Aktuell
Termine
Initiativen
Gedanken
Hinweise
Erläuterungen

Aug 23 2005
Community Organizing aus wissenschaftlicher und historischer Sicht Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang C. Goede   
Dienstag, 23. August 2005

co.gifCommunity Organizing, ein Beteiligungsverfahren aus den USA hat Wurzeln. Sie liegen sowohl in sozialen Bewegungen Chicagos, Gleichberechtigungskampagnen und sie werden begründet durch den Empowermentansatz des Düsseldorfer Soziologen Norbert Herriger.

Grundsätzliches

Es geht um eine Theorie des sozialen Machtgewinns für Normalbürgerinnen und -bürger. Macht wird dabei verstanden als die "Fähigkeit zum Handeln". Im Gegensatz zu vielen anderen Ansätzen steht explizit der betroffene Mensch und Bürger im Mittelpunkt. Er wird zusammen mit anderen handlungsfähig, lernt für sich selbst zu sorgen und erschließt somit neues soziales Kapital. Der herkömmlichen Top-down-Methode wird die Bottom-up-Methode entgegengestellt.

Wurzeln

Der Ansatz entstand in den USA während des "New Deal" von Präsident F.D. Roosevelt. Die wissenschaftlichen, politischen und institutionellen Grundlagen dieses Ansatzes liegen in der Stadtökologie der "Chicago School of Sociology" (William I. Thomas, E.W. Burgess, R. E. Parl, L. Wirth), den Organisationserfolgen der Industrie-Gewerkschaft "Congress of Industrial Organizations" (CIO) unter J.L. Lewis (1880-1969) nach der Weltwirtschaftskrise 1929 und der Unterstützung durch Bischof Bernhard J. Sheil (1888-1969) von der katholischen Erzdiözese in Chicago.

Anfänge in Chicago

Saul_Alinsky.jpgSaul D. Alinsky (1909-1972) entwickelte auf dieser Grundlage die Theorie und Praxis des "Community Organizing" (CO), die er erstmals 1939 im Chicagoer Schlachthofviertel "Back-of-the-Yards" erfolgreich umsetzte. Einer Bürgerorganisation, die sich aus allen im Stadtteil befindlichen Organisationen zusammensetzte, dem "Back-of-the-Yards Council", gelang es, die Lebensverhältnisse in einem der berüchtigtsten Stadtteile Chicagos nachhaltig zu verbessern. Dies gilt international als die Geburtsstunde des CO, das die soziale Stadtlandschaft Amerikas grundlegend veränderte.

Alinsky wird inzwischen als einer der großen Sozialreformer des 20. Jahrhunderts eingestuft (s. "Three Alinskys?").

Rezeption in Deutschland

In Deutschland wurde dieser Ansatz in den 1970-er Jahren insbesondere von Sozialarbeitern und Stadtplanern rezipiert, geriet dann aber in den Sozialwissenschaften wieder Vergessenheit. Besonders unterstützte auch Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste CO. Von 1970 bis 1985 arbeiteten ca. 30 deutsche Freiwillige in amerikanischen CO-Projekten. Seit Anfang der 1990-er Jahre wird CO vor allem durch foco e.V. in Deutschland aktiv gefördert (http://www.fo-co.info).

Der Ansatz hat wachsenden Einfluss auf die aktuellen Diskurse zur Zivilgesellschaft, zum bürgerschaftlichen Engagement und zur demokratischen Stadtteilerneuerung (s. "Community Organizing and the Alinsky Tradition in Germany"). Im November 2004 gestaltete FoCo die bundesweite Tagung „BürgerInnen-Beteiligung im Stadtteil" in Hannover aktiv mit. Dabei wurden auch die Unterschiede zwischen der traditionellen deutschen Gemeinwesenarbeit und Community Organizing herausgearbeitet (s. http://www.stadtteilarbeit.de

Einbettung in Empowerment-Diskurs

Norbert_Herriger.jpgDer Düsseldorfer Soziologe Norbert Herriger hat in seinem Buch „Empowerment in der sozialen Arbeit" ganz klare Vorgaben für die „Selbst-Bemächtigung" gemacht. Dabei hat er primär Sozialarbeiter im Blick, seine Gedanken lassen sich aber genauso gut auf CO übertragen.

„Empowerment ist die Anstiftung zur (Wieder-)Aneignung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens."  Sie verzichte auf bevormundende Hilfe und respektiere das Recht der Adressaten auf Teilhabe, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Im Politischen sei Empowerment die Bemächtigung der Ohnmächtigen. Menschen befreiten sich aus eigener Kraft aus einer Position der Schwäche und würden zu aktiv handelnden Akteuren, die für sich und andere ein Mehr an Autonomie und Lebensregie erstritten.

Im persönlich-gesellschaftlichen Umgriff sei Empowerment  ein selbstinitierter und eigengesteuerter Prozess der (Wieder-)Herstellung von Lebenssouveränität auf der Ebene der Alltagsbeziehungen wie auch auf der Ebene der politischen Teilhabe.

Experten in eigener Sache

Diese Definition betone den Aspekt der Selbsthilfe und der aktiven Selbstorganisation der Betroffenen. Psychosoziale Arbeit mache Menschen die verschütteten Ressourcen und Kompetenzen bewusst „ohne expertendefinierte Vorgaben". Im Empowerment-Ansatz würden Menschen in marginaler Position nicht mehr  als „versorgungs- oder behandlungsbedürftige Mängelwesen betrachtet, sondern als ‚Experten in eigener Sache‘ wahrgenommen und gestärkt werden". Empowerment laufe auf einen kollektiven Prozess der Selbst-Aneignung von politischer Macht hinaus, „der sich die Korrektur von sozialer Ungleichheit auf die Fahnen geschrieben hat".

Wichtiger Motor: Martin Luther King

05_06_10_Martin_Luther_King.jpgDie modernen geschichtlichen Wurzeln ortet Herriger in der amerikanischen Civil-Rights-Bewegung, in der Schwarze durch kalkulierte Regelverletzung, Boykott-Aufrufe und gewaltfreien Widerstand  die Rassentrennung aufgebrochen hätten. Der Hauptmotor dafür sei Martin Luther King gewesen, der sich von folgenden Prinzipien habe leiten lassen: „die Auskehr von Menschen aus ohnmächtiger Resignation und ihre aktive Aneignung von Bastionen der Macht; das Gewinnen von Stärke im Plural des Projekts kollektiver Selbstorganisation; die Entwicklung von durchsetzungskräftigen Instrumentarien eines strittigen bürgerschaftlichen Engagements".

Die Selbsthilfe-Bewegung

Die feministische Bewegung, so der Autor, sei ein zweiter Motor des Empowerment-Diskurses. Hinzu komme die Selbsthilfe-Bewegung, die in den 70-er Jahren an den Start gegangen sei. „Selbsthilfe ist ein kritisches Gegenprogramm gegen eine zugleich wohlmeinende und entmündigende Staatsfürsorglichkeit, die in immer weiter beschleunigtem Tempo Leistungen und Sicherungen der Daseinsvorsorge aus den primären Netzen familiärer verwandtschaftlicher, genossenschaftlicher und nachbarschaftlicher Nähe ausgrenzt und sie auf die sekundären Systeme professionalisierter und organisierter Leistungsprogramme überträgt".  

In der Bundesrepublik habe sich Selbsthilfe besonders im Gesundheitswesen etabliert. Sie erlaube chronisch Kranken und Behinderten „neue Ressourcen der Krankheitsbearbeitung und der Lebensgestaltung zu schöpfen und zugleich im Sinne einer advokatorischen Interessenvertretung nach außen einen Abbau von Strukturen der Entmündigung in Rehabilitationsmedizin, Pflegeversorgung und Alltagsmedizin einzufordern".

Gemeindespychologie

Ein weiteres Standbein von Empowerment seien Community-Action-Programme und Gemeindepsychologie, die ebenfalls in den Vereinigten Staaten eine langjährige Tradition hätten, beginnend 1930 mit Saul Alinsky, der in den Chicagoer Slums Bürgerrechtsgruppen aufbaute. „Die beiden Säulen seiner politischen Mobilisierungsarbeit sind: die Bildung von ‚Machtkoalitionen‘ quer durch die Trennungslinien sozialer und ethnischer Segregation und die Entwicklung von ‚konfrontativen politischen Durchsetzungsstrategien‘". Alinskys Schriften, „Handreichungen zur Eroberung der Macht, wurden in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und  in der politischen Selbstartikulation von Migranten und ethnischen Minderheiten breit rezipiert".

Pädagogik der Bemündigung

Paolo_Freire.JPGIn die Gallerie der Empowerment-Theoretiker und -praktiker  stellt Herriger auch den brasilianischen Pädagogen Paulo Freire, der in den 60-er Jahren seine politische Mobilisierungskampagne und Alphabetiserung unter der Landbevölkerung seiner Heimat begann. Laut ihm sei die Aufgabe von Erziehung, „Menschen das Werkzeug an die Hand zu geben, durch das sie ein kritisch-analytisches Verständnis ihrer Welt gewinnen und zu Subjekten der sozialen und politischen Selbstgestaltung werden könnten". Kritisches Wissen und Gestaltungskraft seien Qualifikationen, die im dialogischen Lernen mit anderen Menschen in gleicher Situation  kollektiv generiert würden.  

Daraus leitete der Brasilianer seine „Methodologie der drei Schritte" ab: Engagiertes Zuhören, problemanalytischer Dialog, soziale Aktion. Mehr als jedem anderen Pädagogen des 20. Jahrhunderts sei es Freire gelungen, eine Pädagogik des Widerstands gegen die Unterdrückung zu entfalten. Der Name dafür: Pädagogik der Bemündigung.

Der Beitrag von Gilden, Zünften, Vereinen

Die historisch älteren Wurzeln des Empowerment macht Herriger in der Selbstorganisation der Arbeiter in Gilden und Zünften fest, wofür ja bereits spätmittelalterliche Handwerker Maßstäbe gesetzt haben. Diese Vereinigungen hätten zum Teil Selbsthilfecharakter gehabt. „Im 18. Jahrhundert bildete sich das Vereinswesen als bürgerliche Variante sozialer Selbstorganisation." Und im 19. Jahrhundert seien unter dem Druck der sozialen Frage in Selbsthilfe die Arbeiter-, Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung enstanden.

Von den Defiziten zu den Stärken der Menschen

Bei der Arbeit mit Klienten, ob Strafentlassenen oder Straßenkindern, ist Herriger aufgefallen, dass der Verlust von Autonomie bis zum „biografischen Nullpunkt" führe, der aber auch die Chance berge, Wege aus der Ohnmacht zu suchen. Er verweist auf den Depressionsforscher Martin Seligman und dessen „Theorie der erlernten Hilflosigkeit". In einem günstigen Umfeld lassen sich diese und die Defizit-Perspektiven der Betroffenen umdrehen. Dazu müsse sich aber soziale Arbeit ändern, dürfe nicht länger eine „Buchhaltung von Lebensschwächen" sein, „die allein das Versagen, das Misslingen, die Lebenskapitulation registriert, während hingegen die (trotz aller Alltagsniederlagen vorhandenen, aber lebensgeschichtlich verschütteten) Fähigkeiten, Stärken, Kompetenzen des einzelnen keinen Eintrag in dieses Bilanzbuch finden".

Die Übernahme defizitgeprägter Lebensdiagnosen und die Anerkennung der Gehorsamsregeln bedeute die Einübung in eine abhängige Passiv-Rolle, sie verflichtet  auf ein Sich-Einfügen in eine unterlegene Position. Das ist kontraproduktiv für den Gesundungsprozess des Klienten. Die Hegemonie der Experten – die von Sozialarbeitern traditioneller Ausbildung vertreten wird – produziere neue Muster der Unmündigkeit. Sie führen „zu einer immer weiterführenden Entwertung der verfügbaren Lebenskapitale und Bewältigungsressourcen".  

marienpl1.jpg

Menschen Regisseure ihrer eigenen Biografie werden lassen

Das Empowerment-Konzept zeichnet so das Bild von Menschen, die kompetente Konstrukteure eines gelingenden Alltags sind, die handelnd das lähmende Gewicht von Fremdbestimmung und Abhängigkeit ablegen und in immer größerem Maße Regisseure der eigenen Biografie werden ."

„Empowerment-Prozesse zielen auf die Stärkung der Teilhabe der Bürger an Entscheidungsprozessen, die ihre personale Lebensgestaltung und ihre unmittelbare soziale Umwelt betreffen. Sie zielen auf die Implementation von Verfahren einer partizipatorischen Demokratie, die ihren Wünschen und Bedürfnissen nach Mitmachen, Mitgestalten, Sich-Einmischen in Dienstleistungsproduktion und lokale Politik Rechnung tragen und eine eigenverantwortliche Gestaltung von lokalen Umwelt zulassen. In dieser Strategie sozialpolitischer Einmischung verbinden sich die Philosophie des Empowerments und die aktuelle Diskussion über Zivilgesellschaft und ‚eine neue Kultur bürgerschaftlicher Solidariät ‘".

 

Weitere Informationen zu Community Organizing

So bringen wir Deutschland wieder auf Trab

Community Organizing in München

Empowerment für ein bürgerorganisiertes München

 

Autor

Paul_Cromwell_und_Wolfgang_Goede.jpgWolfgang C. Goede

(rechts neben Paul Cromwell)
Koordination von FoCo in Deutschland, Redakteur bei dem Wissenschaftsmagazin P.M.

Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Tel.: 089 / 361 01 704
und 089 / 4152-558

Kommentare

Nur angemeldete Besucher können Kommentare verfassen.
Bitte melden Sie sich an oder erstellen Sie sich ein neues Benutzerkonto.

Powered by AkoComment 2.0!

 
Juli 2008
Mo Di Mi Do Fr Sa So
301 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3
 


© 2006 Netzwerk Gemeinsinn e.V. | Web-Design: 01Null GbR Baernreuther & Schmitz