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Mär 04 2006
Entwicklungshilfe anders: "Windows of Hope" in Namibia Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Peter Erlenwein & Wolfgang Fänderl   
Samstag, 4. März 2006

06_03_27_WOH_Eliz_Girls.jpgDas Münchner Regionaltreffen von Netzwerk Gemeinsinn e.V. am 27. März 06 stellte ein Modellprojekt der Entwicklungshilfe aus Afrika vor und thematisierte die Zukunft von weltweitem Gemeinsinn. Eine Veranstaltung mit Dr. Peter Erlenwein, auch für 'Entwicklungshelfer' in unserem Land!

WAS?

Im Vollzug der Globalisierung leidet das südliche Afrika immer stärker unter fünf ,biblischen’ Plagen: zunehmende steigende Armut, mangelhafte Bildungspolitik, Arbeitslosigkeit, HIV/Aids und die ungelösten Fragen einer notwendigen Landreform. All diese Problemfelder sind strukturell miteinander verknüpft und Ausdruck eines grundlegenden Missverhältnisses zwischen afrikanischer Tradition und postmodernen Realitäten.

Das Projekt "Windows of Hope" der Deutsch-Namibierin Erika von Wietersheim, eine Bildungsinitiative des namibischen Kultusministeriums für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, in einer zweijährigen Explorationsphase entwickelt und von UNICEF finanziert, wurde anschließend von den Grundschulen des Landes in ihr reguläres Curriculum aufgenommen.

06_03_27_Windows_of_Hope_1.jpg

 

Das Projekt zeigt alternative, holistisch ausgerichtete Ansätze einer innovativen Hilfe zur Selbsthilfe mit minimalem Einsatz finanzieller und technischer Hilfsmittel.  Eine Praxis von Gemeinsinn aus integraler Perspektive. Hierbei bilden die Arbeiten des einflußreichen amerikanischen Forschers Ken Wilber einen Markstein in der Entwicklung einer visionären integralen ‚Landkarte des Bewußtseins', dass so gegensätzliche Gesellschaftsgebiete wie Politik und Kultur, Wissenschaft und Religion, Ökologie und Ökonomie zusammenführt.

Darüber hinaus wurde sich mit der Frage von globalem Gemeinsinn beschäftigen. Entwicklungshilfe hat ihre Geschichte und hat verschiedene Phasen durchlaufen (vgl. "Partizipationsstufen der Entwicklungshilfe"). Die Haltung der Zukunft geht weg von reiner Armutsbekämpfung und Almosenverteilung und kann damit Vorbild unserer landesinternen Entwicklungen sein.

Unsere Fragestellungen an diesem Abend waren:

  • Welchen Verlauf hat das Modelprojekt "Windows of Hope" genommen und was können wir daraus lernen?
  • Welche Philosophien, Theorien und Denkansätze helfen beim gemeinsinnigeren weltweiten Miteinander.
  • Was können wir ganz allgemein aus den Erfolgen und Fehlern der Entwicklungshilfe lernen?

WER?

Zielgruppen: Die 10 Beteiligten kamen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Beratung, Moderation und Forschung (Bildung, Sozialarbeit, Politik, Unternehmen, Medien…), die für Ihre "Entwicklungsprojekte" etwas mitnehmen wollten.

06_03_27_Die_Alternative_Peter_Erlenwein.jpgReferent: Dr. Peter Erlenwein, aus Dießen am Ammersee verbringt einen Großteil des Jahres in Namibia. Mit seiner sozialwissenschaftlichen Ausbildung (Schwerpunkt Politik und Identität / Interkulturalität) und seiner Arbeit als Gestalt-, Körper- und Gruppentherapeut mit Privatpraxis in München (seit 1980)

  • ist er freier Mitarbeiter im Gesundheitspark München, 
  • hält Seminare und Vorträge im Bereich Psychologie, Religion, Integrale Theorie u. Praxis (u.a. Goethe-Institut),
  • ist Lehrbeauftragter an der FH Rosenheim, Abteilung Innenarchitektur, Prof. Scrivanec,
  • war Kurator der Konferenz: Die Alternative. Ausblicke auf eine andere Gloalisierung mit 12 Alternativen Nobelpreisträgern (März 2004),
  • ist Visiting Professor am De Nobili College (Hochschule für Philosophie und Theologie, Pune / Indien) im Fachbereich Interkulturell-religiöser Dialog  (1997-2001),
  • hat einen Lehrauftrag am C.G. Jung-Institut, Zürich/Küsnacht und
  • ist Mitglied im Arbeitskreis Ken Wilber/Integrale Perspektiven.

Dr. Erlenwein hat Kolloquien zum Thema: Der Begriff des Fortschritts in verschiedenen Kulturen in Windhuk/Namibia organisiert und diverse Publikationen und Sendungen zum Interreligiösen Dialog und zur Kulturpolitik im Bayerischen Rundfunk veröffentlicht. Er ist auch Autor und Herausgeber u.a. der Publikation ‚Projekte der Hoffnung’, Oekom Verlag (geplante Veröffentlichung, Sommer 2006). Direkter Kontakt: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Gastgeber: Die Regionaltreffen veranstaltete der Netzwerk Gemeinsinn e.V. in Kooperation mit dem Ökologischen Bildungszentrum München. Als Gastgeber stellten sie Räume und Basis-Catering zur Verfügung. Wolfgang Fänderl von der Akademie Führung & Kompetenz am CAP begleitete die Veranstaltung.

WIE?

Ablauf: Das Münchner Regionaltreffen des Gemeinsinn-Begleitnetzwerks fand am 27.03.2006 im Ökologischen Bildungszentrum München (Engelschalkinger Str. 166/ U4 Arabellapark) statt und dauerte von 18.30 Uhr bis 22.00 Uhr. 

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Bericht Dieter Skiba & Peter Erlenwein:

Wo es keine Vision (Hoffnung) gibt, dort es gibt es auch keine Zukunft.

Dr. Peter Erlenwein arbeitet am Goethe-Center in Namibia. Zunächst gab er einen kurzen Überblick zur Situation des Landes um die Zusammenhänge des Entwicklungshilfeprojekts besser zu verstehen.

Namibia ist seit März 1990 unabhängig von Südafrika. Deshalb ist der 21. März, der Tag der Unabhängigkeit auch Nationalfeiertag. Seit Anfang des 17 Jahrhunderts (fast 400 Jahren) sind die Buren im Land. Etwa 85 % der Bevölkerung von fast 2 Millionen sind Christen. Davon sind etwa 80% Protestanten. Obwohl nur 3% der Einwohner Deutsche sind, befinden sich etwa 80% des Privatlandes im Besitz von Buren und Deutschen.

Nach einem langen Guerillakrieg gegen das südafrikanische Apartheidssystem regiert die SWAPO seit 1990 mit deutlicher Mehrheit in einem Mehr-Parteienstaat. Die demokratischen Oppositionsparteien, u.a. auch die Demokratische Turnhallenallianz (DTA), sind untereinander heillos zerstritten und spielen im politischen Leben Namibias eine eher untergeordnete Rolle. Dennnoch gilt das Land hinsichtlich seiner politischen Situation als eines der stabilsten in Afrika.

Namibia ist ein Riesenland 824.292 km² mit relativ wenig Einwohnern (2,4 Einwohner pro km²) mit der Hauptstadt Windhuk (Windhoek) 279.042 Einwohner. In Namibia gibt es 12 Sprachen und viele Dialekte. Englisch ist seit 1990 Amtssprache, wird aber nur von etwa sieben Prozent der schwarzen Bevölkerung gesprochen wird. Sehr viele Schwarze sprechen entweder Afrikaans oder Deutsch. Es gibt viele ethnische Unterschiede und unterschiedliche Sprachen. Die bantusprechenden Ovambos stellen etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die regierende SWAPO besteht überwiegend aus Mitgliedern dieser Ethnie. Sowohl Afrikaner als auch Deutsche sehen sich als Namibianer und sind stolz auf ihr Land. Der religiöse Hintergrund ist im Alltag präsent, wobei selbst im christlichen Glauben stark das WIR-Gefühl betont wird. "Ohne Christentum hätten wir die Apartheid nicht überlebt" (Bischof Kameeta). Der Ahnenkult, die Verehrung der Vorfahren, Zauberei und Schamanismus sind dennoch nach wie vor sehr lebendig.

 (Weitere Infos in Wikipedia Weitere Infos über Namibia: http://de.wikipedia.org/wiki/Namibia)

Jeder Vierte der 16 bis 40jährigen leidet unter Aids und Armut.. Es gibt Tausende von "Aids"-Waisenkindern".

Dr. Erlenwein empfiehlt das Buch zum Thema von Reimer Gronemeyer "So stirbt man an Aids in Afrika - Warum westliche Gesundheitskonzepte im südlichen Afrika scheitern." Weitere Informationen befinden sich im Namibia Country Report des Ministry of Health and Social Services (Jan 2003 - Dez 2005) über die Programme "Windows of Hope" und "My Future is My Choice".

Erika von Wietersheim hat "Windows of Hope" initiert, was in einem Artikel auf USAID Namibia am 14.07.2004 berichtet wird. Sie engagiert sich schon seit Jahren in der Kirchen und Jugendarbeit. Außerdem wird das Programm auch von der UNICEF unterstützt:"The ‘Windows of Hope' after-school programme is teaching 10- to 14-year-olds about HIV/AIDS prevention before they become sexually active. A separate programme called ‘My Future Is My Choice' has provided life-skills training to 27,000 adolescents ages 15-19."

Die schwierige soziale Situation in den Familien führt häufig zu innerer Verwahrlosung und sehr viel Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung der Mädchen durch ihre eigenen Väter oder Verwandte.

Es besteht ein großer Bedarf an Aufklärung. Die Kinder (Aids-Waisen) werden von Onkeln, Tanten, Neffen, Nichten aufgefangen, es gibt eein starkes soziales Netz. Die afrikanische Gesellschaft nennt das WIR-Gefühl "Ubuntu" und das bedeutet "tragende Gemeinschaft" ("I am because of you").

In diesem Umfeld entstand das "UNESCO-Projekt für Aids und Bildung" als ganzheitlicher (holistischer) Ansatz mit dem Ziel Schutz und Bildung der Kinder. "Windows of Hope" entstand inmitten grosser Armut und mit der Vision, die afrikanische Wertvorstellung eines "WIR" mit dem westlichen Wert des "ICH" zusammenzubringen: Eigenständigkeit und Gemeinschaft.

Es geht um Empowerment, darum eigene Fähigkeiten in den Kindern zu wecken, sich in die Gemeinschaft kooperativ einzubringen. Missbrauch und körperlicher Gewalterfahrung soll vorgebeugt werden und das Verhältnis zwischen Männern und Frauen sich verbessern. "Vorsorge statt Nachsorge!"

"Es ist ein Programm für die Namibische Nation im 21. Jahrhundert!" 30 Kinder sind in einem Junior-Club, die älteren in einem Senior-Club. Die Programm-Abschnitte bauen aufeinander auf und orientieren sich für die Kinder im Grundschulalter an Farben, die ein Programm-"Fenster" der Hoffnung (Windows of Hope) bezeichnen.

Junior-Club (grün, gelb, rot, blau)

1. Grün: Ich + WIR (Selbstwahrnehmung, Wertschätzung, Gefühle)

2. Gelb: Veränderung (Körper, Gefühle, Geschlechter)

3. Rot: Kraft (Umgang mit Krankheit, HIV...)

4. Blau: JA + NEIN (positive Entscheidungen treffen können) 

Senior-Club (violett, türkis, orange, zitronengelb) ab 11 Jahen

1. Violett: Zugehörigkeit (Zusammengehörigkeitsgefühl über die Familie hinaus)

2. Türkis: Liebe (Sexualität und Partnerschaft, nicht nur elterliche Liebe )

3. Orange: Kampf (gegen AIDS mit der Gemeinschaft)

4. Zitronengelb: Doppel JA + Doppel NEIN (bewusster Umgang, Entscheidungskraft und Beharrlichkeit)

Programmaufbau: Das Pogramm läuft insgesamt über 4 Jahre mit jeweils 5 Einheiten pro Fenster. Pro Woche sind 1 1/2 Stunden veranschlagt. Bislang läuft das Projekt 2 Jahre in allen Grundschulen Namibias

Es geht dabei um folgende Fragen:

1. Wie möchstest Du leben, wenn du erwachsen bist?

2. Was möchtest du tun?

3. Möchtest du heiraten und Kinder haben?

Dabei erfahren die Kinder viel psychologische Unterstützung und Selbstbestärkung "Du bist wert, dass sich etwas ändert".

Es gibt ein Anfangsritual und ein Abschlussritual. Dabei werden Lieder gesungen z.B. "We are the Future" und "Choosing my future". Die Kinder malen z.B. das Haus, in dem sie leben wollen. In einer Sitzung geht es um die berufliche und persönliche Zukunft: "I can walk towards my future" mit Rollenspielen, Spielen, Zeichnen und Singen. Dabei werden die Kinder interviewt, um das persönliche Schicksal der Kinder herauszufinden. Es gibt überall eine Vertrauensperson als Ansprechpartner. 

Weitere Antworten auf Nachfragen:

Für dieses Programm werden die Eltern (vor allem auch die Väter) um ihr Einverständnis gefragt.

Das Programm mit dem Slogan "After the revolution - What now?" ist für Schwarze. In den 2 Jahren der Projekt-Laufzeit ist ein Handbuch (Manual) entstanden. Das Programm ist quasi von innen heraus gewachsen.

Diskussion nach dem Vortrag

Alle Beteiligten waren schwer beeindruckt von der Arbeit. Auch bei uns in Deutschland würden sich mehr Eltern eine intensivere Einbeziehung wünschen (Beispiel Waldorfschulen, Montessorischulen).

Das Besondere an der afrikanischen Erfahrung ist, dass es sich um eine spirituelle Erfahrung handelt, einen "Seins-Raum" jenseits aller Religion, in der die "Heiligkeit des Lebens" im Mittelpunkt steht.

Es ging auch um die Missverständnisse zwischen Ost und West, Europa und Asien (Indien, Afrika, Südostasien) mit ihrer unterschiedlichen Kultur. Bei uns in Eruopa herrscht ein selektives Effizienzdenken vor <==> in Namibia geht es um Mit-Sein und die Überwindung eines rein ethnischen Denkens. Interessant wäre ein holistischer Ansatz mit "Afrika und Europa". Evtl. braucht es auch Programme von Afrikanern für Afrikaner, echten Dialog und gutes Zuhören.

Eine Anregung war, aus der Abstraktion dieser Gedanken ein Programm für Politiker und Manager aus der Wirtschaft zu entwickeln, und zuvor zuerst die Trainer selbst damit vorzubereiten.

Die Afrikanischen Frauen haben z.B. durch das Programm verstanden, dass die Kultur den Menschen dienen muss, nicht umgekehrt. Übertragen auf unsere Arbeitskultur würde das bedeuten: "Die Wirtschaft muss uns dienen".

Allgemeine Informationen

Wolfgang Fänderl: 089/ 2180-1333 oder 
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www.gemeinsinn-werkstatt.de

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