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Feb 15 2006
"Weil ich etwas verändern will!" - Partizipationspreis in München Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Susanne Hofmann   
Mittwoch, 15. Februar 2006

05_09_13_Cover_mitWirkung.jpg„ausgezeichnet!“ – Der erste Münchner Jugendpreis für Engagement und Beteiligung belohnte Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren, die sich einmischen (Bericht anbei).

Partizipation von Kindern und Jugendlichen - Vom Recht zur Wirklichkeit

06_02_14_ausgezeichnet_Plakat.JPG„Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ – so fröhlich und unerschrocken zupackend wie Pippi Langstrumpf sind viele Kinder und Jugendliche, wenn es darum geht, in ihrem Umfeld etwas für sich und andere zu verändern. Man muss sie -  allem Anschein nach – nicht groß auffordern, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Doch braucht es geeignete Rahmenbedingungen, die zum Engagement ermutigen und anstiften, und vor allem ein Bewusstsein bei den Erwachsenen dafür, dass Kinder „Experten in eigener Sache“ sind.

So formulierte es Jana Frädrich, die Kinderbeauftragte der Landeshauptstadt München. Längst ist bekannt, dass eine Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an sie betreffenden kommunalen Planungen und Entscheidungen diese wesentlich verbessert. Und dass sich die Spielregeln einer lebendigen Demokratie und pluralistischen Gesellschaft am besten im gemeinsamen Engagement einüben lassen, ist fast schon ein Allgemeinplatz.

Dennoch: „Um die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist es (noch) nicht gut bestellt.“ Zu diesem Ergebnis kommt die jüngste Studie zu diesem Thema von Reinhard Fatke und Helmut Schneider aus dem Jahr 2005. Dabei ist die Partizipation von Kindern und Jugendlichen auf dem Papier längst als Recht festgeschrieben, in der UN-Konvention über die Rechte des Kindes von 1989 ebenso wie im deutschen Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG).

Die Landeshauptstadt München, in der nach Angaben des Statistischen Amtes der Stadt Ende 2004 rund 185 000 Kinder und Jugendliche lebten,  hat die in der UN-Konvention formulierten Kinderrechte ausdrücklich mit dem Beschluss der Vollversammlung des Stadtrates vom 24. Juli 2001 anerkannt und bemüht sich, sie im Rahmen ihrer Zuständigkeiten umzusetzen. Der Münchner Verein Förderung von Bürgerschaftlichem Engagement (FöBE) stellte in den Jahren 2005 und 2006 das Thema „Jugend engagiert sich“ in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten.

Partizipation ist Erziehung zur Demokratie

Partizipation und Öffentlichkeit zeichnen eine demokratische Gesellschaft aus. Dass Bürger das Leben in ihrer Stadt oder Gemeinde aktiv mitgestalten, über sie betreffende Belange mitentscheiden und Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen,  ist ein Grundsatz, der nicht nur für (wahlberechtigte) Erwachsene gilt, sondern ebenso für Kinder und Jugendliche.

„Denn eine aktive Mitwirkung in ihren Lebensbereichen – sei es in Familie, Schule, Freizeit, Verein oder im Gemeinwesen insgesamt – festigt ihr Selbstvertrauen und trägt so zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung sowie zur Bildung ihres politischen Bewusstseins bei. Sie stärkt ihre Identifikation mit dem Gemeinwesen und dessen Institutionen, erweitert ihre Handlungsmuster und dient auf diese Weise ihrer sozialen und gesellschaftlichen Integration. In diesem Sinne ist Partizipation auch ein Mittel der Erziehung zur Demokratie.“ stellen Reinhard Fatke und Helmut Schneider in ihrer umfassenden Untersuchung fest, in der sie auch die Situation in München unter die Lupe nahmen.

Partizipation ist ein Recht

In Artikel 12 der UN-Konvention über die Rechte des Kindes heißt es: „(1) Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine Meinung zu bilden, das Recht zu diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife. (2) Zu diesem Zweck wird dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben, in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsfragen entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter oder eine geeignete Stelle im Einklang mit den innerstaatlichen Verfahrensvorschriften gehört zu werden.“

Und im Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII), dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), ist in § 8 festgehalten: „(1) Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen. (...) (2) Kinder und Jugendliche haben das Recht, sich in allen Angelegenheiten der Erziehung und Entwicklung an das Jugendamt zu wenden.“ Und weiter in § 11 Absatz 1: „Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.“

Das Büro der Münchner Kinderbeauftragten hat „Die Rechte des Kindes“ in einer Broschüre zusammengestellt. Dort werden Kinder und Jugendliche zum Mitreden und Mitentscheiden unter „6. Das Recht auf Meinungsäußerung, Information und Gehör“ aufgefordert: „Deine Meinung zählt! Du hast das Recht, deine Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse frei zu äußern. Deine Meinung muss bei allen Dingen, die dich betreffen, beachtet werden: zu Hause, in der Schule, bei Ämtern und vor Gericht. Kein Kind soll bestraft werden, wenn es seine eigene Meinung sagt.“

Gelebte Partizipation braucht Förderung

Am Willen fehlt es also nicht. Dennoch nimmt die Öffentlichkeit das vielfältige und fantasievolle Engagement von Kindern und Jugendlichen an ihren Schulen, in nichtkirchlichen und kirchlichen Jugendgruppen, aber auch in kommunalen Foren kaum wahr. Auch Jugendliche selbst wissen offenbar zu wenig über ihre Möglichkeiten zur Partizipation. Dabei würden sich durchaus mehr engagieren:

Über 12 000 Schülerinnen und Schüler wurden in 564 Städten und Gemeinden für die oben genannten Studie zur „Kinder- und Jugendpartizipation in Deutschland“ zu ihren Mitwirkungsmöglichkeiten befragt. Danach fanden fast 70% der Befragten, junge Menschen sollten in der Politik mehr zu sagen haben,  und 78% gaben an, zu einer stärkeren Mitwirkung bereit zu sein. 

Um die Situation zu verbessern, braucht es nach der Studie nicht in erster Linie Geld: So war ein Zusammenhang zwischen der kommunalen Finanzkraft und der Mittelausstattung von Angeboten zur Beteiligung nicht nachzuweisen.

Dennoch ist eine Förderung von Jugendpartizipation nicht umsonst zu haben. Folgende Faktoren halten die Autoren der Untersuchung für maßgeblich:

  • Kinder und Jugendlichen brauchen bessere Informationen über ihre Mitwirkungsmöglichkeiten.
  • Die Beteiligungsangebote am Wohnort und in der Schule müssen sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientieren.
  • Partizipation will gelernt sein. Deshalb braucht es Qualifizierungsangebote für Kinder und Jugendliche.
  • Gemeinsam lässt sich leichter etwas erreichen, z.B. in einem Verein. Das Engagement in Vereinen soll deshalb gefördert werden.

Der Gewinn

06_02_14_ausgezeichnet_Plakat.JPGDer neue Münchner Jugendpreis für Engagement und Beteiligung „ausgezeichnet!“ ist ein Beitrag, die Partizipation von Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren zu fördern, sie zum Engagement in Schule, Freizeit und Nachbarschaft zu ermuntern, ihre Aktivitäten publik zu machen – und seitens der städtischen Öffentlichkeit zu honorieren. Einsendeschluss war der 30. Juni 2006! (Jufo_Flyer.pdf Jufo_Flyer.pdf)

Bewerben konnten sich alle, die möglichst ohne Hilfe von Erwachsenen etwas verändert und verbessert haben – in der Schule, der Freizeitstätte oder der Jugendgruppe, im Sportverein oder einfach in der Nachbarschaft. Und auch die, die ein Projekt bis zum Bewerbungsschluss in Angriff nehmen möchten, sind mit dabei. Denn Engagement lohnt sich, nicht nur für die Gewinner. Die Jugendjury wählte drei Projekte, die im Rahmen der Münchner Freiwilligenmesse am 15. Oktober im Gasteig den „ausgezeichnet!“ erhielten.

Die prämierten Projekte werden mit je 500,00 EUR und einem unbezahlbaren Preis belohnt: Einem Tag mit der Schauspielerin Julia Jentsch hinter den Theaterkulissen, einem Tag mit Arno Makowsky in der Süddeutschen Zeitung und einem Satireabend mit Oberbürgermeister Christian Ude.

Die Preisträger (Bericht)

Der erste „ausgezeichnet!" machte 2006 die beeindruckende Vielfalt des sozialen, politischen und kulturellen Engagements von Kindern und Jugendlichen in dieser Stadt deutlich: Zu den Gewinnern gehörten die „Teens on phone", Jugendliche, die Gleichaltrige am Telefon beraten - und das alles von der Anwerbung neuer Mitarbeiter bis zur Werbung in eigener Regie organisieren. Aber auch die Kinder von der Jugendhilfe in Feldkirchen wurden „ausgezeichnet". In ihrem Kinderheim haben sie ein Kinderparlament mit eigenen Regeln eingerichtet und darüber schon einige Projekte, etwa ein neues Klettergerüst, verwirklicht. Die Schülerinnen und Schüler der „AG Soziales Handeln" an der Hauptschule Knappertsbuschstraße, die jeden Mittwochnachmittag einen sozialen Dienst im Stadtviertel übernehmen, überzeugten die Jury aus Jugendlichen ebenso wie die der Europäischen Schule München. Für rund 250 Mitschüler der 10. bis 13. Klasse haben sie eine Simulation der Jahreskonferenz der Vereinten Nationen in englischer Sprache organisiert.

Hintergrund

Auf dem Weg von der Idee zum Preis hatte das Organisationsquartett nicht nur die eigenen sozialen Einrichtungen, sondern auch viele Unterstützer überzeugt, darunter die Kinderbeauftragte der Stadt und den Ausländerbeirat. Denn die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen am Leben in ihrer Stadt ist nicht nur ein Recht, sie bietet vielmehr die beste Gelegenheit, demokratische Spielregeln einzuüben, zu erleben, dass sich gemeinsam vieles verändern lässt - und dass das obendrein jede Menge Spaß macht. „Sich für andere und die Gemeinschaft einzusetzen, für sein Umfeld aktiv zu werden, Interesse zu zeigen für seine Stadt und die Menschen – das alles ist wichtig, um die Persönlichkeit zu prägen und soziale Kompetenz zu entwickeln. Deshalb fördert unserer Kinder und Jugendstiftung diesen Preis,“ meint auch Ilona Ramstetter, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Stadtsparkasse München.

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von links: Ilona RAMSTETTER, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Stadtsparkasse München, Nima LIRAWI, Preisbotschafter, Lisa STOCKNER, Preisbotschafterin, und Barbara Klöver, Organisationsteam "ausgezeichnet!" und IPP

Zum Organisationsteam des Preises gehörten das Institut für Praxisforschung und Projektberatung, die Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik e.V., das Münchner Kinder- und Jugendforum/Kultur- und Spielraum e.V. sowie der Münchner Trichter. Die Idee entstand vor zwei Jahren in einem Workshop des Sozialpolitischen Diskurses München, einem Netzwerk, in dem Vertreter verschiedener Träger, Einrichtungen und der beiden Fachhochschulen unter dem Motto „Partizipation – Wir gestalten die soziale Stadt“ mit der Sozialverwaltung, Politik und Wirtschaft sozialpolitische Fragen diskutieren. Weitere Informationen zu den Trägern finden Sie in einem PDF:

ausgezeichnet! - Hintergrund ausgezeichnet! - Hintergrund

Quellen, Literatur und weitere Informationen

Übereinkommen über die Rechte des Kindes (Der vollständige Text der UN-Konvention in verschiedenen Sprachen ist zu finden unter
http://boes.org/justice.html)

Kinder haben Rechte! Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes. Eine Einführung. Dokumentation Nr. 11., hrsg. vom Deutschen Komitee für UNICEF, Köln 2001 (als pdf-Datei auf der Homepage von UNICEF)

Die Rechte des Kindes, hrsg. vom Büro der Kinderbeauftragten der
Landeshauptstadt München (als pdf-Datei unter www.muenchen.de/Rathaus/soz/stadtjugendamt/kinderpolitik)

Reinhard Fatke/Helmut Schneider: Kinder und Jugendpartizipation in
Deutschland. Daten, Fakten, Perspektiven, hrsg. von der Bertelsmann
Stiftung, Gütersloh 2005 (über www.mitwirkung.net)

Jana Frädrich: Kinderbeteiligung: Kinder vertreten ihre Interessen selbst. In: Das Online Familienhandbuch (www.familienhandbuch.de)

weitere Informationen

Münchner Jugendpreis für Engagement und Beteiligung
Öffentlichkeitsarbeit:
Dr. Susanne Hofmann
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