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Feb 10 2006
Wir sind das Web – Communities im Internet Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Fänderl, Wolfgang Goede, Michael Kroll   
Freitag, 10. Februar 2006

06_02_27_Wir_sind_das_WEB1.gifRosenmontag 27.2. in München fanden sich Redakteure, Administratoren und Aktive von Print- und Online-Magazinen und Regional-Zeitungen beim Münchner Regionaltreffen des Gemeinsinn-Netzwerks ein. Der lebendige Austausch mit Inputs von 5 Referenten dreht sich in ersterl Linie um die Frage, wie mit alten und neuen Medien Communities unterstützt werden können.

WAS?

Was hat Fasching mit engagierter Medienarbeit zu tun? Beides eine Schnapsidee? Beides erlebt in Bälde einen Aschermittwoch? Beides ist lustig und verbreitet gute Laune?

Weit gefehlt. Bei diesem Treffen ging es lediglich um den gemeinsamen Termin, bei dem der Rosenmontag und der letzte Montag im Monat zusammenfielen. Ansonsten war das Thema akuter und ernster, als es die Zeit eigentlich zuließ.

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Bereits im November 2005 haben wir uns über Weblogs, Wikis und Webportale kundig gemacht. Die Quintessenz damals: viele neue Techniken und die Open Source Idee (Copyleft statt Copyright) greifen in den neuen Medien um sich. Webportale mit mehreren Millionen Online-Benutzern täglich schießen aus dem Boden. Nachrichten zu empfangen und weiter zu vermitteln braucht heute noch nicht einmal die E-Mail-Technik sondern kann via Internet in Communities organisiert und aktuell gehalten werden.

Damals entstand auch die Frage, welche Auswirkungen diese Fülle an neuen Möglichkeiten auf die Demokratisierung unserer Gesellschaft haben. Zunächst fällt die Kontrolle von Informationen schwerer, sowohl in Bereichen der Tabus, des Jugendschutzes aber auch in Kontexten in denen unliebsame bzw. Minderheitenmeinungen ignoriert oder verschwiegen werden.

Die Berichterstattung der großen Medien – ob Print-, Radio- oder Fernsehen – orientiert sich weitgehend an den Einschaltquoten. Das Internet hingegen schafft Öffentlichkeit für Nischen, für Szenen, für oppositionelle Meinungen und Gemeinschaften.

Unsere Fragestellungen bei dem Treffen waren:

  • Wer sind wir (Communities) und wie können wir das web (Internet) optimal nutzen
  • Erfahrungen mit demokratischer Selbstverständigung der Bürger mittels eigenem Medium
  • Erfahrungen aus einem Jahr Bürgerjournalismus in Regensburg
  • Wie entstehen Akzeptanz, Kompetenz und Glaubwürdigkeit eines nicht etablierten Mediums?
  • Reicht die "web-Community" aus, oder brauchen wir nach wie vor das Printmedium und regelmäßige Treffpunkte?

WER?

Zielgruppe: Anwesend waren 11 Beteiligte aus Beratung, Moderation und Forschung (Bildung, Sozialarbeit, Politik, Unternehmen, Medien…) um unterschiedliche Lösungsansätze kennenzulernen und in der Diskussion auf neue Erkenntnisse zu kommen.

Referenten: Michael Kroll (Redakteur von "der Leserbrief' in Regensburg), Wolfgang Goede (FoCo-Repräsentant, Initiator des Arbeitskreises zur Erneuerung der Demokratie, Redakteur P.M.Magazin), Dieter Skiba (Online-Vernetzungsexperte in diversen Communities) und Ben Wagner (Fachschaftssprecher und open-source-erfahrender Admin an der Universität München).

Gastgeber: Das Regionaltreffen veranstaltete der Netzwerk Gemeinsinn e.V. in Kooperation mit dem Ökologischen Bildungszentrum München. Als Gastgeber stellten sie Räume und Basis-Catering zur Verfügung. Wolfgang Fänderl von der Akademie Führung & Kompetenz am CAP konnte die Veranstaltung methodisch begleiten und dokumentieren.

WIE?

03_02_27_GW_Anwendungsworkshop3.jpgAblauf: Das Münchner Regionaltreffen des Gemeinsinn-Begleitnetzwerks fand am 27.02.2006 im Ökologischen Bildungszentrum München statt. Um 18.45 Uhr wurde das Mitbringbuffet eröffnet und um 19.15 Uhr gab es eine Einstiegsrunde, bei der ins Thema eingeführt wurde und von den Anwesenden ihre Einzelerwartungen eingebracht und koordiniert wurden. Anschließend kam es zum Schwerpunktthema und zum Angebot der Reflexion weiterer Themen bis 22.00 Uhr. Die Ergebnisse sind hier in einem Bericht zusammengefasst.

Ergebnisbericht

Erwartungen an das Treffen:

  • Welche Anregungen bieten neue Technologien des Internet für die Arbeit in Communities?

  • Wie erhöht man die Attraktivität und Glaubwürdigkeit der Arbeit um neue Mitstreiter für eigene Webprojekte zu finden?

  • Ist die Form ausreichend, oder wie gewinnen unsere Medien wieder mehr an sinnvollen Inhalten und Qualität?

  • Wie können durch Internet-Angebote die Einzelnen an Selbstorganisation und Verantwortungsübernahme gewinnen.

  • Wie mit Mißbrauch, U-Booten, Spam etc. besser umgehen und auf den Datenschutz achten?

  • Vertiefund des Machtaspekts beim Umgang mit partizipativen Medien wie dem Internet.

  • Kokrete Hinweise zum Bürgerjournalismus-Projekt in Regensburg.

Im Folgenden konnten einzelne Beteiligte ihre Themen und Beispiele vorstellen und dabei auch den Internetanschluss und Beamer nutzen.

"Der Leserbrief" - Internetplattform und Printmedium für Bürgerjournalismus in Regensburg (Michael Kroll)

06_02_27_LeMoMo_001.jpgwww.der-leserbrief.de ist die selbstorganisierte Initiative einiger weniger Redakteure und Bürger, um die Meinungskontrolle durch zentralisierte öffentliche Medien in Regensburg zu brechen und seinerseits Kontrolle auf das politische Geschehen auszuüben.

Die Webplattform ist recht schlicht wie ein Internet-Tagebuch gestaltet, besitzt mehrere Rubriken, in die Bürger ihre Beobachtungen, Berichte, Reportagen oder Interviews einstellen können und konzentriert sich auf Beiträge aus der Region Regensburg. Im Jahr werden hier 1600 Beiträge eingereicht. "Der Leserbrief" ist monatlich auch als Printmedium kostenfrei erhältlich und stellt einzelne Themen konzentriert dar.

Die Redaktion hilft bei der Veröffentlichung und Aufbereitung und versucht auch die Kosten durch Spenden und Anzeigen zu tragen, was bei einem so allseits kritischen Blättchen nicht einfach fällt. Interessanter Weise befinden sich unter den Abonennten viele politisch Konservative.

Schwierigkeiten entstanden auch durch den relativ eigenmächtigen und kurzen Vorlauf, bei dem nicht viele Mitstreiter mitgehen und sich mit dem Medium identifizieren konnten. Entsprechend schleppend ist die breite Beteiligung zu erreichen, die eigentlich Voraussetzung für attraktive Beiträge und interessenorientierte Rezeption ist.

Inzwischen versucht die Redaktion durch Interviews attraktive Beiträge zu erhalten. Allerding ist auch die finanzielle Situation angespannt und es fragt sich, wie die Arbeit weitergehen kann.

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Hinweise aus dem Kreis der Beteiligten:

  • Bei der Planung einen Zeitraum von 3 Jahren einkalkulieren und entsprechend Fördergelder akquirieren und auf die Möglichkeiten der Eigenfinanzierung achten. 

  • Kritische Haltung in vielerlei Richtungen geht häufig einher mit fehlenden Anzeigenkunden. Dies ist im Businessplan zu beachten.

  • Gutes muss etwas kosten, sonst verliert es an Wertschätzung für die Kunden.

  • Das Tool könnte evtl. auch in anderen Gemeinden weitergegeben (verkauft) werden und damit eine größere Bedeutung und Öffentlichkeit durch überregionale Vernetzung erhalten.

  • Evtl. sind auch nachträglich noch über die Software AG Stiftung Fördergelder zu bekommen.

  • Möglicher Weise wird die Initiative für überregionale Medien interessant, wenn dort kritische Leserbriefe der eigenen Redaktion abgedruckt werden könnten.

Attraktive Community-Plattformen (Dieter Skibba)

Dieter Skibba ist einer der weltweit best vernetzten Online-User, der es schafft mit bestimmten Herangehensweisen auch bekannte und einflussreiche Persönlichkeiten für sich als Kontakte zu gewinnen. Er stellte per Beamer einiger der für Ihn wichtigsten Business-Communities vor:

www.brandeins.de (Wirtschaftsmagazin und internationale Plattform für die Business-Community)

www.linkedin.com (Jobvermittlung in Gemeinschaft)

www.openBC.com (die europäische Business-Community mit Steckbrief, Interessengruppen und hohem Nutzercomfort)

www.ecademy.com (das Social-Business-Network)

www.hi5.com (als Beispiel für eine vielzahl von Freundesnetzwerken)

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Eine der Haupterkenntnisse: Die online-communities funktionieren nur dann, wenn sich aus reale Treffen aus den Online-Kontakten ableiten und echte Kontakte aufbauen lassen. Selbst im Business-Kontext überwiegen die persönlichen Themen und fragen der Qualifizierung. Durch bestimmte Freischaltmechanismen bleibt die Anonymität (Email und Adressen) gewahrt. Neben Premiummitgliedschaften (z.B. openBC) werden auch kostenfreie Mitgliedschaften mit weniger Komfort angeboten. Die Tools sind einfach zu nutzen und mit viel Anschaulichkeit (Fotoalben). Die Regeln werden z.T. recht rigide eingehalten und bei Zuwiderhandeln kommt es zum Löschen von Artikeln bis hin zum Ausschluss aus der Community.

Umgang mit Macht im World Wide Web (Wolfgang Goede)

Wolfgang Goede hat als Vertreter des Bündnisses für demokratische Erneuerung, Forum-Community-Organizing und Redakteur des Wissenschafts-Magazins P.M. eine Reihe von Erfahrungen zum Thema Content-Gestaltung und Machtverteilung im Internet sammeln können.

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Entsprechend stellte er die Seiten http://www.empowerhaus.de/ (einfaches Forum mit Rubriken zum Empowerment) vor, die er als seine Gedächtnisstütze und Lose-Blatt-Sammlung im Internet bezeichnet.

www.pm-magazin.de, an dem er mitwirkt, folgt hingegen anderen Gesetzen. Hier sollen Abonnenten gewonnen werden, sind bewegte Bilder und "Teaser" eingesetzt, um auf den Seiten "Traffic" zu kreieren. Es werden auch interaktive Auswahlmodule genutzt (z.B.: Welches Titelbild bevorzugen die Leser?) in denen eine Abstimmung möglich ist. Die Einbindung von "Weblogging" und anderen Formen der Leserbeteiligung werden derzeit optimiert.

Goede unterstrich, dass diese Elemente wichtig seien, um sich aus der Masse der Beiträge im Internet herauszuheben und gleichzeitig damit Geld zu verdienen.

In den USA zeichnet sich mit den neuen Medien ein starker Rückgang traditioneller Medien wie Print und TV ab. On-demand-Programme und interaktive Online-Portale laufen ihnen den Rang ab. Nur da, wo die Leser eingebunden werden (z.B. auch in der französischen Tageszeitzung Le Monde), die Beteiligten bei ihrer Veröffentlichung von Beiträgen gecoacht und nicht bevormundet werden, stellt sich für Verlage auch im Internet Erfolg ein.

Dabei kommt es auch zu einer neuen Machtverteilung. Wenn sich die "Blogger" formieren und zum Beispiel gegen unzuverlässige Produkte protestieren, werden auch große Konzerne kleinlaut. Die Communities, so emotional gesteuert sie manchmal auch sind, haben hohe Durchsetzungskraft und Breitenwirkung, die für Wirtschaftsboykotte und die schnelle Verbreitung von Themen verantwortlich sein können.

Mehr unter: http://www.empowerhaus.de Rubrik Zivilgesellschaft: "Das Medienpublikum an der Macht".

Abschließende Bemerkungen im Plenum:

  • das Internet setzt auf die Content-Syndication, d.h. auf die Frage, wie mit Inhalten umgegengen werden kann und dennoch die Finanzierung der Infrastruktur gewährleistet bleibt.

  • Zentrale Frage jeder Web-Community muss es sein, wie sie für die User einen Mehrwert erzeugen kann und dies transparent machen kann.

  • Neben den gut zugänglichen und komfortablen Internet-Tools braucht es immer auch ein gutes Offline-Angebot (Treffen, Printmedien etc.)

  • Eine Online Community funktioniert nur wenn es etwas wert ist dabei zu sein.

  • Macht und Gegenmacht im Internet könnte ein eigenes Forschungsfeld sein.

  • Das Internet ist ein Startup für neue Ideen und es fragt sich, wie Fördermaßnahmen weitergehen können.

  • Es ist gut auf der Seite der Informierenden zu stehen, da dann auch Themen von Bedeutung lanziert werden können und die Ohnmächtigkeit abnimmt.

  • Wir sollten das bedrohliche Szenario diktatorischer Datenkontrolle nicht aus dem Auge verlieren. Das was heute so hilfreich und transparent ist, kann morgen gegen demokratische Interessen eingesetzt werden. Mehr Aufklärung und Datenschutz wäre nötig.

  • Das Internet vereinzelt nicht nur, es kann genauso gut das Interesse am "Wir" wecken und Menschen zusammenführen. Darüber hinaus sind Internet-Programme in der Lage Communities bei ihrer internen wie externen Öffentlichkeitsarbeit und Organisation zu unterstützen.

  • Damit die "Masse nicht die Klasse erschlägt", sollten die Inhalte jeder Seite im Vordergrund stehen. Warum lohnt es sich hier auf der Seite zu surfen, sich zu beteiligen? Qualitätskriterien sollten klar sein und können auch attraktiv sein.

Weitere Informationen

Wolfgang Fänderl: 089/ 2180-1333 oder 
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www.gemeinsinn-werkstatt.de

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