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Sep 21 2005
Tatort Zukunft: klären - stärken - handeln Drucken E-Mail
Geschrieben von Jobst Kraus, Dr. Walter Häcker & Wolfgang Fänderl   
Mittwoch, 21. September 2005

05_11_07_Tatort_Zukunft_wf_057.jpgVon 7. bis 9.11.2005 fand in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Tagung zu Beteiligungs-Verfahren in Deutschland statt. Begleitende von "Zukunftswerkstätten" mit ihrer 35jährigen Erfahrung richteten den Blick nach Vorne und stellten sich gegenseitig ein erweitertes Methodensprektrum vor, um an demokratisch-selbstbestimmten Zukünften zu arbeiten... ganz im Sinne des Vaters der Bewegung Robert Jungk.

WAS?

Zukunftswerkstätten sind demokratische Gruppenarbeitsformen mit partizipativer politischer Absicht. Sie befinden sich in Einklang mit der Selbstverpflichtung der UN-Weltkonferenz, Zukunftsbeständigkeit in Beteiligungs-Prozessen voran zu bringen. Sie sind erfolgreich, wenn bei den Beteiligten begründete Aussichten auf eine positive Veränderung der Verhältnisse bestehen.

05_11_07_Tatort_Zukunft_wf_013.jpgIn der gegenwärtigen Situation spüren Menschen deutlich, wie Hoffnungen schwinden auf eine Zukunft, in der sie in Frieden, gesicherter Existenz und mit allen Möglichkeiten zur Selbstentfaltung leben können. Neben ökologischen Gefahren, Krieg und Terrorismus erleben wir derzeit einen radikalen Umbau der Gesellschaft, in der soziale Sicherungssysteme und demokratische Normen ausgehöhlt werden.

Die Zeiten scheinen schlecht zu stehen für positive Veränderungen. Viele Menschen ziehen es vor zu verharren oder individuell nach Auswegen zu suchen. Andere protestieren gegen die schier übermächtigen Tendenzen des Neoliberalismus.

Hinter diesen Formen punktuellen Widerstands werden in Zusammenarbeit vieler Kräfte weitaus trägfähigere Brücken in bessere Zukünfte gestaltet werden.

Das Konzept Zukunftswerkstatt unterstützt den Bau von „Brücken“ seit 35 Jahren. Beteiligte entwickeln gemeinsam Utopien, Visionen und Handlungsansätze. Moderatorinnen und Moderatoren zeigen mit ihrer offenen Haltung aus Wertschätzung und eigener Hoffnung Wege zur Beteiligung und Einmischung.

Die Tagung orientierte sich am politischen und geistigen Erbe des kritischen Wissenschaftsjournalisten Robert Jungk (1913-1994), der in seiner Arbeit Menschen ermutigt hat, sich gegen den „Atomstaat“ zu wenden, gleichzeitig aber auch „Institutionen“ zu erfinden, in denen mitgedacht, mitgeredet und mitgestaltet wird: „Tausend Foren und Werkstätten, in denen Kritik geübt und Vorschläge gemacht werden können“.

Intention der Tagung war es, unsere „Zukunftsfähigkeit“ in eindringlicher Weise zu stärken. Dies geschah durch ein Tagungsprogramm,

  • das die momentane gesellschaftspolitische Situation produktiv aufgegriffen hat,
  • das gelungene Beispiele aus Zukunftswerkstätten und anderen Beteiligungen zusammentrug,
  • das anregte, partizipative Arbeitsformen in vielen Ländern, Sprachen und Kulturen zu verbreiten,
  • das eine Verbindung schuf zwischen Menschen, die sich eine nachhaltige Zukunft zur Aufgabe machen.

Auf der Tagung gab es Möglichkeiten 

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  • selbst etwas Zukunftsweisendes vorzustellen,
  • Vorträge, Berichte und Ausstellungen zu erleben,
  • an Experimenten zur Zukunftsgestaltung teilzuhaben: Legislatives Theater, Gemeinsinn-Werkstätten, Zukunftswerkstätten, Open Space...

Die angekündigten Vorträgen wurden im Rahmen eines Open Space präsentiert.

WER?

Die 60 Beteiligten waren Initiatoren, Projektmanager, Fachkolleginnen und -kollegen aus Moderation, Beratung und Begleitung von Zukunftsprozessen in Wirtschaft, Politik und Sozialbereich.

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Gruppenfoto der Tagungsteilnehmenden in Bad Boll 09.11.05

Die Tagung wurde veranstaltet in Kooperation der Evangelischen Akademie Bad Boll mit dem Zukunftswerkstätten Verein zur Förderung demokratischer Zukunftsgestaltung e.V. und der Robert Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen, Salzburg. Die Tagung wurde unter anderem finanziell unterstützt von der Stiftung Mitarbeit.

WIE?

Ablauf 7. bis 9.11.2005

05_11_07_Tatort_Zukunft_wf_017.jpgEröffnet wurde die Veranstaltung gegen 14.15 mit einer Tasse Kaffee und ein paar Willkommensworten der Tagungsleitung Jobst Krauss (rechts). Als Redner für den inhaltlichen Einstieg wurde Professor Ortwin Renn (links) von der Universität Stuttgart eingeladen. Sein Thema: "Wer verantwortet die Zukunft – Regierung, Wirtschaft oder die Bürgerschaft? Zur gesellschaftlichen Situation und der Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung".

Zunächst stellte er Makrotrends vor, die sich auf Ökologie (Bevölkerungsentwicklung und globale Gefährdung), Wirtschaft (Bedeutungsverlust des Ortes), sozialen und kulturellen Bereich (soziale Gerechtigkeit, Individualisierung und Universalismus, Identifikation) bezogen.

Die Frage nach der Steuerungsfähigkeit der Gesellschaft erläuterte er anhand eines Schemas:

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Vier Grundsysteme und ihre Steuerungsmechanismen (Prof. Ortwin Renn)

Ziel wäre das optimierte Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Wissenschaft kann zwar faktische Orientierung bieten, allen muss jedoch das Ziel der Nachhaltigkeit als normative Orientierung gemeinsam sein. Die Frage der Kooperation wird wesentlich von den Beteiligungsformen abhängen, wozu z.B. die Zukunftswerkstatt eine von vielen möglichen methodischen Antworten bietet.

Hierbei sind zwei Arten der Kooperation ins Auge zu fassen: horizontale (Wertschöpfungskette, Stakeholderebene) und vertikale (Allianzen). Die Auswertung der Untersuchung über Beteiligungserfahrungen wurde wie folgt beschrieben:

  • Runde Tische etc.:
    + Stakeholder-Einbindung, alle Standpunkte vertreten, egalitäres Klima;
    - oft triviale Ergebnisse, Umsetzung offen, konsequenzenlos

  • Zukunftswerkstatt etc.: 
    + Selbstbindung und die Frage der Eigenbeteiligung;
    - schwer für Dritte zu sprechen

  • Citizen Panels:
    + für kollektive Reflexion;
    - Problem der Legitimation

  • Bürgerkomitees:
    + gegenseitige Kommunikation;
    - Problem der Kooption durch mächtige Interessen

Diskurse gelingen dann, wenn ein klares Mandat und eine Zeitbegrenzung bestehen und die kostbare Ressource Zeit auch für andere gewinnbringend eingesetzt wird. Außerdem sollte von Moralisierung Abstand genommen werden, da sonst Diskussion und Zusammenarbeit erschwert werden.

Professor Renn schloss seinen Vortrag mit der Schussfolgerung, dass es wichtig sei Technik, Natur und Kultur ko-evolutionär und nachhaltig zu entwickeln und die bisher asymmetrische Dominanz der Wirtschaft auszugleichen. Dabei sind die verschiedenen Machtstrukturen (Prestige, Interessen, Geld, Wertverpflichtungen) im Blick zu behalten. Es braucht Empathie im Denken und Fühlen auf allen Seiten (Manager sind auch Menschen!).

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Fragen und Antworten am Ende des Vortrags im Plenum

Sodann gab es zwei erste kurze Workshop-Phasen, in denen in 5 bis 6 Räumen interessante Workshops, Vorträge und andere Angebote gemacht wurden. Im Verlauf der drei Veranstaltungstage kam es u.a. zu folgenden Themen:

  • Angebote für Aachen - Bürgerbeteiligungs-Stadt der Zukunft
  • Mit ZW Gemeinde neu gestalten! – Beteiligung oder Spielwiese? - Was alles wird getan um Beteiligungsverfahren zum Scheitern zu bringen?
  • ZW mit Kindern in Bosnien
  • Großgruppenmoderation im Großbetrieb
  • Wir eG statt Ich AG?
  • Legislatives Theater
  • GenerationenDialog - Ein anderes Altern ist möglich
  • Community Organizing
  • Selbstorganisation Erwerbsloser
  • Gewaltfrei Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg
  • Bürger als Partner der Wissenschaft
  • Komplementärwährungen
  • Garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen
  • Mit dem Leben tanzen…
  • Wer Macht (die) Zukunft
    und:
  • Beteiligung übers Reden hinaus – Projektverfahren Gemeinsinn-Werkstatt

robert_jungk.jpgAb 20.00 Uhr  wurde der Blick auf Robert Jungk - Initiator, Lehrmeister, Entdecker und Ermutiger - auf sein Leben und seine Spuren gelenkt. Die Bilder, Berichte, Erzählungen und Kommentare zeigten seine phaszinierende und charakterstarke Persönlichkeit. Jungk war gerade in Zeiten der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung ein Vordenker und Gladionsfigur, die eher nebenbei die Zukunftswerkstatt als Gruppenmethode entwickelt hatte.

kh_steinmueller.jpgAm Dienstag dem 8.11. wurde von Karlheinz Steinmüller (wissenschaftlicher Direktor z-punkt) ein weiterer Plenumsbeitrag eingebracht: Zukunft und wie sie gestalten? Zum Stand der Zukunftsforschung und den zivilgesellschaftlichen Perspektiven. Nach einem Überblick zur Entwicklung der Zukunftsforschung und den zivilgesellschaftlichen Herausforderungen in den letzten 70 Jahren wurde auf die Perspektiven eingegangen. Wir können uns auf fünf Arten zur Zukunft verhalten:

  1. passiv: Abwarten und das Schicksaal hinnehmen
  2. aktiv: Den Regeln des Spiels folgen
  3. reaktiv: Auf äußere Stimuli reagieren
  4. präaktiv: sich auf absehbare Veränderungen einstellen
  5. proaktiv: die Veränderungen selbst provozieren

Zukunftsforschung bewegte sich im alten Griechenland zwischen der "Erkundung des Möglichen", der "gemeinsamen Vision" und dem "Handeln!" (griechisches Dreieck). "Foresight" im modernen Sinne steht zwischen sicheren Prognose und unsicheren Glaubensfragen. Auch in Großunternehmen wird Zukunftsforschung betrieben: als 1. Sammelstelle für zukunftsrelevante Informationen, 2. Observatorium des Zukunftsmarktes und als 3. Think Tank mit vielen Aufgaben und Ansprechpartnern. (vgl. Beck 2002)

Trends aus Gesellschaft, Wirtschaft, Technologie, Politik und Umwelt werden systematisch beobachtet, analysiert um daraus Szenarien für Strategien, Produkte und Innovationen abzuleiten. Insbesondere qualitative Methoden und unterschiedlichste Vermittlungsformate haben an Bedeutung gewonnen. Die Mitarbeitenden und Kunden werden damit auf unterschiedlichste Weise in den Prozess hineingenommen und nachhaltig beteiligt.

Zukunftswerkstätten haben schon seit 35 Jahren durch die Bürgerinnen und Bürger Zukunft mitgestaltet. Es gab allerdings auch Sackgassen und Irrläufer, die Energien gebunden haben und zur Frustration führten. Die Herausforderung besteht in Zukunft darin, die von Ortwin Renn angesprochenen Entscheider auch bei der Gestaltung der Zukunft zusammenzubringen, um gemeinsames Handeln zu bewirken.

Steinmüller geht davon aus, dass sich die Organisationsformen vom Netzwerk zum Schwarm hin entwickeln, was er am Kundenverhalten festmacht: wechselhaft, souverän, schizophren. Schwärme orientieren sich an einer gemeinsamen Vision, Verteilter Intelligenz, hohe Flexibilität mit Vertrauen als Grundbedingung. Zur "Corporate Foresight" braucht es die 5 K's: Kommunikation, Kooperation, Kreativität, Kontinuität und Kompetenz. (weitere Informationen über www.z-punkt.de

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Die Evangelische Akademie im herbstlichen Sonnenlicht

Ein Teil der Zukunft und der nachhaltigen Vernetzung steckt im World Wide Web. Martin Häcker gab am letzten Vormittag (9.11.) einige Einblicke in die sich rasant verändernde Internet-Landschaft, in der Schüler ihren Lehrern erklären müssen wie das geht, große Gefahren aber auch entsprechende Chancen lauern, ganze Wirtschaftszweige entstehen und neue Formen der Kommunikation und des Informationstransfers stattfinden.

Der Spruch der Agenda 21-Bewegung "global Denken + lokal Handeln" kann durch technische Möglichkeiten inzwischen umgekehrt werden. Durch lokale Denker, die sich weltweit vernetzen wird inzwischen Globales bewirkt. Die Differenzierung der Communities nimmt mit den Möglichkeiten der Vernetzung zu. Inzwischen wird bereits vom "Collective Mind" in Anlehnung an neuronale Netzwerke gesprochen. Leider gehen dabei Qualitätsfragen häufig unter, entsteht durch Faszination auch Manipulation und sind nach wie vor ein Großteil der Menschheit von dieser Kommunikationsform ausgeschlossen.

Bei der Gelegenheit wurde ein Blogging-System für die Zukunftswerkstatt-Gemeinde eingerichtet: http://zukunftswerkstatt.blog.de

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Liegt im Internet die Zukunft? Martin Häcker mit jungen Teilnehmern der Tagung

Ansprechpartner:

Jobst Kraus
Evangelische Akademie Bad Boll
Akademieweg 11
73087 Bad Boll
Telefon: 07164 79-0
Fax 07164 79-5270
Mail:
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&

Dr. Walter Häcker
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stellvertretend für das Vorbereitungsteam von Zukunftswerkstatt-Begleitenden

& Bericht:

Wolfgang Fänderl
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Weitere Informationen zu Zukunftswerkstatt und dem Begleitnetzwerk:
http://www.zwnetz.de

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