreflexion und dem Spaß an ein wenig Chaos, wäre jede Methode, jede Idee nur eine leere Beschreibung der angeblichen Stadtteilarbeit auf der eigenen Homepage.

Der/die Professionelle soll sich keinen „guten Bürger“ backen, und auf die Frage „Woran sollen sich EinwohnerInnen überhaupt beteiligen?“ sollten keine wohlklingenden gängigen Antworten folgen. Methoden und Techniken können eine in Form gepackte und perfektionierte Handlungsanleitung sein. Sie werden hinfällig, wenn es Unklarheiten im Team zum Partizipationsverständnis gibt oder zum genannten Selbstzweck mutieren. Im Methoden- und Projektwahn gefangen, bleibt der/die EinwohnerIn dann lediglich ein zu beteiligendes Subjekt, dass es zu verändern gilt.

Kämpfen, Überzeugen, Neubeginnen, Loslassen und sehen, was passiert, sollte auch eine Methode sein…

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Die BewohnerInnenversammlung (rechts Andrea Vent)

Autorin:

Andrea Vent
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Tel.: 0179/151 06 09

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