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Dez 20 2005
Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Regiogeldinitiativen und Tauschringen Drucken E-Mail
Geschrieben von Andreas Artmann   
Dienstag, 20. Dezember 2005

waldviertlernoten.jpgWir sind gewohnt Dienstleistungen und Produkte auf Heller und Pfennig (bzw. Euro und Cent) zu begleichen. Doch es gibt noch andere Arten des Austauschs. Andreas Artmann vergleicht als Kenner der Szenen ergänzende Währungsalternativen und stellt seine Einschätzung zur Diskussion.

Kurz zu meiner Person:

Andreas_Artmann.jpgIch bin seit 1997 im Tauschring Lowi e.V.in Münster und aktuell zum zweiten Mal Geschäftsführer dieses Vereins. Beim Bundestreffen 2004 war ich Sprecher der Koordinationsgruppe und habe die Plenumsveranstaltungen moderiert. Im Sommer 2004 habe ich die Fortbildung zum Regionalgeldreferenten begonnen, die ich mit Teilnahme an einem vierten Netzwerktreffen noch dieses Jahr abzuschließen hoffe. Die folgenden Informationen habe ich für das Bundestreffen 2005 zusammengestellt.

Ich bin nicht der Vertreter von
Tauschringen      Regionalgeld       Kapitalökonomie

sondern in erster Linie Mensch.

Mein Anliegen

Ich kann hier nicht über oder für einen Tauschring, die Tauschringe oder die Regiogeldbewegung sprechen, sondern nur von meiner persönlichen Einschätzung und Erfahrung. Mir ist es wichtig zu sagen, dass ich in meinen Betrachtungen sicherlich vereinfache und nur Tendenzen aufzeigen kann. Die Realität ist um einiges vielfältiger und komplexer. Ich hoffe jedoch durch dieses Aufzeigen von Tendenzen ein wenig mehr Klarheit über die tendenziellen Schwerpunkte der beiden Ansätze vermitteln zu können.

In meiner Betrachtung steht nicht das System (Regio - TR, etc.) im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Aus dieser Sicht sind Regios, TRs, etc. Werkzeuge in der Hand des Menschen.

Da der Mensch die Kontrolle über das System hat (zumindest haben sollte), ist der grundlegendste Punkt für mich:

SELBST         BEWUSST          SEIN

selbst: Jeder Mensch, jede Initiative, jeder Tauschring  sollte sich mit seinen Bedürfnissen (menschliche Bedürfnisse – nicht kommerzielle) und Zielen kennen, dann kann er/sie

bewußt: in einem gemeinschaftlich abgestimmten Prozess nachhaltig handeln und

sein: seine ganze kulturelle, kreative, schöpferische, gemeinsinnorientierte Kraft leben.

Die Tauschring-Bewegung ist (nach meiner persönlichen Einschätzung) immer noch in der Phase der Selbsterkenntnis.Welche Bedürfnisse haben die Menschen  bzw. hat die Gemeinschaft der Menschen in einem Tauschring? Wie kann man den Tauschring gestalten, so dass er möglichst allen Bedürfnissen entspricht? Wie kann man sich selbstbestimmt und möglichst ohne Machtmissbrauch organisieren? Welche Bedürfnisse haben wir an eine übergeordnete, bundesweite Struktur? Ich würde sie tendenziell eher als Graswurzelbewegung, also als relativ unorganisierte Bewegung von unten bezeichnen.

Der Regionalgeld-Bewegung geht eine 20-jährige Forschungsarbeit von Frau Professor Kennedy voraus, in der sie viele Komplementärsysteme auf der Welt besucht und erforscht und viele praktische Erfahrungen in diesen Systemen ausgewertet hat. Erst dann hat sich daraus eine Netzwerkstruktur gebildet, die ich tendenziell eher als von wenigen Menschen geführte Entwicklung von einer klaren Idee zur praktischen Umsetzung erlebe.

Tauschringe und Regionalgeldsysteme sind für manche grundverschieden und für andere direkt miteinander verwoben. Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser herauszustellen, versuche ich im Nachgang meine Wahrnehmung von Regionalgeld und Tauschringen zu beschreiben. Hierbei fokussiere ich mich auf die, meiner Einschätzung nach, wichtigsten Punkte:

Hintergrund

Die Tauschringe sind aus einer Vielzahl von verschiedenen Ansätzen entstanden. Je nach Interesse der Gründer sind sie an der Freiwirtschaft, an sozialen Bewegungen, Barterclubs oder konkreten Projekten aus dem Ausland orientiert. Eine klare Definition von Tauschring ist in den letzten Jahren immer wieder versucht, aber letztendlich nie gemeinsam verabschiedet worden. Das als allgemein anerkannt geltende „Positionspapier der Tauschringe“ aus 1998 wurde in den letzten Jahren aufgrund einer nicht vorhandenen „Bundesstruktur“ nicht weiter entwickelt.

Der Regiogeldbewegung ist eine lange und intensive Forschungsarbeit von Prof. Kennedy (in Zusammenarbeit mit Prof. Lietaer) vorausgegangen. In Ihrem Buch Regionalwährungen definiert sie sehr klar was unter einem Regionalgeldsystem zu verstehen ist. Die Arbeit von Frau Kennedy wird im Großen und Ganzen akzeptiert und nur teilweise durch Abwandlungen und/oder Ergänzungen verändert. Derzeit vollzieht sich innerhalb des Regionetzwerks tendenziell ein Emanzipationsprozess der Bewegung gegenüber ihrer Gründerin.

Zinsfreiheit

Beiden Bewegungen ist die Zinsfreiheit ein grundsätzliches Anliegen.

Bei den Tauschringen ist teilweise der Versuch gemacht worden, eine Art Umlaufsicherung einzuführen. Nach meiner Wahrnehmung ist dies aber in den meisten Fällen als unpraktikabel angesehen und sofort oder nach einer Probephase abgeschafft worden.

Beim Regionalgeld ist die Umlaufsicherung (oder Liquiditätsgebühr) in den Qualitätskriterien integriert. In der gesamten Bewegung ist dieser Punkt nach meinem Kenntnisstand aber noch umstritten.

Orientierung

In der Tauschringbewegung sammeln sich eine Vielfalt von Menschen und Ansätzen die von der geldsystemtheoretischen Betrachtung über die Förderung und Entwicklung von nachbarschaftlicher Hilfe, dem Neubewerten des Faktors Arbeit bis zum Üben des freien Schenkens ohne jegliche Aufrechnung inspiriert werden.

Die Regionalgeldbewegung orientiert sich tendenziell an pragmatischen, praktikablen Ansätzen, die das Vertrauen von Unternehmen, Bankern und Wissenschaftlern durch Kompetenz auch in theoretischen Fragen gewinnen sollen.

Menschen

In der Gründungsphase von Tauschringen wie Regiogeldinitiativen finden sich vielfach Menschen mit einem sozialen und gemeinwohlorientierten Hintergrund zusammen, die in der zunehmend ökonomisierten Welt keine Zukunft mehr sehen. Diese sehen in den Tauschringen und Regiogeldern eine Vision für eine menschlichere Welt.

In der weiteren Entwicklung bei den Tauschringen finden sich vielfach Menschen ein, die wegen Arbeitslosigkeit oder anderer Gründe nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt am normalen Wirtschaftsleben teilnehmen. Im Tauschring finden sich oft auch die Menschen ein, die sich der Geschwindigkeit und den hohen Anforderungen des normalen Systems nicht mehr gewachsen fühlen.

In den Regiogeldinitiativen finden sich eher Unternehmer, Wissenschaftler und sonstige engagierte Menschen zusammen, die es gewohnt sind sich professionell und effizient zu organisieren und zu kommunizieren – der soziale Kontakt steht hier weniger im Vordergrund. Die Mitglieder und Teilnehmer des Systems nehmen in der Regel noch am normalen Wirtschaftsleben teil, haben aber ein Empfinden für die zunehmenden Störungen, die dieses System zeigt.

Rheingold20b.jpg

Ziele

Grundsätzlich sind beide Systeme an einer nachhaltigen Entwicklung und Vermenschlichung des Wirtschaftssystems interessiert.

Die Tauschringbewegung lebt von einer noch nicht näher ausdifferenzierten Vision, die ein neues Wirtschaften und einen neuen Umgang losgelöst von den normalen wirtschaftlichen Zwängen ausprobieren will. Viele verstehen die Tauschringe als Experimentierfeld um einen ganz anderen Umgang mit den menschlichen Bedürfnissen und den vorhandenen menschlichen und materiellen Ressourcen auszuprobieren.

Die Regionalgeldbewegung orientiert sich sehr stark an den aktuellen, wirtschaftlichen Gegebenheiten und versucht einen möglichst nahtlosen Übergang zu schaffen. Dies ist sicherlich auch ein Grund für den großen Erfolg, die sie im Moment erfährt. Für meine Wahrnehmung schaut die Regionalgeldbewegung mehr auf die Realitäten in der bestehenden Wirtschaft und versucht ihre Systeme so anzulegen, dass Sie Vertrauen aufbauen und damit leichter akzeptiert werden können.

Kontaktaufbau ist innerhalb einer Region über das Herstellen neuer Wirtschaftskreisläufe beabsichtigt, soziale Netze sollen durch Regionalgeld stärker im regionalen als im lokalen Raum unterstützt werden.

Die Ziele der Tauschringbewegung werden durch das „Positionspapier der Tauschringe“ repräsentiert:

Primäre Ziele der Tauschringe sind die Stärkung und der Erhalt lokaler Strukturen im sozialen und gesellschaftlichen Bereich und im Bereich der lokalen Ökonomie.

1.  Nachbarschaftshilfe - Kommunikation schaffen

  • Abbau von Schwellenangst und Misstrauen, Isolation und Anonymität in der Nachbarschaft
  • Austausch zwischen Menschen fördert die Kontakte untereinander
  • Treffpunkte entstehen
  • Kontakte zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen und Altersgruppen

2.  Ökonomische und soziale Selbsthilfe - Selbstbestimmung - Selbstverwaltung

  • Versorgung mit Dienstleistungen und Produkten, die man sich mit dem vorhandenem Einkommen nicht leisten will oder kann
  • alle Arbeiten und Entscheidungen erfolgen durch die Mitglieder der Tauschringe selbst

3.  Entfalten des Selbstwertgefühls, der Phantasie und Kreativität

  • Eigene Fähigkeiten und Stärken und deren Vielfalt werden entdeckt und gefördert, vorhandene Ressourcen werden genutzt
  • Bei den Fähigkeiten ansetzen, nicht beim „Mangel“
  • Ermutigung zum aktiven Handeln, ökonomisch und sozial
  • Bieten die Möglichkeit, den Selbstwert nicht ausschließlich über die Erwerbsarbeit zu definieren

4.  Gleichberechtigung / gegenseitiger Respekt

  • Kein Gefälle zwischen Gebenden und Nehmenden (kein schlechtes Gewissen bei Hilfebedürftigkeit)
  • Solidar- statt Konkurrenzökonomie
  • Fairer, gleichberechtigter Umgang miteinander, gegenseitiger Respekt
  • sich sowohl der eigenen Fähigkeiten als auch der eigenen Bedürfnisse bewußt werden

5.  Neubewertung von Arbeit und Leben

  • Kopf- und Handarbeit, Frauen- und Männerarbeit, angeblich weniger qualifizierte Arbeit werden neu eingeordnet
  • Tauschringe als neue Brücke zwischen bezahlter und ehrenamtlicher Arbeit
  • Wert der eigenen Fähigkeiten entdecken und für sich und andere nutzbar machen, unabhängig z.B. von bestehenden Kriterien des Arbeitsmarktes

6.  Gemeinwesenentwicklung, lokale Ökonomie, Verbesserung der Lebensqualität

  • Entwicklung nachhaltigen Wirtschaftens
  • Erfüllen sozialer Grundbedürfnisse
  • Beitrag zur Entwicklung einer lokalen Agenda 21
  • Global denken, lokal handeln
  • Ökologie : Ressourcenschonung durch kurze Wege, Müllvermeidung, Wiederverwerten und gemeinsames Nutzen von Gebrauchsgütern
  • Soziale Kompetenz der Gesellschaft erhöhen
  • Sinnvolle Arbeit im Gemeinwesen wird durch ein geeignetes Tauschmittel ermöglicht
  • Vernetzung von Bewohnern, Projekten und Vereinen auf lokaler Ebene
  • Förderung lokaler Strukturen
  • Beitrag zur „Standortsicherung“ durch Verbesserung sozialer Strukturen

7.  Bildungsarbeit zum Zusammenhang zwischen Ökonomie und Leben

  • Verstehen von Wirkungs- und Funktionsweise des Geldes praktisch erfahrbar machen
  • Ursachen gegenwärtiger Probleme verstehen, z.B. Arbeitslosigkeit, Umweltstörung, soziale Ungerechtigkeit, Finanznot

8.  Modellversuche für nachhaltiges Wirtschaften

  • Neue Kooperationsbeziehungen zwischen Privatpersonen, Unternehmen und anderen Organisationen (z.B. der öffentlichen Hand, Vereine) eingehen
  • Modellhaftes Lernen im Erfahren von Versuch und Irrtum

9. Tauschen macht Spaß...

(Beschlossen auf dem Bundestreffen 1998 in München)

Die Ziele der Regionalgeldbewegung setzen sich aus den Leitgedanken und den Qualitätskriterien zusammen:

Warum Regio?

  • um ungenutzte Ressourcen, Fähigkeiten und ungedeckte Nachfrage in der Region zusammen zu bringen,
  • um die regionale Liquidität zu erhalten und zu erhöhen (Wertschöpfung & Überschüsse bleiben in der Region),
  • damit die regionale Entwicklung besser vor den Unwägbarkeiten globaler Finanzspekulation geschützt ist (Ausweg aus der Globalisierungsfalle durch teilweise Entkoppelung)
  • um die regionale kulturelle Identität zu stärken,
  • um soziale, kulturelle und ökologische Projekte, die im offiziellen System Probleme mit der Finanzierung haben zu unterstützen,
  • um eine Wirtschaftskultur aufzubauen, die auf Kooperation anstatt auf Konkurrenz baut,
  • damit viele andere sinnvolle Ziele und Projekte befördert werden (z.B. Europa der Regionen, regionale Vermarktung von Lebensmitteln, regionale Wirtschaftsförderung, Kulturentwicklung),
  • damit die ökonomischen und gesellschaftlichen Vorteile eines anderen Geldsystems praktisch erlebt und verstanden werden.

Qualitätsstandards für Regiowährungen

Das Regio-Netzwerk ist eine zukunftsorientierte, überparteiliche Arbeitsgemeinschaft aus Initiativen und Einzelpersonen. Das Regio-Netzwerk bemüht sich - zur Entwicklung von Regionalwährung und zur Förderung der Zusammenarbeit mit und von Unternehmen und Verbrauchern - um einen hohen Qualitätsstandard von Regionalwährungen:

1. Ein Gewinn für die Gemeinschaft: Ziel ist eine sozial und ökologisch nachhaltige Regionalentwicklung.

2. Gemeinwohlorientiert: Alle Gewinne des Rechtsträgers der Regionalwährung werden gemeinnützigen Zwecken zugeführt, Ehrenamtliche Mitarbeit ist erwünscht.

3. Professionell umgesetzt: Der Regionalwährung liegt eine tragfähige Konzeption zugrunde und die notwendigen Kompetenzen sind bei den Mitarbeitenden vorhanden.

4. Transparent für die Nutzenden: Die Regionalwährung wird allgemein verständlich erklärt, die wichtigsten finanziellen Daten werden veröffentlicht, z.B. im Internet, und die Organisation ist offen für Rückkoppelung und Kritik.

5. Demokratisch kontrolliert: Die grundsätzlichen Entscheidungen werden in demokratischen Verfahren beschlossen, die Regionalwährung beschränkt sich auf eine überschaubare Region, es findet eine Überprüfung durch Fachleute statt.

6. Eigenständig finanziert: Auf Dauer wird eine Selbstfinanzierung durch die Beteiligten der Regionalwährung angestrebt.

7. Neutralität im Austausch: Die Neutralität des Verrechnungsmittels ist über geeignete Instrumente, wie zum Beispiel eine Liquiditätsgebühr, sicherzustellen.

8. Kreisläufe bildend: Regionale Kreisläufe zur Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse sollen gefördert werden.

Wenn Zweifel bestehen, ob eine Regio-Initiative diese Standards auch in der Praxis einhält, so entscheiden nach Begutachtung die Koordinatoren oder die Initiativen des Netzwerkes mehrheitlich über einen Verbleib im Regionetzwerk.

(Beschlossen auf dem Netzwerktreffen am 3. und 4. Mai 2005 in Prien)

Entscheidungstrukturen

Sowohl in der Regionalgeld- wie in der Tauschring-Bewegung gibt es ein stetiges Ringen um angemessene und stimmige Entscheidungsstrukturen. Vor Ort finden sich eher lose Gruppen, mehr oder weniger organisierte Initiativen bis hin zu eingetragenen Vereinen – erste Regiogeld-Initiativen betreiben nunmehr auch die Gründung von Genossenschaften.

Auf Bundesebene diskutieren sowohl das Regionetzwerk als auch die Tauschringbewegung über die Gründung eines eingetragenen Vereins oder sogar Verbandes.

In der Tauschringbewegung gab es lang Zeit für die Bundesebene freiwillig selbst-verpflichtete Ansprechpartner, die bei den Bundestreffen benannt und durch einfache Abstimmung bestätigt wurden. Verschiedene Versuche eine Bundesstruktur in Vereinsform zu gründen, scheiterten. Im Vorfeld des Bundestreffens in München, 1998, bildete sich eine organisierte Form von Zusammenarbeit, die „Arbeits­gemeinschaft Bundesdeutsche TS“, kurz BAG. Diese hat sich ca. 1999 wieder aufgelöst.

In der Regionalgeldbewegung entstand als erstes eine Netzwerkstruktur. Bisher wurden Entscheidungen mehr oder weniger im Konsensverfahren getroffen, So lange ein Mitglied ein klares Nein formulierte, wurde weiter diskutiert. Durchbrochen wurde dieses System durch verschiedene Ausschluss-Entscheidungen ohne vorherigen Konsens, wodurch nunmehr eine Tendenz hin zu hierarchischen Machstrukturen besteht.

Diese Tendenz scheint mir in beiden Bewegungen wesentlich von den jeweils agierenden Personen abhängig zu sein. Besteht Vertrauen in die handelnden Personen auf Bundesebene, d.h. treffen sie ihre Entscheidungen partizipativ und konsensorientiert, so wünschen die Mitglieder mehr oder weniger basisdemokratische Verfahren und Strukturen, besteht eher Misstrauen in die handelnden Personen, werden hierarchische Strukturen gewünscht, die Kontrolle ermöglichen sollen.

Der weitere Verlauf ist diesbezüglich in beiden Bewegungen noch sehr offen.

Transparenz

Mit Transparenz bei den Tauschringen sind nicht nur alle organisatorischen und finanziellen Dinge gemeint, sondern  auch die Offenlegung aller Kontenstände. Da Verrechnungen immer direkt mit einem Tauschpartner stattfinden (und somit keine weitergebbaren Gutscheine oder Ähnliches entstehen), kann jede einzelne Tauschleistung nachvollzogen werden. Dies führt wieder zu einer Art sozialer Kontrolle, wie sie in kleinen Dorfgemeinschaften üblich war. Eine Fälschung von Verrechnungseinheiten ist damit ausgeschlossen.

Die in den Qualitätskriterien der Regionalgelder angesprochene Transparenz bezieht sich auf die wichtigsten finanziellen Daten und die Organisation der Initiative. Eine Transparenz über den Fluss des Regiogeldes gibt es nicht. Teilweise wird die Anonymität des Regiogeldes als wichtiger Faktor für dessen Erfolg angesehen.

Funktionsweise und Wirkung

Bei den Tauschringen gibt es aufgrund der Vielfältigkeit der Bewegung auch eine Vielzahl von  verschiedenen Systemen.  Allen gemeinsam ist (mit Ausnahme der Gib & Nimm Tauschringe, die gar nicht verrechnen), dass durch eine selbstständig definierte und nur durch Leistung gedeckte Verrechnungseinheit zusätzlicher Austausch gefördert werden soll.

Mein Fokus liegt aber bei dieser Betrachtung nicht so sehr auf den Unterschieden in der Konstruktion der Tauschringe, sondern auf dem Unterschied bzw. der Kompatibilität zum Regionalgeld. Dabei sehe ich eine pauschalierte Betrachtung als unmöglich an. Die verschiedenen Ausprägungen sind zu unterschiedlich. Ich glaube jeder Tauschring und jede Regionalgeldinitiative muss im Hinblick auf eine Kooperation einzeln betrachtet werden.

Nach meiner Einschätzung sind für die Zusammenarbeit (ob von den Teilnehmern gewünscht oder nicht, ist noch eine ganz eigene Frage) eher die Faktoren Organisations- und Kommuni-kationsstruktur, sowie Qualität der Angebote  erheblich. Dabei würde ich nicht festlegen wollen, welche Art oder Struktur sinnvoll oder praktikabel erscheint, sondern nur Aufmerksamkeit für die Verschiedenheit und die verschiedenen Schwerpunkte wecken wollen.

Je nach Intention der Beteiligten (Regiogeld, wie Tauschring) sollten vor Ort die Bedürfnisse, Erwartungen und Ziele in einem gemeinsamen Prozess hinterfragt und abgestimmt werden.

Die Tauschringe orientieren sich sehr stark an den Bedürfnissen der Menschen und versuchen ihre  jeweiligen Systeme möglichst nach den beteiligten Menschen auszurichten. Durch die oft relative ungeklärten, sich vermischenden Wünsche und Erwartungen der Teilnehmer sind viele Tauschringe intensiv mit internen Prozessen und der Klärung direkter sozialer Beziehungen bis hin zu Missverständnissen beschäftigt, die eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit und/oder eine Kooperation mit Regionalgeldinitiativen erschwert.

Die Produkte und Dienstleistungen in den Tauschringen entsprechen nur zu einem kleinen Teil denen, die auch auf den normalen Märkten gehandelt werden. Das Hauptaugenmerk liegt  hier in der Entdeckung und Förderung von verschütteten und vom normalen Markt nicht mehr abgefragten Fähigkeiten. Hier sind vielfach sehr niedrigschwellige Angebote und Fähigkeiten wieder etwas wert und die Teilnehmer können sich durch einfache Tätigkeiten wieder Hilfe in Bereichen organisieren, die auf dem normalen Markt für Sie nicht mehr bezahlbar sind. Außerdem wird der Aspekt der gegenseitigen Hilfe und der nachbarschaftlichen Beziehungen sehr hoch bewertet.

Beim Regionalgeld wird durch bewusste Entscheidung und mit einem relativ hohen Organisations- und Informationsaufwand normales Geld aus dem Verkehr gezogen (quasi stillgelegt) und die gleiche Menge Regionalgeld einem regional begrenzten Kreislauf zugeführt. Durch Aufklärung und eine Umlaufsicherung (wobei diese Frage in einigen Initiativen noch strittig ist) soll ein stetiger Umlauf der Ersatzgeldmenge bewirkt werden. Durch den regelmäßigen, regional begrenzten Gutschein-Fluss sollen in der Hauptsache drei Effekte erreicht werden:

  1. Der Abfluss der erwirtschafteten Kaufkraft an überregionale oder sogar globale Konzerne soll unterbunden oder zumindest gehemmt werden. Selbst wenn Filialketten oder andere Global Players Regionalgeld einnehmen, so können sie es nur in der Region wieder ausgeben.
  2. Durch die regelmäßige Entwertung der Gutscheine, die nur mit einer prozentualen Abgabe an die Initiative verhindert werden kann, soll der Fluss der Kaufkraft verstetigt werden. Dies soll eine Belebung der regionalen Wirtschaft bewirken.
  3. Durch die parallele automatische Abgabe an eine gemeinnützige Institution soll die soziokulturelle Entwicklung und damit auch die Akzeptanz des Systems gefördert werden. Gleichzeitig wird versucht damit die Aufmerksamkeit für eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft zu wecken.

Das Regionalgeldsystem orientiert sich sehr stark an den Bedingungen der Wirtschaft und versucht sich direkt an dieses System anzuschließen. Durch die Konstruktion und die von den Initiativen betriebenen Öffentlichkeitsarbeit bewirkt es allerdings eine höhere Bewusstheit um die wirtschaftlichen Zusammenhänge und deren (negativen) Auswirkungen im normalen Wirtschaftssystem.

Die Produkte und Dienstleistungen in den Regionalgeldsystemen entsprechen weitestgehend denen, die auch auf den normalen Märkten gehandelt werden. Aufgrund der Bewusstheit und des Interesses der Teilnehmer an ökologischen und nachhaltigen Entwicklungen und der systembedingten Bevorzugung regionaler Anbieter, kann es zu einer Verstärkung  der  Nachfrage nach regionalen und nachhaltigen Produkten kommen.

Regionalgeldinitiativen fokussieren weniger auf die Klärung direkter zwischenmenschlicher Beziehungen als auf die mittelbare Vermittlung von Bedürfnissen über Geld. Dieser etwas distanziertere Umgang mit menschlichen Bedürfnissen ermöglicht das Erreichen breiterer Bevölkerungsstrukturen und verzichtet zu einem gewissen Grad auf unmittelbare, d.h. emotional sehr nahe menschliche Beziehungen.

Vertrauen

Grundsätzlich ist für mich mittlerweile das Vertrauen die wichtigste Komponente unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Ohne ein tiefes Vertrauen in das Euro-Geldsystem, das Regionalgeld und/oder den Tauschring kann keines dieser Systeme langfristig bestand haben.

Tauschringe existieren hauptsächlich auf der Basis des persönlichen Vertrauens und des direkten menschlichen Kontaktes. Sie verzeihen somit eher Unzulänglichkeiten der teilnehmenden Menschen oder des Systems.

Regionalgeld basiert eher auf dem Vertrauen in die Initiative bzw. des Regionalgeldsystems. Sie reagieren daher empfindlicher auf Störungen durch menschlich organisatorische Schwächen.

Informationsgeschwindigkeit

Euro.jpgSchauen wir uns die Normale Wirtschaft an, so fällt auf, dass es eine unglaublich hohe Informationsgeschwindigkeit und -dichte gibt, in der man ohne Kenntnisse in den modernen Kommunikationsmedien und einer effizienten Arbeitsweise und Selbstorganisation, kaum noch teilnehmen kann. Hält man dieser Geschwindigkeit stand, so ergibt sich zwar eine hohe Effizienz, die sich aber weitestgehend auf die ökonomischen Bedürfnisse beschränkt und die menschlichen Bedürfnisse nach Nähe, Solidarität und Gemeinschaftssinn immer mehr unterdrückt.

In den Tauschringen sind vielfach Menschen, die nicht oder nur teilweise über die technischen Möglichkeiten und das nötige Wissen verfügen, die Kommunikationsmedien zu nutzen. Teilweise werden Mailinglisten zur schnelleren Verbreitung von Informationen genutzt. Die grundsätzliche Ausrichtung ist hier eher auf den persönlichen Kontakt und freundschaftlich, nachbarschaftliche Beziehungen unter den Mitgliedern ausgerichtet. Die damit einhergehende niedrige Informationsgeschwindigkeit wird von den Teilnehmern eher als angenehm und ihrer eigenen Geschwindigkeit entsprechend erlebt. In vielen Fällen wird der menschliche Kontakt wichtiger angesehen als die effiziente Funktionsfähigkeit des Systems.

Durch das Regionalgeld wird die Informationsgeschwindigkeit schon sehr abgemildert. Der persönliche Kontakt ist, zumindest in der Entstehungsphase fast unabdingbar.Dies bedeutet für die Gründer und Teilnehmer einen erhöhten Aufwand, der aber mit einem erweiterten Bewusstsein für die wirtschaftlichen und regionalen Zusammenhänge und damit einer höheren sozialen Stabilität des System belohnt wird. Der Gemeinsinn ist Thema und wird durch die persönlichen Kontakte gefördert.

Mein Fazit

Aus der intensiven Beschäftigung mit diesem Thema haben sich interessante und auch für mich teilweise neue Sichtweisen ergeben. Mir scheinen für diese Betrachtung hinsichtlich der Kooperation zwischen Regionalgeldern und Tauschringen folgende Punkte von besonderer Bedeutung:

Schöpfung der Einheiten

Bei den Tauschringen können jederzeit (im Rahmen der vereinbarten Limits) anhand der Bedürfnisse neue Verrechnungseinheiten geschöpft werden. Dies bedeutet eine zusätzliche Nachfrage die ohne Geldmittel entstehen kann.

Beim Regionalgeld wird in der Regel (es gibt auch Warengedeckte Systeme) schon vorhandenes Geld in einen regionalen Kreislauf umgelenkt

Transparenz

Bei den Tauschringen geht die Transparenz sehr viel tiefer und lässt wieder soziale Kontrolle möglich werden.

Beim Regionalgeld entsteht durch die Anonymisierung der Gutscheine die Möglichkeit sich der gemeinschaftlichen Kontrolle zu entziehen.

Eine Zusammenarbeit bietet sich aus der Betrachtung dieser beiden Punkte für mich nicht an. Schon die organisatorische Abwicklung erfordert zwei verschiedene Systeme (z.B. PC-Programm).

Vertrauen

Tauschringe existieren hauptsächlich auf der Basis des persönlichen Vertrauens und des direkten menschlichen Kontaktes. Sie verzeihen somit eher Unzulänglichkeiten der teilnehmenden Menschen oder des Systems.

Regionalgeld basiert eher auf dem Vertrauen in die Initiative bzw. des Regionalgeldsystems. Sie reagieren daher empfindlicher auf Störungen durch menschlich organisatorische Schwächen.

Ausrichtung der Systeme (einige Beispiele)

 

marktwirt-schaftlich

kooperativ

sozial

Regionalgeld

stark

ja

wenig

Kooperationsring (Unternehmer)

ja

ja

wenig

Tauschring Marktwirtschaftlich

ja

stark

ja

Tauschring Zeitorientiert

nein

stark

ja

Seniorentauschring

nein

stark

stark

Alternativw_hrungen_Artmann.JPG

Tauschringe sind aus der Wahrnehmung (wenn auch oft unbewusst) der menschlichen Bedürfnisse entstanden. Sie versuchen aus dieser Sicht ein neues, menschlicheres Wirtschafts- bzw. Sozialsystem zu entwickeln und neben das bestehende zu stellen.

Beim Regionalgeld wurde das bestehende Wirtschaftssystem analysiert und durch „technische“ Maßnahmen an die menschlichen Bedürfnisse angenähert.

Die Kooperation von Regiogeld und Tauschringen halte ich nur an den Stellen für sinnvoll, wo die Ausrichtung des Tauschringes auch überwiegend marktwirtschaftlich ist und die Angebote und die Verbindlichkeit der Mitglieder professionellen Ansprüchen Stand halten. In den TR, wo die soziale Seite überwiegt, sehe ich da eher Probleme als sinnvolle Synergien. Die Anforderungen und Bedürfnisse sind aus meiner Sicht zu unterschiedlich für eine sinnvolle Kooperation.

Grundsätzlich halte ich bei jeglicher Kooperation die klare Trennung von Regio´s und Tauschringverrechnungseinheiten für wesentlich. Eine Umwandlung von Regiogeld in Verrechnungseinheiten und umgekehrt halte ich für kontraproduktiv bis schädigend.

Da ich beide Bewegungen als wichtige komplementäre Ergänzung zum bestehenden Wirtschaftssystem sehe, kann eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, bei klarer Trennung der Ansätze schon in der Darstellung, zu wertvollen Synergieeffekten führen.

Ich hoffe durch meine Ausführungen einige Anregungen für eine fruchtbare Diskussion geben zu können.

Herzliche Grüße aus dem westfälischen Münster

Andreas Artmann                                                                            Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können  

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