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Wie sehen wir aus Sicht der „entwickelten“ Ländern die „unterentwickelten“? Wie hat sich die Entwicklungshilfe entwickelt und wo geht es weiter? Was lässt sich daraus lernen und auf andere „Entwicklungsfelder“ übertragen?
AusgangslageEntwicklungshilfe auf Länderebene hat nach wie vor die unterschiedlichsten Beweggründe. Zum einen entstanden aus der früheren Kolonialisierung und der heutigen Ausbeutung von „Zweit- und Drittweltländern“ durch die Industrienationen „Schuldgefühle“. Rohstoffe werden für Spottpreise abgebaut, in den Erstweltländern verarbeitet und dann zu relativ hohen Preisen wieder weltweit verkauft. Dadurch entstand über Jahrhunderte der Reichtum von dem auch wir in Deutschland heute noch zähren und den wir gerne ausbauen wollen. Diese Schuld wird von einer Nation deutlicher wahrgenommen, in der Aktionsgruppen und Initiativen darauf verweisen und einen Ausgleich anmahnen. Zum anderen wird die finanzielle Entwicklungshilfe als Amosen gesehen, und in Anbetracht des Wohlstands auch von den ärmeren Ländern als „Brotkrumen“ vom reich gedeckten Tisch der wohlhabenden Länder gesehen. Das Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt liegt z.B. in der Bundesrepublik bei derzeit 0,28%. Mit der Flucht von Menschen aus ihrer menschenunwürdigen Heimat wird der Blick etwas offener: Es ist gut die Bedingungen ärmerer Staaten zu verbessern und dort die Überlebenshoffnung wieder zu beleben, sonst klopfen die Armen irgendwann an unserer eigenen Türe an und sitzen als Bettler auf unseren Kirchstufen oder berauben uns über Nacht ‚unserer’ Habe. Völkerwanderungsbewegungen hat es zu allen Zeiten gegeben… warum bei der Vielzahl von Kriegen, Natur-, Umwelt- und Hungerkatastrophen nicht gerade auch in unserem Zeitalter. Es geht also nicht um die „Dritte Welt“, sondern um die „Eine Welt“ in der auch wir leben! Entwicklungshilfe steht unter diesen beiden Blickwinkeln also eher im Geruch moralischen Aspekten zu gehorchen. Was dabei übersehen wird: der gegenseitige Nutzen! Sich um andere Länder zu kümmern wird von Großkonzernen schon lange nicht mehr uneigennützig gesehen. Die neuere Variante der Entwicklungshilfe hilft nämlich dabei, mit teilweise erpresserischen Mitteln die Ausbeutung unter dem Mäntelchen der Entwicklungshilfe voranzutreiben. Es geht um die entstehende Abhängigkeit des Entwicklungslandes vom Förderland! In dem Maße in dem ein Land vom Schuldenerlass und den Fördermitteln einer anderen Nation oder Organisation abhängig wird, entstehen sowohl Bindung als auch das Gefühl dennoch etwas schuldig zu sein. Wann immer also Rohstoffe und selbst menschliches Know-how und Arbeitskraft vorhanden sind, werden sie z.T. bereitwillig abgegeben, ohne den großen langfristigen Mehrwert für die Industrienation, die weiterverarbeitende Industrie, Pharmazie etc. zu sehen. Arbeitskräfte des Entwicklungslandes arbeiten für weniger als einen „Apfel und ein Ei“ in Fabriken, die in westlichen Ländern schon in früheren Jahren durch die Gewerkschaften und Betriebspsychologen abgeschafft wurden. Schuld daran: die Abhängigkeit von den „Geberländern“, das geringe öffentliche Bewusstsein über die ungerechte Situation und die schlechten Handelsbedingungen nach fairen Standards. Sind die Fördernationen deshalb so entwickelt, weil sie das System der Unterdrückung und Ausbeutung so gut beherrschen? Was für eine Hilfe geben wir eigentlich bei der Entwicklungshilfe? In welcher Position sehen wir uns dabei? Partizipation ist zum tragenden Element einer nachhaltigen Entwicklungshilfe geworden. Die Hilfsorganisationen die ihre Gelder aus Spenden oder staatlichen Zuschüssen beziehen, haben sich durch eine Vielzahl von Stadien weiterentwickelt und die neueren Beteiligungsansätze können als vorbildlich gelten. Die 4 Stufen der Entwicklungshilfe 1. Noch aus der Zeit der missionarischen Entwicklungshilfe stammt eine Form der Förderung, die das Entwicklungsland als minderwertig bzw. zu bekehrend sieht und eigene Standards und Glaubenssätze als die „besseren“ vermitteln will. Dabei werden z.B. Düngemittel, Medizin, Geräte und Maschinen finanziert, die aus dem Förderland angeschafft werden (Entwicklungshilfe für die Wirtschaft des Förderlandes?). Sie werden neben der Absicht „Gutes zu tun“ im Entwicklungsland auch eingeführt um Abnehmer in guten Tagen zu generieren. Die Anfälligkeit der Geräte und die ungenügende Wartung durch die heimische Bevölkerung ist dann weniger ein Zeichen von Unvermögen sondern eher ein Zeichen dafür, dass an den Menschen und Kulturen vorbei Entwicklungshilfe betrieben wurde. Evtl. auch ein indirekter Protest einfach als Absatzmarkt mit z.T. veralteten bzw. unpassenden Techniken „fremdbeglückt“ zu werden.
2. Die optimierte Form der Entwicklungshilfe hat nichts von dem gut/schlecht-Denken verloren, hat nur aus Fehlern gelernt und kümmert sich um die nachhaltigere Einführung von neuen Standards. Mit professioneller oft ehrenamtlicher Hilfe aus den Fördernationen werden hier kleine Paradiese und Oasen geschaffen und aufrechterhalten, die im Entwicklungland als Vorbilder für den Rest der Bevölkerung dienen sollen. Dabei ist man sich zwar der Sondersituation bewusst, ausreichend Ressourcen aus dem Westen beziehen zu können, um die Fördersituation aufrecht zu erhalten. Weniger bewusst sind die indirekten Auswirkungen auf die Landesbevölkerung, die plötzlich durch die scheinbar attraktiveren Standards mit ihrer eigenen Situation unglücklicher werden oder Gegenbewegungen starten, die den Stolz auf die eigene Kultur forciert und das von außen kommende mehr oder weniger ablehnt und bekämpft. 3. Neuere Formen der Entwicklungshilfe arbeiten mit den Ressourcen der Menschen vor Ort und beziehen die Kenntnisse und Fähigkeiten der einheimischen Bevölkerung mit ein. Es wird Wissen und eine finanzielle Anschubhilfe aus den Fördernationen weitergegeben, um eine eigenständige Entwicklung vor Ort zu ermöglichen. Es wird also nicht die Wasserpumpe aus Deutschland importiert, sondern das Wissen wie mit den Möglichkeiten vor Ort Wasserpumpen hergestellt und vertrieben werden können. Die Entwicklungshelfer der neuen Generationen zeigen, wie Gelder geliehen, Investitionen getätigt und damit langfristig kleine Unternehmen aufgebaut werden können, die dann auch die Nachfrage nach weiteren Gütern fördern können. Dadurch sollen die Länder vom Fördergeld langfristig unabhängiger werden, können eine eigene Wirtschaft entwickeln und evtl. an einigen Stellen wieder partnerschaftlicher auftreten und Gegenleistung (z.B. Absatzmärkte) anbieten. Gleichzeitig ist es ein Lernprozess in dem einzelne des Landes lernen mit marktwirtschaftlichen Standards zu arbeiten und damit den Industrienationen als eigenständige Wirtschaftspartner zu dienen.
4. Die Zukunft der Entwicklungshilfe wird sich allerdings noch einen Schritt weiter entwickeln. Als reiche Nationen werden wir in Zukunft nicht mehr die Augen davor verschließen können, dass nur durch gerechtere Verteilung der Ressourcen innerhalb und zwischen den Ländern der globalen sozialen Frieden sichern können. Dabei lohnt es sich eine partnerschaftliche Perspektive einzunehmen, die den meisten von uns noch völlig ungewohnt ist. Schon heute lernen wir mehr durch die alten Kulturen, als wir ihnen wirklich geben können. Ob es die ökonomischen Systeme in Slums sind (Manfred Neff) oder die genetischen Formeln aus alten Kulturpflanzen, die Naturmedizin traditioneller Völker, die Art des Umgangs mit Kindern, eigener Gesundheit und Gemeinschaft… die Länder die wir entwickeln wollen, können uns helfen uns selbst zu entwickeln. Sie können uns unterstützen aus einem Stadium der Selbstherrlichkeit und scheinbaren Allwissenheit befreien. Dazu ist in erster Linie eine Anerkennungskultur nötig, die das Andere nicht gleich als das „Schlechtere“ und „Unterentwickelte“ diffamiert. Gegenseitige PerspektivenZiel könnte also ein partnerschaftlicher Austausch werden, in dem „voneinander gelernt, miteinander gestaltet und sich füreinander“ eingesetzt werden kann (Motto der Gemeinsinn-Werkstatt). Gleichzeitig können wir alle aus der Geschichte der Entwicklungshilfe lernen. Was für arme und reiche Länder gilt, gilt doch letztlich auch zwischen armer und reicher Bevölkerung im eigenen Land; es gilt zwischen Minderheiten und Mehrheiten, zwischen Abhängigen und Mächtigen, zwischen Jung und Alt. Selbst die Organisations-, Schul- und Kommunalentwicklung kann hier lernen. Die Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, angemessenem Umgang miteinander und effektiven Beteiligungsmethoden sind erste Schritte heraus aus Perspektivlosigkeit hinein in die Zukunftsvision einer effektiv zusammenwirkenden Weltgemeinschaft und echtem Gemeinsinn!
GedankenmacherWolfgang Fänderl Netzwerk Gemeinsinn e.V. c/o Centrum für angewandte Politikforschung Maria-Theresia-Str. 21 81675 München Tel.: 089/2180-1333
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